Interview mit Tom Rachman

"Wenn die Welt dich ignoriert, ist das schmerzhaft. Es kann dich zugrunde richten."

Tom Rachman sprach mit uns über sein neues Buch DIE GESICHTER, die Bedeutung von Kunst und die aufregende Rolle des Vaterseins.

In der Vorbereitung auf dieses Interview habe ich gelesen, dass die Entstehung des Buches eng verzahnt ist, mit Deiner eigenen Auseinandersetzung darüber Vater zu werden. Ist Bear Bavinsky Dein Antientwurf eines „Künstlervaters“? Deine negativste Assoziation? Es schmerzt mich zu sagen, aber ehrlicherweise kann ich mir noch schlimmere vorstellen. Die Biographien großer Künstler sind voll mit Episoden von Herzlosigkeit und extremen Egoismus. Schaut man sich an, wie unsere Kultur in den letzten Jahrhunderten Künstler idealisiert hat, die ihre Kunst über weltliche Belange gestellt haben, wundert das nicht. Aus der Ferne betrachten mag dies nobel erscheinen, aber wenn man sich jene anschaut, die dem Künstler nahe stehen, findet man oft Verletzungen. 

Auf welche Weise hat Dich Dein Vatersein verändert – auch als Autor? Erzählst Du nun auch jedem–: „Werde unbedingt Vater,…“? – so wie Deine Freunde es Dir sagten? Vater zu werden ängstigte mich sehr. Das mein Schreiben drunter leiden könnte – oder weit gravierender – das mein Kind unter meine Hingabe an das Schreiben leiden würde. Dieser Roman half mir diese Zweifel zu klären. Und heute bin ich meinem Sohn so nahe; ich vergöttere ihn regelrecht. Ich bin sehr vorsichtig damit, jemanden zur Vaterschaft bekehren zu wollen – Vater sein bedeutet ernsthafte Herausforderungen und auch Stress. Ein kinderloses Leben, sei es gewählt oder bedingt durch die Umstände, kann genauso wertvoll und erfüllend sein. Eben anders ausgerichtet. 

Pinch wird durch seine beiden Elternteile in seiner Kindheit stark traumatisiert. Beide sind auf ihre Weise instabil und egozentrisch. Er will von ihnen gesehen, geliebt werden und stellt sich ihnen daher seelisch voll zur Verfügung. Ich fand diesen Aspekt – der den Kern zu seiner weiteren Persönlichkeitsentwicklung bildet – unglaublich gut getroffen und fein herausgearbeitet. Sind es diese Aspekte von Persönlichkeit, die Dich an Deinen Figuren besonders reizen und warum? Durch das Kämpfen, Scheitern und das erneute Versuchen formt sich eine Person, zeigt sich auch ihr eigentlicher Charakter. Diese Abfolge taucht in nahezu jedem Roman auf. Wir wollen, dass der Protagonist sich am Ende so weiterentwickelt hat, dass er sich von der Person auf Seite eins unterscheidet. 

Wie entsteht eine Figur wie Pinch sie ist? Wahrscheinlich ist es weniger ein Aufwachen mit dem Gedanken: Hey, heute schreibe ich über ein „verkorkstes Künstlerkind“ ? Ich liebe Geschichten über die Menschen am Rand. Jene, die keine Schlagzeilen machen, die übergangen werden, dennoch aber ein reiches Innenleben haben. In sie einzutauchen und ihrem Inneren zum Ausdruck zu verhelfen, ist das was ich versuche zu tun. Außerdem war ich immer von Kunst fasziniert, wollte das Mysterium dieser Art von Kreativität ergründen. In den Anekdoten über große Künstler erhascht man beiläufig einen kurzen Blick auf deren Familienmitglieder. Aber wie ist es für sie? Im Schatten der Großartigkeit eines anderen stehend. 

Noch stärker als in Deinen beiden anderen Büchern, hat für mich in DIE GESICHTER dieses Eintauchen in die Persönlichkeiten, dieses Freilegen der einzelnen Schichten, bis man mit der Figur dort angekommen ist, wo es meist sehr weh tut, die größte Faszination ausgemacht. Hilft Dir da manchmal Deine Journallistische Ader, um hartnäckig an der Figur dran zu bleiben, bis sie alles offenbart?  Einen Roman zu schreiben unterscheidet sich sehr vom Journalismus. Aber meine frühere Beschäftigung lehrte mich eine Menge: Wie man Geschichten aufbaut, wie man recherchiert und ein Bewusstsein für die Leser. Ich nutze das heute alles. In diesem Buch hatte ich das Ziel malen, zeichnen und töpfern authentisch zu beschreiben, also beschäftigte ich mit allen dreien. Ich interviewte Künstler, las Künstlerbiographien, aber dennoch benötigst du eine einzigartige Story, deren ungewisses Ende dich vorwärts treibt. Aber das erreichst du nicht durch einfaches berichten, das muss dir mit Hilfe deiner eigenen Vorstellungskraft gelingen. 

Noch stärker als bei den „Mächten“ hatte ich den Eindruck, dass Dich das Tun der Menschen mit all ihren Absonderlichkeiten fasziniert. Recherchierst Du auch viel zum Thema Psychologie? Oder sind es die Begegnungen mit andere Menschen, aus denen Du die Ideen für Deine Charaktere und ihre Geschichten nimmst? Meine beiden Eltern sind Psychologen und mich selbst hat das Thema auch immer angezogen. Trotzdem habe ich es bewusst an der Universität gemieden. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen. Dennoch, was andere Menschen denken und warum, plus Wahnsinn und unsere im Überfluss vorhandene Selbsttäuschung, faszinieren mich. 

Pinch und Tooly, die Protagonistin aus „Aufstieg und Fall großer Mächte“ haben beide die fixe Lebensausrichtung auf einen anderen Menschen gemeinsam. Beide Male ist sie etwas Destruktives, das es zu überwinden gilt. Was wäre für Dich die positive Seite? Kann es so etwas überhaupt geben? Manche Menschen sind ein Fluch, andere dagegen eine Rettung. Das ist das Problem. Sie können dich ruinieren, dein Leben unerträglich machen. Jedoch, der einzige Weg zur Heilung liegt in anderen Menschen.

Pinch macht sich deutlich später in seinem Leben daran, sich aus den Fäden seines Traumas zu befreien als Tooly.  Ist das Ausdruck eines „Es ist nie zu spät“? Ich bewundere jene, die wagemutig Veränderungen angehen, selbst zu einem späten Zeitpunkt im Leben. Es ist weit komfortabler sich einmal zu positionieren und dann dabei zu bleiben. Aber das ist feige und kann nicht richtig sein. Wenn du das Leben mit 60 genauso betrachtest wie du es mit 16 getan hat – dieselben Songs, Bücher und Filme, dieselbe Politik und dieselben Freunde – dann legt das nahe, dass die vergangenen 44 Jahre keine Einsichten bereit gehalten haben. Keine widersprüchlichen Erfahrungen keine neuen Wege. Das wäre eine Tragödie. Sich zu verändern bedeutet auch sich Verachtung und Hohn zu stellen. Aber im Laufe seines Lebens mehrere Personen sein zu können ist eine großartige Leistung. 

Die Kunstszene wird in der Geschichte durch die Personen der Galeriechefin Eva Petros, des Journalisten Connor und der Kunststammler repräsentiert. Eine sehr spöttische Beschreibung dieses Mikrokosmos. Gut ist etwas, wenn die richtigen Leute es gut finden und man damit gutes Geld verdienen kann. Glaubst Du die Kunstszene ist hier etwas besonders, oder erlebt man das auch als Autor? Ich gebe zu, das die satirische Überzeichnung der Kunstwelt teilweise ein Weg war die Literaturszene auf die Schippe zu nehmen. In der literarischen Welt gibt es viel Anmaßung und Falschheit. Aber es ist leichter auszuhalten und weniger affig als in der Kunstszene. Es gibt aber auch Unterschiede zwischen diesen beiden Kunstformen. Was „große“ Kunst und wem zu huldigen ist, wird in der visuellen Kunst der Öffentlichkeit durch eine kleine Gruppe von Händlern, Kuratoren und Sammlern vorgegeben. In der Literatur gibt es eine kleine Gruppe von Meinungsmachern, die sich zusammentun und Preise vergeben und gute Kritiken. Aber beim Schreiben gibt es noch einen weiteren Faktor: Die Öffentlichkeit. Ein Autor, der von den Kritikern geliebt, aber von niemandem gelesen wird, wird verschwinden. Ein Autor, der von den Lesern geliebt, aber von der Kritik verschmäht wird, wird nicht so schnell verdrängt. 

Hast Du einen besonderen Bezug zur Malerei? Zu bestimmten Bildern? Manchmal sind diese ja auch eine Inspirationsquelle.  Ich liebe die bildenden Künste. So viele Künstler insipideren mich. Von Cy Twombly bis zu Lucie Rie, von Andy Goldsworthy bis zu Chaim Soutine. Wenige beeinflussen mein Schreiben direkt, weil sie nicht in einer erzählenden Form arbeiten. Aber die Begeisterung für jedes dieser künstlerischen Meisterwerke lässt mich hoffen, eines Tages etwas ähnlich Beeindruckendes zu erschaffen. 

Was ist für Dich „gute Kunst“?  Gibt es so etwas überhaupt? Oder ist alles immer irgendwie Ansichtssache? Was als individueller Standpunkt empfunden wird, hängt meist ab vom sozialen Umfeld, den kommerziellen Gewohnheiten und dem Status. Ein Teil dessen, dem ich im Buch nachgehen wollte, ist, wie viel von dem was als „große Kunst“ erachtet wird, ein Produkt menschlicher Possen ist. 

Der Wunsch nach Ruhm und Anerkennung schwingt als Thema konstant durch die Geschichte. Wie zentral sind diese Themen für Dich und Deine Arbeit? Kunst ist Kommunikation. Man wäre wahnsinnig (oder ein Lügner) würde man behaupten, gleichgültig demgegenüber zu sein, wie die eigene Arbeit aufgenommen wird. 
Darüber hinaus schreibe ich auch wegen dem Glück, das ich während des Entstehungsprozesses empfinde und wegen dem Drang die Welt so zu beschreiben wie man sie sieht. Ja, ich hoffe wahrhaftig, dass es die Welt interessiert. Wenn die Welt dich ignoriert, ist das schmerzhaft. Es kann dich zugrunde richten. Aber dieses Scheitern gehört zu den Regeln kreativer Arbeit.

Booksection.de. Herzlichen Dank für dieses Interview und eine großartige neue Geschichte!  Ich freue mich schon auf Dein nächstes Buch. Danke Dir für solche anregenden Fragen! Es tut mir leid, dass wir uns nicht in Frankfurt sehen. Ich wünsche Dir alles Gute!
Das Interview wurde durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 09.10.2018

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