Interview mit...

...Susanne Gerdom


...zur Kritik von "Der Nebelkönig"

"Glücklich im Garten der Ideen und Worte."

Mit Booksection im Gespräch: Fantasy-Autorin Susanne Gerdom.

Booksection.de: Über eine Lehre zur Buchhändlerin zur Theaterschaffenden hin zur Autorin: Würden Sie sagen, Sie sind bei sich "angekommen"?
Susanne Gerdom: Uneingeschränkt ja. Bücher waren schon immer mein Leben, und wenn ich nicht mit der festen Überzeugung aus meiner Schulzeit hervorgegangen wäre, dass das Schreiben nicht zu meinen Talenten gehört, wäre ich wahrscheinlich schon viel früher dort gelandet, wo ich jetzt bin. Glücklich im Garten der Ideen und Worte. (Oder, an schlechten Tagen, verzweifelnd an der Widerborstigkeit der Sprache und meiner Figuren.)

Booksection.de: Was war Ihre ursprüngliche Motivation mit dem Schreiben zu beginnen?
Susanne Gerdom: Ein empörtes und erstauntes Gefühl: "das kann ich doch auch!"
Das war zu der Zeit, als ich mit "meiner" Truppe aus Laienschauspielern ein Stück von Nestroy einstudierte, und meine Regieassistentin mir ein dickes Manuskript unter die Nase hielt, mit der Bitte, es einmal zu lesen. Sie hatte einen Fantasyroman geschrieben (und so weit ich mich erinnere, war das Ding gar nicht mal so übel).
Das war der Punkt, bei dem mir regelrecht ein Knoten geplatzt ist. Ich hatte mir schon mein Leben lang irgendwelche Geschichten ausgedacht - bei langen Autofahrten, wenn ich nicht schlafen konnte, bei Spaziergängen - war aber nie zuvor auf den Gedanken gekommen, eine davon einfach mal aufzuschreiben. Siehe oben. Deutschunterrichtgeschädigt. ;-) Margrets Manuskript war der Auslöser. Ich hatte damals eine dieser niedlichen elektrischen Schreibmaschinen mit kleinem Display, eine Olivetti, auf der habe ich angefangen. Und dann hab ich mir ganz schnell mein erstes Notebook zugelegt.
Mein erster Fantasyroman ist in drei Monaten aus mir herausexplodiert - "Ellorans Traum". Danach hab ich mir dann zügig das Zehnfinger-Tippen beigebracht, Vierfingersuchenundfinden ging mir einfach nicht schnell genug.
Und weil ich Elloran auch direkt an Heyne verkauft habe, wollte ich natürlich weiterschreiben. So etwas motiviert ungemein.

Booksection.de: "Ellorans Traum" ist unter einem Pseudonym erschienen. Denken Sie, es ist für junge Autoren erst einmal einfacher nicht mit dem eigenen Namen auf dem Cover zu stehen?
Susanne Gerdom: Nichts wäre schöner gewesen, als auch noch meinen eigenen Namen auf dem Cover zu sehen. Das Pseudonym war ein richtig saurer Apfel für mich. Aber 2000, als "Elloran" erschien, war ein deutscher Autorenname auf einem Fantasyroman noch eine Verkaufsbremse.
Das hatte sich ein Jahr später schon vollkommen gedreht. Inzwischen ist "Made in Germany" für Fantasybücher eher so was wie ein Qualitätssiegel.
Nein, wenn jemand es schafft, einen Verlag für sich zu überzeugen, dann soll er auch ruhig seinen Namen aufs Cover drucken lassen. (Außer, es ist ein Buch, für das man sich schämt - aber das dürfte ja eher selten der Fall sein.)

Booksection.de: Nach der Anida-Trilogie und ihren beiden Elben-Büchern "Elbenzorn" und "Die Seele der Elben" erschien mit "Der Nebelkönig" im Juli 2010 Ihre erste Geschichte im Jugendbuchbereich. Hat sich die jüngere Zielgruppe erst beim Schreiben ergeben oder wollten Sie sich bewusst eine neue Leserschaft erschließen?
Susanne Gerdom: Der "Nebelkönig" ist ein ganz altes Projekt, das lange in meiner virtuellen Schublade geschlummert hat. Ich hatte dieses Buch schon einmal so gut wie fertig, habe dann fünfzig Seiten vor Schluss gemerkt, dass es nicht funktioniert und habe es blutenden Herzens beiseitegelegt.
Es war von Anfang an eher jugendlich angelegt, aber kein reines Kinder- oder Jugendbuch. Das All-Age-Eckchen, das auf dem Buchmarkt ja noch eine relativ neue Entwicklung ist, kam also gerade recht, um mein altes Lieblingsprojekt wieder auszupacken - und vollkommen neu zu schreiben. Behalten habe ich nur die drei Hauptfiguren, alles andere (Setting, Plot, alle Nebenfiguren) sind neu entstanden.
Das Projekt hat mir aber wirklich Lust gemacht, mehr für Jugendliche zu schreiben. Das nächste Buch für Ueberreuter ist schon in Arbeit - und zwischenzeitlich habe ich ein Elfenbuch für ArsEdition geschrieben (diesmal ein "echtes" Jugendbuch.)

Booksection.de: Ihre Bücher zeichnet immer aus, dass die Figuren lebhaft, facettenreich und spannend gezeichnet sind. Woher nehmen Sie die Inspiration für Charaktere wie Sallie aus "Der Nebelkönig" oder den Zwergen-Magier Trurre aus "Elbenzorn" und "Die Seele der Elben"?
Susanne Gerdom: Hmmm. Danke für das dicke Lob, das geht natürlich runter wie bestes italienisches Olivenöl extra vergine. ;-) Die Figuren sind das, was mich an einer Geschichte interessiert. Mittlerweile habe ich zwar begriffen, dass auch der Plot nicht vollkommen nebensächlich ist und ein wenig Aufmerksamkeit verdient ;-) - aber was mich vor allem fesselt und zum Schreiben treibt, sind meine Akteure.
Woraus die letztlich entstehen, ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass in allen Figuren auch ein gutes Stück von mir selbst steckt. Das ist wie beim Theaterspielen - du kannst nichts aus dir rausholen, was nicht da ist. Also auch der Anteil Zerstörungslust, Sadismus, Boshaftigkeit, Mordgelüste ... ich glaube, das kennt jeder von sich. Man steckt das nur gewöhnlich schön tief weg und lebt es nicht aus (außer, man ist Massenmörder oder Romanautorin ;-)) Und außerhalb der eigenen Psyche existieren natürlich unendlich viele Inspirationsquellen: alle Menschen, denen man begegnet, sei es nun im Alltag, im Film, in Büchern. Hier eine Bewegung, da eine kleine Marotte, dort eine sprachliche Eigenheit, da ein Aussehen oder eine Charaktereigenschaft. Das ist ein unerschöpflicher Pool, aus dem man schöpfen kann.

Booksection.de: Haben Sie in Ihren Büchern immer eine "Lieblingsfigur"?
Susanne Gerdom: Ja. Das darf man ja nicht sagen, weil alle Kinder Lieblingskinder sind - aber in der Regel wächst mir schon eine Figur besonders ans Herz - und das ist nicht zwangsläufig die Protagonistin. Trurre ist so ein Liebling (das ist leicht zu erkennen, oder?), und der Rabe aus dem Nebelkönig ist auch so einer. Die Figur von Korben begleitet mich auch schon etwas länger - ihn habe ich auch im dritten AnidA-Teil eingebaut, da erzähle ich ein bisschen von seiner Vorgeschichte.

Booksection.de: Sie haben bislang eine Trilogie veröffentlicht und mehrere Einzelromane. Empfinden Sie es als schwierig, sich auf ein Buch zu beschränken?
Susanne Gerdom: Also, die Trilogie IST eigentlich ein Einzelroman (mit nachgeschobenem dritten Band, damit es eine Trilogie wird). Von daher würde ich eher sagen, es fällt mir leichter, mich auf eine abgeschlossene Geschichte zu konzentrieren - 600 Seiten sind da schon eine ordentlich lange Strecke. Ich mag auch als Leserin Mehrteiler nur sehr bedingt, auch wenn es Bücher gibt, bei denen man sich schwer trennt und gerne mehr über die Protagonisten lesen würde. In der Regel sind Mehrteiler aber ein zweischneidiges Ding. Ich kenne nur wenige Trilogien oder Reihen, die von Band zu Band besser werden ...
Nein, eine Geschichte, die zwischen zwei Buchdeckel passt, ist mir die liebste.

Booksection.de: Auf was dürfen wir uns als nächstes aus dem Hause Gerdom freuen? Wird es weitere Abenteuer aus der Elben-Welt geben?
Susanne Gerdom: Nur, wenn ich Piper dazu überreden kann, mich endlich "Trurre, Zwerg, Prinz und Magier" schreiben zu lassen. ;-))) Ansonsten bin ich ganz froh, erstmal wieder elfen/elbenfreie Zone ausrufen zu dürfen. Das Elfenbuch für ArsEdition hat noch mal sehr viel Spaß gemacht und ist, glaube ich, superspannend geworden. Es heißt "Sturm im Elfenland" und erscheint im Februar 2011.
Und jetzt schreibe ich gerade an einem ganz skurrilen, ein bisschen märchenhaften Projekt für Ueberreuter "Das Zaubertheater", danach kommt noch mal ein Erwachsenenbuch für Piper (Arbeitstitel: "Projekt Armageddon"), und ich möchte endlich mal einen vor Jahren schon begonnenen Roman fertigschreiben, der die Steampunk-Welle vorausgeahnt hat. (Der frühe Vogel fängt den Fisch, pflegt eine Freundin zu sagen - ich hab den Fisch, was das angeht, gemütlich an mir vorbeischwimmen lassen ...)


Das Interview wurde durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 29.09.2010

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