Rote Kreuze

Autor: Sasha Filipenko
Genre: Roman
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07124-5
Erscheinungsdatum (D) 26.02.20 Erschienen 2017
Seiten 288
Übersetzung Ruth Altenhofer

Rote Kreuze Krasny Krest

Inhalt

Alexanders Leben wurde auf die denkbar brutalste Weise in zwei Stücke gerissen. Nun zieht der junge Mann in seine neue Wohnung ein und trifft dort auf Tatjana Alexejewna, seine neue Nachbarin, die Alexander zunächst für eine neugierige, alte Dame hält. Tatjana ist bereits über neunzig und gesteht Alexander, dass sie an Alzheimer erkrankt ist und immer vergesslicher wird. Das hindert die alte, einsame Frau aber nicht daran, dem neuen Nachbarn ihre Lebensgeschichte anzuvertrauen – die Geschichte eines bewegten, entbehrungsreichen und von vielen Schicksalsschlägen gebeutelten Lebens.

Moskau, im Jahr 1941. Während Russland bereits im Krieg mit Nazideutschland steht, arbeitet die junge Tatjana Alexejewna als Fremdsprachensekretärin im Außenministerium. Hier wüten nach wie vor die stalinistischen Säuberungen, und als Tatjana durch eine Liste des Roten Kreuzes, die sie übersetzen soll, erfährt, dass ihr Mann sich in Kriegsgefangenschaft befindet, ist das Schock und Erleichterung gleichermaßen. Einerseits ist Tatjana überglücklich, dass ihr Mann noch lebt, andererseits weiß sie aber auch, dass das Folgen für sie selbst und ihre kleine Tochter haben wird. Denn in Russland werden Kriegsgefangene und deren Familien als Verräter verfolgt und in den Gulag geschickt. Tatjana muss eine Entscheidung treffen – und diese Entscheidung wird sie noch sechzig Jahre später, als sie ihrem jungen Nachbarn von ihrem Schicksal erzählt, umtreiben…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

„Rote Kreuze“ ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, die Geschichte zweier denkbar ungleicher Menschen, deren ungewöhnliche Schicksale sie dennoch auf Umwegen zueinander führen. Auf einfühlsame Weise schildert Sasha Filipenko die zunächst abwehrende Haltung Alexanders gegenüber der scheinbar so verschrobenen und viel zu neugierigen Nachbarin Tatjana, die er sich verzweifelt vom Leibe zu halten versucht. Doch auch der Leser spürt sofort, dass etwas ganz Besonderes von dieser alten Dame ausgeht, dass hinter ihrer Vergesslichkeit und scheinbarer Neugier eine äußerst bewegende und tragische Geschichte verborgen liegt. Doch auch Alexander verbirgt ein Geheimnis, das Filipenko Stück für Stück und ganz allmählich entblättert. Diese zwei so gegensätzlichen Menschen sind dennoch auf fast schon magische Weise miteinander verbunden – eine Tatsache, die vor allem Tatjana spürt und mit fast schon verzweifelter Entschlossenheit vorantreibt.

Auf eindringliche Weise erzählt der Autor von einem fast vergessenen, dafür aber umso schrecklicheren Kapitel der russischen Geschichte. Sinnbild dafür ist Tatjanas Schicksal, die als junge Frau unverschuldet in die Mühlen der stalinistischen Säuberungen geriet, jahrelange Gefangenschaft im Gulag erdulden und am Ende mit dem Verlust ihrer Familie weiterleben musste. Vor allem Sasha Filipenkos eigenwilliger Erzählstil, der einerseits Distanz zu den Geschehnissen wahrt, andererseits aber schonungslos und mit der angemessenen Eindringlichkeit von dieser grausamen Zeit berichtet, überzeugt restlos. Immer wieder rückt er die roten Kreuze als Sinnbild für die sowjetische Geschichte unter Stalin auf der einen Seite und als Orientierung im Alltag für die an Alzheimer erkrankte Protagonistin auf der anderen in den Mittelpunkt seiner Geschichte. Dabei dient Tatjanas krankheitsbedingtes Vergessen ganz deutlich als Metapher für das kollektive Vergessen eines ganz besonders grausamen Kapitels der sowjetischen Geschichte. „Rote Kreuze“ ist ein bewegender, ein zu Herzen gehender Roman, der von lebenslanger Schuld und dem so wichtigen Kampf gegen das Vergessen erzählt.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen