Der Kinderzug

Autor: Michaela Küpper
Genre: Roman
Verlag: Droemer
ISBN: 978-3-426-28218-2
Erscheinungsdatum (D) 01.10.19 Seiten 352

Der Kinderzug

Inhalt

Im Sommer 1943 wird die junge, in Essen lebende Lehrerin Barbara damit beauftragt, eine Gruppe von Mädchen im Zuge der Kinderlandverschickung zu begleiten. Das Heim in Usedom, dem die Gruppe zugewiesen wird, entpuppt sich als direkt am Meer gelegenes Hotel, das den Mädchen jeglichen Komfort und gutes, ausreichendes Essen zu bieten hat. Auch Barbara und der Rektor ihrer Schule, der mit seiner Frau und den beiden Töchtern mitgereist ist, fühlen sich hier äußerst wohl, auch wenn die Schreckensnachrichten des Krieges dunkle Schatten über die scheinbare Idylle werfen. Auch die Mädchen haben mit ihren ganz eigenen Problemen zu kämpfen, sind voll der Sorge um ihre Angehörigen, die sie in Essen zurücklassen mussten und werden von Heimweh geplagt. Nach einem verheerenden Bombenangriff, ist die Gruppe gezwungen, ihre Bleibe auf Usedom zu verlassen und sich auf den Weg zum nächsten Ort zu machen, der ihr zugewiesen wurde.

Es ist der Beginn einer Odyssee, die alle Beteiligten sowohl an ihre körperlichen als auch an ihre seelischen Grenzen bringt. Barbara, die bisher erfolgreich ihre Augen vor den grausamen Methoden der Nationalsozialisten verschlossen hat, wird nun zusehends mit der grausamen Realität konfrontiert. Nachdem ihr Rektor abkommandiert wurde, ist sie nun allein verantwortlich für die Mädchen, die ihr mittlerweile sehr ans Herz gewachsen sind. Als schließlich ein Mädchen spurlos verschwindet und ein polnischer Zwangsarbeiter verdächtigt wird, kommt es zur Katastrophe, die alles in Frage stellt, woran Barbara bisher geglaubt hatte.

Buchkritik von Stefanie  Rufle

In ihrem Roman „Der Kinderzug“ befasst sich Michaela Küpper mit den so genannten Kinderlandverschickungen (KLV), während denen von 1940 bis 1945 nach heutigen Schätzungen mehr als zwei Millionen Jungen und Mädchen aus luftkriegsgefährdeten Gebieten verschickt wurden. Viele Kinder wurden ihren Familien über einen langen Zeitraum hinweg entzogen – im Falle der hier erzählten Geschichte beinahe zwei Jahre lang – und das nur vordergründig mit dem Motiv, sie vor Luftangriffen zu schützen. Der Hauptgrund für die KLV dürfte wohl eher gewesen sein, dass die Kinder auf die nationalsozialistische Idee eingeschworen werden sollten. Auch diese Methoden der perfiden Indoktrinierung finden in Küppers Roman Erwähnung und zeigen auf, wie minutiös das alles damals von Baldur von Schirach, Reichsleiter für Jugenderziehung, geplant war. Ab dem Frühling/Sommer 1943 war die KLV nicht mehr freiwillig, sondern wurde quasi per „Führerbefehl“ angeordnet. In dieser Zeit hat Michaela Küpper ihren Roman „Der Kinderzug“ angesiedelt, der sehr authentisch den Geist jener Tage zu vermitteln weiß. Die Autorin schildert darin, wie sich die Situation der KLV bezüglich Unterbringung und Verpflegung zusehends verschlechterte und wie die fehlenden Transportmöglichkeiten den Betreuungspersonen und ihren Schützlingen gegen Ende des Krieges alles abverlangten, um irgendwie wieder nach Hause zu kommen.

Michaela Küpper lässt in ihrem Roman unterschiedliche Erzählstimmen zu Wort kommen. Da ist zum einen die junge Lehrerin Barbara, die sich mit ihrer großen Verantwortung quält und zugleich mit ihren Gedanken immer wieder zu einem jungen Mann abschweift, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hat. Gisela ist mit ihrer kleinen Schwester Edith bei der KLV und lässt den Leser an ihren Tagebucheinträgen teilhaben. Karl trifft mit seiner Berliner Schulklasse auf die Mädchen und wird gegen Ende des Krieges noch eingezogen. Diese Vielzahl an Erzählern lässt den Leser hin und wieder den Faden verlieren und nimmt diesem Roman etwas von seiner Intensität. Auch wenn es Küpper hervorragend gelingt, dem Leser einen authentischen Einblick in das Leben junger Menschen während des Nationalsozialismus zu geben, fehlt diesem Roman doch stellenweise eine Tiefe an echtem, spürbarem Gefühl. Nichtsdestotrotz ist „Der Kinderzug“ ein Buch, das an ein wichtiges, bislang relativ unbekanntes Kapitel der deutschen Vergangenheit erinnert und mit sorgfältig recherchierten Fakten zu beeindrucken weiß.

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