Der andere Himmel

Autor: Renate Ahrens
Genre: Roman
Verlag: Knaur.
ISBN: 978-3-426-52360-5
Erscheinungsdatum (D) 01.10.19 Seiten 315

Der andere Himmel

Inhalt

1974 unternahm Irina einen Fluchtversuch aus der DDR, der scheiterte. Mehr als zwei Jahre saß die junge Frau, die eigentlich Medizin studieren wollte, in Stasi-Haft, bis sie von der BRD freigekauft wurde. Bis heute hat Irina die Folgen ihrer Inhaftierung nicht verwunden, sie leidet unter Klaustrophobie und hat ihr Leben nur mit Mühe einigermaßen im Griff. Einzig ihr Mann Stefan und die gemeinsame Tochter, die mittlerweile selbst Mutter ist, geben Irinas Leben einen Halt. 2017 veröffentlicht ein Autor namens Frank Hollmann eine vielbeachtete Autobiographie, in der er von seinem gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR berichtet. Frank ist der junge Mann, in den Irina damals haltlos verliebt war, der Mann, mit dem sie aus dem verhassten Unterdrückungsstaat zu fliehen versuchte. Die beiden hatten zuvor einen Sommer voller Verheißung und Träumen verbracht, in dem der junge Schriftsteller Frank, dessen Texte in der DDR unerwünscht waren, Irina zur Flucht überredete.

Nun Franks Autobiographie in Händen zu halten, ist für Irina fast unerträglich, zumal das, was sie in und nach der Haft über ihn erfuhr, den Glauben an ihre Liebe für alle Zeiten zerstörte. Doch obwohl sie so verzweifelt versucht, nicht an die Vergangenheit erinnert zu werden, kann Irina irgendwann der Versuchung nicht mehr widerstehen. Sie nimmt Franks Buch zur Hand und liest eine Geschichte, die zwar auch ihre eigene ist – aber doch auch wieder völlig anders. Der Drang in ihr, die Wahrheit aus Franks Mund zu erfahren, wird schließlich übermächtig, und Irina begibt sich auf eine Reise in ihre eigene Vergangenheit…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Renate Ahrens ist eine Autorin, der es immer wieder aufs Neue gelingt, in ihren Romanen die großen Themen der jüngeren deutschen Geschichte zu behandeln und damit zutiefst zu berühren. „Der andere Himmel“ handelt von einer Zeit, in der Deutschland geteilt und bis in die Wurzeln zerrissen war, einer Zeit, in der Bürger der DDR Gefangene ihres eigenen Staates waren. Hier siedelt Ahrens das Schicksal zweier junger Menschen an, die schließlich keinen anderen Ausweg mehr sehen, als diesem Staat und seinen quälenden und entwürdigenden Repressalien zu entfliehen. Auf eindringliche Weise schildert die Autorin, wie sehr Menschen, die anders dachten, in der DDR klein gehalten und unter Druck gesetzt wurden, wie ihnen auf perfide Weise jegliche Privilegien entzogen wurden, bis sie ein Leben ohne Würde und Hoffnung fristen mussten. Es gelingt ihr dabei, zutiefst überzeugend die Zweifel, Ängste und auch Hoffnungen auf ein besseres, freies Leben darzulegen, die schließlich zum Fluchtversuch von Frank und Irina führten. Der tiefe Fall, den Irina nach ihrer Verhaftung erlebte, die entwürdigenden und quälenden Jahre in Hohenschönhausen, dem berüchtigten Stasi-Gefängnis, in dem sie schließlich landete, transportiert Ahrens auf erschreckend authentische Weise zum Leser.

Auch Irinas Leben in der Gegenwart, ihre Angstattacken und die Klaustrophobie, fügen sich nahtlos in das Bild einer Frau ein, die vom Leben gebrochen wurde und kein Vertrauen mehr in die Menschen haben kann. Wie sehr ihre mühsam errichtete Fassade mit dem Erscheinen der Autobiographie ihres ehemaligen Geliebten ins Bröckeln gerät, macht Renate Ahrens auf äußerst bewegende und einfühlsame Weise deutlich. „Der andere Himmel“ ist ein Roman, der sich sowohl mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt, als auch mit der Frage, was mit uns geschieht, wenn wir unsere eigene Geschichte zu verdrängen versuchen. Ahrens gibt ihrer Protagonistin eine zweite Chance, sich mit dem auseinanderzusetzen, was einst mit ihr geschah und bewegt ihre Leser mit dieser Geschichte tief. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Irinas Schicksal exemplarisch ist für das so vieler Deutschen, die damals für ihre Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie einen hohen Preis zahlen mussten.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen