Astas Geschichte

Autor: Jón Kalman Stefánsson
Genre: Roman
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05937-4
Erscheinungsdatum (D) 14.10.19 Erschienen 2017
Seiten 464
Übersetzung Karl-Ludwig Wetzig

Astas Geschichte Saga Ástu

Inhalt

Ásta bekam ihren Namen schon vor ihrer Geburt, denn ihre Eltern Helga und Sigvaldi waren sich sicher, es würde ein Mädchen werden. Sigvaldi fand ihn in einem Buch und Helga stimmte der Auswahl zu, denn der Name spiegelte mit der Silbe ást auch das isländische Wort für Liebe wider. Liebe und Literatur – nicht die schlechtesten Omen für ein glückliches Leben. Auch nicht im Reykjavík der 50er Jahren, in dem Ásta das Licht der Welt erblickt. Doch dann verlässt Helga die Familie kurz nach Ástas Geburt, aller guten Omen zum Trotz. Das Kind kommt zu einer Ziehmutter. Obwohl diese sie mit ihrer ganzen Liebe aufzieht, ist das Mädchen ein „schwieriger Fall“. Als sie einem Jungen in der Schule die Nase bricht, muss sie für einen Sommer in die Westfjorde. Die Abgeschiedenheit und harte Arbeit sollen helfen, ihr den richtigen Weg zu weisen. Und hier trifft Ásta auf Josef…

Jahrzehnte später schaut Sigvaldi, durch einen Sturz von der Leiter dem Tode näher als dem Leben, auf die gemeinsame Zeit mit seiner Tochter zurück und hadert mit seinen Handlungen. Hätte er nicht mehr für sie da sein müssen? Hätte er sie nicht beschützen müssen vor all den Stürmen und Untiefen, die das Leben für sie bereit hielt? Doch zu oft sah er ihre Mutter in ihr und ihrer impulsiven Art. Und das konnte ihn ganz rasend machen oder ganz wortlos. Und irgendwann ist die Zeit für Worte verstrichen…

Buchkritik von Melanie  Frommholz

Jón Kalman Stefánsson nimmt uns in seinem neuer Roman „Ástas Geschichte“ mitten hinein in das fragile Geflecht aus seelischen und emotionalen Untiefen einer kaputten Familie. Familie sollte sicheren Halt bedeuten und einen sichere Bindungen lehren. Uns wappnen und unsere Seele stärken für die Widrigkeiten und Stürme der „Welt da draußen“. Doch oft finden sich anstelle von Halt und Stärke Trauma, Hilflosigkeit und Schweigen. Allem Lieben, Hoffen und Sehnen zum Trotz gewinnt die Tragödie die Oberhand…

Stefánsson greift die ganze Dramatik, die die frühen Verletzungen einer kleinen Seele mit sich bringen, mit großer Intensität und teils brutal anmutender Direktheit auf. Und er wählt dafür nicht den herkömmlichen Weg eines gefälligen Handlungsaufbaus. Im Gegenteil. Seine Erzählung ist rau und bruchstückhaft, setzt Blitzlichter und wirkt zu Beginn wie ein verwirrendes Puzzle aus verschiedenen Zeitebenen, Orten und Personen, die ihre Zusammenhänge erst Stück für Stück Preis geben. Was zu Beginn noch irritiert, wird Seite um Seite mehr zur Quelle der erzählerischen Wucht dieses Romans. Stück für Stück taucht man von der Oberfläche hinab zu den verletzlichen und wunden Schichten der einzelnen Figuren, zu ihrer ganz eigenen „Wehschicht“. Hier trifft die Dunkelheit das Licht; Treffen die Schicksale von Helga, Sigvaldi und Ásta das Herz des Lesers.

Stefánsson versteht es, uns in „Ástas Geschichte“ hineinzuziehen. Seine Zeilen haben eine dichte Atmosphäre, die teilweise etwas Fiebriges hat und dann wieder eine ohrenbetäubende Stille und wuchtige Ruhe. Manchmal wähnt man sich, ob der Geheimniskrämerei des Autors um die Zusammenhänge, auch in einem Thriller und nicht in einem Familiendrama. Auch das Ausdruck davon, dass sich Jón Kalman Stefánsson mit seinem Stil in kein Schema pressen lässt.


Ástas Leben ist ein Tanz auf dem Drahtseil, zwischen Leidenschaft und Schmerz, zwischen Liebe und Scheitern. Es ist eine Geschichte von großer Traurigkeit, aber auch der Erkenntnis, welche Kraft es in einem gibt. Jón Kalman Stefánsson hat große Empathie und Wärme für seine Figuren. Er obduziert sie mit all ihren Schwächen und emotionalen Unzulänglichkeiten wie durch ein Brennglas, bewahrt sich dabei aber ein großes Mitgefühl für sie. In der ganz Dramatik und Traurigkeit behält die Geschichte so eine melancholische Schönheit, gerade weil Stefánsson seinen Figuren so nahe ist und weil er den Blick nicht dafür verliert, dass sie in all ihrer Unzulänglichkeit auch nur Gefangene ihrer eigenen Ängste, Verletzungen und Sehnsüchte sind. Großartig!

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