Das Haus der Verlassenen

Autor: Emily Gunnis
Genre: Roman
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-27212-5
Erscheinungsdatum (D) 18.03.19 Erschienen 2018
Seiten 400
Übersetzung Carola Fischer

Das Haus der Verlassenen The Girl in the Letter

Inhalt

Sussex, im Jahr 1956. Als die minderjährige Ivy von ihrem Geliebten Alistair schwanger wird, wendet sich der junge Mann, der kurz vor einer Profikarriere als Fußballer steht, von ihr ab. Der zweite Mann von Ivys Mutter verabscheut sie für ihren Zustand und schickt sie mit Schimpf und Schande nach St. Margaret’s, einem in Preston gelegenen Heim für ledige Mütter. Was Ivy hier tagtäglich erleben muss, ist an Grausamkeiten und Erniedrigungen kaum zu überbieten. Durch harte Arbeit sollen die jungen Mädchen hier für ihre Sünden büßen, und viele der Nonnen haben eine grausame Freude daran, sie zu misshandeln und zu quälen. Nach zahllosen, verzweifelten Briefen an Alistair gibt Ivy die Hoffnung schließlich auf, aus ihrer Verbannung in St. Margaret’s befreit zu werden. Doch gibt es da ein kleines Mädchen, das ihr ans Herz gewachsen ist und das sie nun hofft, vor ihrem grausamen Schicksal erretten zu können…

2017 stößt die gerade von ihrem Mann getrennt lebende Journalistin Sam in der Wohnung ihrer Großeltern auf einen Brief Ivys an Alistair. Sam ist äußerst bewegt von Ivys verzweifelten Worten und fragt sich, wie dieser Brief in den Besitz ihrer Großeltern gelangen konnte. Da sie sich auch allein um ihre kleine Tochter kümmern muss, geht ihr Ivys Schicksal besonders zu Herzen. Doch nicht nur deshalb beginnt sie, in den verlassenen, unmittelbar vor dem Abbruch stehenden Gemäuern von St. Margaret’s nach Spuren von Ivys Schicksal zu suchen. Denn Sam braucht dringend eine Festanstellung und wittert hier eine Story, die sie beruflich weiterbringen könnte. Verdächtig viele Todesfälle pflastern die Geschichte von St. Margaret’s, und bald schon muss Sam feststellen, dass ihre eigene Familiengeschichte mit der des Klosters verwoben ist…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Geschichten, die dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen, erfreuen sich nicht erst seit der Erkenntnis von der „Weitervererbung“ von familiärer Traumata an die nächsten Generationen großer Beliebtheit. Doch seit auch wissenschaftlich belegt ist, dass verdrängte und nicht aufgearbeitete Geheimnisse die folgenden Generationen beeinflussen und belasten, gewinnen solche Geschichten auch in der Unterhaltungsliteratur eine neue, tiefere Dimension. Auch Emily Gunnis bedient sich in ihrem Spannungsroman „Das Haus der Verlassenen“ dieser Erkenntnisse und erzählt die bewegende Geschichte einer jungen Frau, die in einem Heim für „gefallene Mädchen“ ihr Dasein fristen musste und von ihren Angehörigen ganz einfach vergessen wurde – so, als habe es sie niemals gegeben. Erschreckend ist dabei vor allem die Tatsache, dass solche Heime nicht etwa Ende des Neunzehnten, Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts existierten, sondern tatsächlich auch noch in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Vor allem die Schilderungen der Demütigungen und Misshandlungen, denen Ivy sich tagtäglich in St. Margaret’s ausgesetzt sah, bewegen zutiefst und lassen ihre Hilfs- und Hoffnungslosigkeit spüren.

Auch wenn manches an diesem Roman hin und wieder etwas überkonstruiert wirkt, hat Gunnis doch insgesamt einen überzeugenden und atmosphärisch dichten Plot erschaffen, der Ivys und Sams Schicksale auf schlüssige Weise miteinander verbindet. Die Autorin hat durch intensive Recherchearbeit Fakten geschaffen, die sich nur schwer von der Hand weisen lassen und von einem dunklen Kapitel aus dem England der Nachkriegsjahre erzählen. „Das Haus der Verlassenen“ verwebt auf bewegende Weise die Gegenwart mit der Vergangenheit und ist zudem ein temporeicher und fesselnder Spannungsroman.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen