Am Tag davor

Autor: Sorj Chalandon
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-28169-0
Erscheinungsdatum (D) 18.04.19 Erschienen 2017
Seiten 320
Übersetzung Brigitte Große

Am Tag davor Le Jour d'avant

Inhalt

Am 27. Dezember 1974 kommen auf der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens zweiundvierzig Bergleute ums Leben. Am Abend vor der Katastrophe fährt der sechzehnjährige Michel mit seinem großen Bruder, dem Bergmann Joseph, auf dem Moped durch die Straßen seiner Heimatstadt. Zusammen mit seinem geliebten Bruder fühlt Michel sich unbesiegbar und ist in diesen Minuten überglücklich – er ahnt nicht, welch jähen Unterbruch sein Leben bald erfahren wird. Bei dem Grubenunglück, verursacht durch die Nachlässigkeit der Werksleitung, kommen zweiundvierzig Bergmänner um – Joseph wird schwer verletzt und stirbt sechsundzwanzig Tage später im Krankenhaus. Michels Familie bricht auseinander, alles, wovon der Junge einst träumte, liegt nun in Scherben. Er flieht nach Paris und tut alles, um die letzten Worte seines verstorbenen Vaters zu vergessen: „Michel, räche uns an der Zeche.“

Doch egal, was Michel tut, der Schmerz will einfach nicht vergehen. Nach dem Tod seiner geliebten Frau kehrt er, mittlerweile beinahe ein alter Mann, nach Liévin-Lens zurück. Er ist nun bereit, seinen Rachefeldzug zu beginnen und den Mann zur Rechenschaft zu ziehen, der in seinen Augen für den Tod seines älteren Bruders verantwortlich ist. Doch noch ahnt Michel nicht, dass der Abend vor dem Unglück sich anders zutrug, als er das in seiner Erinnerung verankert hat…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

In seinem bewegenden Roman „Am Tag davor“ gewährt uns Sorj Chalandon tiefe Einblicke in die menschliche Seele, zeigt am Beispiel seines Protagonisten Michel deren raffinierte Verdrängungsmechanismen auf und lässt ihn uns ein Stück weit begleiten auf seinem Weg zu Läuterung und Vergebung. Auf ergreifende Weise blättert Chalandon Stück für Stück von Michels erschütternder Geschichte auf, die unlösbar mit den Ereignissen im Dezember 1974 und dem tragischen Grubenunglück von Saint-Amé verstrickt ist. Er stellt uns diesen Michel als einen Mann vor, dessen Leben sich in der Vergangenheit abspielt, der Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute, die Ereignisse jenes verhängnisvollen Tages Revue passieren lässt und einfach nicht loslassen kann. Zutiefst einfühlsam und respektvoll sind Chalandons Schilderungen der Tragödie, die Michels Leben zerstörte und aus ihm einen verbitterten, von Rache besessenen Mann werden ließ. Der Autor erzählt von Schuld und Verdrängung – und dem unerfüllbaren Wunsch nach Sühne für etwas, das nicht gesühnt werden kann.

Mit scheinbar leichter und doch so sicherer Hand zeichnet Chalandon seine widersprüchlichen Charaktere, die sich einfach nicht einordnen lassen wollen in Schwarz oder Weiß, sondern durch ihren Facettenreichtum beweisen, dass es nur scheinbar möglich ist, ein eindeutiges Urteil zu fällen. Je länger man Michels Geschichte folgt, desto schwerer zu ertragen ist das, was diesem vom Schicksal gebeugten Mann widerfahren ist. Meisterhaft gelingt es Chalandon, die Grautöne dieser Tragödie einzufangen und so all den hart malochenden Bergmännern Respekt zu zollen, die am 27. Dezember 1974 in der Grube Saint-Amé in Liévin ums Leben kamen.

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