Der Sänger

Autor: Lukas Hartmann
Genre: Roman
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07052-1
Erscheinungsdatum (D) 24.04.19 Seiten 288

Der Sänger

Inhalt

Im September 1942 sitzt Joseph Schmidt, Sohn orthodoxer Juden aus Czernowitz, im Wagen eines Schleppers, der ihn aus Vichy-Frankreich über die Schweizer Grenze bringen soll. Einst füllte seine Stimme die großen Konzertsäle Europas und Amerikas und betörte nicht nur die Damenwelt. Doch im Jahr 1942 gelten weder Kunst noch Ruhm etwas, wenn man Jude ist. Für Joseph Schmidt geht es nun nur noch ums nackte Überleben, denn in Frankreich ist er längst nicht mehr sicher vor den Nazis. Schwer krank und zu Tode erschöpft landet er schließlich als einer von Tausenden an der Schweizer Grenze, die er nach einer langen Odyssee über Wien, Brüssel und Südfrankreich endlich erreicht hat. In der freien, demokratischen Schweiz hofft er, endlich zur Ruhe kommen und seine arg angegriffene Stimme schonen zu können. Immer wieder suchen ihn unterdessen Bilder aus seiner Vergangenheit heim: seine Kindheit in der Bukowina, die geliebte Mutter, die Gesichter seiner vielen Geliebten und die Erinnerungen an seine großen Erfolge…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Mit „Der Sänger“ ist dem Autor Lukas Hartmann, der es bestens versteht, historische Stoffe in virtuose Romane zu verpacken, ein weiteres kleines und äußerst feines Meisterwerk gelungen. Voller Empathie und Zärtlichkeit für seine Hauptfigur gewährt er dem Leser bewegende und fast schon poetische Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Ausnahmekünstlers, von dem behauptet wird, er sei eine der schönsten Stimmen des 20. Jahrhunderts gewesen. Es gelingt Hartmann auf berührende Weise, diesem Joseph Schmidt eine Stimme zu verleihen, nachdem dessen eigene schon vor vielen Jahrzehnten für immer erloschen ist. Gerade weil man weiß, welches Schicksal diesen in aller Welt berühmten Tenor ereilte, gehen Hartmanns Worte unglaublich tief und bringen dabei verborgene Saiten zum Klingen. Vor allem die Sinnlosigkeit dessen, was Schmidt erdulden musste, obwohl er sich doch bereits auf „neutralem“ Boden befand, treibt den Leser dabei hin und wieder beinahe zur Verzweiflung und lässt ihn zugleich erahnen, wie das Leben als Jude in diesen finsteren Zeiten gewesen sein muss.

Man kann nicht anders, als den Hut vor Lukas Hartmanns Mut zu ziehen, die Doppelmoral der Schweizer Politik in den Zeiten des Dritten Reichs in seinem Roman zu thematisieren. Vor allem dann, wenn sein Protagonist so felsenfest daran glaubt, dass man ihm in der Schweiz doch ganz gewiss helfen werde, wird deutlich, wie unmenschlich auch dort mit Menschen verfahren wurde, deren Leben ohne Asyl verwirkt gewesen wäre. Joseph Schmidt trifft in diesen dunklen Tagen auf Menschen jeglicher Couleur – manche setzen sich für ihn ein, andere machen die Augen zu und drehen sich weg. Da bildete die Schweiz damals eben auch keine Ausnahme. „Der Sänger“ ist ein außergewöhnlicher, ein fein gezeichneter und einfühlsam erzählter historischer Roman, der auf hohem Niveau eine Zeit lebendig werden lässt, die noch gar nicht zu lange zurück liegt. Vor allem ist „Der Sänger“ aber auch eine Hommage an eine der ganz großen Stimmen des 20. Jahrhunderts.

Joseph Schmidt, geboren am 04. März 1904 in der Bukowina, gehörte in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zu den bekanntesten Opernsängern Deutschlands. Nachdem der Tenor 1933 als Jude aus Deutschland fliehen musste, gelang ihm schließlich 1942, nach mehreren missglückten Versuchen, die Flucht in die Schweiz. Als illegaler Flüchtling wurde er in das Internierungslager Girenbad oberhalb von Hinwil im Kanton Zürich gebracht. Dort erkrankte er schwer an einer Halsentzündung und verstarb am 16. November 1942 mangels adäquater medizinischer Versorgung.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen