Die verlorenen Töchter

Autor: Hannelore Hippe
Genre: Roman
Verlag: dtv premium
ISBN: 978-3-423-26205-7
Erscheinungsdatum (D) 26.10.18 Seiten 224

Die verlorenen Töchter

Inhalt

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, im Sommer 1945, bringt Åse Evensen im norwegischen Tromso ihre Tochter Katrine zur Welt. Katrines Vater ist der deutsche Besatzungssoldat Kurt, der kurz vor Kriegsende an die Ostfront strafversetzt wurde. Weil die deutschen Besatzungssoldaten in Norwegen zutiefst verhasst sind, bedeutet es für jede Frau eine unsägliche Schande, wenn öffentlich wird, dass sie ein Verhältnis mit einem Deutschen hat. Åse gilt deshalb nun als „Deutschenflittchen“ und muss in ein Straflager. Ihre Tochter nimmt man ihr, mit dem Versprechen, sie nach ihrer Entlassung wiederzubekommen, weg. Doch nach Åses Rückkehr in ihr normales Leben, ist Katrine längst weg – sie wurde unter anderem Namen in ein ostdeutsches Waisenhaus gebracht. Später wird sie von einem Ehepaar adoptiert und wächst in behüteten Umständen auf.

Erst als Erwachsene erfährt Katrine die Wahrheit ihrer Herkunft und beschließt, sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter zu machen. Tatsächlich gelingt es ihr, den Aufenthaltsort von Åse ausfindig zu machen und fast scheint es, als würde es ihr gelingen, zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Doch Katrine ahnt nicht, in welch unsägliche Gefahr sie sich begeben hat – und wem sie mit ihrer hoffnungsvollen Suche nach ihrer wahren Identität in die Quere kommt…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Hannelore Hippe, auch bekannt unter ihrem Pseudonym Hannah O’Brien, unter dem sie bei dtv die irische Krimi-Serie um die Ermittlerin Grace O’Malley veröffentlicht, ließ sich durch einen ungeklärten norwegischen Mordfall zu diesem Roman inspirieren. Die unbekannte Tote von Isdal, die im Herbst 1970 in einem einsamen Tal in der Nähe von Bergen halb verbrannt aufgefunden wurde, bildet den Kern von Hippes Geschichte. Auf kluge Weise versucht die Autorin, diesen mysteriösen Kriminalfall auf fiktionaler Ebene zur Aufklärung zu bringen. Wie schlüssig ihrer Theorien sind, zeigt sich an den überraschenden Erkenntnissen, die mithilfe neuer forensischer Techniken im Jahr 2017 bei einem erneuten Aufrollen des Falls entstanden sind. Hippe verfolgt in ihrem Roman zwei unterschiedliche Ansätze, die sie aber auf schlüssige und überzeugende Weise zu einem runden Ganzen zusammenfügt.

Auf der einen Seite beschäftigt sich die Autorin mit der Situation von Norwegerinnen, die zur Zeit der deutschen Besatzung mit deutschen Wehrmachtssoldaten eine Beziehung hatten, aus der Kinder entstanden. Am Beispiel von Åse zeigt sie auf, welche Hindernisse den Liebenden, die echte Gefühle füreinander hegen und Zukunftspläne schmieden, in den Weg gelegt werden. Ihr zweiter Ansatzpunkt konzentriert sich auf die zahllosen Kinder, die aus solchen Beziehungen entstanden und nach Kriegsende unter anderem Namen nach Deutschland gebracht wurden, um dort in Heimen oder bei Pflegeeltern aufzuwachsen. In beiden Fällen gelingt es Hippe auf eindringliche Weise, tiefe Emotionen zum Leser zu transportieren und ihm auf absolut authentische Weise die große Verunsicherung und abgrundtiefe Verzweiflung der Protagonisten zu vermitteln. Die Frage nach der eigenen Identität und der wahren Herkunft bettet sie dabei auf absolut gekonnte Weise in einen mysteriösen und spannenden Kriminalfall ein, der beim Leser für Fassungslosigkeit und große Bestürzung sorgt. „Die verlorenen Töchter“ ist ein zutiefst bewegender und zugleich durch und durch fesselnder Roman, der sich mit einem erschreckenden Kapitel der norwegisch-deutschen Geschichte befasst.



Der Roman bildet die Vorlage für den Oscar-nominierten deutsch-norwegischen Kinofilm „Zwei Leben“ (2012) mit Juliane Köhler und Liv Ullmann in den Hauptrollen.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen