Ein Tag, eine Nacht

Autor: Jennifer Kitses
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-28970-2
Erscheinungsdatum (D) 26.10.18 Erschienen 2017
Seiten 312
Übersetzung Klaus Timmermann, Ulrike Wasel

Ein Tag, eine Nacht Small Hours

Inhalt

Helen und Tom führen mit ihren drei Jahre alten Zwillingsmädchen das typische Leben einer Mittelstandsfamilie, bei der die finanzielle Lage ständig kurz vor dem Abrutschen ist. Der Alltagswahnsinn einer Familie mit kleinen Kindern zerrt vor allem an Toms Nerven, hat er doch das Gefühl, nie genügend Zeit zu haben und immer noch mehr arbeiten zu müssen, um seine Familie einigermaßen über Wasser halten zu können. Manchmal weiß er einfach nicht mehr, woher er das Geld für die vielen unbezahlten Rechnungen und die Tagesstättenplätze der Mädchen nehmen soll. Die tägliche Pendelei nach New York und der stressige Job als Redakteur in einer Nachrichtenagentur sind manchmal kaum noch zu bewältigen, und die Fehler bei der Arbeit häufen sich.

Doch Toms Hauptproblem ist ein gut gehütetes Geheimnis, das er nun schon seit Jahren mit sich herumträgt: Mit seiner früheren Chefin Donna hat er ein Kind, das in etwa so alt ist, wie seine Zwillinge – und an diesem Kind hängt er und versucht, sich immer Zeit freizuschaufeln, um Zeit mit ihm zu verbringen. Doch dann, an einem Freitag im September, spitzen sich die Ereignisse für Tom auf unerträgliche Weise zu, denn Donna verkündet ihm, dass sie beabsichtigt, nach London zu ziehen. Für Tom ein fürchterlicher Gedanke, denn Donna stellt ihm ein Ultimatum: Fortan wird er nur noch Zeit mit dem gemeinsamen Kind verbringen dürfen, wenn er Helen die Wahrheit erzählt und damit dieses Kind legitimiert…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Auf fast schon beängstigende Weise gelingt Jennifer Kitses, in ihrem Roman „Ein Tag, eine Nacht“ eine durch und durch authentische Schilderung aus einem Tag, beziehungsweise einer Nacht eines scheinbar völlig durchschnittlichen Paars. Immer wechselnd zwischen der Perspektive von Tom und Helen beschwört die Autorin dabei das Szenario einer sich innerhalb von Stunden in einem einzigen Knall auflösenden Beziehung herauf, bei dem man sich als Leser ständig genötigt fühlt, einfach die Stopp-Taste zu betätigen und die Protagonisten davon zu überzeugen, kurz innezuhalten und nachzudenken. Den unaufhaltsamen Weg ins Verderben gehen sowohl Helen als auch Tom scheinbar völlig arglos, legen immer noch einen weiteren Holzscheit auf den eigenen Scheiterhaufen und können offenbar einfach nicht aufhören damit. Kitses’ eindringlicher Blick auf die Zeitbombe, die im Leben dieser beiden Protagonisten unaufhaltsam tickt, ist manchmal schier nicht zu ertragen und zeugt von großem psychologischem Gespür.

Auf angenehme Weise verzichtet die Autorin auf den moralisierenden erhobenen Zeigefinger, vermeidet ein Kategorisieren in Schwarz oder Weiß, sondern hebt vielmehr die Grautöne hervor, die das Leben eines jeden Menschen – und somit auch das von Tom und Helen – ausmachen. Stellenweise liest sich „Ein Tag, eine Nacht“ wie ein raffinierter, psychologischer Thriller, der dem Leser eine umfassende Weitsicht der Ereignisse gibt, ihn den Protagonisten stets einen Schritt vorauseilen lässt und ihm so das Gefühl gibt, die beiden vor dem warnen zu müssen, worauf sie unweigerlich und ungebremst zusteuern. „Ein Tag, eine Nacht“ ist ein raffinierter, tiefsinniger und unter die Haut gehender Roman, der einen in die Abgründe einer so durch und durch normal erscheinenden Mittelstandsfamilie blicken lässt.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen