Die Gesichter

Autor: Tom Rachman
Genre: Roman
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-43496-6
Erscheinungsdatum (D) 31.08.18 Erschienen 2018
Seiten 416
Übersetzung Bernhard Robben

Die Gesichter The Italian Teacher

Inhalt

Bear Bavinsky ist DER bedeutende Gegenwartskünstler des modernen Amerika. Zumindest sieht er sich selbst so. Und eine Zeitlang meint das auch die interessierte Öffentlichkeit. Bears laute Persönlichkeit, zahlreiche Ex-Frauen, Kinder und Affären machen ihn zu einer schillernden Figur der Kunstszene. Auch für Pinch, seinen Lieblingssohn, ist er lange das Zentrum von allem. Doch dann wischt Bear Pinchs Ambitionen auf eine eigene Karriere als Maler mit nur einem Satz beiseite. Dabei wollte der nichts sehnlicher, als seinem Idol nacheifern. Seines großen Traums beraubt, macht Pinch sich auf, sich ein neues Ziel zu suchen und landet schließlich als Italienischlehrer in London. Hier scheint er endlich Frieden zu finden. Doch dann fordert das Schicksal ihn heraus, und so ergibt sich für ihn nicht nur die Chance, das Andenken seines Vaters zu retten, sondern auch sein wahres Selbst zu leben…

Buchkritik von Melanie  Frommholz

Der Volksmund sagt: Aller guten Dinge sind drei. Ein Ausspruch, der auf die Anzahl der Bücher von Tom Rachman hoffentlich nicht zutrifft. Dafür ist sein drittes Buch schlicht zu großartig, als dass es sein letztes sein darf!

Mit „Die Gesichter“ taucht er gekonnt ein in die Kunstszene, die bevölkert ist mit egozentrischen Künstlern, gierigen Galeristen, versnobten Sammlern und jenen, die aus dem Schatten heraus jene Lichtgestalten bewundern, die ihr Künstlertum als Entschuldigung für schlicht alles benutzen. Genau so ein Mann ist Rachmans Protagonist Pinch.

Eine Figur, deren Lebenstragik Tom Rachman so wunderbar in all ihrer verletzlichen Vielschichtigkeit einfängt, dass man ihr immer ganz nahe ist. Man bedauert ihn, hofft mit ihm und will ihn oft schütteln, damit er endlich aufwacht und sieht. Sieht, dass er die Anerkennung seines Vaters nicht braucht, um ein erfülltes Leben zu leben. Doch die Dramatik der Geschichte ist, dass Pinch sich ganz und gar abhängig macht von der Anerkennung anderer und erst spät beginnt, sein wahres Selbst zu leben. Ob und wie ihm das gelingt, erzählt Tom Rachman auf seine unnachahmlich einfühlsame und dabei immer unterhaltsame Art und Weise.

Auch wenn sich die Settings ändern, Tom Rachman folgt der Persönlichkeitsentwicklung seiner Figuren wie ein Trüffelschwein. Ganz nah ist er ihnen, und er nimmt uns immer genau dahin mit, wo es weh tut. Skizziert virtuos Hoffnung und Ängste, Freude und Liebe. Schickt uns die ganze Achterban der Empfindungen hinauf und hinunter. Er durchdringt dabei die menschliche Art nicht auf eine kühle, analytische Art und Weise, sondern so organisch, dass es kein explizites Benennen von Tragik braucht, sondern ein Verstehen wie von selbst entsteht.

Tom Rachman stellt in „Die Gesichter“ den egomanische Maler Bear und seinen Sohn Pinch ins Zentrum. Er folgt dieser besonderen Vater-Sohn Beziehung durch ihre Höhen und Tiefen und über viele Jahrzehnte hinweg. Bereits im Vorwort verrät Rachman, wie sehr ihn das Thema „Vater sein“ persönlich betrifft und wie sehr er über lange Zeit mit dieser Rolle selbst gerungen hat. Vielleicht ist es dieses Ringen, das dazu beigetragen hat, dass „Die Gesichter“ sein bislang intensivstes Buch ist. Seite um Seite schmerzt Pinchs Schicksal, und man hofft mit ihm auf Versöhnung und Besserung. Gefangen zwischen egozentrischen und launenhaften Künstler-Eltern immer auf der Hatz nach Anerkennung.

Das Ende ist so gewitzt wie dramatisch. Die ganze Tragik der Geschichte von Pinch und Bear noch einmal geballt auf wenigen Seiten. Ein Ende so klug erzählt wie versöhnlich. Mit so manchem augenzwinkernden aber auch nachdenklichen Blick auf die ach so ernste Kunstszene. „Die Gesichter“ ist eine Geschichte über Deutungshoheiten und die Bewertung von Erfolg, über Selbst- und Fremdwahrnehmung und über die Entstehung von echter, guter Kunst, die oft aus Schmerz geboren wird. Ein elektrisierender Roman, der trotz aller erzählten Lebenstragik nie deprimierend, trübsinnig oder gar langatmig ist. „Die Gesichter“ lebt von Rachmans großartiger Erzählkunst, die alles durchdringt – Gefühle, Beziehungen, schlicht: das Leben. Absolut mitreißend und mit großem Nachhall!

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen