Die Stunde des Opfers

Autor: Anna Carls
Genre: Krimi
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-31134-2
Erscheinungsdatum (D) 01.06.18 Seiten 334

Die Stunde des Opfers

Inhalt

Seit vier Monaten ist die Journalistin Rebekka Windmöller nun schon mit Dr. Jamal Aziz, Biologe an der Uni Bremen, zusammen – und glaubt, endlich das große Glück gefunden zu haben. Auch ihre zweijährige Tochter Amelie vergöttert Jamal, und bis auf die Tatsache, dass Jamal alle zwei Wochenenden seine Kinder aus erster Ehe besuchen geht, scheint alles perfekt. Doch dann verschwindet Jamal von einem Tag auf den anderen: Als Rebekka nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt, ist alles stockdunkel und weder Jamal noch Amelie sind da. Er hat die Kleine nicht von der Kindertagesstätte abgeholt, wie es abgemacht war und gibt kein Lebenszeichen von sich. Zum Glück ist Amelie bei Rebekkas Schwester, doch am nächsten Morgen findet die Journalistin eine Tote auf ihrer Terrasse. Es handelt sich offensichtlich um eine Obdachlose, deren Augen, Mund und Ohren mit Sekundenkleber verschlossen wurden. Da Jamal nicht auffindbar ist, gerät natürlich er sofort unter Mordverdacht und wird fieberhaft gesucht.

Während der ermittelnde Kommissar Sandersberg noch damit beschäftigt ist, eine Verbindung zwischen Jamal und der Ermordeten zu finden, wird ein weiteres Opfer gefunden, das auf ähnliche Weise zugerichtet ist. Der Zusammenhang zwischen den weisen Affen – nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – wird immer deutlicher, und bald schon führt die Spur zu einem tragischen Fall von Kindstötung in der Vergangenheit. Doch was hat das alles mit Jamal zu tun, der offenbar weiterhin kryptische SMS-Nachrichten an Rebekka versendet?

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Im Fokus dieses Kriminalromans aus der Feder der deutschen Autorin Anna Carls steht eine alleinerziehende Mutter, deren Leben von einer Sekunde zur nächsten komplett aus den Fugen gerät. Von der ersten Seite an gelingt es Carls, im Leser eine starke Affinität zu dieser Protagonistin zu wecken, die Stück für Stück erkennen muss, dass ihre vermeintlich große Liebe ganz offensichtlich nicht das ist, was sie zu sein vorgab. Dieses Thema ist die ideale Ausgangsbasis für einen Kriminalroman, der von Anfang an mit seinen Lesern Katz und Maus spielt, sie immer wieder aufs Neue aufs Glatteis zu führen versteht und in dem nichts ist, wie es zunächst einmal erscheint. Auch wenn es Anna Carls nicht immer gelingt, das Verhalten ihrer Charaktere schlüssig und konsequent zu erklären und man über die eine oder andere logische Unebenheit stolpert, kann man sich doch nicht der Sogkraft dieses klug konstruierten Kriminalromans entziehen.

Es ist vor allem die bange Frage, wem Rebekka denn nun tatsächlich trauen kann, die den Dreh- und Angelpunkt dieser verwirrenden Geschichte bildet. Mit dieser Frage hält Anna Carls ihre Leser geschickt bei der Stange, lässt sie sich in Spekulationen verstricken um dann eine Auflösung zu präsentieren, die man zwar ab einem gewissen Punkt vermutet, so aber dann doch nicht erwartet hätte. So, wie Rebekka ganz allmählich zu akzeptieren beginnt, dass Jamal nicht der ist, der er zu sein vorgab, so entspinnt sich im Gehirn des Lesers Stück für Stück ein hypothetisches Szenario der tatsächlichen Ereignisse – das sich nur allzu bald als Hirngespinst erweist. Auch wenn nicht alles an dieser Geschichte zu überzeugen weiß, ist „Die Stunde des Opfers“ doch ein äußerst packender und fesselnd erzählter Kriminalroman, der mit den genau richtigen Stilmitteln mitten ins Schwarze trifft.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen