Die Rettung einer ganzen Welt

Autor: Jürgen Seidel
Genre: Roman
Verlag: dtv premium
ISBN: 978-3-423-26166-1
Erscheinungsdatum (D) 09.02.18 Seiten 478

Die Rettung einer ganzen Welt

Inhalt

„Hätte es damals in Berlin Dr. Fareed nicht gegeben, dieser kleine Saal wäre jetzt menschenleer.“
Dieser Satz leitet jedes Treffen der Familie der Jüdin Bella Servos ein, die im Zweiten Weltkrieg der Deportation durch die Nationalsozialisten entkommen konnte. Auch beim jüngsten Familientreffen in New York City, Ende der 1990er Jahre, wird er wieder halbherzig von einem Familienmitglied heruntergeleiert. Doch so recht interessieren sich weder Bellas Töchter, noch deren Ehemänner und Kinder mehr für das, was Bella damals in ihrer Jugend in Berlin zugestoßen ist. Bella ist unglaublich traurig über diese Tatsache, denn hätte der arabische Arzt Dr. Kamal Fareed sie damals nicht versteckt und so vor der Deportation bewahrt, gäbe es ihre Familie gar nicht.

Bella war in jenen Tagen noch ein unschuldiges, junges Mädchen, das nicht verstehen konnte, warum es von einem Tag auf den anderen der Schule verwiesen wurde und stattdessen auf eine entfernt gelegene jüdische Schule gehen sollte. Warum Dr. Kamal Fareed sie als seine Sprechstundenhilfe anstellte und in einem kleinen Mansardenzimmer bei seiner Verlobten einquartierte, wurde Bella erst allmählich klar. Ihre Liebe zu dem charismatischen Joost stand von Anfang an unter einem schlechten Stern, musste sie sich doch damit abfinden, dass ihre gesamte Welt rasend schnell aus den Fugen geriet. Nun, nach all den Jahren, kommen diese längst vergessen geglaubten Erinnerungen wieder in Bella hoch und verstärken noch das Gefühl, in ihrer eigenen Familie längst eine Fremde zu sein…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

„Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“
Spätestens seit dem Film „Schindlers Liste“ ist dieser Talmudspruch in aller Munde, steht er doch sinnbildlich für all jene, die in den dunklen Zeiten des Nationalsozialismus den unvorstellbaren Mut besaßen, ihr Leben zu riskieren, um das eines anderen zu retten, Auch Jürgen Seidels Roman „Die Rettung einer ganzen Welt“ erzählt eine solche Geschichte – die des fiktiven Dr. Kamal Fareed, der die junge Jüdin Bella und deren Familie vor der Deportation durch die Nazis bewahrte. Das reale Vorbild dieses Dr. Fareed ist der ägyptische Arzt Dr. Mod Helmy, der die siebzehnjährige Jüdin Anna Boros und deren Familie vor den Nazis versteckte und dafür 2013 als erster Araber in die Reihen der von der Yad Vashem geehrten „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen wurde – ebenso wie Frieda Sztuermann, eine ehemalige Patientin, die ihn aktiv unterstützte. Voller Respekt und mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Jürgen Seidel Bellas Geschichte, die durchdrungen ist von dem Wunsch zu vergessen und der Sehnsucht nach Anerkennung ihres Schicksals.

Sowohl in der Zeichnung seiner Charaktere als auch in der Schilderung des schrecklichen Alltags während des Naziterrors beweist Seidel ein fundiertes Wissen und großes psychologisches Gespür. Vor allem Bellas innere Zerrissenheit und ihre ambivalenten Gefühle transportiert er glaubhaft zum Leser und lässt so das Bild einer vom Leben gezeichneten Frau entstehen, der es trotz aller Widrigkeiten gelungen ist, sich ihre Würde und innere Stärke zu bewahren. In „Die Rettung einer ganzen Welt“ durchdringt die Menschlichkeit jede einzelne Zeile und bricht sich, gerade angesichts der menschenverachtenden Haltung der Nazis, schonungslos Bahn. Gerade durch die Rettung einer ganzen jüdischen Familie durch einen Araber macht Jürgen Seidel deutlich, wie viel Menschlichkeit wir Terror und Gewalt entgegenzusetzen haben. „Die Rettung einer ganzen Welt“ ist ein Mut machender Roman, der aufzeigt, wie wichtig und essentiell Vergangenheitsbewältigung gerade in unseren Zeiten immer noch ist.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen