Grenzgänger (2018)

Autor: Mechtild Borrmann
Genre: Roman
Verlag: Droemer
ISBN: 978-3-426-28179-6
Erscheinungsdatum (D) 01.10.18 Seiten 288

Grenzgänger (2018)

Inhalt

Henni Schöning lebt mit ihrer Familie – den Eltern und drei jüngeren Geschwistern – in einem kleinen Dorf an der deutsch-belgischen Grenze. Der Vater, Herbert Schöning, gelernter Uhrmacher, kehrt völlig verändert aus dem Krieg zurück, kann seinen Beruf nicht mehr ausüben und verliert zusehends das Interesse an seiner Familie und allem, was ihr früher wichtig war. Als Hennis Mutter 1947 völlig unerwartet stirbt, sieht sich die Älteste plötzlich in der Verantwortung für ihre Geschwister. Mit Mühe und Not kann sie den Vater davon abhalten, seine vier Kinder in ein Kinderheim zu geben und muss nun etwas für ihre Familie dazu verdienen. Wie so viele hier an der Grenze zu Belgien, beginnt Henni mit dem Kaffeeschmuggel und führt nachts bald schon die anderen Schmuggler über das tückische Hohe Venn durch das Moor. Doch ab 1950 wird der Kaffeeschmuggel immer mehr von organisierten Banden übernommen, und die Zöllner beginnen, auf die Menschen zu schießen. Als eines Nachts Hennis kleine Schwester erschossen wird, bricht die Familie Schöning vollends auseinander.

Henni wird in eine Besserungsanstalt gesteckt, die beiden Brüder kommen in ein kirchliches Heim. Erst sehr viel später erfährt Henni, dass Matthias dort an Lungenentzündung verstorben ist – der Vater spricht schon längst nicht mehr mit der in seinen Augen missratenen Tochter. Auch vom weiteren Schicksal ihres zweiten Bruders und den menschunwürdigen Umständen, denen ihre Geschwister im katholischen Heim ausgesetzt waren, erfährt Henni erst Jahre später. Entgegen aller Widerstände geht Henni vor Gericht und nimmt den ungleichen Kampf um Gerechtigkeit und Menschenwürde auf…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Es ist ein düsteres und beschämendes Stück Zeitgeschichte, mit dem uns die Autorin Mechtild Borrmann in ihrem neuen Roman „Grenzgänger“ konfrontiert. Verpackt in einen bewegenden Familienroman schildert Borrmann, unter welch unwürdigen, menschenverachtenden und gefühlskalten Zuständen Kinder in der Nachkriegszeit in kirchlichen Heimen aufwachsen mussten. Stellenweise sind Borrmanns Beschreibungen unerträglich und fordern dem Leser ein großes Maß an Durchhaltevermögen ab. Es ist unfassbar, auf welch bestialische Weise hilflose Kinder unter dem Deckmantel der christlichen Nächstenliebe gequält und gedemütigt wurden. Auch wenn die Autorin am Ende betont, dass es sich hier um eine fiktive Geschichte handelt und ihre Figuren frei erfunden sind, macht sie doch klar, dass die von ihr beschriebenen Zustände auf Archivmaterial, Dokumentationen und Aussagen von Zeitzeugen beruhen. Umso bedeutender ist deshalb dieser berührende Roman, der auf eindringliche Weise deutlich macht, dass dieses finstere Kapitel der deutschen Vergangenheit auf keinen Fall vergessen werden darf.

Wie bereits in ihrem vorherigen Roman „Trümmerkind“ beeindruckt Mechtild Borrmann erneut mit ihrer eindringlichen Sprache, die den Leser in einen regelrechten Sog zieht und ihn in atemloser Spannung hält. Dabei gelingt es ihr, frei von jedem Pathos zu erzählen und gerade deshalb mit dieser beklemmenden Geschichte zutiefst zu berühren. Präzise und messerscharf ist die Zeichnung der Charaktere, die gerade ihres teilweise ambivalenten Tuns wegen unglaublich authentisch wirken. „Grenzgänger“ ist ein Roman, der mit jeder Zeile die Bedeutung von Vergangenheitsbewältigung spürbar macht und gerade aus diesem Grund unglaublich wichtig ist.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen