Das gerettete Kind

Autor: Renate Ahrens
Genre: Roman
Verlag: Droemer
ISBN: 978-3-426-28114-7
Erscheinungsdatum (D) 01.03.16 Seiten 352

Das gerettete Kind

Inhalt

Im Jahr 1939 gelangte die damals zwölfjährige Irma mit einem jüdischen Kindertransport nach Großbritannien und landete schließlich in einem kleinen Ort in Irland. Nun ist Irma 86 Jahre alt und erholt sich gerade von einem schweren Herzinfarkt. Während ihre beiden erwachsenen Zwillingssöhne ihr Ein und Alles sind, ist das Verhältnis zu ihrer Tochter Leah mehr als angespannt. Leah wirft ihrer Mutter vor, zurückweisend und kühl zu sein und hat sich längst von ihr distanziert. Doch auch Leah pflegt eine eher schwierige Beziehung zu ihrer achtzehnjährigen Tochter Rebecca, übt sich in Disziplin und Pflichterfüllung, anstatt zu spüren, was ihre Tochter wirklich braucht.

Keiner in der Familie ahnt etwas von Irmas dunkler Vergangenheit und dem schweren Schicksal, das die alte Frau nun schon so lange ganz alleine erträgt, denn um ihre Kinder und ihren verstorbenen Mann zu schonen, hat sie nie etwas von ihren Kindheitserinnerungen durchblicken lassen, sondern hat diese ziemlich erfolgreich verdrängt. Sie ist die einzige ihrer Familie, die damals den Holocaust überlebt hat, musste ihre Eltern und ihre beste Freundin zurücklassen und glaubt, damit schwere Schuld auf sich geladen zu haben. Als Rebecca gegen den Willen ihrer Mutter nach Hamburg reist, um dort mit ihrem deutschen Freund zusammenzusein, beginnt sie, Fragen zu stellen und Nachforschungen anzustellen – und damit bröckeln die so lange gewahrten Geheimnisse und verhärteten Beziehungsgeflechte…

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Renate Ahrens befasst sich in ihrem Roman „Das gerettete Kind“ mit einem hoch aktuellen Thema, hat doch die Traumaforschung in jüngster Zeit erkannt, dass Traumata von Generation zu Generation weiter „vererbt“ werden, so lange bis jemand sie aufbricht und das Schreckliche offen anspricht und so beginnt, es zu verarbeiten. Vor allem die Kriegstraumata sind bei uns Deutschen ein großes Thema, liegen doch beide Weltkriege noch in relativ naher Vergangenheit. Am Beispiel von Irma, ihrer Tochter Leah und der Enkelin Rebecca macht Ahrens deutlich, wie ein nicht verarbeitetes und vor allem verschwiegenes Trauma das Leben der nachfolgenden Generationen vergiften kann, so dass Nachkommen, wie im Fall von Leah, kaum in der Lage sind, wirklich ihr eigenes Leben zu leben. Voller Empathie und Einfühlungsvermögen erzählt Ahrens die Geschichte einer Überlebenden des Holocaust, die über viele Jahre hinweg versucht hat, die schrecklichen Erlebnisse ihrer Kindheit zu vergessen, nur im hohen Alter unerbittlich von ihnen eingeholt zu werden.

Dabei ist „Das gerettete Kind“ aber in erster Linie ein Roman, der Mut macht – Mut dazu, das Schweigen zu brechen und dadurch Befreiung und Erlösung zu erlangen. Denn während alle in Irmas Umgebung versuchen, die alte Frau von ihren Erinnerungen zu beschützen, erkennt die, dass sie nicht länger davor davonrennen kann. Auf eindringliche Weise macht Renate Ahrens deutlich, dass Versöhnung zwischen den Generationen erst dann geschehen kann, wenn alte Verletzungen und verdrängte Geheimnisse endlich ans Tageslicht kommen. „Das gerettete Kind“ ist gerade für die Generationen der „Kriegskinder und –enkel“ ein sehr wichtiges und heilsames Buch, das Mut macht, das Schweigen zu brechen und damit unsere Kinder und Enkelkinder von alten Traumata zu befreien.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen