Das Haus der fünf Sinne

Autor: Nadeem Aslam
Genre: Roman
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00077-6
Erscheinungsdatum (D) Januar 2010 Erschienen 2008
Seiten 460
Übersetzung Bernhard Robben

Das Haus der fünf Sinne The Wasted Vigil

Inhalt

Am Rande der Tora-Bora-Berge Afghanistans steht eine verlassene Parfüm-Manufaktur, in der der Brite Marcus Caldwell ganz alleine lebt. Seine afghanische Frau wurde von den Taliban gesteinigt und auch seine geliebte Tochter Zameen wird nie wieder zu ihm zurückkehren. Trotzdem bleibt Marcus in diesem Land, das ihm alles genommen hat, denn noch hat der die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages seinen Enkelsohn wieder zu finden. In diesen schrecklichen Zeiten, in denen Spezialkräfte der US-Armee auf der Suche nach Terroristen die Gegend durchstreifen, stößt die Russin Lara zu Marcus. Sie sucht verzweifelt nach ihrem während der sowjetischen Besatzung verschwundenen Bruder und lebt von nun an mit dem einsamen Briten in dessen seltsamen Haus, in dem die Bücher an die Decken der Räume genagelt sind.

Doch Lara soll nicht die einzige bleiben, die Unterschlupf in Marcus´ Haus findet. Zu den beiden gesellt sich der amerikanische Juwelenhändler David, der einst Zameen liebte und ebenfalls auf der Suche nach deren spurlos verschwundenen Sohn ist. Auch ein junger afghanischer Zelot findet eher unfreiwillig Unterschlupf bei Marcus – und seine Gedanken und Sehnsüchte drehen sich vornehmlich um Bomben, Blut und den Märtyrertod. Auf zugleich unheilvolle und sehnsüchtige Art verschlingen sich die Schicksale dieser Menschen im Schatten eines fürchterlichen und nicht enden wollenden Krieges.

Buchkritik von Stefanie  Rufle

Nadeem Aslam gelingt es auf erschreckend subtile Weise, das Bild von einem Land zu entwerfen, das sich seit zwei Generationen im Würgegriff eines grausamen und sinnlosen Krieges befindet. Dennoch ist „Das Haus der fünf Sinne“ kein deprimierendes oder gar entmutigendes Buch geworden, ganz im Gegenteil. Der Leser bekommt Einblick in eine Welt voller Liebe und Verzweiflung, Schmerz und Glück, Trauer und Erlösung, religiösem Wahnsinn und tiefer Erkenntnis. Dabei bietet dieser Roman weder Antworten noch Lösungen, macht keine Hoffnungen und zeigt doch in jeder Zeile, dass auch inmitten des schrecklichsten Kriegs und Terrors Leben ist. Seit mehr als vierzig Jahren wird Afghanistan von Gewalt und Angst gebeutelt, seit mehr als vierzig Jahren sind Selbstmordattentate, Tretminen, abgetrennte Gliedmaßen, Kinder mit Holzbeinen, gesteinigte Frauen an der Tagesordnung. Warum hat sich dieses Land trotz alledem diese übergroße Menschlichkeit, den Sinn für Mythen und Poesie bewahrt? Wer „Das Haus der fünf Sinne“ liest, bekommt die Antwort auf diese Frage, staunt immer wieder über die kleinen Wunder, die den Alltag der Menschen dort prägen.

Es ist ein furchtbares und traurig machendes Familiendrama, das Nadeem Aslam vor seinen Lesern ausbreitet. Besonders erschreckend ist dabei die beinahe beiläufige Schilderung von sinnlosem Sterben, das in Afghanistan an der Tagesordnung zu sein scheint. Hier gibt es keine Sicherheiten, jeder Schritt könnte der letzte sein. Und doch wird in diesem Roman von Menschen erzählt, die nicht die Hoffnung auf Frieden und Glück aufgeben. „Das Haus der fünf Sinne“ ist somit gewalttätig und schön zur gleichen Zeit, verwebt Geschichten von großer Liebe, zerstörten Leidenschaften und nie enden wollenden Hoffnungen mit einem der größten politischen Dramen unserer Zeit. In einer fast schon schmerzhaft poetischen Sprache erzählt Nadeem Aslam vom Schicksal eines Landes und seiner Bewohner und beweist damit großen Mut und behutsames Einfühlungsvermögen.

Für seinen Debütroman „Season of the Rainbirds“ (1993) wurde Nadeem Aslam mit dem Betty Trask Award ausgezeichnet, für „Atlas für verschollene Liebende“ u. a. mit dem Kiriyama Pacific Rim Prize 2005.

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen