Interview mit...

...Zoran Drvenkar


"Lies die erste Seite, lieber Leser, beiß an oder lass es sein."

Mit Booksection im Gespräch: Thriller-Autor Zoran Drvenkar über "Still".

Booksection.de: Zoran, erst mal Glückwunsch zu solch einem gelungenen Thriller, den wir geradezu verschlungen haben. So wie es aussieht, bist Du Deiner Linie treu geblieben und schreibst den Klappentext noch immer selbst, damit nicht zu viel verraten wird. Im Fall von „Still“ fanden wir den Text aber sehr diffus, sodass man gar nicht wusste, worauf man sich bei diesem Buch einlässt. War das Absicht?
Zoran Drvenkar: Für mich sollten Klappentexte Teaser sein, die mich als Leser anlocken, die ich aber nicht durchschauen darf. Ein Textauszug reicht völlig oder ein paar nette Worte vom Autor. Üblicherweise sind Klappentexte ein kleines Verbrechen an der Literatur. Es ist doch unglaublich, wie oft der Verlag die ersten 100 Seiten des Buches vorwegnimmt. Manchmal ist es die ganze Geschichte mit Finale. Wären wir in den 80ern, würde ich Buttons machen und den Leuten an die Jacken heften. KLAPPENTEXTE, NO THANK YOU, GO HOME. Ich finde, der Leser darf zwar eine Ahnung haben, aber er soll nicht alles wissen, denn das stiehlt ja den größten Spaß. Er soll das Unerwartete betreten, das Unerforschte selbst erforschen und nicht immer an die Hand genommen werden.

Booksection.de: Könntest Du Dir vorstellen, dass dann einige Leser das Buch in der Buchhandlung wieder zur Seite legen, weil sie so gar nicht verstehen, worum es geht?
Zoran Drvenkar: Das ist in Ordnung. Ich will sie nicht dadurch ködern, dass ich ihnen den Plot oder ein paar Clous verrate. Du hast mein Buch in die Hand genommen, das sollte Einladung, Warnung und Lockmittel genug für dich sein. Ich lege von 10 Büchern 9 weg nachdem ich die erste Seite gelesen habe. So viel Zeit sollte sein. Klappentexte ködern auf billige Art, und meistens weiß der Autor nicht einmal, was ihm da angetan wird. Lies die erste Seite, lieber Leser, beiß an oder lass es sein.

Booksection.de: Du hattest außerdem im Interview zu „Du“ gesagt, dass Du willst, dass Deine Bücher auf der rechten Seite enden. Dies ist hier aber nicht der Fall. Hast Du Deine Meinung geändert?
Zoran Drvenkar: Es ist schiefgegangen. Der Text ließ sich nicht weiter strecken. Ich hatte keine Chance. Die brillante Frau, die Satz und Gestaltung gemacht hat, konnte mir auch nicht helfen. So ist das manchmal. Du rufst in den Wald und niemand ruft zurück.

Booksection.de: Du schreibst nach wie vor gerne in Personen, also „Du“ und „Ich“ und in diesem Buch nun auch in der „Sie“ Person (in dem Fall im Plural). Du hattest mal gesagt, dass Du die „Du“ Person besonders liebst, weil sie dem Leser „in den Nacken“ atmet. Das kann man bei „Still“ nur bestätigen. War die „Du“ Person in diesem Buch für Dich auch besonders „lebendig“, obwohl sie ja alles andere als lebendig ist in der Handlung?
Zoran Drvenkar: Sowas entscheidet sich immer beim Erzählen. Der Du-Charakter in Still kam mit einer Menge Trauer, einer kleinen Spur Wahnsinn und einem unfassbaren Überlebenswillen. Ich habe nicht damit gerechnet. Ich denke mal, mit dem Großteil meiner Charaktere würde ich mich nicht einmal anlegen, wenn mir jemand eine Armee an die Seite stellen würde.

Booksection.de: Im Nachwort bedankst Du Dich u.a. dafür, dass man Dich „wieder aus der Dunkelheit“ geholt hat. Heißt das, dass diese Geschichte Dir besonders nahe gegangen ist?
Zoran Drvenkar: Mir gehen alle meine Geschichten sehr nahe, aber manche sind spaßnahe, andere sind verwirrungsnahe, dann gibt es rätselhaftnahe und romantischnahe gibt es auch. Grausamnahe ist das Schlimmste, nicht weil ich grausam bin, sondern weil mir manche Stories auf den Leib rücken und sich wie eine Zecke an meine Seele heften. Stories wie Still oder Sorry. Und ich darf sie nicht ignorieren, denn ich will ja das Buch beenden, ich habe eine Verantwortung gegenüber der Geschichte, also schreibe und schreibe ich, während die Story an meiner Seele saugt. Es ist ein Rennen mit der Zeit: Beende das Buch, bevor die Geschichte sich sattgesaugt hat und dir nichts mehr von deine Seele bleibt. Jetzt ist es vorbei, jetzt heilt die Wunde, die Story ist beendet, das Buch fertig und ich pflege es, wie man etwas pflegt, das fremd, grausam und gefährlich ist, aber auch meine Liebe verdient.

Booksection.de: Du kannst Dich von den Charakteren bis auf wenige Ausnahmen gut distanzieren. Wie war das bei „Still“?
Zoran Drvenkar: Beim Schreiben sehr nahe, dann heißt es Abschied nehmen. Aber ich muss mich nur hinsetzen und die Charaktere auf dem Papier wieder erwecken, und es ist, als hätten wir uns nie verabschiedet. Das merkt man am besten bei der Kurzhosengang.

Booksection.de: Wieder spielen tiefe menschliche Triebe eine große Rolle in dieser Geschichte. Und wieder sind die Grenzen fließend. Das ist schon immer wieder Thema bei Dir, nicht wahr?
Zoran Drvenkar: Die Grenzen zwischen Gut und Böse müssen immer fließend bleiben, sonst hättest du einen Schwarz/Weiß-Roman und dafür hat uns die Evolution nun doch schon zu weit getragen. Ich denke, das Thema wird nie ruhen. Ich komme immer wieder zur Dunkelheit zurück, versuche sie zu durchschauen und irgendeinen Sinn in ihr zu sehen. Ich gebe nicht auf. Irgendwann werde ich sagen können: Ich hab’s kapiert. Und dann sehen wir weiter.

Booksection.de: Du hattest uns gesagt, dass Du oftmals erst am Ende noch ganze Absätze, Passagen, Seiten umschmeißt oder umschreibst, weil Du beim Schreiben erst mal der Handlung und den Charakteren freien Lauf gelassen hast. Hast Du Deine Arbeitsweise mittlerweile geändert oder ist sie noch so wie früher?
Zoran Drvenkar: Keine weltbewegenden Veränderungen. Es ist weiterhin eine seitenweise Entdeckungsreise, und ich bin mittendrin und bekomme von meinen Charakteren ab und zu eins in die Fresse und wundere mich, wann ich es endlich mal lernen werde, sie besser zu kontrollieren. Die Antwort ist: nie. Kontrollierte Charaktere sind tote Charaktere, Puppen an Schnüren. Meine blecken die Zähne, meine ziehen das Messer, wenn ich auch nur an Kontrolle denke. Zum Schluss darf ich an der Geschichte feilen, zum Schluss darf ich verschieben und verändern, aber wehe ich komme meinen Charakteren quer. Dann gibt es Ärger.

Booksection.de: Bist Du bereits wieder an einem neuen Projekt oder befindest Du Dich gerade in einer Deiner – wie Du sie selbst genannt hast - „faulen“ Phasen?
Zoran Drvenkar: Ich bete für eine faule Phase, ich mache Regentanz für eine faule Phase, nachts kannst du mich durch die Berliner Straßen taumeln sehen auf der Suche nach einer faulen Phase, die mich mit in ihr Bett nimmt. Ich würde alles tun für eine faule Phase.
Ich sitze gerade an dem zweiten Teil von Der letzte Engel und schwanke zwischen Panik, Ungeduld und Euphorie. Ich tippe und tippe und sehe zur Erholung Serien, lese und lese und gehe dann wieder an die Arbeit, schwitze und ackere und saufe Kaffee, saufe literweise Wasser, verfluche die Hitze, warte auf den Herbst und bete für eine faule Phase. Der zweite Teil vom Engel heißt Der Ruf aus dem Eis und wird im Frühjahr erscheinen. Im selben Frühjahr erscheint gleichzeitig ein Gedichtband mit Photographien. Und der ist so entstanden: Die Photographin Corinna Bernburg hat ein Jahr lang jeden Tag ein Schwarz-Weiß-Foto gemacht. Egal von was, egal wo, wichtig war nur, das Foto musste vor Mitternacht auf meinem PC landen. Bis Mitternacht hatte ich dann Zeit ein Gedicht zu dem Foto zu schreiben. Wir haben das ein Jahr lang jeden Tag durchgezogen. Die ersten drei Monate erscheinen als Buch im März 2015 - links immer das Foto, rechts immer das Gedicht. Das Buch wird heißen Könnte ich meine Sehnsucht nach dir sammeln. Und mehr Werbung kann ich für dieses Buch jetzt nicht mehr machen.

Booksection.de: Du warst ja mal zwischenzeitlich in Irland gewesen und lebst jetzt bei Berlin in einer alten Kornmühle. Packt Dich bald wieder das Fernweh oder ist es derzeit einfach gut, so wie es ist? Planst Du oder lässt Du – wie beim Schreiben – den Dingen einfach gerne ihren Lauf?
Zoran Drvenkar: Kein Fernweh mehr, keine Suche nach dem großen Glück, keine Unruhe. Ich bin hier Zuhause, ich liebe El Germania, ich mag die Luft und die Menschen, ich verehre mein Haus, ich verehre mein Leben, ich beschwere mich über bellende Hunde und die Hitze, aber ansonsten ist alles gut. Ich bin angekommen bei mir. Es ist der beste Ort, den du dir vorstellen kannst. Es fehlt nur noch der Winter, ein paar Tonnen Schnee, vielleicht noch der abgeschlossene zweite Teil vom letzen Engel und du könntest mich vor Glück bis nach Bad Säckingen seufzen hören.



Das Interview wurde am 24.07.2014 durch Angelika Koch geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 29.07.2014

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