Interview mit...

...Zoran Drvenkar


Dieses Interview hat viel Spaß gemacht!

"Ich kann mir alles erlauben, was ich möchte, weil ich nicht pädagogisch bin."

Mit Booksection im Gespräch: Thriller-Autor Zoran Drvenkar über "Sorry" und "Du".

Booksection.de: Du hast Kinder- und Jungendbücher geschrieben und bist jetzt mit „Sorry“ und „Du“ auf ein völlig anderes Gebiet gewechselt. Ist der Sprung zu toughen Thrillern schwer?
Zoran Drvenkar: Nein, für mich ist das alles das gleiche. Für mich ist Schreiben, Schreiben. Genres mag ich persönlich überhaupt nicht. Das war sehr peinlich, als ich den Krimipreis bekam und alle sagten, ich bin jetzt Krimiautor. Das bin ich nicht. Ein Kinderbuch macht die gleiche Arbeit wie ein Jungend- oder ein Erwachsenenbuch. Nur die Charaktere sind jünger. Ich gehe in jedem Fall gleich an die Romane heran. Zunächst muss ich die Charaktere entdecken, daher existiert der Wechsel zwischen Jungend- und Erwachsenbuch für mich nicht. Es macht mir mehr Spaß Kinder- und Jugendbücher zu schreiben, weil es mir leichter fällt. Das merkt man auch im Buch „Du“. Die jugendlichen Charaktere flutschen wie nichts. Da lässt meine Seele absolut los, das ist mir noch am nahesten. Die anderen Figuren sind so dunkel, an diesen muss ich mehr arbeiten. Die Kinderbücher schreibe ich tatsächlich zu Entspannung (lacht). In die Erwachsenenbücher muss ich mehr Kraft hineinstecken, sie kosten mich mehr Schweiß. Ich schreibe meine Bücher auch nicht für das Publikum. Es ist zum Beispiel ein Kinderbuch, weil der Charakter sieben oder acht Jahre alt ist, aber nicht, weil ich mich damit bewusst an ein junges Publikum wende, sondern weil ich etwas über den Charakter erzählen möchte. Ich hätte auch gerne gehabt, dass „Du“ als Jungendbuch herauskommt. Es sollte zunächst „Die süßen Schlampen“ heißen, weil das meine Hauptcharaktere waren. In der ersten Idee von dem Buch gab es den Reisenden noch gar nicht.

Booksection.de: Diese Figur hätte zu einem Jugendbuch auch nicht gepasst…
Zoran Drvenkar: Genau. Ich traue meinen Lesern aber auch eine Menge zu. Wenn sie 15 oder 16 Jahre alt sind, können sie „Du“ schon lesen. Aber ich habe gemerkt, dass ein dunkler Ton in die Geschichte kam. Der Verlag hielt „Die süßen Schlampen“ letztlich auch nicht für verkäuflich. Ich sollte mir dann einen anderen Titel einfallen lassen und das einzige was mir geistesblitzartig einfiel, war dieses „Du“, weil es die Erzählform ist. Weil es alles umschließt.

Booksection.de: Es ist eine sehr ungewöhnliche Erzählform. Das Springen zwischen den einzelnen Persönlichkeiten ist sehr interessant für den Leser. Zudem springst Du auch zwischen den Zeiten, mal ist es Gegenwart, dann wieder Vergangenheit. Stück für Stück ergibt sich dann daraus die Geschichte. Wie ist die Idee entstanden, immer zwischen den Protagonisten zu wechseln und aus deren Sichtweise zu erzählen?
Zoran Drvenkar: Eigentlich schreibe ich am liebsten simple Bücher. Die Geschichte beginnt, sie endet, alle sind glücklich weil sie zu Ende ist (lacht). Irgendwie, ich weiß nicht warum, verstricke ich mich aber jedes Mal. Ich fange an zu schreiben und denke plötzlich: Geh mal sechs Jahre zurück, wechsle den Charakter oder etwas in der Richtung. Ich weiß nicht warum. Wenn es mir dann auffällt, denke ich: “Nein, warum hast du das schon wieder getan?“ Es ist dann zwar eine runde Geschichte, sie macht Spaß, aber ich würde mir wirklich wünschen, eine stringente Geschichte zu haben (lacht). Ich verliere mich einerseits, aber ich merke auch, dass ich dadurch Spannung aufbaue. Daher mache ich das auch. Es ist auch Ausdruck dafür, wie ich beim Schreiben denke. Ich fange mit einer Passage an, komme zu einer bestimmten Stelle und denke dann: „Mach etwas Neues!“ Ich höre auf die Charaktere und die sind manchmal da und manchmal nicht. Wenn sie nicht da sind, schreibe ich etwas anderes. Das wird dann ein großes Puzzle, und ich bin froh, einigermaßen den Überblick zu behalten.

Booksection.de: Wirklich erstaunlich. Beim Lesen habe ich mich oft gefragt, wie Du den Überblick behältst.
Zoran Drvenkar: Darauf bin ich auch stolz (lacht). Ich kann es nicht erklären und ich könnte es auch niemals nachvollziehen. Es ist ein Bauchgefühl. Und ich hoffe immer, dass sich am Ende alles fügt. Meine Leute müssen es dann lesen und wenn die mir sagen: „Es funktioniert nicht“, dann geht die Arbeit von vorne los.

Booksection.de: Eine sehr intuitive Arbeitsweise ohne Konzept und roten Faden…
Zoran Drvenkar: Natürlich sollte man sich nach ca. 300 Seiten zusammenreißen und die Geschichte dann haben. Sonst hat man tausende von Seiten vor sich. Aber das ist das, was du auch von anderen Büchern lernst. Die Geschichte ist ja in meinem Kopf, du weißt, welche Tricks man anwendet, damit die Figuren atemlos dastehen. Gehst du nur eine Stunde zurück, bringt das die ganze Geschichte durcheinander. Das stellt sich dann aber meist erst hinterher heraus. Beim reinen Schreiben ist das alles nur Emotion und ich hoffe, dass meine Charaktere überleben.

Booksection.de: Das kann ich nur bestätigen. Aufgefallen ist mir auch die besondere Art der wörtlichen Rede – nur mit einem Spiegelstrich beginnend. Das ist etwas, was für den Leser neu ist und was aber auch sehr gefangen hält. Man muss sich konzentrieren und man weiß auch nicht, wann die wörtliche Rede endet.
Zoran Drvenkar: Was glaubst Du, warum ich das mache? Du wirst nie erraten, warum ich die Striche mache (lacht). Es geht schneller! Die Anführungszeichen musst Du unten machen, dann schreiben und dann wieder oben machen. So schreibst du einfach einen Strich und es geht los. Ich habe diese Form irgendwann einmal in einem amerikanischen Buch gelesen, dachte, dass es so einfacher ist. Ich glaube es war bei „Betty Blue“ von Philippe Djian. Der Verlag ist jedes Mal nicht begeistert, wegen der Rechtschreibung. Gerade bei den Kinderbüchern. Manchmal setze ich mich durch, manchmal nicht. Dummerweise gibt es von 1870 einen Duden, wo mit Strichen geschrieben wird. Somit ist es legitim und ich darf es eigentlich machen.

Booksection.de: Ich kannte dieses Stilmittel bislang nur aus einem anderen Buch und auch dort hat es mich „bei der Stange“ gehalten. Man muss konzentrierter lesen. Ich war mir sicher, Du verwendest es bewusst.
Zoran Drvenkar: Nein, nein. Das ist nur meine Art voranzumachen. (lacht). Ich schreibe nur mit zwei Fingern und muss auf die Tastatur schauen, damit ich weiß, wo die Buchstaben sind. Ich hacke vor mich hin (grinst). Die Du-Person habe ich auch schon bei „Sorry“ verwendet und bei einem Jungendbuch, das ich vor sieben Jahren geschrieben habe, „Cengiz & Locke“. Ich liebe die Du-Person. Sie kommt sehr nahe an den Leser heran. Atmet ihm in den Nacken. Das ist für viele auch unangenehm. Aber ich liebe es, das Böse so nahe heranzubringen. Ich schreibe vieles in der Ich-Person oder in der Er-Person und wandle es dann um, um zu sehen, wo es funktioniert. Ganz häufig, wenn ich mit der Du-Person fest hänge, mache ich daraus die Ich-Person, schaue wie es läuft und wandle es dann wieder um. Das Gefühl ändert sich auch beim Schreiben, das ist sehr subtil. Viele denken, die Du-Person, das sind die Gedanken des Charakters. Das ist Quatsch. Ich sage ihm, wie er sich fühlt. Ich bin sozusagen sein kleiner Gott von oben, der genau weiß, was 300 Seiten weiter passiert. Der dem Charakter sagt: „Mach dich bereit, gleich passiert etwas.“ Das finde ich großartig, spannend und absolut dynamisch.

Booksection.de: Du hast gesagt: „das Böse so nahezubringen“. Das ist diese Intensität, die diese Bücher auch transportieren. Auch „Du“ ist wieder atemberaubend. Schlaflose Nächte inbegriffen. Es verfolgt einen. Es fällt einem als Leser sehr schwer Distanz zu wahren. Wie schwer ist das für Dich?
Zoran Drvenkar: Das ist ganz einfach. Wirklich! Natürlich ist das, was du beschreibst ein Traum für jeden Autor. Wir wollen ja bei euch im Kopf bleiben. Es geht nicht darum Angst zu machen, sondern darum etwas zu erzählen. Frag mich nicht, was ich erzählen will, das weiß ich nicht (lacht). Ich habe keinen blassen Schimmer, ganz ehrlich. Alles kommt aus dem Bauch heraus. Erst ein, zwei Jahre später, wenn ich alle Kommentare gehört habe, denke ich: „Genau, das wollte ich sagen (lacht). Da klingt verdammt gut.“ Wenn ich schreibe, auch wenn ich düster werde, bin ich mittendrin und es tut mir auch weh zwischendurch, aber wenn ich aufgehört habe, ist Feierabend. Ich habe mein Leben und die Geschichte geht weiter. Bei „Sorry“ war das ein Haken. In der Mitte beginnt die Geschichte mit den beiden Jungs. Das ging mir so nahe beim Schreiben, dass ich aufgehört habe und nicht weitermachen konnte. Ich konnte nicht in die Geschichte zurückkommen, weil das Schwierige daran nicht ist, damit zu leben, sondern wieder zurückzugehen. Du musst ja weitermachen. In der Zeit, wo ich mit „Sorry“ eine Pause gemacht habe, habe ich drei Kinderbücher geschrieben. Die waren mein Ventil. Ich hatte Spaß, habe alles rausgelassen, wusste aber in der Zukunft wartet ein Roman, der noch weitergeschrieben werden will. Das war die Furcht. Wenn ich dann wieder in der Geschichte bin, ist aber wieder alles in Ordnung. Ich kann ganz schnell aussteigen. Wenn ich einen Roman schreibe, habe ich ihn immer im Kopf, aber wenn es vorbei ist, ist es vorbei.

Booksection.de: Warst Du Dir beim Schreiben bewusst, dass es dem Leser nicht so gehen wird?
Zoran Drvenkar: Ich denke nicht an den Leser. Er existiert für mich nicht. Es geht um meine Charaktere. Sie sind mein Publikum, für das ich erzähle. Das klingt immer so etwas psychotisch. So als ob ich vollkommen durchgeknallt bin: Charakter, die machen was sie wollen. Ich tippe sehr schnell, auch wenn es nur zwei Finger sind und ich tippe wirklich Sachen, mit denen ich im Moment nicht rechne. Meine Charaktere sind gut drauf. Die Witze, die sie machen - ich plane keine Witze – sind plötzlich da. Ich lasse meine Charaktere quatschen und denke: „Verdammt was haben sie jetzt schon wieder gemacht?“ Natürlich kann ich es ändern, aber das wäre nicht ehrlich. Natürlich kann ich jeden meiner Charaktere retten, aber du willst ja auch eine Ehrlichkeit haben, willst, dass es beim Leser die Spannung hochtreibt. Es ist ein Spiel zwischen „Wie treu bist du deinem Charakter“ und „Wie weit bist du mit der Geschichte“. Das ist sehr verrückt, ich weiß.

Booksection.de: Viele Autoren erzählen, dass ihre Figuren während des Schreibens ein Eigenleben entwickeln und dass sie sich in manchen Situationen anders verhalten, als der Autor das geplant hatte.
Zoran Drvenkar: Da bin ich ja froh im Club dabei zu sein. (grinst)

Booksection.de: Es ist spannend, wie Du den Prozess beschreibst. So krass hat das allerdings bislang noch kein Autor beschrieben.
Zoran Drvenkar: Denkst Du bei „Du“ hatte ich eine Ahnung davon, wer „Der Reisende“ ist? Null. Ich schreibe 20 Seiten über ihn und denke immer: „Wer zum Teufel ist das?“ Aber ich mache mir auch keine Gedanken, weil ich weiß: Der kommt ja wieder. Und dann schaue ich, was mit ihm los ist. Ich wäre gerne einer, der mit der Pfeife dasitzt und sagt: „Ja, ja der Reisende. Über ihn habe ich mit lang Gedanken gemacht. An dieser Figur habe ich lange gearbeitet.“ Aber das kommt aus dem Bauch heraus. Er will selber entdeckt werden.

Booksection.de: Gerade über den Reisenden habe ich mir viele Gedanken gemacht. Man könnte ihn als Serienkiller bezeichnen, aber irgendwie auch wieder nicht.
Zoran Drvenkar: Nein ist er nicht. Ich habe wirklich viele Bücher gelesen – Krimis, Thriller – und ich kenne, glaube ich, alle Gründe, die dazu führen jemanden zu ermorden. Aber bei „Sorry“ wollte ich einen Charakter, bei dem man nicht darauf kommt, warum er mordet. Natürlich könnte ich irgendeinen alten Grund benutzen, aber der erfahrene Krimileser liest das und denk: „Aha, kenn ich schon.“ Das will ich nicht. Ich will den Leser so auf die Spitze treiben, dass er denkt: “Der Autor hat keine Ahnung. Es gibt keinen Grund für die Morde.“ Ich wollte etwas Ultimatives suchen, etwas ganz Neues. Ich will dem Leser etwas Neues bieten. Jeder kann Thriller schreiben, aber um etwas Neues auszuprobieren, musst du dich trauen.

Booksection.de: So kommt es auch rüber. Deine Bücher sind etwas Neues, etwas Anderes. Auch in punkto Intensität und Ehrlichkeit. Ein Punkt, den Du ja auch schon angesprochen hast. Auch hast Du anklingen lassen, dass Du Dich in diese jungen Mädchen besser hineinversetzen kannst, als in erwachsene Männer.
Zoran Drvenkar: Absolut. Sie haben viel mehr Humor, sind witziger, habe noch etwas vor sich. Ich mag sie einfach mehr. Sobald ich dasitze und über sie schreibe wird automatisch die Sprache anders. Ich kenne keine Jugendlichen. Ich mag keine Jugendlichen. Ich bin über 40, was interessieren mich Jugendliche? Aber die Figuren sind hier drin (fast an sein Herz), ich kenn sie aus meiner Kindheit. Meine Jugendbücher klingen nicht wie Jugendbücher. Ich kann mir alles erlauben, was ich möchte, weil ich nicht pädagogisch bin. Ich habe das Gefühl bei Erwachsenen gibt es einfach mehr Grenzen.

Booksection.de: Deine jungen Figuren wirken immer sehr lebensecht, aber ich dachte mir schon beim Lesen, dass Du nicht wirklich soziale Missstände anprangern willst.
Zoran Drvenkar: Ich habe keine Ahnung von sozialen Missständen. Ich bin sehr weltfremd. Ein Journalist hat mich gefragt, was ich zu dem Buchpreis sage und zu den Nominierten. Viele sind aus dem Ausland. Ich habe keine Ahnung, wer nominiert ist, wer gewonnen hat und warum er gewonnen hat. Ich bekomme die Welt da draußen mit, aber nur durch die Menschen, die mich umgeben. Ihre Probleme. Das reflektiere ich. Von News-Sachen bekomme ich nichts mit. Ich lese keine Zeitung, ich mag kein Fernsehen.

Booksection.de: Würdest Du sagen, dass es Dir Spaß gemacht hat, die Bücher zu schreiben?
Zoran Drvenkar: Natürlich! Du müsstest mich einen Tag lang filmen, wie ich dasitze, während ich schreibe. Ich sitze da, die Musik läuft, ich grinse vor mich hin. Es ist Leben, reines Leben. Erstaunlicherweise kommen viele Bücher dabei heraus. Ich habe dennoch das Gefühl, ich bin faul. Ich sitze manchmal ein, zwei Monate nur da und mache nichts. Lese, schaue Filme höre Musik und denke: jetzt musst du aber mal wieder arbeiten. Dann habe ich 600 Seiten eines Romans und überlege, wann ich das geschrieben habe. Keine Ahnung. Es ist alles Teil des Lebens. In ihm drin. Eigentlich arbeite ich gar nicht, ich habe Spaß (lacht).

Booksection.de: Fantastisch! Dann hast du den idealen Job.
Zoran Drvenkar: Die harte Arbeit beginnt erst, wenn das Buch fertig geschrieben ist und ich es bearbeite. Ich lese es 150 Mal mindestens, bearbeite es immer wieder von vorne. Ich weiß nicht, wie oft ich die ersten 100 Seiten gelesen habe. Bis sie mir zum Hals heraushingen. Ich sehe sie auch gar nicht mehr. Es gibt immer kleine Sachen zu ändern. Ich drehe den einzelnen Satz immer wieder hin uns her. Das ist wirklich harte Arbeit.

Booksection.de: Kann man sagen, die Geschichte fließt aus Dir heraus, aber sie ist noch nicht das fertige Produkt, sondern nur der Rohling. Und an dem schleifst Du dann, bis er fertig ist?
Zoran Drvenkar: Absolut! Wenn ich die 500 Seiten habe, dann steht die Geschichte, aber ich verschiebe auch Kapitel und ich schmeiß vieles raus. Dann wird weiter gefeilt. Von dem ganzen Roman sind ca. 100 Seiten rausgeflogen. Du schreibst fünf, sechs Seiten über Charaktere und merkst: „Das stimmt einfach nicht.“ Dann schmeiße ich es raus und fange von vorne an. Natürlich behältst du es, für den Fall, dass es doch gut ist. (lacht). Du bist ja der Einzige, der das entscheidet und das ist das Schwierige. Du möchtest ja die Leser – also meine privaten Leser – überraschen. Ich kann es ihnen also nicht erzählen. Das ist anstrengend (lacht). Manchmal wünschst du dir jemanden, der sagt: „Geh da entlang, das war eine gute Idee.“ Aber du hast niemanden. Du könntest etwas absolut Geniales kürzen und es gar nicht merken.

Booksection.de:
Im Grunde müssten Dir Deine Protagonisten aber ja schon „sagen“ wo es lang geht?
Zoran Drvenkar: Ja genau. Machen sie auch. Und dann sehe ich es und habe das Gefühl, das ist der falsche Weg gewesen. Ich habe ja auch meinen Anteil daran und häufig schreibe ich aus verschiedenen Blickwinkeln und merke dann, dass er nicht nötig war. Dann gebe ich den Blickwinkel jemand anderem. Was ganz oft passiert ist, ist, dass eine Passage von Nessie von Rute erzählt wird, weil Nessie die Passage nicht gut erzählen kann. Ich habe gemerkt, ich lasse sie einfach falsch erzählen und irgendetwas stimmt nicht. Dann denke ich: „Nimm doch einfach Rute, sie ist mit dabei.“ Und plötzlich bekommt alles eine andere Richtung.

Booksection.de: In „Sorry“ und in „Du“ ist sehr prägnant, dass es keine klare Linie gibt zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Opfer und Täter gibt. Ist das dann auch der Eigendynamik geschuldet?
Zoran Drvenkar: Ja, darum habe ich auch nicht 16 Kriminalromane mit einem Inspektor geschrieben. Das wäre der einfache Weg. Ich lese so etwas auch gerne. Aber weil ich meinen Roman beim Schreiben ja selber entdecke, könnte ich es nicht einbauen. Es würde sehr peinlich werden dem Ganzen eine Moral zu geben. Ich werde oft gefragt, was denn die Moral der Bücher ist. Das muss doch der Leser herausfinden. Ich bin sozusagen entlassen. Ich habe es geschrieben und sobald meine Lektorin es abgenickt hat, bin ich glücklich. Natürlich frage ich meine Lektorin auch ganz oft, ob alles denn Sinn macht, weil ich denke, hoffentlich lässt sie es nicht einfach durch, weil es eine Eigenart von mir ist. Es gibt sehr eigene Autoren, die dann sagen, alles macht einen Sinn und der Lektor darf dann nichts sagen. Dann kommt das Buch raus und alle sagen, dass es keinen Sinn macht und dann würde der Autor den Lektor am liebsten erwürgen. Ein Dilemma (lacht). Da bin ich sehr quälend, weil ich alles hinterfrage. Wir mussten schon einmal alles vom Druck zurückziehen, weil ich solche Probleme entdeckt habe, die keiner vorher gesehen hatte. Das Dumme war, im Februar war das Buch fertig und bis zum Mai musste es lektoriert werden. Es ist also Zeitdruck da. Lektorieren heißt: Sie liest es, gibt mir Anmerkungen, ich lese es wieder. Danach bearbeite ich es wieder und gebe es ihr wieder. Ich kann ihr dann aber nicht sagen, was ich bearbeitet habe, weil ich wieder so viel verändert habe (lacht). Dann muss ich es noch einmal von vorne lesen, vollkommen erschöpft. Am liebsten würde ich das Buch zwei bis drei Jahre liegen lassen, um es mit Abstand zu lesen. Ich bin zu nah dran. Darum sind auch diese „kleinen“ Leute wichtig, die es nebenbei lesen, weil sie es nicht kennen. Für sie ist es ganz neu. Ich könnte jedes Mal von vorn beginnen, weil ich wieder einen Absatz entdecke, der raus könnte. Absatz heißt natürlich beim Druck, dass eine Seite verschoben wird.

Booksection.de: Die Absätze sind ja auch sehr miteinander verwoben…
Zoran Drvenkar: Genau, es bringt alles durcheinander.

Booksection.de: Gerade, wenn man so viel feilt, ist es sicherlich auch schwer den Spannungsbogen zu halten, oder?
Zoran Drvenkar: Ja, du darfst ihn nicht kappen. Außerdem kommt ja noch meine schöne Eigenart hinzu, dass ich will, dass das Buch auf der rechten Seite endet (lacht). Sogar darüber mache ich mir Gedanken. Ich habe sogar schon einmal eine halbe Seite dazugeschrieben, damit das Buch auf der rechten Seite endet. Und eigentlich schreibe ich immer „Ende“ darunter. Es soll einen runden Abschluss haben und nicht auf der letzten Seite nur noch zwei Sätze. Auch die Klappentexte schreibe ich selber. Ich hasse sonst Klappentexte, weil sie mir immer die ersten 100 Seiten verraten. Ich denke dann immer: „Wofür habe ich 100 Seiten geschrieben?“ Oder die Texte passen gar nicht.

Booksection.de: Abschließend würde mich noch interessieren, wie die Figuren denn zu Dir kommen? Wachst Du auf und eine Figur ist morgens da? Oder entwickeln sie sich aus Erfahrungen, aus Erlebnissen?
Zoran Drvenkar: Bei „Du“ hat es mit den süßen Schlampen angefangen. Sie waren im Kino - vier Mädchen – ich hatte noch keine Namen für sie. Der erste Name, der kam war „Stinke“. Ich dache: „Wer heißt Stinke?“ Als ich über sie schrieb, kamen ihre Freundinnen vor. Noch alle ohne Namen. Namen sind ja sehr prägend. Der Name kommt, wenn ich mit einem Charakter mitgehe. Oft heißen sie in den Büchern zunächst „er“ und „sie“. Ich muss den Namen erst finden. Die Charaktere kommen nicht im Schlaf, sondern sie entstehen beim Schreiben. Du schreibst über einen Charakter und er hat in denn ersten 20 Seiten schon so viele neue Charaktere aufgerissen, dass es weitergeht. „Der Reisende“ hatte zu Beginn zum Beispiel nichts mit der Geschichte zu tun. Er war einfach ein Typ, der im Auto saß. Ohne Namen. Plötzlich klickte es dann und er war „der Reisende“. Diese Passagen waren am Anfang auch in der Er-Person geschrieben. Als ich noch näher heranging, wob sich dann alles plötzlich zusammen.
Um auf die Frage zurückzukommen, im Schlaf kommen eigentlich nur die Ideen. Vor dem Einschlafen denke ich aber oft über den Roman nach, gehe deswegen auch schon einmal früher ins Bett (grinst). Plötzlich klickt es dann und ich muss wieder aufstehen und die ganzen Ideen aufschreiben. Es ist großartig! Ich habe keine Ruhepause, wenn ich einen Roman schreibe, er ist immer da und dann kommen auch die besten Ideen. Im Hintergrund läuft eigentlich immer die Frage mit: Wie mache ich weiter?

Booksection.de: Und trotzdem kannst Du Dich so gut von deinem dunklen Roman nach dem Abschluss distanzieren?
Zoran Drvenkar: Ja, bis auf wenige Charaktere wie den Jungs gelingt mir das gut.

Booksection.de: Zoran, vielen Dank für ein spannendes und unterhaltsames Gespräch.
Zoran Drvenkar: Euch auch vielen Dank!



Das Interview wurde am 07.10.2010 durch Angelika Koch geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 14.10.2010

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