Interview mit...

...Wulf Dorn


...zur Buchkritik von "Dunkler Wahn"

"Insofern war es schön, Jan noch ein weiteres Stück seines Weges zu begleiten – auch wenn ihn dieser Weg direkt in seine persönliche Hölle geführt hat."

Mit Booksection im Gespräch: Thriller-Autor Wulf Dorn.

Booksection.de: In „Dunkler Wahn“ erzählen Sie die Geschichte des Psychiaters Jan Forstner, der ja bereits in Ihrem vorigen Roman „Kalte Stille“ die Hauptfigur war, weiter. Was waren die Beweggründe dafür, eine neue Geschichte mit einem bereits bekannten Protagonisten zu erzählen? Hatten Sie das Gefühl, mit Jan Forstner noch nicht am Ende des Weges angekommen zu sein?
Wulf Dorn: Nachdem für mich feststand, dass mein nächster Roman von Stalking handeln würde, überlegte ich, wer als potenzielles Opfer in Frage käme. Ich wollte einen Protagonisten, der aus irgendeinem Grund unfreiwillig ins Licht der Öffentlichkeit geraten war. Außerdem musste es jemand sein, der sich durch eine unbekannte Verehrerin keineswegs geschmeichelt fühlen würde. Da fiel mir sofort Jan ein. Der arme Kerl hatte in „Kalte Stille“ sehr viel Schlimmes durchleben müssen und sehnte sich jetzt nur noch nach einem ruhigen und ganz alltäglichen Leben. Das bot jede Menge spannendes Konfliktpotenzial.
Abgesehen davon mag ich Jan sehr, da wir vieles gemeinsam haben. Er ist die Art von Romanfigur, mit ich mich am liebsten mal auf ein Bier treffen würde. Insofern war es schön, ihn noch ein weiteres Stück seines Weges zu begleiten – auch wenn ihn dieser Weg direkt in seine persönliche Hölle geführt hat.

Booksection.de: Jan Forstner wird ja in „Dunkler Wahn“ das Opfer einer offenbar geistig verwirrten Frau, die ihn verfolgt und beobachtet. Das Thema Stalking wird in der Regel eher in Verbindung mit Frauen als Opfern bearbeitet. Was war Ihre Motivation, einen Mann in den Fokus einer Stalkerin zu rücken?
Wulf Dorn: Mich hatte dieses Thema schon seit längerer Zeit gereizt. Aber da es bereits viele gute Stalking-Thriller gab, wollte ich die Geschichte anders angehen. Zwar kommt es deutlich seltener vor, dass Männer von Frauen verfolgt werden – rein statistisch in weniger als fünf Prozent aller Fälle – , aber gerade deshalb war die Idee für mich interessant. Unter anderem, weil sie mir zusätzlich die Möglichkeit bot, innerhalb eines Thrillers einen kleinen Abstecher in ein Genre zu unternehmen, das mir ebenfalls sehr am Herzen liegt: den klassischen Schauerroman.

Booksection.de: In Verbindung mit der Entstehung dieses Thrillers steht ja Ihren Erzählungen zufolge eine Geschichte, die Sie selbst erlebt haben. Eines Morgens fanden Sie vor der Tür Ihres Hotelzimmers eine rote Rose ohne Absender. Als Frau hat man mittlerweile beinahe verlernt, in einer solchen Situation romantische Gefühle zu empfinden, weil die Angst vor einem Stalker unterschwellig schon vorhanden ist. Ging es Ihnen als Mann ähnlich?
Wulf Dorn: Ja, es war schon ein seltsames Gefühl. Vielleicht hätte ich anders empfunden, wenn der Rose eine Nachricht beigelegen hätte. Aber wenn man als Mann von einer unbekannten Person Rosen geschenkt bekommt, hat das auch heutzutage noch etwas Befremdliches. Möglich, dass mir da die Phantasie des Thrillerautors einen Streich gespielt hat, aber auch mir war in diesem Moment nicht wirklich romantisch zumute.

Booksection.de: Die Idee, dass ein Mörder im Beichtstuhl sein finsteres Geheimnis gesteht und der Priester daraufhin dazu verurteilt ist, zu schweigen, taucht ja immer wieder in diversen Filmen oder Romanen auf. Wie kamen Sie auf den Gedanken, dieses Motiv in Ihrem Thriller zu verwenden?
Wulf Dorn: Wer den Roman gelesen hat, wird feststellen, dass diese Beichtstuhlszenen wichtige dramaturgische Gründe hatten. Unter anderem wollte ich eine Situation schaffen, die für zusätzliche Konflikte sorgt. Denn zum einen haben wir einen Protagonisten, der die Identität einer gemeingefährlichen Unbekannten herauszufinden versucht, und dann gibt es den jungen Priester, der diese Unbekannte erkennt, aber nicht darüber sprechen darf. Noch dazu sind die beiden miteinander befreundet, aber sie können sich gegenseitig nicht helfen und beide drohen daran zu zerbrechen. Diese Idee gefiel mir sehr.

Booksection.de: Indem Sie die Geschichte immer wieder auch aus der Perspektive der Stalkerin erzählen, lassen Sie die Leser Anteil an deren kranken Gedanken und Ideen nehmen. Da Sie ja selbst in einer psychiatrischen Klinik arbeiten, sind hier sicherlich auch Erfahrungen aus Ihrem beruflichen Alltag eingeflossen. Ist es Ihnen trotzdem leicht gefallen, die Gedanken eines psychisch kranken Menschen darzulegen?
Wulf Dorn: Die faszinierendste und deshalb am schwersten darzustellende Person in einem Thriller ist nun einmal der Antagonist. In diesem Fall handelt es sich um eine geistesgestörte Frau. Sie soll böse sein, aber keinesfalls wie ein Klischee erscheinen. Also brauchte sie eine nachvollziehbare Motivation und da es sich dabei um einen Wahn handelte, musste dieser für die Leser begreifbar werden. Deshalb die Einblicke in die Wahnwelt der Stalkerin. Mir lag viel daran, so tief wie möglich in die Gedanken dieser psychisch kranken Persönlichkeit einzutauchen, um sie für die Leser plastisch werden zu lassen. Das fiel mir nicht immer leicht und nach der Rotkehlchen-Szene brauchte ich auch erst einmal eine kurze Pause. In der Zeit habe ich dann Asterix gelesen. (lacht)

Booksection.de: Bei der Lektüre Ihrer Thriller kann man manchmal einfach nicht anders, als einen verängstigten Blick über die Schulter zu werfen, nur um sicherzugehen, dass im Dunkeln nicht doch etwas Böses lauert. Geht es Ihnen ähnlich, wenn Sie gerade beim Schreiben sind oder sehen Sie Ihre Geschichte dann eher aus einer rein sachlichen und rationalen Perspektive?
Wulf Dorn: Dazu gibt es eine nette Geschichte: Während ich an der Szene arbeitete, in der Jan nächtlichen Besuch erhält, war ich ziemlich angespannt und völlig in die Geschichte vertieft. Plötzlich sprang mir meine Katze auf den Schoß, wie sie es häufiger tut, wenn sie meine Aufmerksamkeit erregen möchte. Ich erschrak derart, dass ich einen Schrei ausstieß und meine Frau aus dem Garten angerannt kam, da sie glaubte, mir sei etwas passiert. Wenn ich, wie in Ihrem Fall, eine ähnliche Reaktion bei meinen Lesern erreiche, freut mich das natürlich ungemein. Ungeachtet dessen kann man ja auch nie wissen, ob sich da nicht wirklich jemand oder etwas im Schrank oder unter dem Bett versteckt hat. Etwas, das nur darauf wartet, mit Ihnen allein zu sein ...

Booksection.de: Wie reagieren die Menschen in Ihrem Umfeld auf die Art Ihrer Geschichten? Gelten Sie in Ihrem Bekanntenkreis als Spezialist des Bösen und Dunklen?
Wulf Dorn: Ich will es mal so sagen: Wahrscheinlich würde mich keiner meiner Verwandten oder Bekannten jemals bitten, seinen Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen. (lacht) Nein, ganz im Ernst, in meinem Privatleben trenne ich deutlich zwischen dem Autor und der Privatperson. Dann bin ich der ganz normale Wulf Dorn, der den Müll rausbringt, mit der Katze durchs Haus tollt oder ins Kino geht und sich dort auch mal eine Komödie ansieht. Nur hin und wieder seziere ich heimlich einen unliebsamen Nachbarn im Keller. Aber verraten Sie das bloß niemandem!

Booksection.de: Ihr Debütroman „Trigger“ wird ja verfilmt. Können Sie schon Details zur Besetzung verraten?
Wulf Dorn: Im Moment kann ich dazu leider noch nichts sagen. Das Drehbuch ist schon seit längerer Zeit fertig und der Regisseur wartet seither auf den Startschuss, aber nachdem anfangs alles sehr schnell ging, hapert es gegenwärtig an der Finanzierung des Projekts. Leider herrscht unter manchen Produzenten immer noch die weitverbreitete Meinung, deutsche Psychothriller hätten nur wenig Erfolg auf der Leinwand. Drücken wir die Daumen, dass in absehbarer Zeit doch noch jemand den Mut aufbringt, in „Trigger“ zu investieren.

Booksection.de: Wird auch Ihr nächster Thriller wieder im imaginären Fahlenberg angesiedelt sein, mit Jan Forstner in der Hauptrolle? Oder haben Sie Lust, über etwas gänzlich anderes zu schreiben?
Wulf Dorn: Vor einigen Wochen habe ich einen Jugendthriller beendet, der kommendes Frühjahr erscheinen soll. Darin werde ich mich vorerst aus Fahlenberg verabschieden und einen anderen Ort aufsuchen, den meine Stammleser schon aus „Trigger“ kennen: In der kleinen Stadt Ulfingen auf der schwäbischen Alb macht ein sechzehnjähriges Mädchen eine unheimliche Entdeckung, doch niemand will ihr glauben. Jan Forstner wird einen kurzen Gastauftritt haben, aber dann hat er sich erst einmal eine Pause verdient. Nach allem, was er in „Dunkler Wahn“ durchmachen musste, sei es ihm auch von Herzen vergönnt. An seiner Stelle habe ich gerade ein anderes Opfer im Auge, das meine Leser ebenfalls schon kennen. Aber mehr will ich dazu noch nicht verraten.


Das Interview durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 25.10.2011

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