Interview mit...

...Volker Klöpsch


...zur Kritik "Die Kunst des Krieges"

"Einen Text „zu knacken“ ist einfach spannend."

Mit Booksection im Gespräch: Übersetzer Dr. Volker Klöpsch.

Booksection: Was war der Anlass für Sie sich an die Übersetzung „Sunzi -Die Kunst des Krieges“ zu wagen?
Volker Klöpsch: Ehrlich gesagt, war es eine Anfrage des Verlages. Das macht es für den Übersetzer einfacher, als wenn er mit einem Text hausieren gehen muss. Es war sehr schwer, als es noch keine Buchmesse gab, etwas mit dem Thema „chinesische Texte“ an den Verlag zu bringen. In diesem Fall war es aber in der Tat das Interesse des Verlages, den Text neu zu übersetzen.

Booksection: Sie beschäftigen sich mit chinesischer Poesie und deren Übersetzung. Warum jetzt die Auseinandersetzung mit einem so martialischen Thema?
Volker Klöpsch: Man könnte sagen es ist eine Auftragsarbeit gewesen. Ich habe auch etwas gezögert es anzunehmen, weil sonst meine Interessen in der Tat eher bei der Literatur und bei der Poesie sind. Aber als ich mich dann in den Text eingelesen habe und festgestellt habe, wie schlecht die bisherigen Übersetzungen sind und was zu diesem Thema so alles zwischen Buchdeckel gepresst wird, habe ich doch sehr schnell erkannt, dass es notwenig ist eine neue Übersetzung vorzulegen. Da Sie mit dem Text auch ein wenig vertraut sind, werden Sie mir hier vermutlich zustimmen.

Booksection: Wie lange haben Sie an der Übersetzung gearbeitet?
Volker Klöpsch: Ich habe an der Übersetzung - und der Text ist nun nicht so lange, ca. 6.000 Schriftzeichen - zwei Jahre gesessen. Einschließlich der wissenschaftlichen Aufbereitung, des Nachwortes und so weiter.

Booksection: Sie haben den Text ja auf der Grundlage neuerer Erkenntnisse noch einmal übersetzt…
Volker Klöpsch: So ist es.

Booksection: Sind Sie denn, etwas flapsig formuliert, „im Clinch“ mit anderen Sinologen über Ihre Arbeit?
Volker Klöpsch: Nein, eigentlich nicht. Es gibt ja nicht so viele Sinologen, die sich mit dieser Art von Literatur beschäftigen. Ich würde es auch gar nicht auf das Martialische einengen, sondern sagen es ist ein philosophisches Werk. Es strahlt auf viele andere Bereiche des Lebens und der Gesellschaft aus. Ich habe bisher eigentlich nur Zustimmung erfahren. Ich muss sagen, dass der Text in seiner bisherigen Form stark verändert wurde, weil man in den 1970er Jahren eben archäologische Funde in China gemacht hat, die den ursprünglichen Text an manchen Stellen doch stark verändern. Meine Übersetzung ist die erste deutsche Übersetzung, die diese Dinge berücksichtigt. Im englischen Sprachraum gibt es schon drei oder vier Übersetzungen, die das tun. Ich denke es war an der Zeit, dass wir dies im deutschen Sprachraum auch tun.

Booksection: Griffith ist im englischen Sprachraum ja ein sehr geschätzter Übersetzer, so weit ich weiß.
Volker Klöpsch: Ja genau. Er hat den Text bereits in den 1960er Jahren übersetzt und er ist dann auch mehrfach ins Deutsche übersetzt worden. Aber diese Übersetzung über eine Zweitsprache ist natürlich an sich schon problematisch. Der Text ist ohnehin schwierig und über die andere Sprache tauchen neue Transferprobleme auf.

Booksection: Was genau treibt Sie an, sich immer wieder auf komplizierte Übersetzungen einzulassen? Die Arbeit des Übersetzers erfährt ja wirklich selten Wertschätzung.
Volker Klöpsch: (schmunzelt) So ist es. Ich denke es ist einmal eine gewisse intellektuelle Herausforderung, die man sucht. Einen Text „zu knacken“, der eben Schwierigkeiten bietet ist einfach spannend. Außerdem muss man sagen, dass es leider so ist, dass die herkömmliche, sprich klassische Literatur, an deutschen Universitäten immer weniger vermittelt wird. Man legt den Schwerpunkt auf das moderne China. Mit einem gewissen Recht natürlich. Die Absolventen sollen ja auch Arbeit finden und natürlich sich auch in China bewegen können. Aber ich denke, es muss auch ein paar Leute geben, die sich mit der reichen Tradition Chinas beschäftigen und zu diesen zähle ich mich.

Booksection: Sie haben eventuell davon gehört, dass vor wenigen Tagen ein Grundsatzurteil ergangen ist. Verlage waren mit Übersetzern in langen Verhandlungen und jetzt hat man durchgesetzt, dass sie etwas mehr für ihre Arbeit erhalten…
Volker Klöpsch: Ich habe ja vorhin gesagt, dass ich an der Übersetzung zwei Jahre gearbeitet habe. Ich möchte den Betrag nicht nennen, den ich dafür erhalten habe. Er führt eigentlich das Wort „Honorar“ ad absurdum. Ich habe gar kein Übersetzerhonorar erhalten, sondern ein Herausgeberhonorar. Aber so etwas unterliegt natürlich immer der Vertragsgestaltung. Ich bin zum Glück nicht darauf angewiesen, aber man sollte seine Fertigkeiten natürlich auch nicht verschleudern. Schon mit Rücksicht auf die Kollegen, die unter Umständen darauf angewiesen sind. Ich denke die Tätigkeit des Übersetzers gehört gewürdigt, auch finanziell.

Booksection: Woraus resultiert Ihre Passion für das Chinesische generell?
Volker Klöpsch: Das geht natürlich weit in die Biographie zurück. Ich habe angefangen im Studium Generale – ich habe in Spanien studiert. Hier hatte ich Kontakt zu einer netten Chinesin, die mit mir Spanisch lernte. Das war natürlich ein kleiner Anstoß. Aber auch meine ersten Lektüren chinesischer Übersetzungen haben mich sehr begeistert. Es war eben eine ganz andere Welt. Anders als deutsche Literatur, englische oder französische, zu der es viele Berührungspunkte gab. Wenn man sich mit chinesischer Literatur beschäftigt, taucht man doch in eine ganz andere Welt ein. Bei dem Philosophen Zhuangzi gibt es ein Gleichnis von einem Brunnenfrosch. Dieser sitzt in seinem Brunnen und fühlt sich dort sehr, sehr wohl. Ich denke, man sollte aber auch über den Brunnenrand hinaussehen und schauen, was anderswo an Denkansätzen und anderen Dingen angeboten wird.

Booksection: Wie ist Ihnen der Zugang zur Sprache überhaupt gelungen? Sie ist ja auch der Zugang zur Kultur und damit auch eine enorme Hürde für uns, die wir in romanischen Sprachen zu Hause sind.
Volker Klöpsch: Man muss schon sagen, dass damals - Anfang der 1970er Jahre - als ich anfing Chinesisch zu lernen auch die Voraussetzungen sehr viel schlechter waren, als heute. Man konnte nicht so ohne weiteres nach China reisen, sich dort im Lande umtun und einen Sprachkurs belegen. In Deutschland Chinesisch zu lernen ist sehr, sehr schwierig, weil man einfach das Umfeld nicht hat und die Schriftzeichen. Ich kann jedem nur raten sich so früh wie möglich nach China zu begeben und dort im Land zu lernen. Ich selber habe 8 Jahre in China gelebt. Damit werden die Hürden natürlich niedriger.

Booksection: … das wäre meine nächste Frage gewesen…
Volker Klöpsch: Zum Ende der Mao-Zeit, Harro von Senger war zu dieser Zeit übrigens mein Kommilitone, wurden wir aus politischen Gründen sehr isoliert. Heute bewegen sich meine Studenten im ganzen Land, können soziale Kontakte knüpfen. Haben vielleicht eine chinesische Freundin, mit der sie sprechen können. Es ist alles sehr viel leichter.

Booksection: Über den privaten Kontakt öffnet sich einfach vieles mehr. Aber auch über die Philosophie. Ich weiß das aus persönlicher Erfahrung.
Volker Klöpsch: Natürlich. Über das rein Sprachliche hinaus, spielen ja auch immer andere Faktoren eine Rolle. Kulturelle Schwierigkeiten, die wir ja kennen. Wir erleben das ja auch wieder aktuell in der Diskussion, die hier im Vorfeld der Messe geführt wurde. Das hat ja nicht nur politische Gründe, sondern auch Gründe, die einfach im unterschiedlichen Denken liegen. So etwas muss man einfach auch berücksichtigen.

Booksection: Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse sind ja insbesondere was die Begrüßungsrituale angeht, Fehler passiert. So etwas wirft natürlich die Frage auf, warum in so einem Fall vorab nicht Leute konsultiert wurden, die damit Erfahrung haben? Nur so kommt ein Kontakt ja auch zustande. Es ist schade, dass damit die Chance vertan wurde gewisse Barrieren abzubauen.
Volker Klöpsch: Man muss bestimmte Empfindlichkeiten, die auf dem Verlauf der Geschichte basieren einfach berücksichtigen. Ich denke, das ist vielleicht nicht hinreichend geschehen.

Booksection: Herr Dr. Klöpsch, vielen Dank für das sehr interessante und nette Gespräch.



Das Interview wurde am 14.10.2009 durch Gabriele Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 19.10.2009