Interview mit...

...Vanessa Diffenbaugh


Die verborgene Sprache der Blumen

"Victoria beharrt auf der Sprache der Blumen, weil es auf emotionaler Ebene sicher ist, in einer Sprache zu sprechen, die keiner versteht."

Mit Booksection im Gespräch: Romanautorin Vanessa Diffenbaugh.

Booksection.de: Victoria, ihre Protagonistin aus „Die verborgene Sprache der Blumen“ ist eine sehr unbequeme und fast schon unsympathische junge Frau. Sie hat sehr viel Ähnlichkeit mit der Distel, die in der Sprache der Blumen das Synonym für Misanthropie ist. Haben Sie selbst je mit einem Kind oder einem jungen Menschen wie Victoria zu tun gehabt?
Vanessa Diffenbaugh: Ich habe mehr als zehn Jahre lang mit Jugendlichen gearbeitet, die bei mir in Pflegeunterbringung waren, und obwohl Victoria gänzlich fiktional ist, ließ ich mich in kleinen Teilen von Pflegekindern inspirieren, mit denen ich schon gearbeitet hatte. Besonders eine junge Frau, die mein Mann und ich vor vielen Jahren beraten hatten, war feurig und konzentriert, misstrauisch und unberechenbar, ganz ähnlich wie Victoria. Ihre Geschichte war heftig: auf der Geburtsurkunde eine Nummer anstelle eines Namens, mehr Pflegefamilien, als sie zählen konnte. Und trotzdem war sie unverwüstlich, schön, klug und witzig. Wir liebten sie restlos und sie gab ihr bestes, das zu sabotieren – immer und immer wieder. Bis zum heutigen Tag bedauern mein Mann und ich, dass wir keinen Weg fanden, mit ihr in Kontakt zu kommen und die Pflegeeltern zu werden, die sie verdient hätte.

Booksection.de: Was ist der Grund dafür, Kinder bei sich aufzunehmen, die nicht die eigenen sind und mit ihnen zu leben?
Vanessa Diffenbaugh: Mein Mann und ich sind beide leidenschaftliche Verfechter von sozialer Gleichheit und der Gleichberechtigung bei der Ausbildung. Mein Mann war fünf Jahre lang Direktor an einer Schule in einem sozialen Ballungsgebiet und studiert jetzt Schulreform in Harvard. Ich arbeitete früher bei ehrenamtlichen Organisationen, die sich gefährdeter und obdachloser Jugendlicher annahmen. Als wir heirateten, schworen wir uns, „den Weg zu gehen“. Wir wollten nicht eines dieser Paare sein, das sich nur darüber beklagt, wie unfair die Welt ist, wir wollten etwas dagegen tun. Und deshalb war unser Beweggrund, Pflegeeltern zu werden, ein sehr philosophischer. Doch sobald wir Pflegeeltern waren, taten wir es für die pure Liebe und Freude daran, wunderbare Teenager in unserem Haus zu haben. Unser Sohn Tre’von, der vier Jahre bei uns war – von seinem 14. bis zu seinem 18. Lebensjahr – ist ein wirklich phänomenaler junger Mann und unser Leben (ebenso wie das unserer biologischen Kinder) ist besser geworden, weil wir ihn haben.

Booksection.de: Manchmal ist es sehr schwer zu ertragen, was Victoria schon alles in ihrem kurzen Leben zugestoßen ist. Ist Victorias Schicksal Ihrer Meinung nach exemplarisch für das der vielen, vielen Kinder, die ohne Eltern und Liebe aufwachsen müssen?
Vanessa Diffenbaugh: Victorias Geschichte ist natürlich pure Fiktion, aber sie basiert auf den Erfahrungen vieler Pflegekinder in Amerika – immer weiterziehen von einem Zuhause ins nächste, getrennt werden von den Geschwistern und dann an ihrem 18. Geburtstag in die Welt entlassen werden mit wenig Beistand und Unterstützung. Es ist eine Tragödie, mit der sich unsere Gesellschaft kaum befassen möchte. Das Ergebnis ist herzzerreißend für junge Menschen in diesem System und verheerend für unsere Gesellschaft: Studien zeigen, dass mehr als ein Drittel von Pflegekindern nie einen Highschool-Abschluss machen, eines von vieren wird bereits zwei Jahre nach Verlassen des Systems hinter Gittern sein und weniger als drei Prozent von ihnen werden mit 25 Jahren einen Hochschulabschluss haben. Erschreckende 30-40% aller Obdachlosen haben eine Vergangenheit als Pflegekinder.

Booksection.de: Wenn Sie darüber sprechen, was Victoria zugestoßen ist, über den Schmerz in ihrer Seele, ihre Verletzungen und ihr Trauma, sprechen aus Ihren Worten sehr viel Mitgefühl und Empathie. Fiel es Ihnen leicht, die richtigen Worte zu finden, um Ihre Leser wissen zu lassen, was in Victoria vorgeht?
Vanessa Diffenbaugh: Als mein Mann meinen Roman zum ersten Mal las, nahm er mich hinterher in den Arm und sagte: „Ich wusste nicht, dass Du so überwältigt von unseren Babys bist.“ Ich sagte ihm, dass das wirklich nur Fiktion sei. Aber die Tatsache, dass meine Worte überzeugend genug waren, um sogar meinen Mann davon zu überzeugen, ich hätte Victorias Empfindungen selbst aus erster Hand erfahren, machte mich stolz. Und die Wahrheit ist, dass Victorias extreme Empfindungen die Essenz von ganz universalen Empfindungen sind: die intensive Liebe eines Neugeborenen, der Wunsch, die perfekte Mutter zu sein, die überwältigenden physischen Bedürfnisse von Säuglingen, die ja auch irgendwie emotional sind. Im Unterschied zu Victoria hatte ich, als ich selbst überwältigt von der ersten Zeit der Elternschaft war, meinen Mann, meine Mutter, meine Freunde und Nachbarn, die mich unterstützten. Victoria hatte niemanden. Mich selbst in ihre Lage hineinzudenken machte es mir möglich, die richtigen Worte zu finden, um ihre Verzweiflung auszudrücken.

Booksection.de: Je länger man über Victoria liest, desto mehr mag man sie. Sie ist keine sonderlich liebenswürdige Person, aber Schritt für Schritt wächst sie einem mehr ans Herz. Erging es Ihnen ähnlich, während Sie über sie schrieben?
Vanessa Diffenbaugh: Wissen Sie, das ist witzig: Ich liebte Victoria von dem Moment an, als sich ihre Geschichte auf den Seiten entfaltete – und die ursprüngliche Victoria, so wie sie vor den Monaten von Durchsicht und Änderungen war, war VIEL härter zu ertragen, als die Victoria, über die Sie lesen. Ich hatte das Glück, einfühlsame, sensible Leser zu haben, die mir Feedback über meine frühen Entwürfe gaben und durch ihre Hilfe war ich in der Lage, ihr einen Charakter zu geben, den der Leser (hoffentlich!) allmählich lieben kann. Ich hätte es ohne dieses Feedback nicht geschafft, weil ich ihre stacheligen Züge nicht sehen konnte – ich liebte sie zu sehr!

Booksection.de: Blumen und insbesondere die Sprache der Blumen bilden den Mittelpunkt dieses Romans. Was macht diese Sprache so wichtig für Victoria und ihr Leben?
Vanessa Diffenbaugh: In vielerlei Hinsicht existiert Victoria vollkommen am Rande der Gesellschaft. So vieles ist außerhalb ihres Verständnisses: wie man Arbeit findet, wie man sich Freunde macht – sogar wie man eine Unterhaltung führt. Aber in der Welt der Blumen, mit ihren berechenbaren Wachstumsperioden, fühlt sich Victoria sicher, behaglich und geradezu zu Hause. Und natürlich sind die Blumen auch die einzige noch bestehende Verbindung zu Elizabeth – der Person, die sie am meisten liebte. Aber das sind nicht die einzigen Gründe, warum Victoria von der Sprache der Blumen besessen ist. Victoria beharrt auf der Sprache der Blumen, weil es auf emotionaler Ebene sicher ist, in einer Sprache zu sprechen, die keiner versteht. Leidenschaft, Verbindung, Unstimmigkeit, Ablehnung – all das ist nicht möglich in einer Sprache, die keine Resonanz erfordert. Als sie den Blumenhändler trifft, die erste Person, die je ihre Sprache verstanden hat, steht sie vor einer wichtigen Wahl, und als sie sich entscheidet, die Unterhaltung mit ihm fortzusetzen, entscheidet sie sich, sich einem kompletten Bereich von Gefühlen und Erfahrungen zu öffnen, vor dem sie sich selbst bis zu diesem Punkt geschützt hat.

Booksection.de: Was war Ihr persönlicher Beweggrund, ein Buch über die Sprache der Blumen zu schreiben und wie intensiv waren Ihre Recherchen zu diesem Thema?
Vanessa Diffenbaugh: Ich habe die Sprache der Blumen schon immer geliebt. Ich entdeckte Kate Greenaways „Language of Flowers“ in einem Antiquariat, als ich 16 war und konnte nicht glauben, dass das ein so wohl gehütetes Geheimnis war. Wie konnte etwas so Schönes und Romantisches nahezu unbekannt sein? Jahre später, als ich über das Buch, das ich schreiben wollte, nachzudenken begann, kamen Victoria und die Sprache der Blumen gleichzeitig zu mir. Mir gefiel die Idee der Verstrickung einer jungen Frau, die Schwierigkeiten hat, sich mit der Kommunikation anderer zu verknüpfen, mit einer vergessenen Sprache, die fast niemand versteht. Und so machte ich mich daran, die Sprache der Blumen zu erforschen und meine Forschungsarbeit war ganz ähnlich, wie die von Victoria: Ich ging in die Bibliothek, in Antiquariate und Buchhandlungen, ich sammelte alle Blumenlexika, die ich finden konnte und breitete sie auf dem Esszimmertisch aus. Dann verglich ich, wie Victoria, die Definitionen in jedem Lexikon miteinander und wählte die aus, die nach meinem Empfinden am ehesten die Biologie der Pflanze traf oder suchte manchmal auch die heraus, die mir am besten gefiel.

Booksection.de: Die Charaktere in ihrem Roman wirken sehr lebendig und real. Fiel es Ihnen leicht, solche bizarren und interessanten Figuren zu entwerfen?
Vanessa Diffenbaugh: „Die verborgene Sprache der Blumen“ zu schreiben, ging mir sehr leicht von der Hand. Die erste Szene mit Victoria, die ich schrieb, war die im Redwood Forest, wo sie Moos vom Stamm eines Mammutbaums kratzte, um es in den Korb unter Hazels Kopf zu legen. Ich war mir schon über die Prämisse des Buches im Klaren: eine junge Frau am Ende ihrer Zeit als Pflegekind, mit keiner Verbindung zur Außenwelt, Kommunikation mithilfe der vergessenen Sprache der Blumen, und dann wurde ich regelrecht von dieser Szene überrollt: das Moos, die Mutterliebe und das Baby im Korb. Ich wusste, dass Victoria ihr Baby liebte und ich wusste auch, dass sie es nicht behalten konnte. Und daraufhin schuf eine Reihe von Fragen die anderen Charaktere des Buches: Wer brachte Victoria die Sprache der Blumen bei? Was geschah in ihrer Kindheit, das sie so sicher machte, dass sie nicht fähig sein würde, ihr Kind zu lieben? Welche Sorte Mann könnte ihre Fehler lieben? Und von diesem Punkt aus begann ich dann mit dem Anfang des Buches und erfand die anderen Charaktere.

Booksection.de: Elizabeth und Victoria sind ein wundervolles und eigenartiges Paar. Welcher der beiden Figuren fühlen Sie sich näher – oder besteht zu keiner der beiden eine besondere Nähe?
Vanessa Diffenbaugh: Oh, ich könnte niemals eine der beiden bevorzugen! Sie sind beide so einzigartig, und eine könnte nicht ohne die andere existieren.

Booksection.de: Haben Sie bereits Ideen für einen neuen Roman und – wenn ja - können Sie uns etwas darüber erzählen?
Vanessa Diffenbaugh: Ich habe 50 Seiten von meinem neuen Roman geschrieben. Bleiben Sie dran!

Booksection.de: Frau Diffenbaugh, wir bedanken uns, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten.



Das Interview wurde durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben von der Autorin am 19.03.2011

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