Interview mit Ulrich Woelk

"Auf bestimmte Weise stehe ich meinen Figuren immer positiv gegenüber - mit all ihren Fehlern."

Der deutsche Autor Ulrich Woelk spricht mit uns über seinen Roman "Nacht ohne Engel".

 Sowohl in Ihrem aktuellen Roman "Nacht ohne Engel" als auch in dem 2013 erschienen Roman "Was Liebe ist" geht es um eine Zufallsbegegnung, um ein intensives und tief greifendes Erlebnis, das etwas Entscheidendes im Leben der Beteiligten verändert. Was fasziniert Sie an diesem Thema?  Zum einen ist es erzählerisch etwas sehr Spannendes, weil der Zufall manchmal ein guter Dramaturg ist. Man bringt Menschen in eine Situation, mit der sie nicht gerechnet haben und damit funktionieren manche Standardhandlungsmuster, die man normalerweise verfolgen würde, nicht mehr. Man muss improvisieren, das erzwingt der Zufall von einem. Das ist vom Erzählen her sehr ergiebig und sehr spannend, es macht Spaß. Mir ist das noch gar nicht so aufgefallen, aber es stimmt, dass der Zufall in beiden Romanen am Anfang eine gewisse Rolle spielt.

 Jule und Vincent, die beiden Protagonisten aus "Nacht ohne Engel" begegnen sich erst fünfundzwanzig Jahre nach einer intensiven gemeinsamen Nacht wieder und müssen feststellen, wie unterschiedlich ihre jeweiligen Leben verlaufen sind. Wie kamen Sie auf den Gedanken, diese beiden so unterschiedlichen Lebensentwürfe zueinander in Relation zu setzen?  Das war in einem Guss plötzlich da, es ist nicht gewissermaßen von mir auf dem Reißbrett entworfen worden, sondern es war tatsächlich so, wie das bei mir meistens ist. Das heißt, von irgendwoher - aus einer Cloud, würde man heute wahrscheinlich sagen, aus einer Gedankencloud - verdichten sich plötzlich Figuren. Und auf einmal habe ich Jule und Vincent vor mir gesehen, nicht in allen Einzelheiten, denn natürlich passiert da auch beim Schreiben noch sehr viel, aber doch in dieser Grundstruktur. Ich glaube, was mich daran interessiert ist, dass es etwas sehr Modernes ist und gleichzeitig auch etwas sehr Klassisches erzählt. Klassisch natürlich deswegen, weil Mann und Frau sich begegnen, das Moderne oder das, was sehr in unsere Zeit passt ist, dass sie, die Frau, ökologisch sehr viel erfolgreicher ist als der Mann. Vor fünfzig Jahren hätten wir das vielleicht noch nicht so selbstverständlich erzählen können wie heute. Heute haben sich die Rollen so weiterentwickelt, dass man das erzählen  kann, und das hat mich gereizt.

 Es gelingt Ihnen, Ihre Charaktere auf völlig unaufgeregte Weise und dennoch voller Empathie und Detailtreue zu schildern. Wie gehen Sie bei der Figurenzeichnung vor?  Zunächst verdichtet sich, wie gesagt, schon etwas relativ Konkretes, dann kommen Details dazu, Vincent ist Taxifahrer und Jule Ökonomin, und wenn man in die Handlung einsteigt, gibt es immer noch Dinge, die plötzlich passieren. Man merkt dann beim Schreiben, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten, wie sie reden, und so verdichten sich langsam diese Charaktere.  Im Allgemeinen beschreibe ich nicht gerne Menschen, die ich nicht mag. Auf bestimmte Weise stehe ich meinen Figuren immer positiv gegenüber - mit all ihren Fehlern, die sie natürlich haben, denn Fehler machen die Figuren ja auch immer interessant und spannend.

 Lernen Sie Ihre Figuren dann tatsächlich auch erst während des Schreibens richtig kennen?  Ja, ein bisschen ist da so. Eine Grundfigur, die mich interessiert ist angelegt, ist da und dann begleitet man die Figur durch den Roman hindurch, und da ergibt sich eben noch sehr, sehr viel.

 Kann das dann auch zur Folge haben, dass die Figuren die Handlung beeinflussen oder verändern?  Das ist unterschiedlich, bei "Nacht ohne Engel" ist es nicht so gewesen, dass ich von Vornherein wusste, wie das Ganze ausgeht. Ich hatte die beiden Figuren, wusste, sie begegnen sich, ich kannte Vincents Leben, wusste, der ist Taxifahrer und hat eine Tochter. Das war erstmal die Grundgeschichte. Wie genau es ausgeht und wo die Geschichte endet, das wusste ich gar nicht so genau. Bei diesem Roman ist sehr viel beim Schreiben entstanden. Ich hatte diese Nacht vor Augen, die in dieser persönlichen Katastrophe, dem Unfall, endet, aber ansonsten gab es sehr vieles, von dem ich nicht wusste, wie sich das entwickeln würde. Da passiert viel während des Schreibens.

 "Nacht ohne Engel" beschreibt ja auch das unwillkürliche Innehalten zweier Menschen, die für einen kurzen Moment aus ihrem normalen Leben herauskatapultiert werden, auf das zurückblicken, was sie bisher erreicht haben und es unwillkürlich mit dem Leben ihres Gegenübers vergleichen. Glauben Sie, dass diese Sinnfrage in Jules und Vincents Generation von mehr Zweifeln geprägt ist, als bei den Generationen zuvor?  Das ist sehr schwer zu beantworten, weil ich in gewisser Weise ja nur die Vincent-und-Jule-Generation richtig kenne. Ich kann nur schwer sagen, wie das beispielsweise für meine Eltern war oder für die Generation der 68er, denn da würde man sicherlich sagen, dass die auch viel über ihre Rollen und ihr Leben reflektiert haben. Bei meinen Eltern hingegen, die in den 40er und 50er Jahren jung waren, hat man wahrscheinlich weniger über die Dinge nachgedacht, weil die Rollenmuster sehr stark vorgegeben waren. Ich glaube nicht, dass meine Mutter ständig hinterfragt hat, dass sie Hausfrau ist, das war für sie selbstverständlich und das hat sie auch nicht angezweifelt. Sich selbst immer wieder zu versichern, ob es richtig ist, was man macht, ob es das ist, was man wirklich will, ist mit Sicherheit etwas, was in den Siebzigerjahren verstärkt eingesetzt hat. Das hat es früher auch schon gegeben, doch dann ist es ein Teil unsere Existenz geworden, wir definieren uns ja fast darüber, dass wir uns ständig hinterfragen.

 Auf der einen Seite ist für uns ja vieles leichter geworden, weil wir viele unterschiedliche Lebensentwürfe leben können, auf der anderen Seite aber auch schwieriger, weil der Weg eben nicht mehr so klar vorgegeben ist, wie das früher noch der Fall war. Ist es dadurch für uns vielleicht auch schwieriger geworden, einen Sinn in unserem Leben zu finden?  Ich glaube, das ist ein Grundthema vieler meiner Romane, man könnte sogar sagen von allen. Es gab ja mal diesen Ausdruck "zur Freiheit verdammt", der aussagt, dass es einerseits toll ist, wie viel Freiheiten wir haben, was uns aber auf der anderen Seite ganz viele Entscheidungen abverlangt. Wir können nicht mehr sagen, ich gehe jetzt in die oder die Rolle, die die Gesellschaft für mich vorherbestimmt, sondern wir müssen immer selber entscheiden. Ob das die Menschen am Ende wirklich glücklicher macht, ist die große Frage. Ich würde es nicht anders haben wollen, trotzdem ist es nicht automatisch ein Weg, um glücklich zu werden. Am Beispiel von Vincents Tochter sieht man ja auch, dass viele junge Menschen heute, nachdem sie den Schulweg, der ja noch vorgegeben ist, durchlaufen haben, plötzlich gar nicht wissen, was sie eigentlich machen sollen. Die meisten haben gar keine richtige Vorstellung davon, was sie wollen und wohin ihr Weg führen soll, aber die Gesellschaft nimmt ihnen das ja auch nicht ab. Da wird schon eine extrem große Lebensentscheidung von sehr jungen Menschen verlangt, mit der die möglicherweise völlig überfordert sind.

 Was macht Ihrer Meinung nach diese besondere Zeit aus, in der Jule und Vincent sich damals kennen gelernt haben?  Obwohl ich ein bisschen älter als meine Protagonisten bin, war ich selber sehr drin in dieser Zeit, habe den Mauerfall, die Demonstrationen danach und den Golfkrieg selber miterlebt. Ich finde, es war eine spannende Zeit. Vorher war alles so fest, die Blöcke, Kalter Krieg, und auf einmal war eine gewisse Offenheit da. Keiner konnte vorhersagen, wie das alles weitergehen würde, eine Zeitlang war alles ganz toll, aber dann kam mit dem Krieg im Irak schon der nächste Dämpfer. Das war wahnsinnig spannend, und ich bin froh, dass ich das so miterlebt habe. Ich bin 1987 nach Berlin gekommen, und das war eine sehr gute Entscheidung, weil ich in einer sehr spannenden Zeit an einem sehr spannenden Ort war. Das ist das, was mein Verhältnis zu dieser Zeit prägt.

 Während in "Was Liebe ist" die Aufarbeitung der Traumata des Zweiten Weltkriegs eine wichtige Rolle spielt, befassen Sie sich in "Nacht ohne Engel" mit jener Generation, die mit dem Mauerfall erwachsen wurde. Ist es Ihnen wichtig, in Ihren Romanen auch zur Vergangenheitsbewältigung beizutragen?  Das Wort Vergangenheitsbewältigung würde ich in dem Zusammenhang nicht verwenden. Das ist ein politisch geprägter Begriff aus der Zeit der 70er und 80er Jahre, und Vergangenheitsbewältigung betreibe ich auf keinen Fall. Um es mal ganz allgemein auszudrücken, hat ja jeder Mensch eine Geschichte, die nicht erst mit der Geburt beginnt. Die eigene Geschichte fängt früher an, und man wird mal mehr und mal weniger davon eingeholt. Ich finde es immer spannend, die Menschen mit der Geschichte, die vor ihrer Geschichte liegt, zu konfrontieren, zu sehen, dass man von Ereignissen, die man gar nicht beeinflussen konnte, von denen man aber selber beeinflusst wird, auch in seinem Wesen geprägt wird. Das ist etwas, das ich in meinen Geschichten gerne aufgreife, nicht um bewusst auf Dinge hinzuweisen, sondern weil es ein spannendes Element der Persönlichkeit und des Lebens ist.

 Wahrscheinlich gibt diese Beschäftigung mit der Geschichte, die vor unserer eigentlichen Geschichte liegt, Ihren Romanen auch diese Tiefe. Heute beschäftigt sich Wissenschaft in der Traumaforschung ja sehr intensiv mit diesen Dingen, wodurch immer deutlicher wird, wie wichtig es ist, sich damit auseinanderzusetzen. Das schwingt in Ihren Romanen immer mit und gibt ihnen eine zusätzliche, tiefere Dimension.  Wenn man eine gute Figur erzählen will, muss man diese Dinge gewissermaßen miterzählen, denn sonst wäre diese Figur nicht vollständig. Interessant dabei ist, dass diese Traumata nicht nur ein Individuum betreffen, sondern auch quasi vererbt werden. Und genau das wird in "Was Liebe ist" erzählt, wie Menschen von einem Trauma beeinflusst werden,  das vor ihrer Zeit stattfand.

 Musik spielt in "Nacht ohne Engel" eine nicht unbedeutende Rolle. Was bedeutet Musik für Sie?  Musik spielt übrigens auch in "Was Liebe ist" eine zentrale Rolle, und sie bedeutet für mich sehr viel, weil ich selber auch Musik mache. Ich spiele leidlich gut Klavier und habe immer mit Musik gearbeitet. Ich fing schon sehr früh an, Songs zu schreiben, habe in Bands gespielt, habe das aber, was glaube ich eine gute Entscheidung war, nie zu meinem Beruf gemacht. (lacht) Weil das, glaube ich, ein sehr, sehr schwerer Weg ist. Es hat mich aber immer begleitet, Musik zu machen, weshalb ich es auch immer gerne in meine Romane einfließen lasse.

 Ihr Roman "Die letzte Vorstellung" wurde mit Heino Ferch und Nadja Uhl unter dem Titel "Mord am Meer" für das ZDF verfilmt. Was ist es für ein Gefühl, die eigenen Figuren, die Geschichte, die man geschrieben hat, auf dem Bildschirm zu sehen?  In dem Fall war das sehr schön! Das kann ja offenbar unterschiedlich ausgehen, nicht alle Verfilmungen sind von den Autoren begrüßt worden. Ich konnte im Vorfeld zum Glück Einfluss auf die Entscheidung nehmen, welches Team das machen soll. Ich habe mich dann mit denen und dem Drehbuchautor getroffen und mich dafür entschieden, denen einfach zu vertrauen. Mehr kann man übrigens auch nicht machen, in dem Moment,  in dem  man die Rechte abgibt, kann man nur hoffen, eine gute Entscheidung getroffen zu haben. Ich war hinterher mit dem Film sehr zufrieden, ich mochte Heino Ferch gerne und fand Nadja Uhl ganz toll. Es ist natürlich anders, entspricht nicht der eigenen Figurenfantasie, weicht immer auch davon ab, aber ich fand beides sehr gelungen. Natürlich kann man nicht 300 Seiten eines Romans in 90 Minuten Film unterbringen, vieles fällt dann leider auch weg, aber das ist ja dann auch wieder ein Grund dafür, das Buch zu lesen.

 Das war doch ein guter Schlusssatz! Herr Woelk, vielen Dank für das anregende und unterhaltsame Gespräch!
Das Interview wurde durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 26.11.2017

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