Aktuelle Autoren
Aktuelle Buchkritiken
- März
- African Queen
- März
- Ashby House
- März
- Atem
- März
- Aufziehendes Gewitter
- März
- Die Bestimmung
- März
- Die Geheimnisse des Nic...
- März
- Die Nacht
- März
- Die Schuldlosen
- März
- Du und ich
- März
- Etwas endet, etwas beginnt
- März
- Garp und wie er die Welt sah
- März
- Nachricht von dir
- März
- Räuberleben
- März
- Schwarzer Schmetterling
- März
- Sie und er
- März
- Splitterwelten
- April
- Die 39 Zeichen - 9
- April
- Liebe und andere Ver...
- April
- Sarg niemals nie
- April
- Schweig still mein M...
- Mai
- Der Wald wirft schwarze Sch...
- Mai
- Meine Schwester lebt auf...
- Mai
- Oneiros
- Mai
- Schnitt
Kommende Buchkritiken
Interview mit...
...Thomas Thiemeyer
Sympathisch: Thomas Thiemeyer
"Nichts ist schlimmer, als wenn alles erklärbar wäre."
Mit Booksection im Gespräch: Science-Fiction- und Jugendbuch-Autor Thomas Thiemeyer u.a. über "Chroniken der Weltensucher - Der Palast des Poseidon" & "Korona".
Booksection.de: Mir ist aufgefallen, dass der Hauptpart in
Deinen Thrillern immer von einer Frau übernommen wird. Natürlich kommen
auch starke Männer vor, aber es ist doch die starke Frau, die die Hauptrolle
spielt.
Thomas Thiemeyer: Ja, das stimmt.
Booksection.de: Was ist der Grund dafür, dass Du eine Frau in den Mittelpunkt
stellst?
Thomas Thiemeyer: Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich Frauen als Romanfiguren
interessanter finde als Männer. Ihnen steht ein breiteres Spektrum an Emotionen
zur Verfügung. Einer Frau nimmt man eher ab, schwach zu sein, verzweifelt
und am Boden zerstört. Aber man nimmt ihr auch ab, dass sie über sich
hinaus wächst und enorm stark wird. Das ist bei Männern schwierig.
Bei „Reptilia“ hatte ich einen männlichen Protagonisten und
mir erlaubt, ihn anfangs als Softi darzustellen. Er ist ein Zweifler, ein Grübler,
der sich nicht wohl fühlt in der Situation. Hinterher habe ich gemerkt,
das ist bei vielen nicht gut angekommen. Es kamen Rückmeldungen wie: „Was
für ein Waschlappen. Wir hätten uns einen Indiana Jones gewünscht,
der sich durch alles durchhackt.“ Genau das wollte ich aber vermeiden.
Booksection.de: Es ging Dir also mehr um die emotionale Ebene…
Thomas Thiemeyer: Um das komplette Spektrum der Emotionen, genau. es ist wie
bei einem Gemälde, bei dem man nicht die volle Palette der Farben zur Verfügung
hat.
Booksection.de: Besonders in „Medusa“ hatte ich Probleme mit der
Figur der Hannah Peters. Sie war mir als Frau zu tough. Ich hatte oft das Gefühl,
sie sagt oder tut Dinge, die eine Frau nie tun würde. Gerade diese normalen
weiblichen Gedanken: Ich bin mitten in der Wüste. Wie sehen meine Haare
aus? Solche Dinge. In „Korona“ konnte ich mich dann mit der Hauptfigur
besser identifizieren. Für mich hatte sich hier etwas verändert. Geht
es Dir auch so?
Thomas Thiemeyer: Allerdings. Ich habe das Gefühl, dass mir die weiblichen
Figuren ab „Magma“ immer besser gelingen. Hannah Peters ist natürlich
eine Außenseiterin. Sie ist keine typische Frau, sondern hat seit Jahren
alleine in der Wüste gelebt. Ich denke, das ist eine Sondersituation. Aber
ich hatte gehofft, dies durch den zweiten Roman mit ihr („Nebra“),
relativieren zu können. Das Problem bei „Medusa“ ist, dass
er sehr plotorientiert war. Die Figuren mussten sich der Handlung unterordnen.
Im Nachhinein hat mich das gestört. Von da her kann ich die Kritik gut
nachvollziehen. Sie ist völlig berechtigt. Ich gehe jetzt anders an die
Bücher heran. Zwar habe ich immer noch den Überbau - ich weiß,
wo die Geschichte hingeht, was ich sagen möchte - aber ich lasse große
Teile der Handlung aus den Figuren heraus entstehen. Durch das, was sie tun,
was sie sagen, ergeben sich neue Handlungsstränge. Ich hoffe, dass die
Figuren dadurch glaubwürdiger und menschlicher erscheinen.
Booksection.de: Absolut. Da ich die Bücher in relativ kurzen Abständen
gelesen habe, meine ich das verfolgen zu können. Geht es Dir auch ab und
an so, dass Figuren auftauchen, die im Vorfeld so gar nicht geplant waren? Die
aus der Handlung heraus entstehen?
Thomas Thiemeyer: Eigentlich nicht. Ich habe einen festen Stamm an Hauptpersonen
und Nebenfiguren, die ich ins Spiel bringe. Aber manchmal passiert es, dass
eine Nebenfigur mehr Bedeutung bekommt. Bestes Beispiel: Norman Stromberg aus
„Nebra“. Dieser unbekannte Milliardär, der immer im Hintergrund
agiert und im ersten Band noch relativ unsympathisch geschildert wurde, bekam
einen eigenen Auftritt und ich habe gemerkt, wie viel Spaß ich an dieser
Figur habe. Ich habe ihm dann eigene Szenen eingeräumt. Er ist eine zwielichtige
Gestalt, und das gefällt mir. Die Zwielichtigen sind immer am interessantesten.
Mit ihnen kann ich Neuland erkunden und mich selbst überraschen. Ich gehöre
zu der Fraktion an Autoren, die sagen, dass sie selbst ihre ersten Leser sind.
Wenn eine Geschichte mich selbst langweilt kann sie auch für andere Leser
kaum interessant sein.
Booksection.de: Ist es Dir denn schon einmal passiert, dass Du eine Geschichte
abgebrochen hast?
Thomas Thiemeyer: Bei „Nebra“ stand ich einmal kurz davor. ich habe
gemerkt, dass mir die Handlungsstränge zerbröseln. Ich musste das
gesamte Konzept noch einmal neu anlegen und habe zwei oder drei Tage lang jede
Szene auf kleine Zettel geschrieben und die Wohnung damit ausgelegt. Ich musste
sehen was wohin passt und wo ich ansetzen muss. Die Geschichte war zu Beginn
viel schmaler und schlanker. Auf einmal bekam sie eine viel größere
Dimension und Breite.
Drei Tage lang habe ich Blut und Wasser geschwitzt.
Booksection.de: Das kann ich mir vorstellen. Man hängt ja auch an der
Geschichte, an der Idee…
Thomas Thiemeyer: Natürlich, klar!
Booksection.de: Du hast Geologie und Geographie studiert. Aus Deinen Büchern
spricht ein unglaubliches Fachwissen. Diese ganzen naturwissenschaftlichen Phänomene
werden unglaublich differenziert beschrieben. Ist das für Dich auch eine
Art, diese Leidenschaft auszuleben?
Thomas Thiemeyer: So bin ich aufgewachsen. Meine Eltern sind beide Freiberufler
und waren viel zu Hause. Sie sind sehr naturwissenschaftlich geprägt (lacht).
Ich habe mir schon als Kind Tiersendungen angeschaut: Von Sielmann bis Grzimek.
Wir hatten zu Hause die „National Geographic“, später kam die
„PM“ dazu. Die Naturwissenschaften haben mich immer interessiert.
Nicht nur Geologie und Geographie, das war dann letztlich nur das, was ich studiert
habe. Genauso gut hätte ich Archäologie oder Zoologie oder Botanik
studieren können, das ist alles hoch spannend. Ab einem bestimmten Punkt
habe ich dann aber gemerkt, dass mir das Studium zu speziell wurde. Mich interessieren
immer die großen Zusammenhänge. Ich habe dann das Studium abgebrochen.
Es war eine Leidenschaft und die soll es auch bleiben.
Durch das Schreiben hat das Ganze aber zum Glück einen praktischen Nutzen
erhalten. Hier möchte ich Anstöße geben, ohne zu detailliert
zu werden. Eine Frage der Balance, denn das Hauptaugenmerk soll ja auf Unterhaltung
liegen.
Booksection.de: Du beschreibst in „Korona“ eine
Idee, die die Menschheit eigentlich schon immer beschäftigt. Die Idee von
einer Pforte, die in eine andere Dimension führt. Kannst Du Dir das denn
aus naturwissenschaftlicher Sicht überhaupt vorstellen? Dass es möglich
wäre?
Thomas Thiemeyer: Absolut unmöglich, aber nicht weitersagen. (lacht)
Es gibt zwar eine Theorie, dass so etwas funktionieren könnte, aber das
Problem ist, dass es solch ungeheurer Energiemengen bedürfte, dass unsere
Sonne dafür gar nicht ausreichen würde. Doch die Idee mit der Pforte
beschäftigt auch andere Autoren. Die erste Idee zu diesem Buch ist schon
15 Jahre alt. Der erste Roman, den ich überhaupt geschrieben habe, und
der wohlweißlich in der Schublade liegt – und das hat gute Gründe
(grinst) – hat sich bereits damit beschäftigt. Mich hat die Idee
aber nicht mehr losgelassen und ich dachte mir immer, dass ich diese Geschichte
noch einmal neu schreiben muss. Dass sie nun so anders ist, damit habe ich allerdings
nicht gerechnet.
Booksection.de: Mich hat das Thema auch an diese grenzwissenschaftlichen Bereiche,
wie die Forschungen von Erich von Däniken erinnert. Was hältst Du
von diesen Forschungen?
Thomas Thiemeyer: Grundsätzlich finde ich es gut. Ich kenne von Däniken
seit Ewigkeiten, wenn auch nicht persönlich. Ein großartiger Unterhalter.
Was ich toll fand, war, dass er Fragen stellte. Wie konnten Menschen vor 5.000
Jahren Steine so verfugen, dass man heute nicht mal mit einer Scheckkarte dazwischen
kommt. Ohne Laserschneider, oder dergleichen. Das finde ich toll. Weniger befriedigend
waren dann allerdings die Antworten. Kleine grüne Männchen, ich bitte
Dich! (grinst)
Ich verfolge einen anderen Ansatz. Beispielsweise die Himmelsscheibe von Nebra.
Die Forschungen sind schon recht weit gediehen. Dennoch gibt es viele ungelöste
Rätsel. Und das ist gut so! Nichts ist schlimmer, als wenn alles erklärbar
wäre. Die Welt wäre trostlos und langweilig.
Booksection.de: Kennst Du den Film „Ruinen“?
Thomas Thiemeyer: Ich kenne das Buch, ich glaube es heißt „Dickicht“.
Booksection.de: Es geht hier auch um die Idee dieser parasitären Pflanzen,
die ja auch in „Korona“ vorkommen. Mich hat das beschäftigt,
da ich den Film nicht lange vorher gesehen hatte und mir überlegt habe,
wenn so etwas Thema wird in einem Buch oder Film, gibt es so etwas vielleicht
wirklich? Gibt es Pflanzen, die sich den Menschen quasi als Fehlwirt aussuchen?
Thomas Thiemeyer: Nicht, dass ich wüsste. Bei Pilzen kann es zu Befall
kommen aber Pflanzen? Ich halte die Idee für rein fantastisch – aber
gut. Das ist fremdartig und neu. Meine Idee war ja, dass dieses Dimensionstor
im Ruwenzori in beide Richtungen schwingt. Man kann also durchgehen, es kann
auch etwas zu uns herüber kommen. Das war einer der Gründe, warum
ich diese Geschichte dort und nirgendwo anders spielen lassen konnte. Die Vegetation
auf 3.000 Metern Höhe ist unglaublich fremdartig. Da gibt es Blumen, die
mehrere Meter hoch sind, es herrscht ewiger Nebel und alles ist mit Ranken und
Pflanzen bewachsen. Man glaubt wirklich, in einer anderen Welt zu sein.
Booksection.de: Das ist Dir wirklich gelungen. Dieses Ding
ist wirklich widerlich. (lacht). Ich hatte hinterher wirklich Mühe, wenn
ich Pflanzen angeschaut habe.
Thomas Thiemeyer: Ich habe gehört, der Film Ruinen soll auch ziemlich widerlich
sein (grinst).
Booksection.de: Ja, der ist auch widerlich. Du erzählst viel von diesem
Wissen, das noch in Dir schlummert. Sind denn in Deinem Kopf noch viele konkrekte
Ideen für neue Bücher?
Thomas Thiemeyer: Ja, jede Menge! Wäre auch tragisch, wenn das nicht so
wäre, denn ich habe vor kurzem fünf Buchverträge abgeschlossen.
Zwei Jugendbuchverträge und drei im Erwachsenenbereich. Was ich schon verraten
kann ist, dass es einen weiteren Hannah Peters–Roman geben wird. Die Arme
wird diesmal in den hohen Norden müssen. Spitzbergen. Eine Gegend, die
ich noch zu Recherchezwecken besuchen muss. Auch wenn es mich nicht so wirklich
dorthin zieht (lacht). Ich bin ein Wärmefanatiker.
Booksection.de: Der naturwissenschaftliche Ansatz ist das verbindende Element
Deiner Erwachsenenbücher mit den Jugendbüchern. Wolltest Du Dir bewusst
mit den „Chroniken der Weltensucher“ eine neue Zielgruppe erschließen?
Oder war das eher ein Herzensprojekt?
Thomas Thiemeyer: Den Ausschlag gab ein Anruf vom Loewe Verlag bei meinem Agenten.
Sie wollten wissen, ob ich auch für Jugendliche schreibe, da ihnen mein
Schreibstil gut gefallen hatte. Sie dachten wohl, dass er sich gut für
junge Leser eignen könnte. Für mich ein Riesenvorteil, denn dadurch
musste ich mich nicht verbiegen, weder sprachlich noch thematisch. Der Unterschied
ist, dass ich jetzt jüngere Protagonisten habe und die Geschichte 120 Jahre
in der Vergangenheit spielt.
Booksection.de: Also kein kleines Debüt, sondern mehr eine Fortentwicklung
Deiner Arbeit?
Thomas Thiemeyer: Na ja, genaugenommen beides. In einem neuen Genre zu schreiben
ist immer auch ein Neuanfang. Es war schon so, dass ich mir im Jugendbuchbereich
eine ganz eigene Klientel erschließen musste. Diese waren dann ganz überrascht
zu hören, dass ich auch Erwachsenenbücher schreibe. Ich denke dadurch,
dass diese Reihe um Carl Friedrich von Humboldt und Oskar fortläuft, werden
die beiden Lesergruppen noch mehr verschmelzen.
Booksection.de: Du gehst schon mit einer gewissen Routine an solche Projekte
heran. Auch mit einer gewissen Aufgeregtheit?
Thomas Thiemeyer: Vor allem Naivität (grinst). Ich muss ehrlich gestehen,
ich habe gedacht: Das schreibst du einfach so runter, wie du die erwachsenen
Romane auch schreibst. Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass es doch einige
Unterschiede gibt. Sie äußern sich eher im Detail und sind nicht
unbedingt thematisch bedingt. Die Art und Weise, wie ich mit Figuren umgehe
zum Beispiel. Personen müssen im Jugendbuch gleich präsent sein. Sie
äußern sich nicht so sehr durch ihre Gedanken, sondern hauptsächlich
durch ihre Taten, ihre Aktionen. Man muss sehr schnell auf den Punkt kommen.
Im Erwachsenenbuch kann ich mir die Zeit nehmen, Figuren psychologisch zu entwickeln,
im Jugendbuch geht das nur bedingt. Das heißt, schmerzhaft und konkret,
meine ersten zwei Kapitel, die ich geschrieben hatte, wurden gleich rausgestrichen
(lacht).
Booksection.de: Wenn Du das gerade ansprichst. Dies ist ein Punkt, der mir
an den beiden Büchern der „Chroniken“ aufgefallen ist. Im ersten
Buch habe ich den Zugang zu den Figuren nicht so gefunden. Es war alles ein
wenig nüchtern. Die Geschichte war spannend, aber die Figuren haben es
nicht geschafft mich mitzunehmen. Im zweiten Buch ist mir das anders gegangen.
Obwohl man ja erwarten könnte, dass sich hier nichts Wesentliches ändert,
weil es ja die gleichen Figuren sind. Ist das ein Prozess, der wachsen muss,
wenn man sich ein Genre erschließt?
Thomas Thiemeyer: Ja, ich muss mit den Figuren ja auch erstmal "warm werden".
Zum Beispiel hatte ich im Roman „Die Stadt der Regenfresser“ das
Problem, dass ich zunächst die ganze Welt schildern muss, in der Oskar
lebt. Das Jahr 1893, das so ganz anders ist als heute, die erste Begegnung mit
Humboldt. Ich wäre gerne direkt ins Abenteuer eingestiegen, aber da die
Buchreihe so langfristig konzipiert ist, musste ich mir die Zeit nehmen, über
100 Seiten lang die Figuren in Berlin zu beobachten. Der Vorteil des zweiten
Bandes ist, dass ich mich hier auf fertige Figuren berufen kann und diese dann
weiter ausbaue.
Booksection.de: Die „Chroniken der Weltensucher“ sind klassische
Abenteuergeschichten. In der Jugendbuchliteratur ist Fantasy momentan sehr präsent.
Hattest Du Angst, dass hier eine Abenteuergeschichte vielleicht untergeht?
Thomas Thiemeyer: Ich muss gestehen, da habe ich mich ganz auf den Verlag verlassen.
Der Verlag hat gesagt: Das ist klasse. Das brauchen wir! Das ist etwas komplett
anderes. So gesehen habe ich mir da nicht weiter den Kopf zerbrochen, weil ich
dachte, das ist Aufgabe der Marketing Abteilung. Mir war es eine Herzensangelegenheit.
Ich habe immer schon mit diesem Gedanken gespielt, einmal Bücher in dieser
Zeit spielen zu lassen, als die Welt noch nicht erforscht war, als die Meere
völlig unbekannt waren und große weiße Flecken auf der Landkarte
existierten. Für einen Forscher natürlich ideal. Und für einen
Autor auch (schmunzelt).
Booksection.de: Der Jules Verne-Gedanke zieht sich durch
beide Bücher hindurch und ist im zweiten Buch natürlich noch präsenter,
weil Jules Verne selbst vorkommt. Siehst Du Dich als der Erbe in der Erzähltradition
des Autors?
Thomas Thiemeyer: Das witzige war, anlässlich des Romans „Magma“
kam eine Anfrage vom WDR zu Jules Verne, zu seinem 100sten Todestag. Der Sender
hatte einen Beitrag geplant mit dem Thema: "Welche Autoren arbeiten heute
noch nach dem Prinzip, nach dem schon Jules Verne gearbeitet hat?" Zufälligerweise
sind sie da auf mich gekommen. Mit dem Fernsehteam habe ich dann das Effelsberg-Teleskop
besucht und vor Ort mit Fachleuten gesprochen. Genauso, wie Jules Verne damals.
Mit den „Chroniken der Weltensucher“ hat mich Jules Verne im Nachhinein
dann doch noch zu fassen gekriegt. Soweit, dass ich ihm auch noch einen Gastauftritt
in „Der Palast des Poseidon“ spendiert habe. Ich mag es, historische
Persönlichkeiten auftreten zu lassen.
Booksection.de: Deine Bücher zeichnen sich durch ein großes Faktenwissen
aus. Durch spannende Detailbeschreibungen. Wie viel Recherche steckt in Deinen
Jugendbüchern im Vorfeld?
Thomas Thiemeyer: Etwas weniger als bei den Erwachsenenbüchern. Ich erlaube
mir die Freiheit, alles etwas fantastischer anzulegen. Außerdem denke
ich, man darf seine Leser nicht mit trockenem Wissen langweilen.. Das Hauptaugenmerk
liegt aber auf der Story. Natürlich ist es immer so, dass ich kräftig
recherchieren muss. Darf! Denn ich mache das gerne. Es ergeben sich dann manchmal
sogar neue Ideen. Beispielsweise diese Szene im „Palast des Poseidon“,
in der sie Nicola Tesla treffen und er diesen kleinen Roboter dabei hat. Das
ist alles aus der Recherche heraus entstanden. Ich bin auf Fakten, Dokumente
gestoßen, nach denen zu dieser Zeit tatsächlich schon an so etwas
geforscht wurde. Ich dachte mir, es wäre witzig hier schon einen kleinen
Roboter auftreten zu lassen. Zumal das Thema dann im Laufe der Handlung ja noch
an Bedeutung gewinnt.
Booksection.de: Hast Du einen Liebling aus von Humboldts
Team?
Thomas Thiemeyer: Oskar ist mir natürlich am nächsten. Immerhin erzähle
ich die Geschichte ja durch seine Brille. Der geheime Star ist allerdings Wilma
(lacht).
Booksection.de: Genau. Wilma ist cool!
Thomas Thiemeyer: Wilma ist auch eine Figur, die sich erst im Nachhinein ergeben
hat. Wir hatten im Stuttgarter Zoo - der Wilhelma – ein Nachttierhaus
und dort gab es Kiwis. Auf der Suche nach einem Maskottchen, einem Haustier
für einen Forscher, dachte ich, ein Kiwi wäre mal was Ungewöhnliches.
Wilhelma - Wilma, ist doch nahe liegend (schmunzelt). Anfangs war das nur ein
Gag. Aber als ich dann merkte, dass diese Figur bei den Lesern unheimlich gut
ankommt, dachte ich: jetzt musst du den auch weiterentwickeln (lacht). Was kann
ich mit ihr anstellen? Klar! Ich bringe ihr das Sprechen bei. Sie bekommt diesen
kleinen Tornister und ihre eigene kleine Szene. Das war das Schärfste überhaupt
(lacht). Ich wusste nicht, ob ich das durchbekomme. Aber alle haben hinterher
gesagt: Na klar, warum nicht!
Booksection.de: Die Szene passt auch gut in die Handlung und wirkt überhaupt
nicht als Fremdkörper.
Thomas Thiemeyer: Ich war sehr gespannt darauf, wie Dietmar Wunder das beim
Hörbuch umsetzen wird. Ich mache es ihm nicht leicht mit meinen Büchern.
Er muss französisch reden, er muss in der Stimme eines Elektronengehirns
reden und er muss auch noch Wilma authentisch sprechen. Wie ich finde, hat er
das klasse gemacht.
Booksection.de: Auch ein toller Punkt, dass Du das Französische nicht
übersetzt, sondern den Leser – gleich welchen Alters- aufforderst,
hier mitzudenken. Man versteht die Geschichte ja dennoch, muss es also nicht
übersetzen. Ist das bewusst eingebaut?
Thomas Thiemeyer: Ja, wobei ich es wichtig fand, nichts im Text zu transportieren,
was irgendwie wichtig gewesen wäre. Diese französischen Passagen sind
eigentlich belanglos. „Wie geht’s?“, „Hallo“ und
etwas in dieser Richtung. Trotzdem habe ich gemerkt, dass viele Leser damit
Schwierigkeiten haben. In der Leserunde ist mir das ganz stark aufgefallen,
dass viele Leser kein Französisch können und total irritiert sind,
weil sie den Eindruck haben, ihnen entgeht da etwas Wichtiges. Hinterher habe
ich dann gedacht: Vielleicht habe ich es mit dem Französischen übertrieben.
Wenn noch mal so etwas kommt, werden wir es wohl übersetzen.
Booksection.de: Gibst Du uns einen kleinen Ausblick, wie
es mit den Chroniken weitergeht?
Thomas Thiemeyer: Es wird insgesamt mindestens fünf Bücher geben.
Dann schauen wir weiter. Der dritte Band ist schon fertig geschrieben und auch
schon lektoriert. Leider erscheint es erst nächstes Jahr im Sommer. Es
ist eine, wie ich finde, tolle Geschichte. Wieder ganz anders, als die ersten
beiden Bände. Es geht diesmal mehr in Richtung „Unheimlich“,
„Horror“. Es spielt witziger Weise auch in Afrika, in Mali, bei
den Dogon. Ich habe wohl eine Affinität zu Afrika (lacht). Die Dogon sind
ein altes Volk, das auf Tafelbergen lebt. Sie besitzen ein unerklärliches
Wissen über Astronomie. Sie verehren zum Beispiel einen Stern im Sternbild
Orion, der erst 1950 mit modernsten astronomischen Mitteln entdeckt wurde. Sie
kennen ihn aber schon seit vielen tausend Jahren. Keiner weiß wieso. Sie
richten ihren ganzen Lebenszyklus nach diesem Stern aus. Alle 60 Jahre, immer
wenn dieser Stern seinen Nachbarstern umkreist, feiern sie ein großes
Fest, das über mehrere Monate geht. Ich habe das zum Anlass genommen, eine
Geschichte zu schreiben, die mit außerirdischem Leben zu tun hat. Allerdings
nicht in Form von kleinen grünen Männchen, sondern in Form eines Meteoriten,
der vor Tausenden von Jahren runtergekommen ist. Er ist allerdings alles andere
als nur ein Stein. Er ist eine fremde Lebensform, die in der Lage ist, Menschen
zu assimilieren. Man denke an „Die Körperfresser“, „Das
Ding aus dem All“ und ähnliche Filme. Das Buch wird vermutlich „Der
Fluch der Glasmenschen“ heißen. Oskar wird übrigens auch infiziert
und fängt an, sich im Laufe der Geschichte zu verändern. Gruselig
(lacht).
Booksection.de: Schon das Ende von „Der Palast des
Poseidon“ hat mich gegruselt, und ich bin dann doch deutlich älter
als die Zielgruppe (lacht). Ich bin gespannt….
Thomas Thiemeyer: Ich auch. Der Roman hat nur wenig mit Technik zu tun, umso
mehr mit afrikanischem Mystizismus. Es taucht auch eine neue Nebenfigur auf,
die mir sehr viel Spaß gemacht hat zu schreiben – ein 12jähriges
Dogon-Mädchen. Meine Lektorin ist jedenfalls ganz begeistert. Sie findet,
es geht ihr wie bei den Harry Potter Romanen: der dritte ist der Beste.
Booksection.de: Da sind wir schon sehr gespannt und bedanken
uns für ein tolles Interview!
Thomas Thiemeyer: Euch auch vielen Dank!
Das Interview wurde am 09.10.2010 durch Melanie Frommholz & Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 19.10.2010