Interview mit...

...Thomas Thiemeyer


Sympathisch: Thomas Thiemeyer

"Nichts ist schlimmer, als wenn alles erklärbar wäre."

Mit Booksection im Gespräch: Science-Fiction- und Jugendbuch-Autor Thomas Thiemeyer u.a. über "Chroniken der Weltensucher - Der Palast des Poseidon" & "Korona".

Booksection.de: Mir ist aufgefallen, dass der Hauptpart in Deinen Thrillern immer von einer Frau übernommen wird. Natürlich kommen auch starke Männer vor, aber es ist doch die starke Frau, die die Hauptrolle spielt.
Thomas Thiemeyer: Ja, das stimmt.

Booksection.de: Was ist der Grund dafür, dass Du eine Frau in den Mittelpunkt stellst?
Thomas Thiemeyer: Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich Frauen als Romanfiguren interessanter finde als Männer. Ihnen steht ein breiteres Spektrum an Emotionen zur Verfügung. Einer Frau nimmt man eher ab, schwach zu sein, verzweifelt und am Boden zerstört. Aber man nimmt ihr auch ab, dass sie über sich hinaus wächst und enorm stark wird. Das ist bei Männern schwierig. Bei „Reptilia“ hatte ich einen männlichen Protagonisten und mir erlaubt, ihn anfangs als Softi darzustellen. Er ist ein Zweifler, ein Grübler, der sich nicht wohl fühlt in der Situation. Hinterher habe ich gemerkt, das ist bei vielen nicht gut angekommen. Es kamen Rückmeldungen wie: „Was für ein Waschlappen. Wir hätten uns einen Indiana Jones gewünscht, der sich durch alles durchhackt.“ Genau das wollte ich aber vermeiden.

Booksection.de: Es ging Dir also mehr um die emotionale Ebene…
Thomas Thiemeyer: Um das komplette Spektrum der Emotionen, genau. es ist wie bei einem Gemälde, bei dem man nicht die volle Palette der Farben zur Verfügung hat.

Booksection.de: Besonders in „Medusa“ hatte ich Probleme mit der Figur der Hannah Peters. Sie war mir als Frau zu tough. Ich hatte oft das Gefühl, sie sagt oder tut Dinge, die eine Frau nie tun würde. Gerade diese normalen weiblichen Gedanken: Ich bin mitten in der Wüste. Wie sehen meine Haare aus? Solche Dinge. In „Korona“ konnte ich mich dann mit der Hauptfigur besser identifizieren. Für mich hatte sich hier etwas verändert. Geht es Dir auch so?
Thomas Thiemeyer: Allerdings. Ich habe das Gefühl, dass mir die weiblichen Figuren ab „Magma“ immer besser gelingen. Hannah Peters ist natürlich eine Außenseiterin. Sie ist keine typische Frau, sondern hat seit Jahren alleine in der Wüste gelebt. Ich denke, das ist eine Sondersituation. Aber ich hatte gehofft, dies durch den zweiten Roman mit ihr („Nebra“), relativieren zu können. Das Problem bei „Medusa“ ist, dass er sehr plotorientiert war. Die Figuren mussten sich der Handlung unterordnen. Im Nachhinein hat mich das gestört. Von da her kann ich die Kritik gut nachvollziehen. Sie ist völlig berechtigt. Ich gehe jetzt anders an die Bücher heran. Zwar habe ich immer noch den Überbau - ich weiß, wo die Geschichte hingeht, was ich sagen möchte - aber ich lasse große Teile der Handlung aus den Figuren heraus entstehen. Durch das, was sie tun, was sie sagen, ergeben sich neue Handlungsstränge. Ich hoffe, dass die Figuren dadurch glaubwürdiger und menschlicher erscheinen.

Booksection.de: Absolut. Da ich die Bücher in relativ kurzen Abständen gelesen habe, meine ich das verfolgen zu können. Geht es Dir auch ab und an so, dass Figuren auftauchen, die im Vorfeld so gar nicht geplant waren? Die aus der Handlung heraus entstehen?
Thomas Thiemeyer: Eigentlich nicht. Ich habe einen festen Stamm an Hauptpersonen und Nebenfiguren, die ich ins Spiel bringe. Aber manchmal passiert es, dass eine Nebenfigur mehr Bedeutung bekommt. Bestes Beispiel: Norman Stromberg aus „Nebra“. Dieser unbekannte Milliardär, der immer im Hintergrund agiert und im ersten Band noch relativ unsympathisch geschildert wurde, bekam einen eigenen Auftritt und ich habe gemerkt, wie viel Spaß ich an dieser Figur habe. Ich habe ihm dann eigene Szenen eingeräumt. Er ist eine zwielichtige Gestalt, und das gefällt mir. Die Zwielichtigen sind immer am interessantesten. Mit ihnen kann ich Neuland erkunden und mich selbst überraschen. Ich gehöre zu der Fraktion an Autoren, die sagen, dass sie selbst ihre ersten Leser sind. Wenn eine Geschichte mich selbst langweilt kann sie auch für andere Leser kaum interessant sein.

Booksection.de: Ist es Dir denn schon einmal passiert, dass Du eine Geschichte abgebrochen hast?
Thomas Thiemeyer: Bei „Nebra“ stand ich einmal kurz davor. ich habe gemerkt, dass mir die Handlungsstränge zerbröseln. Ich musste das gesamte Konzept noch einmal neu anlegen und habe zwei oder drei Tage lang jede Szene auf kleine Zettel geschrieben und die Wohnung damit ausgelegt. Ich musste sehen was wohin passt und wo ich ansetzen muss. Die Geschichte war zu Beginn viel schmaler und schlanker. Auf einmal bekam sie eine viel größere Dimension und Breite.
Drei Tage lang habe ich Blut und Wasser geschwitzt.

Booksection.de: Das kann ich mir vorstellen. Man hängt ja auch an der Geschichte, an der Idee…
Thomas Thiemeyer: Natürlich, klar!

Booksection.de: Du hast Geologie und Geographie studiert. Aus Deinen Büchern spricht ein unglaubliches Fachwissen. Diese ganzen naturwissenschaftlichen Phänomene werden unglaublich differenziert beschrieben. Ist das für Dich auch eine Art, diese Leidenschaft auszuleben?
Thomas Thiemeyer: So bin ich aufgewachsen. Meine Eltern sind beide Freiberufler und waren viel zu Hause. Sie sind sehr naturwissenschaftlich geprägt (lacht). Ich habe mir schon als Kind Tiersendungen angeschaut: Von Sielmann bis Grzimek. Wir hatten zu Hause die „National Geographic“, später kam die „PM“ dazu. Die Naturwissenschaften haben mich immer interessiert. Nicht nur Geologie und Geographie, das war dann letztlich nur das, was ich studiert habe. Genauso gut hätte ich Archäologie oder Zoologie oder Botanik studieren können, das ist alles hoch spannend. Ab einem bestimmten Punkt habe ich dann aber gemerkt, dass mir das Studium zu speziell wurde. Mich interessieren immer die großen Zusammenhänge. Ich habe dann das Studium abgebrochen. Es war eine Leidenschaft und die soll es auch bleiben.
Durch das Schreiben hat das Ganze aber zum Glück einen praktischen Nutzen erhalten. Hier möchte ich Anstöße geben, ohne zu detailliert zu werden. Eine Frage der Balance, denn das Hauptaugenmerk soll ja auf Unterhaltung liegen.

Booksection.de: Du beschreibst in „Korona“ eine Idee, die die Menschheit eigentlich schon immer beschäftigt. Die Idee von einer Pforte, die in eine andere Dimension führt. Kannst Du Dir das denn aus naturwissenschaftlicher Sicht überhaupt vorstellen? Dass es möglich wäre?
Thomas Thiemeyer: Absolut unmöglich, aber nicht weitersagen. (lacht)
Es gibt zwar eine Theorie, dass so etwas funktionieren könnte, aber das Problem ist, dass es solch ungeheurer Energiemengen bedürfte, dass unsere Sonne dafür gar nicht ausreichen würde. Doch die Idee mit der Pforte beschäftigt auch andere Autoren. Die erste Idee zu diesem Buch ist schon 15 Jahre alt. Der erste Roman, den ich überhaupt geschrieben habe, und der wohlweißlich in der Schublade liegt – und das hat gute Gründe (grinst) – hat sich bereits damit beschäftigt. Mich hat die Idee aber nicht mehr losgelassen und ich dachte mir immer, dass ich diese Geschichte noch einmal neu schreiben muss. Dass sie nun so anders ist, damit habe ich allerdings nicht gerechnet.

Booksection.de: Mich hat das Thema auch an diese grenzwissenschaftlichen Bereiche, wie die Forschungen von Erich von Däniken erinnert. Was hältst Du von diesen Forschungen?
Thomas Thiemeyer: Grundsätzlich finde ich es gut. Ich kenne von Däniken seit Ewigkeiten, wenn auch nicht persönlich. Ein großartiger Unterhalter. Was ich toll fand, war, dass er Fragen stellte. Wie konnten Menschen vor 5.000 Jahren Steine so verfugen, dass man heute nicht mal mit einer Scheckkarte dazwischen kommt. Ohne Laserschneider, oder dergleichen. Das finde ich toll. Weniger befriedigend waren dann allerdings die Antworten. Kleine grüne Männchen, ich bitte Dich! (grinst)
Ich verfolge einen anderen Ansatz. Beispielsweise die Himmelsscheibe von Nebra. Die Forschungen sind schon recht weit gediehen. Dennoch gibt es viele ungelöste Rätsel. Und das ist gut so! Nichts ist schlimmer, als wenn alles erklärbar wäre. Die Welt wäre trostlos und langweilig.

Booksection.de: Kennst Du den Film „Ruinen“?
Thomas Thiemeyer: Ich kenne das Buch, ich glaube es heißt „Dickicht“.

Booksection.de: Es geht hier auch um die Idee dieser parasitären Pflanzen, die ja auch in „Korona“ vorkommen. Mich hat das beschäftigt, da ich den Film nicht lange vorher gesehen hatte und mir überlegt habe, wenn so etwas Thema wird in einem Buch oder Film, gibt es so etwas vielleicht wirklich? Gibt es Pflanzen, die sich den Menschen quasi als Fehlwirt aussuchen?
Thomas Thiemeyer: Nicht, dass ich wüsste. Bei Pilzen kann es zu Befall kommen aber Pflanzen? Ich halte die Idee für rein fantastisch – aber gut. Das ist fremdartig und neu. Meine Idee war ja, dass dieses Dimensionstor im Ruwenzori in beide Richtungen schwingt. Man kann also durchgehen, es kann auch etwas zu uns herüber kommen. Das war einer der Gründe, warum ich diese Geschichte dort und nirgendwo anders spielen lassen konnte. Die Vegetation auf 3.000 Metern Höhe ist unglaublich fremdartig. Da gibt es Blumen, die mehrere Meter hoch sind, es herrscht ewiger Nebel und alles ist mit Ranken und Pflanzen bewachsen. Man glaubt wirklich, in einer anderen Welt zu sein.

Booksection.de: Das ist Dir wirklich gelungen. Dieses Ding ist wirklich widerlich. (lacht). Ich hatte hinterher wirklich Mühe, wenn ich Pflanzen angeschaut habe.
Thomas Thiemeyer: Ich habe gehört, der Film Ruinen soll auch ziemlich widerlich sein (grinst).

Booksection.de: Ja, der ist auch widerlich. Du erzählst viel von diesem Wissen, das noch in Dir schlummert. Sind denn in Deinem Kopf noch viele konkrekte Ideen für neue Bücher?
Thomas Thiemeyer: Ja, jede Menge! Wäre auch tragisch, wenn das nicht so wäre, denn ich habe vor kurzem fünf Buchverträge abgeschlossen. Zwei Jugendbuchverträge und drei im Erwachsenenbereich. Was ich schon verraten kann ist, dass es einen weiteren Hannah Peters–Roman geben wird. Die Arme wird diesmal in den hohen Norden müssen. Spitzbergen. Eine Gegend, die ich noch zu Recherchezwecken besuchen muss. Auch wenn es mich nicht so wirklich dorthin zieht (lacht). Ich bin ein Wärmefanatiker.

Booksection.de: Der naturwissenschaftliche Ansatz ist das verbindende Element Deiner Erwachsenenbücher mit den Jugendbüchern. Wolltest Du Dir bewusst mit den „Chroniken der Weltensucher“ eine neue Zielgruppe erschließen? Oder war das eher ein Herzensprojekt?
Thomas Thiemeyer: Den Ausschlag gab ein Anruf vom Loewe Verlag bei meinem Agenten. Sie wollten wissen, ob ich auch für Jugendliche schreibe, da ihnen mein Schreibstil gut gefallen hatte. Sie dachten wohl, dass er sich gut für junge Leser eignen könnte. Für mich ein Riesenvorteil, denn dadurch musste ich mich nicht verbiegen, weder sprachlich noch thematisch. Der Unterschied ist, dass ich jetzt jüngere Protagonisten habe und die Geschichte 120 Jahre in der Vergangenheit spielt.

Booksection.de: Also kein kleines Debüt, sondern mehr eine Fortentwicklung Deiner Arbeit?
Thomas Thiemeyer: Na ja, genaugenommen beides. In einem neuen Genre zu schreiben ist immer auch ein Neuanfang. Es war schon so, dass ich mir im Jugendbuchbereich eine ganz eigene Klientel erschließen musste. Diese waren dann ganz überrascht zu hören, dass ich auch Erwachsenenbücher schreibe. Ich denke dadurch, dass diese Reihe um Carl Friedrich von Humboldt und Oskar fortläuft, werden die beiden Lesergruppen noch mehr verschmelzen.

Booksection.de: Du gehst schon mit einer gewissen Routine an solche Projekte heran. Auch mit einer gewissen Aufgeregtheit?
Thomas Thiemeyer: Vor allem Naivität (grinst). Ich muss ehrlich gestehen, ich habe gedacht: Das schreibst du einfach so runter, wie du die erwachsenen Romane auch schreibst. Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass es doch einige Unterschiede gibt. Sie äußern sich eher im Detail und sind nicht unbedingt thematisch bedingt. Die Art und Weise, wie ich mit Figuren umgehe zum Beispiel. Personen müssen im Jugendbuch gleich präsent sein. Sie äußern sich nicht so sehr durch ihre Gedanken, sondern hauptsächlich durch ihre Taten, ihre Aktionen. Man muss sehr schnell auf den Punkt kommen. Im Erwachsenenbuch kann ich mir die Zeit nehmen, Figuren psychologisch zu entwickeln, im Jugendbuch geht das nur bedingt. Das heißt, schmerzhaft und konkret, meine ersten zwei Kapitel, die ich geschrieben hatte, wurden gleich rausgestrichen (lacht).

Booksection.de: Wenn Du das gerade ansprichst. Dies ist ein Punkt, der mir an den beiden Büchern der „Chroniken“ aufgefallen ist. Im ersten Buch habe ich den Zugang zu den Figuren nicht so gefunden. Es war alles ein wenig nüchtern. Die Geschichte war spannend, aber die Figuren haben es nicht geschafft mich mitzunehmen. Im zweiten Buch ist mir das anders gegangen. Obwohl man ja erwarten könnte, dass sich hier nichts Wesentliches ändert, weil es ja die gleichen Figuren sind. Ist das ein Prozess, der wachsen muss, wenn man sich ein Genre erschließt?
Thomas Thiemeyer: Ja, ich muss mit den Figuren ja auch erstmal "warm werden". Zum Beispiel hatte ich im Roman „Die Stadt der Regenfresser“ das Problem, dass ich zunächst die ganze Welt schildern muss, in der Oskar lebt. Das Jahr 1893, das so ganz anders ist als heute, die erste Begegnung mit Humboldt. Ich wäre gerne direkt ins Abenteuer eingestiegen, aber da die Buchreihe so langfristig konzipiert ist, musste ich mir die Zeit nehmen, über 100 Seiten lang die Figuren in Berlin zu beobachten. Der Vorteil des zweiten Bandes ist, dass ich mich hier auf fertige Figuren berufen kann und diese dann weiter ausbaue.

Booksection.de: Die „Chroniken der Weltensucher“ sind klassische Abenteuergeschichten. In der Jugendbuchliteratur ist Fantasy momentan sehr präsent. Hattest Du Angst, dass hier eine Abenteuergeschichte vielleicht untergeht?
Thomas Thiemeyer: Ich muss gestehen, da habe ich mich ganz auf den Verlag verlassen. Der Verlag hat gesagt: Das ist klasse. Das brauchen wir! Das ist etwas komplett anderes. So gesehen habe ich mir da nicht weiter den Kopf zerbrochen, weil ich dachte, das ist Aufgabe der Marketing Abteilung. Mir war es eine Herzensangelegenheit. Ich habe immer schon mit diesem Gedanken gespielt, einmal Bücher in dieser Zeit spielen zu lassen, als die Welt noch nicht erforscht war, als die Meere völlig unbekannt waren und große weiße Flecken auf der Landkarte existierten. Für einen Forscher natürlich ideal. Und für einen Autor auch (schmunzelt).

Booksection.de: Der Jules Verne-Gedanke zieht sich durch beide Bücher hindurch und ist im zweiten Buch natürlich noch präsenter, weil Jules Verne selbst vorkommt. Siehst Du Dich als der Erbe in der Erzähltradition des Autors?
Thomas Thiemeyer: Das witzige war, anlässlich des Romans „Magma“ kam eine Anfrage vom WDR zu Jules Verne, zu seinem 100sten Todestag. Der Sender hatte einen Beitrag geplant mit dem Thema: "Welche Autoren arbeiten heute noch nach dem Prinzip, nach dem schon Jules Verne gearbeitet hat?" Zufälligerweise sind sie da auf mich gekommen. Mit dem Fernsehteam habe ich dann das Effelsberg-Teleskop besucht und vor Ort mit Fachleuten gesprochen. Genauso, wie Jules Verne damals. Mit den „Chroniken der Weltensucher“ hat mich Jules Verne im Nachhinein dann doch noch zu fassen gekriegt. Soweit, dass ich ihm auch noch einen Gastauftritt in „Der Palast des Poseidon“ spendiert habe. Ich mag es, historische Persönlichkeiten auftreten zu lassen.

Booksection.de: Deine Bücher zeichnen sich durch ein großes Faktenwissen aus. Durch spannende Detailbeschreibungen. Wie viel Recherche steckt in Deinen Jugendbüchern im Vorfeld?
Thomas Thiemeyer: Etwas weniger als bei den Erwachsenenbüchern. Ich erlaube mir die Freiheit, alles etwas fantastischer anzulegen. Außerdem denke ich, man darf seine Leser nicht mit trockenem Wissen langweilen.. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf der Story. Natürlich ist es immer so, dass ich kräftig recherchieren muss. Darf! Denn ich mache das gerne. Es ergeben sich dann manchmal sogar neue Ideen. Beispielsweise diese Szene im „Palast des Poseidon“, in der sie Nicola Tesla treffen und er diesen kleinen Roboter dabei hat. Das ist alles aus der Recherche heraus entstanden. Ich bin auf Fakten, Dokumente gestoßen, nach denen zu dieser Zeit tatsächlich schon an so etwas geforscht wurde. Ich dachte mir, es wäre witzig hier schon einen kleinen Roboter auftreten zu lassen. Zumal das Thema dann im Laufe der Handlung ja noch an Bedeutung gewinnt.

Booksection.de: Hast Du einen Liebling aus von Humboldts Team?
Thomas Thiemeyer: Oskar ist mir natürlich am nächsten. Immerhin erzähle ich die Geschichte ja durch seine Brille. Der geheime Star ist allerdings Wilma (lacht).

Booksection.de: Genau. Wilma ist cool!
Thomas Thiemeyer: Wilma ist auch eine Figur, die sich erst im Nachhinein ergeben hat. Wir hatten im Stuttgarter Zoo - der Wilhelma – ein Nachttierhaus und dort gab es Kiwis. Auf der Suche nach einem Maskottchen, einem Haustier für einen Forscher, dachte ich, ein Kiwi wäre mal was Ungewöhnliches. Wilhelma - Wilma, ist doch nahe liegend (schmunzelt). Anfangs war das nur ein Gag. Aber als ich dann merkte, dass diese Figur bei den Lesern unheimlich gut ankommt, dachte ich: jetzt musst du den auch weiterentwickeln (lacht). Was kann ich mit ihr anstellen? Klar! Ich bringe ihr das Sprechen bei. Sie bekommt diesen kleinen Tornister und ihre eigene kleine Szene. Das war das Schärfste überhaupt (lacht). Ich wusste nicht, ob ich das durchbekomme. Aber alle haben hinterher gesagt: Na klar, warum nicht!

Booksection.de: Die Szene passt auch gut in die Handlung und wirkt überhaupt nicht als Fremdkörper.
Thomas Thiemeyer: Ich war sehr gespannt darauf, wie Dietmar Wunder das beim Hörbuch umsetzen wird. Ich mache es ihm nicht leicht mit meinen Büchern. Er muss französisch reden, er muss in der Stimme eines Elektronengehirns reden und er muss auch noch Wilma authentisch sprechen. Wie ich finde, hat er das klasse gemacht.

Booksection.de: Auch ein toller Punkt, dass Du das Französische nicht übersetzt, sondern den Leser – gleich welchen Alters- aufforderst, hier mitzudenken. Man versteht die Geschichte ja dennoch, muss es also nicht übersetzen. Ist das bewusst eingebaut?
Thomas Thiemeyer: Ja, wobei ich es wichtig fand, nichts im Text zu transportieren, was irgendwie wichtig gewesen wäre. Diese französischen Passagen sind eigentlich belanglos. „Wie geht’s?“, „Hallo“ und etwas in dieser Richtung. Trotzdem habe ich gemerkt, dass viele Leser damit Schwierigkeiten haben. In der Leserunde ist mir das ganz stark aufgefallen, dass viele Leser kein Französisch können und total irritiert sind, weil sie den Eindruck haben, ihnen entgeht da etwas Wichtiges. Hinterher habe ich dann gedacht: Vielleicht habe ich es mit dem Französischen übertrieben. Wenn noch mal so etwas kommt, werden wir es wohl übersetzen.

Booksection.de: Gibst Du uns einen kleinen Ausblick, wie es mit den Chroniken weitergeht?
Thomas Thiemeyer: Es wird insgesamt mindestens fünf Bücher geben. Dann schauen wir weiter. Der dritte Band ist schon fertig geschrieben und auch schon lektoriert. Leider erscheint es erst nächstes Jahr im Sommer. Es ist eine, wie ich finde, tolle Geschichte. Wieder ganz anders, als die ersten beiden Bände. Es geht diesmal mehr in Richtung „Unheimlich“, „Horror“. Es spielt witziger Weise auch in Afrika, in Mali, bei den Dogon. Ich habe wohl eine Affinität zu Afrika (lacht). Die Dogon sind ein altes Volk, das auf Tafelbergen lebt. Sie besitzen ein unerklärliches Wissen über Astronomie. Sie verehren zum Beispiel einen Stern im Sternbild Orion, der erst 1950 mit modernsten astronomischen Mitteln entdeckt wurde. Sie kennen ihn aber schon seit vielen tausend Jahren. Keiner weiß wieso. Sie richten ihren ganzen Lebenszyklus nach diesem Stern aus. Alle 60 Jahre, immer wenn dieser Stern seinen Nachbarstern umkreist, feiern sie ein großes Fest, das über mehrere Monate geht. Ich habe das zum Anlass genommen, eine Geschichte zu schreiben, die mit außerirdischem Leben zu tun hat. Allerdings nicht in Form von kleinen grünen Männchen, sondern in Form eines Meteoriten, der vor Tausenden von Jahren runtergekommen ist. Er ist allerdings alles andere als nur ein Stein. Er ist eine fremde Lebensform, die in der Lage ist, Menschen zu assimilieren. Man denke an „Die Körperfresser“, „Das Ding aus dem All“ und ähnliche Filme. Das Buch wird vermutlich „Der Fluch der Glasmenschen“ heißen. Oskar wird übrigens auch infiziert und fängt an, sich im Laufe der Geschichte zu verändern. Gruselig (lacht).

Booksection.de: Schon das Ende von „Der Palast des Poseidon“ hat mich gegruselt, und ich bin dann doch deutlich älter als die Zielgruppe (lacht). Ich bin gespannt….
Thomas Thiemeyer: Ich auch. Der Roman hat nur wenig mit Technik zu tun, umso mehr mit afrikanischem Mystizismus. Es taucht auch eine neue Nebenfigur auf, die mir sehr viel Spaß gemacht hat zu schreiben – ein 12jähriges Dogon-Mädchen. Meine Lektorin ist jedenfalls ganz begeistert. Sie findet, es geht ihr wie bei den Harry Potter Romanen: der dritte ist der Beste.

Booksection.de: Da sind wir schon sehr gespannt und bedanken uns für ein tolles Interview!
Thomas Thiemeyer: Euch auch vielen Dank!



Das Interview wurde am 09.10.2010 durch Melanie Frommholz & Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 19.10.2010

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