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Interview mit...
...Thomas Glavinic
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Kritik "Das Leben der Wünsche"
"Wenn ich es erklären könnte, würde ich gar keine Romane schreiben."
Mit Booksection im Gespräch: Schriftsteller Thomas Glavinic.
Booksection: „Die Arbeit der Nacht“ ist vor „Das
Leben der Wünsche“ erschienen. Es liegt im ersten Moment aber nahe,
dass die Geschichten vielleicht anders herum gehören. Sehen Sie das auch
so?
Thomas Glavinic: Ich würde sagen, dass es keine Reihenfolge
gibt, weil eine Reihenfolge nicht notwendig ist. Es ist nicht wichtig, welches
Buch man zuerst liest, weil beide Werke auch vollkommen unabhängig voneinander
gelesen werden können. In gewisser Weise gehören sie natürlich
zusammen, aber das war es leider auch schon mit meinem Verständnis, was
die Chronologie der Bücher betrifft.
Booksection: Welche der beiden Geschichten war zuerst in
Ihrem Kopf präsent?
Thomas Glavinic: Auf jeden Fall die aus „Die Arbeit der
Nacht“. Während der Arbeit schrieb ich hundert Seiten über ein
neues Motiv, das in „Die Arbeit der Nacht“ nicht hineinpasste. Letztlich
habe ich diesen Teil raus genommen und zur Seite gelegt, weil ich mir dachte,
dass diese Geschichte eher an „Die Arbeit der Nacht“ anschließt.
Diese hundert Seiten wurden der Kern von etwas Neuem – und das Zwischenstück
von diesem Neuen, das ich erst schreiben werde, und der „Arbeit der Nacht“
ist nun „Das Leben der Wünsche“.
Booksection: Aber Jonas, der Protagonist der beiden Romanen,
ist schon dieselbe Person?
Thomas Glavinic: Nun ja, das ist so eine Sache. Immerhin hat
Jonas in beiden Werken eine leicht unterschiedliche Biografie. Es ist nicht
alles identisch. Es gibt durchaus ein paar Parallelen, aber auch einige Dinge,
die nicht übereinstimmen. Es ist wohl eine Art Parallelwelt, aber ich habe
einfach keine Ahnung, was das genau ist. Ich weiß nur, dass es genau so
sein muss. Die Idee Jonas ist dieselbe, die Biographie nicht.
Booksection: Sie lassen dem Leser Ihrer Romane viel Freiraum
die Geschichte selbst mit Inhalt zu füllen. Sind die vielen Leerstellen
in Ihren Werken eine Herausforderung vor die Sie den Leser stellen?
Thomas Glavinic: Das weiß ich nicht, es ist möglich.
Für manche Leser ist es keine Herausforderung, sondern genau das, wonach
sie suchen. Ich möchte Bücher schreiben, die sich auf verschiedenen
Ebenen lesen lassen. Ich möchte Bücher schreiben, die trotz mehrerer
Verständnisebenen im besten Sinne unterhalten. Meine Hoffnung ist, dass
es viele Leser gibt, die die Ebenen unter der eigentlichen Geschichte entdecken
und das Buch genau so lesen, wie ich es gemeint habe – wobei ich mir nicht
sicher bin, ob „gemeint“ das richtige Wort ist.
Booksection: Wie haben Sie es denn ´gemeint´?
Thomas Glavinic: So wie ich es geschrieben habe!
Booksection: Sie interpretieren Ihre Bücher also nicht
gerne selbst?
Thomas Glavinic: Ich kann es nicht, da jedes Wort zuviel ist.
Andere Worte reichen nicht an das heran, was ich gemacht habe. Nicht in einem
qualitativen Sinn. Wenn ich es erklären könnte, würde ich gar
keine Romane schreiben. Der Roman ist viel wahrer und umfassender als alles,
was ich jetzt sagen könnte.
Booksection: Vor allem Ihr Roman „Die Arbeit der Nacht“
hat ein sehr offenes Ende. Manche Leser hätten vielleicht etwas Konkreteres
erwartet.
Thomas Glavinic: Nein, das würde nicht passen, ich schreibe
ja keine Science-Fiction-Romane. Das ist ein existentieller Roman über
Liebe, Einsamkeit und vor allem über Angst. Da gibt es keine Antwort, weil
es im Leben auch keine Antwort gibt. Wir haben alle nur Vermutungen. Genau davon
handelt „Die Arbeit der Nacht“. Wir wissen alle nicht, was wirklich
vorhanden ist. Wir alle wissen nichts, wir sind nichtswissend! Ein Buch wie
„Die Arbeit der Nacht“ am Ende mit einer Auflösung zu versehen,
wäre Betrug am Leser und vor allem am Stoff und an mir selbst.
Booksection: Wenn Sie Bücher von Ihren Kollegen lesen,
mögen Sie dann offene Enden?
Thomas Glavinic: Ja, klar, wenn sie stimmig sind. Ich erwarte
keine Antworten. Ich erwarte vom Autor nicht, dass er mich an die Hand nimmt
und zu einer Lösung führt.
Booksection: Auf was legen Sie beim Schreiben Ihrer Werke besonderen
Wert?
Thomas Glavinic: Vor allem lege ich Wert auf die Wahrhaftigkeit.
Ich will, dass das Kunstwerk gelingt und dass es das wird, was es sein soll.
Da kann ich nicht sagen, dass mir zum Beispiel die Charaktere wichtiger sind
als die Erzählperspektive oder die Sprache wichtiger als die Handlung.
Alles zusammen ergibt einen Roman, der muss in sich stimmig sein. Zu dieser
Wahrhaftigkeit und Stimmigkeit führen sehr, sehr viele intuitive Entscheidungen.
Booksection: Die man auch nicht erklären kann?
Thomas Glavinic: Genau. Ich kann meine Romane nicht erklären
oder sogar verstehen. Ich habe keine Ahnung, was ich da mache. Na ja, das ist
auch übertrieben. Eine Ahnung schon, ich kenne die Richtung, ich kenne
die Farbe, ich kenne die Temperatur des Werks, aber ich kann es nicht erklären.
Booksection: Sowohl in „Die Arbeit der Nacht“
als auch in „Das Leben der Wünsche“ spielen Themen wie Vergänglichkeit
von Zeit, Momenten, Leben und Erinnerungen eine große Rolle. Angst oder
Faszination?
Thomas Glavinic: Beides. Mir macht die Zeit natürlich
Angst. In gewisser Weise fasziniert sie mich aber auch. Ich weiß es nicht.
Im Grunde ist es ein Komplex, über den man wieder einen Roman schreiben
könnte. Das wäre auch ein Thema, über das ich lieber einen Roman
schreiben würde, anstatt zwei Sätze dazu zu sagen. Die zwei Sätze
würden schal klingen und unverständlich. Das würde zu dem, was
ich eigentlich gerne sagen würde, einfach nicht passen.
Booksection: Wie lange haben Sie an „Die Arbeit der
Nacht“ und „Das Leben der Wünsche“ gearbeitet?
Thomas Glavinic: Am ersten drei, am zweiten zwei Jahre. Ich
schaffe am Tag zwei Seiten. Wenn ich an einem Roman arbeite, dann arbeite ich
täglich so lange, bis ich zwei Seiten habe. Nach drei Woche habe ich meistens
aber genug und muss erst einmal eine Pause machen.
Booksection: Können wir uns nun auf einen weiteren Roman
mit Protagonist „Jonas“ freuen?
Thomas Glavinic: Ich hoffe es. Ich habe schon einige Ideen
im Kopf und eine Vorstellung davon, was noch passieren sollte, aber ob es gelingt,
kann ich jetzt noch nicht sagen. Angefangen zu schreiben habe ich noch nicht,
weil ich zu faul bin. Ich weiß, dass ich danach dran bleiben muss, und
die nächsten zwei, vielleicht drei Jahre wären für dieses Buch
reserviert. Während dieser Zeit könnte ich nichts anderes mehr machen.
Momentan bin ich auch sehr viel unterwegs auf Lesereisen. Wenn ich das hinter
mir habe, werde ich auch erstmal nur noch schlafen und dann wieder schreiben
– bestimmt!
Booksection: Ist Ihnen der Austausch mit Ihren Lesern wichtig?
Thomas Glavinic: Ich bitte, das nicht als Ausdruck von Überheblichkeit
zu verstehen, aber vom künstlerischen Standpunkt aus ist mir der Austausch
über meine Bücher unwichtig. Ich wünsche mir natürlich,
dass es Leser gibt, denen die Bücher etwas bedeuten und die sich damit
beschäftigen, aber eine Unterhaltung darüber hat etwas Intimes, das
ich nicht immer angenehm finde. Ich schreibe ja, was ich schreiben muss. Ich
freue mich natürlich, wenn jemand zu mir kommt und in freundlichen Worten
ausdrückt, dass er meine Arbeit gut findet, aber dann ist das Thema schon
aus Verlegenheitsgründen für mich beendet. Einen Erkenntnisgewinn
gibt es für mich aus einem solchen Gespräch heraus ohnehin nicht.
Booksection: Würden Sie sich als avantgardistischen
Autor bezeichnen?
Thomas Glavinic: Nein, denn die Avantgarde ist ein Begriff,
der bereits besetzt ist und den ich auch langweilig finde. Ich kenne nicht viele
Autoren, die das machen, was ich mache oder die das versuchen, was ich versuche.
Das klingt nun sehr selbstlobend, so ist es gar nicht gemeint. Möglicherweise
ist das, was ich mache, etwas Neues. Ich versuche zumindest, etwas Neues zu
machen. Ob mir das gelingt, weiß ich nicht. Ich würde mich niemals
als irgendetwas bezeichnen. Ich weiß nur, dass ich diese Romane schreiben
muss und damit hoffentlich das verwirklichen kann, was ich verwirklichen wollte.
Booksection: Sie verspüren also einen innerlichen Drang,
dem Sie beim Schreiben freien Lauf lassen können?
Thomas Glavinic: Ja, in gewisser Weise ist das so. Ich glaube,
dass jeder, der schreibt, davon besessen sein sollte. Ich schreibe ja nicht
gerne, immerhin ist es viel Arbeit und nicht gerade unanstrengend. Aber ich
bin nun mal davon besessen, und es ist wunderschön, wenn man von seiner
Besessenheit ökonomisch sein Auslangen findet und sie nicht etwa durch
einen zusätzlichen Job finanzieren muss. Und es ist auch schön, wenn
es einige wenige Menschen gibt, die nachempfinden können, was man mit den
Romanen ins Werk setzen wollte.
Booksection: Herr Glavinic, vielen Dank für
das Interview!
Das Interview wurde am 15.10.2009 durch Kathrin Lang geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 19.10.2009