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Buchkritik "Weißer Schrecken"
"Ich wollte den Leser verstören und zugleich neugierig machen."
Mit Booksection im Gespräch: Fantasyautor Thomas Finn.
Booksection.de: Dein neuer Roman „Weisser Schrecken“
ist mehr als nur ein bisschen gruselig geworden. War es nach zwei Trilogien
im Jugendbuchbereich Zeit für eine „härtete“ Gangart?
Thomas Finn: Jein. Zum einen fühle ich mich in verschiedenen
Genres heimisch, zum anderen sollte niemand vergessen, dass ich vor meinen beiden
Jugendbuch-Trilogien bei Ravensburger mehrere Romane geschrieben habe, die nicht
speziell auf ein junges Publikum abzielten. Allen voran mein Zeitreise-Thriller
„Der Funke des Chronos“, der ebenfalls bei Piper erschien. Speziell
dem Grusel und dem gepflegten Horror fühle ich mich schon seit gut 20 Jahren
eng verbunden. Und zwar seit meiner Zeit als Abenteuer-Spieleautor, als ich
das erste mal mit dem Horror-Rollenspielsystem ‚H. P. Lovecrafts Cthulhu’
– und auch der entsprechenden Literatur - in Berührung kam.
Booksection.de: Wie ist die Idee zu dieser ungewöhnlichen
Nikolaus-Geschichte entstanden?
Thomas Finn: Eigentlich durch Zufall. Ich bin vor einigen Jahren
im Rahmen anderer Recherchen erstmals auf die Ursprungssage des Knecht Ruprecht
gestoßen - und war sofort elektrisiert. Zu dem Zeitpunkt war ich selbst
ahnungslos, welche Mythen eigentlich hinter unseren vorweihnachtlichen Bräuchen
stecken. Zum Beispiel, warum sich die Gestalt des Knecht Ruprecht als unheimlicher
Begleiter des Nikolaus bis heute gehalten hat? Oder warum wir überhaupt
das Nikolaus-Fest als Fest der Kinder feiern? Spätestens als ich auf die
alpinen Brauchtümer des Krampus- oder Perchtenlaufs stieß, wusste
ich, dass all das den idealen Nährboden für einen Schauerroman liefert.
Das Gruselige bei alledem ist ja, dass wir alle munter Nikolaus & Co feiern
– aber eigentlich niemand so recht weiß, was wir da eigentlich feiern...
Booksection.de: „Weisser Schrecken“ verbindet
deutsches Sagengut mit einer packenden fiktiven Weiterentwicklung. Wo hören
die Überlieferungen auf und wo beginnt Thomas Finns Phantasie?
Thomas Finn: Der Übergang ist natürlich fließend.
Dadurch entsteht ja erst das Gefühl fast realer Beklemmung. ‚Weißer
Schrecken’ ist natürlich in erster Linie ein Unterhaltungsroman.
Doch wie schon damals beim ‚Funken’ mit seinen Informationen über
das alte Hamburg, habe ich mich sehr darum bemüht, dem Leser auch einige
ganz sachliche Informationen mit auf den Weg zu geben. Alles, was du in ‚Weißer
Schrecken’ über lokale Brauchtümer, Mythenwelt und Ursprünge
solcher Themen wie Perchta, Ruprechtssage, Wilde Jagd und anderem erfährst,
wurde akribisch recherchiert. Wo die eine oder andere Information umstritten
ist, erwähnen die Figuren das auch. Ich selbst glaube aber nicht an Geister
und existente Schrecken aus alten Zeiten. Trotzdem: Als ich bei meinen Recherchen
auf diese doch ziemlich spektakuläre archäologische Entdeckung stieß,
die im letzten Fünftel des Romans erwähnt wird – und die ich
hier natürlich nicht nennen kann –, wurde mir schon etwas unheimlich
zumute. Das sind dann diese seltenen Glücksfälle beim Schreiben, bei
denen man als Autor das Gefühl hat, dass da weit mehr verborgen ist, als
nur Fiktion.
Booksection.de: Du gehst mit Deinen Protagonisten nicht gerade
zimperlich um. Hast Du Dich beim Schreiben auch schon mal selbst gefürchtet?
Thomas Finn: Na klar. Ich finde es sehr wichtig, die Emotionen
der Figuren auch selbst zu spüren. Sonst schafft man es als Autor nicht,
dieses Gefühl auch an die Leser weiterzugeben. Ich bin davon überzeugt,
dass in jedem von uns zumindest noch alte Kindheitsängste stecken, die
einen auch im Erwachsenenleben hin und wieder einholen. Hast du dich als Kind
nicht davor gefürchtet, wenn du von deinen Eltern gebeten wurdest, in den
Keller zu gehen, um eine Flasche Limo zu holen? Ich bin mir sicher, du hast.
Als Kind wusstest du instinktiv, dass im Keller Monster lauern. Die, die das
in Abrede stellten, waren ja bloß jene, die noch nicht gefressen worden
waren. Alle anderen konnten nichts mehr erzählen...
Booksection.de: Mich hat zu Beginn die geballte Ladung schlimmer
Elternhäuser etwas befremdet. Du löst dieses Geheimnis später
stimmig auf. Wolltest Du nach dem schon sehr gruseligen Epilog den Leser gleich
auf ganzer Linie schocken?
Thomas Finn: Ja, ich wollte den Leser verstören und zugleich
neugierig machen. Eine adäquate Einleitung zu dem, was dann noch folgt.
Und was den ganz profanen Horror der weltlichen Lebensumstände der Fünf
anbelangt, hat es mir beim Schreiben eine diebische Freude bereitet, da sukzessive
immer noch eine Schippe draufzulegen. Ganz nach dem Motto: „Schlimmer
kann es doch jetzt nicht noch werden, oder...?“
In dem Roman geschieht ja rein gar nichts zufällig, alles hängt irgendwie
miteinander zusammen.
Booksection.de: Pfarrer Strobel und auch eine weitere Person
des Romans, die aus Spannungsgründen hier nicht näher genannt sein
soll, sind für die Geschehnisse zentrale Figuren. Dennoch bleiben sie in
ihren Motiven und ihrer Zeichnung eher schemenhaft. Warum?
Thomas Finn: Ha ha - eine Fangfrage? Die korrekte Antwort auf
diesen subjektiven Eindruck kann eigentlich nur lauten: Weil der Roman vollständig
aus der Perspektive der fünf Hauptprotagonisten geschrieben ist! Zumindest
Strobels Motive sollten eigentlich sogar ziemlich deutlich zu Tage treten. Und
was die vielleicht nicht ganz so explizit offenbarten Hintergründe jener
anderen Figur betrifft, die du meinst, ist das sicher eine Frage des persönlichen
Lesegeschmacks. Dennoch will ich dir die Antwort nicht schuldig bleiben, denn
ich habe da bewusst ein kleines Geheimnis in den Roman mit eingebaut. Ein Tipp:
Lies mal nach, welchem Handwerk die Hexe der lokalen Perchtaler Sage nachging,
von der die Jugendlichen im Heimatkundemuseum erfahren - und wohin sie damals
entkam. Anschließend überprüfe, welchen Nachnamen jene andere
Figur trägt, die du meinst - und woher diese Figur eigentlich stammt.
Wie schon oben erwähnt: Nichts in der Story geschieht zufällig.
Booksection.de: Thomas Finn goes Horror ist ein packender
Thriller geworden. Werden wir in Zukunft mehr von Dir aus dieser Richtung zu
lesen bekommen?
Thomas Finn: Wenn der Roman gut ankommt, sehr gern.
Das Interview wurde am 30.10.2010 durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 01.11.2010