Interview mit...

...Thomas Finn


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"Eine Idee allein macht noch keinen Roman."

Mit Booksection im Gespräch: Fantasyautor Thomas Finn.

Booksection: Seit Deinen ersten Veröffentlichungen 1987 in der „ZauberZeit“ und seinem Nachfolger „Nautilus“ sind bereit einige Jährchen ins Land gegangen. Hat sich Dein Schreibstil über die Jahre entscheidend verändert?
Thomas Finn:
Das sind jetzt tatsächlich schon über 20 Jahre. In der Zeit habe ich sehr viel gelernt. Von 1986 an habe ich für Fanpublikationen geschrieben, darauf aufbauend, und zwar, seitdem ich in Hamburg lebe, habe ich dann für „richtige“ Magazine gearbeitet. In dieser Zeit war ich nicht nur mein eigener Herr, sondern musste meine Texte von anderen Verantwortlichen absegnen lassen. Damit ging meine schreiberische Lernphase erst richtig los. Unter anderem habe ich damals eine Menge journalistischer Erfahrungen gewonnen, die auch heute noch wichtig für mich sind. Zum Beispiel was die Konzentration auf die Zielgruppe anbelangt. Mit jeder Arbeit habe ich mehr gelernt. Zunächst waren das Artikel, Rezensionen und Fantasy-Rollenspiel-Abenteuer, dann erst folgten Romane, Drehbücher und Theaterstücke. Ich glaube, ein Autor, der von sich sagt, dass er nicht kontinuierlich dazu lernt, der schwindelt (lacht).

Booksection: Du würdest also schon sagen, dass das Schreiben eine Mischung ist aus Handwerk und Talent?
Thomas Finn: Ganz klar. Schreiben ist 50% Handwerk! Der Rest ist Talent, Ausdauer und vielleicht noch das Vermögen, sich von einer Schlappe nicht gleich umwerfen zu lassen. Mindestens die Hälfte ist aber definitiv Handwerk. Dabei ist Schreiben etwas, das prinzipiell jeder lernen kann, wenn er nur will. Wenn er sich dazu berufen fühlt. Ich vertrete die These, dass jeder von uns Geschichten zu erzählen hat. Nur vergessen das die meisten von uns. Mein ganzes Leben ist praktisch dem Geschichtenerzählen geweiht. Hobbies, Interessen und Beruf, all das geht bei mir fließend ineinander über. Die reine Schreiberei ist ja lediglich das Mittel, um die Geschichten einem Publikum auch präsentieren zu können. Irgendwann findet dann jeder Autor seinen Stil. Und an dem Punkt bin ich, so glaube ich jedenfalls, inzwischen angelangt.

Booksection: Bist du auf eines Deiner Bücher besonders stolz?
Thomas Finn: Merkwürdigerweise ist es immer das Aktuellste (lacht). Wahrscheinlich deswegen, weil man noch so tief in der Geschichte drin steckt, wenn man gefragt wird. Ich glaube, dass geht allen Kollegen so. Wäre ja auch blöde, wenn ich mir eingestehen müsste, Buch XY sei irgendwie besser, als das Aktuelle. Wen du mich aber fragst, in welchen Roman die meiste Arbeit geflossen ist, dann war das sicher „Der Funke des Chronos“. Über die Jahre gesehen stecken in diesem Buch ungefähr zwölf Jahre Recherche. Bis heute mag ich aber alle meine Romane. Es gibt keinen, auch keine Kurzgeschichte, hinter dem ich heute nicht mehr stehe.

Booksection: Verändert der Erfolg, bemessen in Verkaufzahlen, die eigene Sicht auf die Bücher?
Thomas Finn: Ich bin kein Autor, der nur für den luftleeren Raum schreibt. Ich glaube keinem Kollegen, wenn er behauptet, dass es ihr oder ihm auf Publikum nicht besonders ankommt. Du wirst aber natürlich immer am dem Erfolg gemessen, den du schon einmal hattest. Einerseits ist das schön, weil du weißt, dass du zu den erfolgreicheren Autoren gehörst, die auch gelesen werden. Es verpflichtet andererseits aber auch, denn das nächste Werk darf qualitativ nicht schlechter werden. Was die reinen Verkaufszahlen betrifft, muss man sich aber bewusst machen, dass für diese entscheidend ist, was der Verlag für ein Buch tut. Es gibt derartig viele Neuerscheinungen pro Saison, dass man ohne Verlagsunterstützung untergeht. Sich nur auf die Fanbase zu verlassen ist – gelinde gesagt –
mutig. Neulich habe ich mit Kollegen über das Thema gesprochen und wir haben gemutmaßt, wie viele Kernleser man eigentlich hat. Man hofft natürlich, dass man sich eine treue Leserschaft erschreibt, die die eigenen Stoffe besonders mögen und die dann auch wieder zum nächsten Roman greifen. Es ist aber ganz schwer abzuschätzen, wie viele dies tatsächlich tun. Sind es 30%, sind es 40%? Der Rest sind Gelegenheitsleser, die deinen Roman im Buchhandel finden. 90% läuft immer noch über den Buchhandel. Die erfolgreichen Bücher sind häufig die, die in den Buchhandel „gedrückt“ werden. Als Autor schreibst du natürlich trotzdem immer ganz besonders für jene Leser, die dir so schon lange die Treue halten. Zumindest sollte man sich bemühen, sich erzählerisch nicht zu wiederholen.

Booksection: Verleitet der Erfolg dazu, neue Geschichten zu früh auf den Markt zu bringen, als eigentlich für die Qualität der Geschichte gut ist?
Thomas Finn: So etwas darf auf gar keinen Fall passieren! Der eigentliche Schreibprozess ist ja auch bei Weitem nicht alles, was in einem Buch an Zeit und Arbeit steckt. Zu Beginn ist es die Ideenfindung, dann musst Du die Story designen, die dazu passenden Figuren entwickeln und so weiter. Bis das alles Exposéreife erlangt hat und überhaupt an einen Agenten beziehungsweise an einen Verlag geht, vergehen mindestens zwei Monate. Und das auch nur, wenn du schon eine gewisse Erfahrung besitzt. Manche Verlage verlangen zudem noch eine Stilprobe. Das wird aber weniger, je länger du in dem Job tätig bist. Alles in allem bleibt so selbst jenen Kollegen, die aufgrund ihrer Popularität unter echtem Veröffentlichungsdruck stehen, immer noch Zeit, die Story auszuschmücken. Bei mir jedenfalls hat noch kein Expose ungerupft die eigentliche Schreibphase überstanden. Eine Idee allein macht noch keinen Roman. Ich glaube aber, dass das jedem in der Branche bewusst ist.

Booksection: Legst Du zu Beginn des Entstehungsprozesses einer Geschichte schon fest für welche Altergruppe sie konzipiert wird oder ergibt sich das auch beim Schreiben?
Thomas Finn: Es kommt im Wesentlichen darauf an, mit welchem Verlag du bei dem konkreten Projekt zusammenarbeitest und welche Zielgruppe du damit ansteuerst. Selbst wenn es für eine Stoffidee noch keinen Verlag gibt, musst du dir grundsätzlich darüber bewusst sein, für welche Altersgruppe sie konzipiert ist. Immerhin, auch wenn ich für einen Jugendbuchverlag schreibe, ist es heute schon so, dass handlungstechnisch ziemlich viel erlaubt ist. Nur in punkto Sex und Gewalt sollte man sich ein bisschen drosseln. Das Blut muss nicht gleich bis zur Decke spritzen. Kämpfe etwa kann man auch anders schildern, ohne, dass es weniger spannend wird, als bei einem Roman, der sich an Erwachsene richtet. Bei einem Erwachsenenbuch darf es dann aber durchaus etwas härter zur Sache gehen. Wie locker es da aber auch im Jugendbuch bereits zugeht, dafür liefert Neil Gaimans „Das Graveyard Buch“ ein gutes Beispiel. Da wird einer Figur bereits im ersten Satz ein Messer ins Auge gerammt. Aber Neil Gaiman ist Neil Gaiman. Ich dürfte mir das wohl nicht so ohne Weiteres erlauben. Zusammenfassend kann man sagen, dass es ein paar Genre-Gesetzmäßigkeiten zu beachten gibt, die beim Schreiben aber nicht sonderlich ins Gewicht fallen.

Booksection: Du möchtest Dich sicherlich auch nicht auf ein Genre festlegen lassen, oder?
Thomas Finn: Nein. Ich fühle mich bei den phantastischen All-Age-Stoffen ebenso wohl, wie in anderen Bereichen. Sich völlig auf ein Genre festzulegen, wäre ja auch langweilig. Zugleich bemühe ich mich, Jugendbücher UND Erwachsenentitel zu verfassen. So wird diesen Monat mein aktueller Roman fertig: „Weißer Schrecken“. Ein fantastischer Thriller, der im Herbst bei Piper erscheint. Das ist im Romanbereich mein erster Ausflug in den Bereich Horror. Auch die SF habe ich bereits im Visier.

Booksection: Was hältst Du von dem im Fantasy-Genre ungebrochenen Trend zur Trilogie?
Thomas Finn: Trilogien haben in der Fantasy eine gute Tradition. Ich als Autor finde, ganz klar, Trilogien toll (lacht). Üblicherweise werden Trilogien mit mehr Werbeaufwand veröffentlicht, da sich die Romane ja auch über einen längeren Zeitraum verkaufen sollen. Als Autor verschafft dir das auch für eine gewisse Zeit etwas mehr Ruhe, die du dazu nutzen kannst, dir neue Stoffe auszudenken. Hinzu kommt, dass dir eine Trilogie mehr Möglichkeiten einräumt, eine Geschichte episch zu erzählen. Man kann sich Trilogien handwerklich wie die klassischen Teile einer Drei-Akt-Struktur vorstellen. Der erste Band ist der erste Akt und stellt die klassische Einführung in eine Geschichte dar. Danach folgt der Mittelteil mit all seinen spannenden Entwicklungen und anschließend das große Finale. Für den Ravensburger Verlag habe ich ja nun schon zweimal mit großem Spaß Trilogien geschrieben. Es gibt aber auch Leser, die sich von einer Trilogie abgeschreckt fühlen. Insofern ist es nicht schlecht, wenn man ab und an auch wieder einen Einzeltitel auf den Markt bringt (lacht). Mit einem Einzeltitel kann man zudem viel schneller auf aktuelle Markentwicklungen reagieren. Das klingt vielleicht schnöde, aber auch unsereins muss seine Miete bezahlen. Ich glaube, dass es die Mischung macht.

Booksection: Das Genre Fantasy boomt momentan mit einer ganze Reihe von Neuerscheinungen. Machst Du Dir da Gedanken wie man sich von der Konkurrenz abheben kann?
Thomas Finn: Zunächst zum Wort Konkurrenz, denn das trifft den Sachverhalt nicht ganz richtig. Es ist eher ein interessiertes Hinschauen, wenn ein, eventuell auch neuer, Kollege wieder etwas veröffentlicht. Es gab leider genügend Kollegen, die waren mit ein oder zwei Werken präsent und sind dann wieder von der Bildfläche verschwunden. Für jemanden, der seinen Beruf ernsthaft ausübt, ist es natürlich wichtig zu wissen, welcher Kollege dauerhaft bleibt. Vor ein paar Jahre war es sicher auch einfacher, als Schriftsteller Fuß zu fassen. Jetzt beginnen sich die Kollegen allesamt zu etablieren. Und natürlich schaut man bei denen besonders interessiert hin, welche Stoffen sie schreiben. Die echten Trends kommen aber fast alle aus Übersee. Denke nur an Harry Potter oder die Vampirwelle. War ein Roman dort bereits erfolgreich, dann können sich die Verlage relativ sicher sein, dass er das auch in Deutschland sein wird. Wenn ein Trend aber erst einmal ausgemacht wurde, dann tut sich plötzlich ein Markt für solche Stoffe auf, auf den die Kollegen natürlich reagieren. Und ja, innerhalb eines solchen Bereiches, versucht man natürlich ebenso etwas Einzigartiges zu kreieren, wie wenn man sich einen Stoff unabhängig von etwaigen Trends ausdenkt. Die deutschen Autoren interessieren mich bei alledem natürlich mehr, auch wenn man untereinander beruflich eher über die Dinge spricht, die man schon fertig hat. Die meisten von ihnen sind im Übrigen sehr nett. Man lernt sich auch schnell kennen. Grob geschätzt sind das in der deutschen Phantastik ja nur ca. 20 Leute, nicht eingerechnet jene Kollegen, die für die Heftszene arbeiten. Die Szene ist trotzdem relativ klein.

Booksection: Diese Entwicklung haben wir bei Booksection auch beobachtet. Es gibt ein paar Namen, die einem in regelmäßigen Abständen immer wieder über den Weg laufen. Hier ist auch eine oft gleich bleibende Qualität festzustellen.
Thomas Finn: Wie gut, dass wir deutschen Autoren überhaupt die Gelegenheit erhielten, dieses Können unter Beweis zu stellen. 2003 war die Situation nämlich noch eine andere. Es gab viele Leser, die das Vorurteil pflegten, dass deutsche Autoren nicht spannend erzählen können. Das haben wir damals auch bei dem Gezeitenwelt-Projekt zu spüren bekommen, welches von Bernhard Hennen, Karl-Heinz Witzko, Hadmar von Wieser und mir geschrieben wurde. Einige Kritiken waren zum Teil hanebüchen und setzten allein darauf, dass wir deutsche Autoren seien, von denen man eh nichts erwarten könne. Dieses Vorurteil hat sich inzwischen gelegt. Sicherlich auch ein Verdienst der Völker-Romane (A. d. R.: „Die Elfen“, Die Orks“, „Die Zwerge“, „Die Trolle“ etc.), die einen unglaublichen Boom erlebt haben. Jeder der hiesigen Kollegen, die damals dabei waren, können heute sagen: Was für ein Glück! Denn sie haben sich mit diesen Werken eine riesige Leserschaft erschrieben, die ihnen auch heute noch treu ist. Markus Heitz und Bernhard Hennen sind die besten Beispiele für solche Autorenkarrieren.

Booksection: Häufig entscheidet nicht zuletzt auch das Cover eines Buches, ob es gekauft wird. Deine beiden Trilogien „Die Chroniken der Nebelkriege“ und „Die Wächter von Astaria“ haben jeweils eine tolle Optik. Wie wichtig ist Dir persönlich das Cover und nimmst Du Einfluss darauf?
Thomas Finn: Hier haben die Verlage sehr dazu gelernt. Diese entscheiden diese Fragen auch hauptsächlich. Bei „Die Chroniken der Nebelkriege“ war für die Cover Ulrike Metzger, die heutige Geschäftsführerin von Ravensburger, verantwortlich. Sie ist zuvor auf den Illustrator Peter Gric aufmerksam geworden, der dann die Cover von „Das unendliche Licht“, „Der eisige Schatten“ und „Die letzte Flamme“ entworfen hat. Ich selbst hätte selbst bei gutem Willen keinen besseren Vorschlag machen können. Sie war aber so nett und hat mich über ihre Vorschläge immer in Kenntnis gesetzt. Bei der Astaria-Trilogie konnte ich dem Künstler Joachim Knappe, der auch einige Trilogien von Kai Meyer illustriert hat, ab dem zweiten Band persönlich über die Schulter schauen. Er wohnt nämlich ebenfalls in Hamburg. Das war aber reines Glück, da man als Schriftsteller sonst nur wenig in die Covergestaltung eingebunden wird. Andererseits, vielleicht ist das auch gut so (lacht). Etwas naiv dache ich zuerst, er arbeite noch mit Leinwand und Pinsel. Aber ich musste dann sehen, dass mittlerweile fast alles am Computer gemacht wird.

Booksection: Zusammen mit Volker Ullmann hast Du die Theaterstücke »D’Artagnans Tochter und die drei Musketiere« sowie »Robin Hood – König von Sherwood Forest« verfasst. Was hat Dich gereizt, diese schon oft interpretierte Thematik erneut anzupacken?
Thomas Finn: Volker Ullmann ist der ehemaliger Chef jenes Drehbuch- und Theaterverlages bei dem ich nach meinem Studium als Lektor und Dramaturg gearbeitet habe. Irgendwann waren wir nicht mehr zufrieden, mit dem was die Autoren bei uns eingereicht haben. Wir haben daraufhin beschlossen, selbst Drehbücher und Theaterstücke zu schreiben. Volker ist ein waschechter Theatermann und konnte dabei seine Erfahrungen als Regisseur, Schauspieler und Bühnenfechtmeister einbringen. Ich hingegen meine Kenntnisse als Autor. Da sich Volker damals mit dem Gedanken trug, nach langen Jahren der Abstinenz wieder als Regisseur tätig zu werden, wollte er Stoffe anbieten, in den möglichst gefochten wird. Ursprünglich wollte er „Die drei Musketiere“ inszenieren. Der Intendant, mit dem er damals in Kontakt stand, wünschte sich aber einen Stoff mit einer Frau in der Hauptrolle. So ist „D’Artagnans Tochter“ entstanden. Uraufgeführt wurde das Stück im alten Schauspielhaus in Stuttgart. Seitdem hat es eine gute Karriere gemacht. Es wird 2-3 Mal pro Jahr aufgeführt, immer an wechselnden Bühnen. Später kam „Robin Hood“ dazu. Das war eine Auftragsarbeit für eine Freilichtbühne, die aber noch im Entstehen begriffen war. Wir haben das Stück geschrieben, aber dann musste die Stadt, die hinter dem Aufbau der Bühne stand, das ganze Projekt aus Geldmangel wieder streichen. Mittlerweile hat unser Robin Hood aber ebenfalls schon zwei Aufführungen erlebt und es sieht so aus, als ob nächstes Jahr eventuell die dritte hinzukommen könnte. Die Theaterarbeit läuft so ein wenig nebenher. Derzeit arbeiten wir gemeinsam mit Musikern an einem Musical über den Piraten Störtebeker.

Booksection: Was machst Du lieber? Drehbücher, Theaterstücke, Romane oder Rollenspiel-Abenteuer?
Thomas Finn: Schwer zu sagen. Eigentlich immer das, was gerade aktuell ist. Vor allem hat sich im Laufe der Jahre gezeigt, dass sich all die verschiedenen Arbeiten gegenseitig befruchten. Nie werde ich es als zu gering erachten, dass all mein schreiberisches Können im Grunde auf meinen Erfahrungen basiert, die ich mir bei der Beschäftigung mit den Fantasy-Rollenspielen erarbeitet habe. Dort habe ich gelernt, wie man Handlungsstränge entwickelt und Bühnen erzählerisch präsentiert. Du glaubst nicht, wie viele namhafte Kollegen auf Fantasy-Rollenspiel-Erfahrungen zurückblicken: Bernhard Hennen, Kai Meyer, Markus Heitz, Christoph Hardebusch, Karl-Heinz Witzko, Thomas Plischke, Lena Falkenhagen – und das sind nur einige. Aber um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Es ist ein tolles Gefühl, wenn die Schauspieler das sagen, was du ihnen mittels Drehbuch oder Theaterstück auf den Leib geschrieben hast. Aber noch befriedigender empfinde ich Romane, weil sie, abgesehen von dem, was der Lektor an Änderungswünschen hat, komplett dein Werk sind. Hier passiert es eben nicht, dass der Regisseur mal eben eine Regiefassung erarbeitet, die dir als Autor ganz und gar nicht schmeckt.

Booksection: Wie ist Dein Kontakt zu den Lesern. Ist Dir das wichtig?
Thomas Finn: Ja, absolut. Ich bin, wie schon gesagt, kein Autor, der für den luftleeren Raum schreibt. Ich bekomme glücklicher Weise viel Feedback, hauptsächlich über meine Internetseite. Zum Teil sind das wirklich rührende Kontakte, Kontakte aus denen auch Freundschaften entstanden sind. Außerdem genieße ich es, auf Messen oder Conventions zu fahren, wenn ich die Zeit dazu habe. Das ist die Gelegenheit direkt mit den Lesern in Kontakt zu treten. Die Leipziger Buchmesse gefällt mir dabei besser als Frankfurt. Frankfurt ist die Business-Messe, die von der Branche allgemein als die wichtigere empfunden wird. Uns Autoren aber, und ich denke, ich darf hier für sehr viele Kollegen sprechen, ist Leipzig lieber. Hier ist es bunter, schriller und es wird viel mehr geboten.

Booksection: In unserem letzten Interview hast Du erzählt, dass Dein Buch „Der Funke des Chronos“ eventuell verfilmt wird. Gibt es schon Neuigkeiten diesbezüglich?
Thomas Finn: Leider hat es mit der Drehbuchförderung nicht geklappt. Das Gremium steht wohl nicht so auf phantastische Themen. Aber der Produzent will sich noch nicht geschlagen geben (lacht).

Booksection: Wie sehen Deine nächsten Projekte aus? Du hast vorhin ja schon von einem neuen Buch bei Piper erzählt.
Thomas Finn: Genau, der Roman lautet auf den Titel „Weißer Schrecken“. Ein phantastischer Thriller, wobei man heutzutage ja durchaus wieder den Begriff „Horror-Roman“ in den Mund nehmen darf. Das war verlagsseitig ja lange Zeit verpönt. Ich verspreche, es wird darin ziemlich gruselig zugehen. Ich habe bereits früher einige Publikationen für Horror-Rollenspiele geschrieben und bei diesem Stoff konnte ich diese Vorliebe endlich einmal in einem Roman ausleben (lacht). Die Handlung ist in Berchtesgaden angesiedelt und kreist um eine Gruppe von Jugendlichen, die zur besten Winterzeit in einem See eine Leiche finden. Daraus entwickelt sich ein Schrecken, der für die Gruppe nicht absehbar ist. Im Kern geht es um die Krampus- und Perchtenläufe, ein ziemlich schauriges Spektakel, das man jedes Jahr zur Weihnachtszeit im Berchtesgadener Raum bewundern kann. Und nicht nur dort, sondern im gesamten Ostalpenraum. Hinter alledem steckt eine allseits bekannte Figur, nämlich die des Knecht Ruprecht. Recherchiert man etwas tiefer, entdeckt man, dass hinter dieser Gestalt ein fürchterlicher Kinderfresser steckt.

Booksection: Du bleibst Dir mit dem Ort wieder treu, die Geschichte spielt erneut in Deutschland.
Thomas Finn: Ich mache das bewusst, wenn es irgendwie passt. Ausländischen Autoren haben ja auch keine Scheu davor, die Handlung ihrer Romane in ihren Heimatländern anzusiedeln. Von daher verstehe ich es auch nicht, warum viele deutsche Kollegen ihre Geschichten reflexhaft in den USA ansiedeln. Insbesondere bei Krimis ist das auffällig. Deutschland kann eine sehr reizvolle Bühne darstellen. Das war einer der Gründe, warum ich für „Der Funke des Chronos“ Hamburg als Schauplatz gewählt habe. Die Trilogie um die „Chroniken der Nebelkriege“, für die ich eine fantastische Version Deutschlands und Nordeuropas entwickelt hatte, war nur eine Weiterentwicklung dieses Gedankens. Die vielen lokalen Mythen faszinieren mich eben. Unbewusst will ich damit vielleicht auch zeigen, dass wir deutschen Autoren inzwischen über etwas mehr Selbstvertrauen verfügen. Grundsätzlich mag ich aber in der Phantastik Welten, die nah an der unseren dran sind. Das muss nicht immer Deutschland sein. Bei den „Wächtern von Astaria“ stand ja nicht ohne Grund das Italien Leonardo da Vincis Pate. Alles wirkt dadurch, finde ich, glaubhafter.

Booksection: Es entsteht der Eindruck einer gewissen Bodenhaftung der Geschichte…
Thomas Finn: Genau, es gibt ja auch viele Leser, die mit einer absoluten Kunstwelt nicht viel anfangen können. Häufig wohl auch deshalb, weil diese Welten nicht immer glaubwürdig genug ausgearbeitet wurden.

Booksection: Einige Deiner Kollegen wie Michael Peinkofer oder Bernhard Hennen haben hier auf der Buchmesse formuliert, dass in die heutige Fantasy auch viele aktuelle Bezüge einfließen. Siehst Du das auch so?
Thomas Finn: In jedem Fall. Fantasy ist lediglich eine abstraktere Kunstform, die aber viele Botschaften birgt, wenn man sie zu lesen weiß. Fantasy-Autoren und ihre Leser sind ja nicht dümmer als alle anderen. Geschehnisse aus der Tagespolitik fließen in die Fantasy ebenso mit ein, wie Appelle für Freiheit, mehr Umweltbewusstsein oder das Recht auf Selbstbestimmung. Und es ist mitnichten so, dass der Leser dies nicht erkennen würde. Die Phantastik hat bloß eine andere Sprache, eine andere Symbolik. In den letzten Jahren ist die Fantasy auch deutlich anspruchsvoller geworden.

Booksection: Thomas Finn, vielen Dank für ein tolles Gespräch.


Das Interview wurde am 19.03.2010 durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 30.03.2010

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