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Interview mit...
...Thomas Finn
...zur
Kritik "Der brennende Berg"
"Ich möchte vor allem auf möglichst aufregende Weise unterhalten."
Mit Booksection im Gespräch: Fantasyautor Thomas Finn.
Booksection: Mit "Der brennende Berg" haben Sie
2009 Ihre zweite Jugendbuch-Trilogie" "Die Wächter von Astaria"
abgeschlossen. Was begeistert Sie für dieses Genre?
Thomas Finn: Ich finde die Phantastik einfach aufregender,
als andere Genres, da ich hier nicht nur auf eine Erzählgattung beschränkt
bin. Die Elemente eines spannenden Thrillers kann man in einer fantastischen
Erzählung ebenso unterbringen, wie die einer romantischen Liebesgeschichte,
eines klassischen Abenteuerromans oder eines kniffligen Detektivplots. Diesem
Umstand ist es wohl im Wesentlichen zu verdanken, dass ich der Phantastik nun
schon seit über 25 Jahren verfallen bin.
Booksection: Möchten Sie mit Ihren Büchern auch
immer eine bestimmte Botschaft an die jugendlichen Leseratten vermitteln?
Thomas Finn: Hm, das ist ein schwieriges Thema. Als Leser
mag ich es ehrlich gesagt gar nicht, wenn mir ein Autor schulmeisterlich mit
dem erhobenem Zeigefinder kommt. Schnell geraten solche Botschaften zu Allgemeinplätzen,
die entweder anbiedernd wirken oder in ihren Aussagen einfach nur platt sind.
Wenn ich zurückblicke, fällt mir in der Phantastik nur ein einziger
Autor ein, dem das gerade so halbwegs gelungen ist, ohne an der Peinlichkeit
entlang zu schrammen, nämlich Michael Ende. Ich möchte vor allem auf
möglichst aufregende Weise unterhalten. Dass sich dabei auf einer Metaebene
dann doch bestimmte Überzeugungen und Einstellungen in die jeweiligen Romane
einschleichen, bleibt nicht aus. Gerade „Der brennende Berg“, also
der dritte Roman der Astaria-Reihe, bietet dafür ein gutes Beispiel, da
es hier ganz zentral um Themen wie Selbstverantwortung und Selbstbestimmung
geht. Wenn meine Geschichten also ihren Teil dazu beitragen, dass meine Leser
zu selbständigen Denken angeregt werden, bin ich schon zufrieden.
Booksection: Ist Ihnen beim Schreiben von "Die Wächter
von Astaria" die eine oder mehrere Figur besonders ans Herz gewachsen?
Thomas Finn: Allgemein mag ich alle meine Figuren gleich gern.
Ich denke, das ist sogar eine Vorbedingung dafür, um den unterschiedlichen
Figuren einer Geschichte glaubwürdig Leben einhauchen zu können. Bei
der Astaria-Trilogie fällt mir aber ein, dass mir Celestes arroganter Cousin
Raimondo mit der Zeit immer sympathischer wurde. Gerade seine Entwicklung halte
ich, soweit ich das als Autor überhaupt sagen darf, noch immer für
sehr gelungen.
Booksection: Die Hauptfiguren in "Die Wächter von
Astaria" erinnern an die zentralen Charaktere aus "Die Chroniken der
Nebenkrieg", Ihrer ersten Jugendbuch-Trilogie. Wie entwickeln Sie Ihre
Figuren? Gibt es reale Vorbilder?
Thomas Finn: Mir ist natürlich bewusst, dass die eher
schroff gezeichneten Figuren Dystariel (Chroniken) und Silvana (Astaria) gewisse
Parallelen aufweisen. Beide sind starke Kämpferinnen. Davon ab fallen mir
persönlich nicht so viele Parallelen auf. Reale Vorbilder für meine
Figuren gibt es aber nie. Ich lege vielmehr wert darauf, dass die Verteilung
zentral agierender Frauen und Männer in meinen Geschichten paritätisch
bleibt. Entscheidend an meiner Arbeitsweise mag auch sein, dass ich meine Figuren
stets zentral mit den Geheimnissen meiner Romanwelten interagieren lasse. Auf
diese Weise erhalten sie zwangsläufig alle ihre 'Screentime'.
Booksection: Schon bei "Die Chroniken der Nebelkriege"
fällt auf, dass Sie reale geographische Gegebenheiten und Orte mit veränderten
Namen für Ihre Geschichte verwenden. Aus Hamburg wurde zum Beispiel Hammaburg.
In "Die Wächter von Astaria" erleben Hauptfigur Fabio und seine
Mitstreiter ihre Abenteuer überwiegend in einem veränderten Italien.
Was macht für Sie den Reiz aus, unserer Welt eine veränderte Geschichte
zu geben?
Thomas Finn: Abgesehen davon, dass frei erfundene Fantasywelten
schnell etwas Beliebiges an sich haben, wenn sie nicht auf einem klugen Konzept
fußen, zeichneten sich für meine Weltentwürfe bislang eher erzählerische
Notwendigkeiten verantwortlich. Als ich damals dranging, den Hintergrund für
die märchenhaften „Chroniken der Nebelkriege“ zu entwickeln,
fiel mir auf, dass in der Fantasy zwar gern die bekannten Sagen und Mythen Deutschlands
und Nordeuropas als Anleihen verwendet werden, bislang aber kaum ein Kollege
den Ursprungsort dieser Legenden als Schauplatz ernst nahm. Das war der Hauptgrund,
warum ich eine Welt als Bühne entwarf, die von Albion im Norden (ein alter
Name für England) bis hinunter zum Alptraumgebirge im Süden reicht,
in dem man unschwer die Alpen erkennen kann. Die Welt sollte also den gewünschten
Charakter der Geschichte unterstreichen. Anfangs gab es durchaus Stimmen, die
daran zweifelten, ob das überhaupt funktioniert. Das Ergebnis war dann
aber zum Glück sehr erfolgreich.
Bei Astaria muss ich etwas ausholen. Bei dieser Trilogie wollte ich mir das
Vergnügen gönnen, klassische Elemente der Fantasy auf Engelsmythen
treffen zu lassen. Nur dass das Wort 'Engel’ in den Romanen kein einziges
Mal fällt. Meine himmlischen Wesen heißen auf Astaria 'Stellare',
da sie bereits in der ersten Ideenskizze gleichbedeutend mit den vielen Sternen
am Himmelszelt waren. Damit aber war festgelegt, dass den astronomischen und
nicht zuletzt den astrologischen Aspekten auf Astaria eine ganz zentrale Bedeutung
zukommt. Bei meinen Recherchen stieß ich dann auf das 'ptolemäische
Weltbild', an das die Gelehrten in Altertum und Mittelalter geglaubt haben.
Dieses Weltbild beschrieb die Erde als Mittelpunkt der Welt, die von Wandelsternen
(also Mond, Sonne und den damals bekannten Planeten) umkreist und von dem sogenannten
'Sternenwall' umschlossen wird. Dieses Weltmodell empfand ich so faszinierend,
dass ich es als Blaupause für Astaria verwendet habe. Nur, dass den Stellaren
als 'Wächter Astarias’ eine'ganz besondere Schutzfunktion zukommt,
da sie die Welt vor dem Grauen außerhalb des Sternenwalls schützen.
Damit dieser Effekt nun aber nicht verpufft, beschloss ich in einem ersten Schritt,
meine Stellare an bekannte Planetennamen anzulehnen. Aus Mars wurde so zum Beispiel
Marsakiel, der Erzstellar des Krieges. Damit war der weitere Weltentwurf festgelegt.
Die Schöpfung Astaria musste Ähnlichkeiten mit unserer Welt haben.
In einem zweiten Schritt suchte ich nun nach einem passenden Winkel auf unserer
realen Welt, den ich verfremden konnte. So kam ich erstmals auf Italien, da
Italien schließlich das Land mit der gefühlt höchsten Dichte
an Engelsdarstellungen in der Kunst ist. Den letzten Ausschlag gaben dann meine
beiden Magietraditionen auf Astaria, von denen eine die der 'Himmelsmechaniker’
ist. Bei ihnen handelt es sich um Tüftler, wie dem Gnom Meister Arcimboldo,
die in der Lage sind, aus Meteoreisen, also aus den Herzen gefallener Stellare,
diverse magische Apparaturen zu bauen. Uhrwerksmagie. Dabei musste ich zwangsläufig
an Erfindungen denken, wie jene, die Genies wie Leonardo da Vinci hervorgebracht
haben, womit ein weiteres Mal der Bogen zu Italien geschlagen war. Mit diesem
letzten Entwicklungsschritt war dann auch das gefühlte Zeitkolorit der
Trilogie vorgegeben, nämlich die Frührenaissance. Uhrwerksapparate
hätten einfach nicht in eine mittelalterlich anmutende Fantasywelt gepasst.
Bei dem Weltenbau Astarias kam also irgendwie das eine zum anderen.
Booksection: "Die Chroniken der Nebelkriege" und
"Die Wächter von Astaria" zeichnen sich beide durch ein mitreißendes
und gut getimtes Erzähltempo aus. Werden Sie beim Schreiben zuweilen auch
von Ihrer eigenen Geschichte mitgerissen?
Thomas Finn: Aber ja, wenn auch hoffentlich im positiven Sinne.
Denn wenn ich mir eure Rezension zum dritten Astaria-Band ansehe, stößt
dieses Vorgehen ja nicht immer auf ungeteiltes Wohlwollen ?.
Beim Schreiben läuft bei mir eigentlich immer ein möglichst spannender
Film vor dem geistigen Auge ab. Dazu gehört ganz zentral auch ein gewisses
Erzähltempo, das übrigens in immer stärkeren Maße von anderen
Medien vorgegeben wird, etwa den Computerspielen oder den modernen Blockbustern
im Kino. Denn die verschiedenen Erzählarten beeinflussen sich gegenseitig,
was man als Autor tunlichst nicht vergessen sollte. Die Geschichten, die wir
heute als Leser oder Zuschauer erleben, sind allesamt schneller geworden. Eine
hundertseitige Exposition, bevor es erstmals richtig zur Sache geht, fällt
bei den heutigen Lesern gnadenlos durch. Letztlich bringe ich also lediglich
mein eigenes Kopfkino aufs virtuelle Papier.
Booksection: Neben Ihrer Arbeit als Autor für Jugendbücher
entwickeln Sie auch Rollenspiele unter anderem für die Reihe "Das
schwarze Auge" und auch für Film und Theater haben Sie schon gearbeitet.
Könnten Sie sich vorstellen Ihre Bücher für diese Medien zu adaptieren?
Thomas Finn: Ja und nein. Fantasy-Rollenspiele wie Das schwarze
Auge oder H.P. Lovecrafts Cthulhu haben eigene Welten als Grundlage, die dann
auch etwas andere Geschichten erfordern. Eine 1:1-Umsetzung meiner Romane wäre
da schlicht nicht möglich. Hinzu kommt, dass bei Film und Theater andere
Stoffe verlangt werden. Dort geht alles viel traditioneller zu, was nicht zuletzt
an den anvisierten Zielgruppen liegt, die meist ältere Zuschauer umfassen.
Beim TV sind das vor allem Stoffe, die in Richtung Drama, Krimi, Thriller oder
Liebesgeschichte gehen. Die Phantastik fristet dort eher ein Nischendasein.
Immerhin, für meinen Roman „Der Funke des Chronos“ hat sich
vor Kurzen ein Produzent gefunden, der den Stoff gern auf die Leinwand bringen
möchte. Ob das aber klappt, muss sich erst noch zeigen ?. Beim Theater
geht es sogar noch traditioneller zu. Immerhin haben mein Partner Volker Ullmann
und ich aber auch hier großen Erfolg mit abenteuerlichen Stoffen gehabt,
wenngleich sich solche Produktionen möglichst an bekannte Vorlagen anlehnen
müssen. Ich bin selbst gespannt, ob sich das in den nächsten Jahren
ändern wird.
Booksection: Auf was dürfen wir uns als nächstes
aus dem Hause Finn freuen?
Thomas Finn: Im Herbst/Winter 2010 wird zunächst einmal
ein Mystery-Thriller aus meiner Feder bei Piper erscheinen, der in (Süd)Deutschland
angesiedelt ist und in dem es ziemlich gruselig zugehen wird. Die Zielgruppe
sind erwaqchsene Leser, auch wenn Jugendliche in dieser Geschichte eine entscheidende
Rolle als Protagonisten spielen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Erzählung
um einen ganz bestimmten Kinderfresser kreist... Ups, aber jetzt hätte
ich fast zu viel verraten.
Das Interview wurde durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 08.12.2009