Interview mit...

...Thomas Ays


...zur Buchkritik "Der innere Schrei"

"Leo ist schwul, aber das ist weder das Thema des Buches, noch ein Problem."

Mit Booksection im Gespräch: Thomas Ays.

Booksection.de: Die Veröffentlichung deines Debütromans liegt nun rund 1,5 Jahre zurück. Bist du mit den Reaktionen auf „Romeo & Julian“ zufrieden?
Thomas Ays: Zumindest mit den Verkaufszahlen bin ich zufrieden, weil ich weiß, dass sich Bücher in dieser Nische nicht immer gut verkaufen. Die erste Auflage von „Romeo & Julian“ war recht hoch und die ist nun fast komplett verkauft – das ist natürlich super.
Reaktionen der Leser habe ich wenig bekommen. Eigentlich fast ausschließlich nur von denen, die ich auch direkt nach ihrer Meinung gefragt habe. Aber mit denen war ich durchaus zufrieden. Es gab auch spannende Diskussionen bei einer Lesung, die ich gemacht habe. Alles in allem bin ich auf jeden Fall sehr froh und glücklich darüber, wie die Dinge gelaufen sind.

Booksection.de: War diese Zufriedenheit auch die Motivation dazu, das zweite Buch zumindest gedanklich schon mal in Angriff zu nehmen?
Thomas Ays: Die Idee zu „Der innere Schrei“ hatte ich eigentlich direkt nach der Beendigung von „Romeo & Julian“, also auch schon lange bevor das Buch in den Regalen stand. Von daher hatte die Entstehung des zweiten Romans damit eigentlich überhaupt nichts zu tun. Ich glaube auch nicht, dass der Antrieb ein Buch zu schreiben bei mir jemals etwas damit zu tun haben wird, ob ich mit meinen Büchern Erfolg habe oder nicht. Antrieb ist viel mehr, dass man eine Idee für eine Geschichte hat, und dass diese Idee so viel taugt, dass sie letztlich für ein Buch reicht. Dafür muss man schon sehr dankbar sein, denn Ideen habe ich viele, aber ich weiß ganz genau, dass es nicht einmal die Hälfte zu einem Buch schaffen würde.

Booksection.de: Zwischenzeitlich gab es auch mal den Gedanken, die Idee von „Romeo & Julian“ in einer Fortsetzung weiterzuführen. Was ist daraus geworden?
Thomas Ays: Die Fortsetzung zu „Romeo & Julian“ gärt gerade noch. Ich weiß noch nicht genau, ob es eine direkte Fortsetzung wird oder ob ich daraus nicht eher eine Familiengeschichte mache, die mit der Figur Julian nichts zu tun hat. Der Prozess läuft.

Booksection.de: Deine beiden bisherigen Bücher sind sehr unterschiedlich. Romeo & Julian“ erzählt eine durchaus wichtige Geschichte, aber in einem leichten Tonfall. „Der innere Schrei“ ist sehr viel tragischer, vor allem auch in seiner Konsequenz. Wie kam es, dass innerhalb einer so kurzen Zeit, zwei so unterschiedliche Bücher entstanden sind?
Thomas Ays: „Romeo & Julian“ ist in einer Zeit entstanden, in der ich sehr viel mit Coming-Out zu tun hatte. Nicht bei mir persönlich, aber es hat mich sehr beschäftigt, wie unterschiedlich auf homosexuelle Söhne reagiert wird. Im Grunde war es letztlich aber ein riesengroßer Zufall, dass „Romeo & Julian“ so wurde, wie es wurde. Bei „Der innere Schrei“ war es anders. Die Idee für das Buch entstand durch den Tod von Robert Enke. Das Schicksal hat mich sehr betroffen gemacht, obwohl ich Enke, als Nicht-Fußballer, bis dahin gar nicht gekannt habe. Die Problematik, die hinter diesem Tod stand, fand ich furchtbar, aber auch sehr spannend, denn kurz vor seinem Selbstmord haben alle in seinem näheren Umkreis gesagt, dass es ihm jetzt doch eigentlich wieder gut ging. Das war für mich das Tragische und genau das hat meiner Meinung nach das Thema Depression in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt. Mein Eindruck zumindest war, dass man damit das Thema zum ersten Mal ernst genommen und als Krankheit angesehen hat. Zumindest war das mein Empfinden. Dadurch entstand letztlich „Der innere Schrei“.

Booksection.de: … vermischt mit der Idee, die Geschichte rundum ein Zwillingspaar aufzuspannen.
Thomas Ays: Genau, die Idee war im Grunde sogar zuerst da. Ich wollte ursprünglich eine Brüdergeschichte erzählen. Eine Brüderproblematik, die daraus entsteht, dass beide gleich aussehen, aber völlig unterschiedlich sind. Zu Beginn hatte ich die beiden Brüder auch so nahe vor mir, dass das alles sehr einfach war. Ich wusste von Anfang an, dass der eine schwul sein wird und der andere nicht und dass der eine sehr in sich gekehrt ist und der andere nicht. Was letztlich daraus wurde, das war mir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht klar. Ich habe es mir auch um Einiges einfacher vorgestellt, als es letztlich wurde.

Booksection.de: Ist es dir schwer gefallen, dieses Buch zu schreiben?
Thomas Ays: Es war wahnsinnig schwer dieses Buch zu schreiben. Die Idee war, dass sich der Leser die ganze Zeit fragen sollte, wer nun der Depressive in der Geschichte ist. Also hatte ich die Aufgabe, alle Figuren, die in der Geschichte innerhalb der drei Erzählstränge auftauchen, mit so viel Tiefe zu schreiben, dass man es jeder der Figuren zumindest unterstellen könnte. Alle Figuren mussten eine Hintergrundgeschichte und eine Problematik haben. Daher war alles, egal welche Figur ich mir vorgenommen habe, erst mal schwierig. Es war anstrengend und auch nicht sonderlich angenehm. Zwischenzeitlich habe ich vier oder fünf Monate auch gar nicht geschrieben, weil es mich so massiv angestrengt hat. Es war mir auch unglaublich wichtig, dass ich dieses Buch zu Ende bringe. Als ich den letzten Satz geschrieben habe, ist unglaublich viel von mir abgefallen.

Booksection.de: Das heißt auch, dass dein Hauptaugenmerk beim Schreiben gänzlich auf den Figuren lag?
Thomas Ays: Ja, das ist bei mir immer das Hauptaugenmerk, weil sobald die Figuren versagen, für mich auch die Botschaft uninteressant wird. Die Figuren müssen authentisch und nachvollziehbar sein. Wenn die nur in einer Szene unlogisch handeln, finde ich das gleich schon sehr schwierig. Unter diesem Blickpunkt lese ich meine Geschichte, noch bevor sie jemand anders liest, auch noch zigmal selbst durch. In „Der innere Schrei“ habe ich manche Szenen oder Kleinigkeiten im Nachhinein auch umgeschrieben, weil ich gemerkt habe, dass ich der Figur mehr unabsichtlich etwas unterstellt habe, was sie in der Situation unglaubwürdig macht.

Booksection.de: Um die Figuren transparent zu machen, setzt du in deinen Büchern auch immer sehr stark auf Dialoge und weniger auf einen Direkteinblick in deren Gefühls- und Gedankenwelt. Wie einfach fällt es dir, solche inhaltsstarken Dialoge zu schreiben?
Thomas Ays: Das fällt mir total einfach und das ist eigentlich das Beste. Mir fällt es beispielsweise sehr viel schwerer Atmosphäre zu erschaffen, indem ich Dinge beschreibe, die drumherum passieren. Dialoge finde ich sehr viel spannender als lange Beschreibungen, was auch daher rührt, dass ich es seit Jahren sehr beeindruckend finde, wenn Leute schlaue Sachen sagen. Ich merke mir auch ganz häufig Sätze, bei denen ich finde, dass sie gut gesagt wurden. Bei einer Figur in einem Buch machen die Sprache und der Ausdruck sehr viel aus. Mir gefällt die Art, wie Leo und Simon sich ausdrücken zum Beispiel total gut.

Booksection.de: Das Besondere an der Freundschaft zwischen Leo und Simon kommt durch die Dialoge auch toll zum Vorschein…
Thomas Ays: Meiner Meinung nach ist die Freundschaft zwischen Leo und Simon auch das, was mir bei „Der innere Schrei“ am besten gelungen ist. Das war auch ein Nebenprodukt, das überhaupt nicht geplant war. Bei „Romeo & Julian“ war es die Professorin, die sich in die Geschichte eingeschlichen hat und bei „Der innere Schrei“ ist es nun Simon. Das kommt einfach irgendwie aus dem Schreiben heraus und plötzlich erkennt man, dass das, obwohl es ungeplant war, total wichtig für die Geschichte ist.

Booksection.de: „Der innere Schrei“ erscheint bei Himmelstürmer, einem Verlag für homosexuelle Literatur. Obwohl es schwule Figuren in deiner Geschichte gibt, ist Homosexualität aber eigentlich gar kein Thema, das behandelt wird – zumindest keines, das sonderlich im Mittelpunkt steht, problematisiert wird oder zu der Botschaft des Buches führt...
Thomas Ays: Es geht vor allem ums Hinschauen und darum, dass man Dinge erkennt. Leo ist beispielsweise jemand, der sich durch schwule Bars vögelt und dem es ganz komisch wird, wenn sich Typen in ihn verlieben oder ihn wieder sehen wollen. In dem Moment passiert etwas mit ihm, das dazu führt, dass er Abstand nehmen muss. Mit Gefühlen kann er nicht umgehen, wodurch er in seine Familie im Grunde nicht passt und was in sein Leben nicht passt, weil er von allen Seiten Liebe bekommen hat und auch noch immer bekommt. Trotzdem ist er nicht fähig zu lieben, redet sich im Grunde aber ständig ein, dass das in Ordnung ist. Er will nicht erkennen, dass etwas in seinem Leben nicht stimmt und das hat mit schwul- oder hetero-sein nichts zu tun. Meine Figuren sind schwul, weil ich schwul bin. Ich könnte mich einfach weniger gut in den Kopf eines Heterosexuellen rein finden. Das wiederum würde dazu führen, dass meine Figuren nicht authentisch werden, und dann hat mein Buch versagt. Also ist Leo schwul, aber das ist weder das Thema des Buches, noch ein Problem.

Booksection.de: Dadurch wird „Der innere Schrei“ im Grunde ja zu einem Buch, das in der Nische der Homosexuellenliteratur nicht viel zu suchen hat. Das Buch könnte von jedem gelesen werden…
Thomas Ays: Ich glaube, dass das jeder Autor von homosexueller Literatur von seinen Büchern denkt. Ich nehme eben von der sehr sexuellen Erzählweise Abstand, wodurch es vielleicht mehr Leute anspricht. Ich weiß es nicht, weil ich nach wie vor die Bücher meiner Kollegen in der Nische selbst nicht lese.

Booksection.de: Du hast gerade auch eine Kurzgeschichte geschrieben, „Jakubs erstes Weihnachten“. Wie war da deine Schreiberfahrung im Gegensatz zu „Der innere Schrei“?
Thomas Ays: Die Kurzgeschichte zu schreiben war total gut. Man weiß, dass man schnell fertig ist und man beschäftigt sich nicht monatelang mit einem Thema – was bei „Der innere Schrei“ eben sehr anstrengend war. Bei Kurzgeschichten kommt es total darauf an, dass man innerhalb weniger Seiten eine Atmosphäre erschafft. Das liegt mir, weil ich ungern ausufernd werde. Mich interessiert nicht jedes Detail des Zimmers in dem meine Figur gerade steht. Dadurch werden eben alle meine Geschichten, auch „Romeo & Julian“ und „Der innere Schrei“, sehr viel kürzer als andere Bücher und auch minimalistischer. Das ist nichts, was ich von vornherein bezwecke, es ist vielmehr ein Umstand, an dem ich ungern etwas ändern will.



Das Interview wurde am 04.09.2011 durch Kathrin Lang geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 19.09.2011

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