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Interview und Lesung mit...

...Tad Williams


...zur Kritik "Shadowmarch - Das Herz"

„Kein Gequake, Gebelle und niemand der Futter will.“

Fantasyautor Tad Williams über Haustiere, Transvestiten-Katzen und die sexuelle Ausrichtung von Goldfischen – Auf seiner Lesereise durch Europa machte er in Stuttgart Halt für eine Lesung und traf sich mit Booksection zum ausführlichen Interview.

Dass Tad Williams nicht nur ein virtuoser Geschichtenerzähler sondern auch ein hervorragender Entertainer ist, davon konnte sich das zahlreiche Publikum in der Stuttgarter Buchhandlung Wittwer am 27.10.2011 überzeugen. Williams, der gerne als neuer Tolkien gefeiert wird und dem mit den Vierteilern „Das Geheimnis der großen Schwerter“ und „Otherland“ der internationale Durchbruch als Fantasy- und Si-Fi-Autor gelang, machte hier auf seiner Promotion-Tour Halt.

Nachdem der amerikanische Autor 20 Minuten aus seinem vierten und letzten Buch der Shadowmarch-Reihe – „Das Herz“ gelesen und der deutsche Schauspieler Frank Streichfuß eine weitere Buchpassage stimmlich zum Leben erweckt hatte, stellte sich Tad Williams den Fragen des Publikums. Frei von Allüren eroberte er in seiner charmanten und witzigen Art die Menschen im Nu mit Anekdoten und launigen Schilderungen von Begebenheiten, die mit seiner Arbeit und seinen Büchern zu tun haben. Er freue sich, in Deutschland zu sein, so Williams. „Es gibt keine schlechten Fragen“ ermunterte er die Stuttgarter dazu, ihn zu löchern. Ob ihm nicht seine vielen Haustiere fehlen, über die er immer in seinem Internet-Blog berichtet, fragte ein Gast. Tad grinste: „Ich genieße die Stille“, meinte der Autor. „Kein Gequake, Gebelle und niemand der Futter will.“ führte er launig aus und berichtete dem amüsierten Publikum, dass zwar seine Frau und Kinder die Tiere gerne anschaffen, es aber dann er sein, der sich um alle kümmern muss. „Die Kinder lieben die Tiere. Sie wollen aber nichts für sie tun.“ Tad Williams grinste breit. „Ich bin ein Hundemensch. Hunde verstehe ich“, erzählte der Autor weiter und berichtete, warum er in seinem ersten Buch „Traumjäger und Goldpfote“ über Katzen geschrieben hat. Ihn habe fasziniert, dass sich Katzen nicht analysieren lassen, immer ein wenig unnahbar bleiben. Seine erste Ehefrau hatte zwei Katzen mit in die Ehe gebracht, seine Anschauungsobjekte. Beides angeblich Männchen, aber nur eine war tatsächlich ein Kater. „Eine Katze war sozusagen ein Transvestit“ erzählte Tad Williams und berichtete, weiter, dass ihm diese Idee leider erst nach Fertigstellung des Buches gekommen war. Zu spät, um sie noch zu verarbeiten. „Eine der Katzen hat die Züge von meinem Ex-Schwiegervater“, beantwortete Tad Williams die Frage einer Frau, die wissen wollte, ob er seine Figuren denn an realen Menschen anlehne.“Sonst“, soSulaweo Williams, „sind es mehr einzelne Eigenschaften oder Erlebnisse, die ich in der Zeichnung meiner Figuren verarbeite. Viele spiegeln auch ein Stück von mir wider. Wie Renée Sulaweo aus „Otherland“ oder Josua Ohnehand aus „Das Geheimnis der großen Schwerter“. Nur dann bekommen sie eine emotionale Wahrhaftigkeit.“ Als Tad Williams in der Folge von einem indischen Bekannten und dessen wahnwitzigen Hochzeitserlebnissen erzählt, ist das Publikum nicht mehr zu halten und lacht Tränen. Es herrscht allgemeine Einigkeit, dass man ihm noch die ganze Nacht zuhören könnte. Tad Williams gewährt weitere Einblicke in seine Art zu schreiben und wie er Ideen für neue Geschichten findet. „Ich muss die Geschichte lieben, die ich gerade schreibe. Und nur diese Geschichte“, so der Autor. „Ich bin dann wie ein Hund, für den sein Herrchen einen Tennisball wirft. Landet der Ball in einem Busch und ich komme nicht heran, dann will ich keinen neuen Ball sondern immer noch genau diesen.“ Tad Williams lacht. Alte Geschichten seien für ihn wie liebe Nachbarn mit denen man in einem Haus wohnt, die man aber selten sieht, erneut findet Tad ein sprachliches Bild, das das Publikum in der Buchhandlung begeistert und amüsiert. Dass der Autor aber auch deshalb Bücher schreibt, die von einer tiefgründigen Atmosphäre leben, wird klar, als ein Gast nach der Recherchearbeit für Bücher wie die der „Otherland“-Reihe fragt. „Hier habe ich für ein Kapitel teilweise 12 bis 15 andere Bücher gelesen“ erläutert Tad Williams. Eine gründliche Recherche sei ihm sehr wichtig, so der Autor weiter. Die Mitarbeiter der Buchhandlung hatten bereits mehrfach höflich darauf aufmerksam gemacht, dass es auch noch Buffet nach der Lesung gäbe, als Tad Williams noch etwas über seine neuen Buchprojekte verriet. „Es geht um gefallene Engel und Dämonen“, erzählte er mit leuchtenden Augen und war auch gleich mitten drin im einen Kurzbericht über den Inhalt der „Bobby Dollar“-Bücher, wie er sie für sich nennt. „Es wird eine neue Reihe sein, bei der man aber auch jeden Roman für sich lesen kann“ erzählte Tad begeistert und fütterte sein Publikum mit vielen spannenden Einzelheiten über seine neue Welt, in der Engel, Teufel lieben, Werschweine Informanten des Himmels sind und fehlende Seelen Rätsel aufgeben. Nach kurzweiligen zwei Stunden signierte Tad Willimas dann gerne noch die mitgebrachten Bücher des Publikums.

Bereits vor der Lesung traf Booksection Tad Williams für ein ausführliches Interview.

„Man sollte über das schreiben, was einem etwas bedeutet. Das ist das was ich tue, ich schreibe über Dinge, die mich bewegen.“

Booksection.de: Sie sind gerade auf Lesereise, um den vierten Band der „Shadowmarch“-Reihe „Das Herz“ zu präsentieren. Sind Sie froh, dass die Geschichte nun „zu Ende“ ist oder sind Sie auch ein bisschen traurig darüber?
Tad Williams: Eigentlich bin ich nie traurig, wenn ich mit einer Geschichte fertig bin, ich vermisse nur die Charaktere der Geschichte ein wenig. Schon während ich auf einer Lesereise bin, arbeite ich an etwas Neuem und das ist das, was dann für mich „lebendig“ ist. Solange ich eine Geschichte habe, an der ich arbeiten kann, bin ich glücklich. Aber bei so einer umfangreichen Arbeit wie für „Shadowmarch“ ist es so, dass jede Geschichte für sich ein Werk ist und es gibt natürlich gute und schlechte Tage. Manchmal hat man das Gefühl, dass man gar nicht fertig wird und an anderen Tagen läuft alles ganz prima. Aber ich empfinde eine Erleichterung, wenn eine Geschichte erzählt ist und sie mir nicht mehr im Hinterkopf herumschwirrt. Bei diesen Büchern begann die Veröffentlichungsarbeit tatsächlich schon vor zehn Jahren. Begonnen hat „Shadowmarch“ als Fortsetzungsgeschichte im Internet. Diese Website richteten wir schon in 2001 ein und so war das ein sehr langer Prozess zwischen der Website und der Veröffentlichung der übersetzten Version. Auf der einen Seite bin ich traurig, dass diese Zeit nun um ist, denn es ist ja ein Teil meines Lebens. Meine Kinder sind in dieser Zeit aufgewachsen. Mein Sohn war damals noch klein und ist jetzt größer als ich. Trotzdem bin ich froh, wenn ich eine Geschichte aus meinen Kopf habe, wenn sie „erledigt“ ist. Nicht, dass ich ihrer überdrüssig wäre, aber trotzdem …

Booksection.de: Wie viel Zeit brauchen Sie schlussendlich, um sich von einem Buch wirklich zu verabschieden?
Tad Williams: Ich wünschte, ich hätte viel mehr Zeit dafür, aber ich habe natürlich auch ganz profane Aspekte, an die ich denken muss, z.B. dass unsere Katzen auch ein Dach über dem Kopf brauchen (lacht). Wenn ich an alle anderen Verpflichtungen denke, kann ich wirklich nicht allzu lange damit warten weiter zu schreiben. Eigentlich hätte ich gerne Zeit, mich erst mal zurückzulehnen und über alles nachzudenken, aber ich bin nun schon mit dem zweiten Buch nach „Shadowmarch“ beschäftigt.

Booksection.de: Für „Das Geheimnis der großen Schwerter“, „Otherland“ und nun „Shadowmarch“ haben Sie Welten erschaffen, die anderen Autoren für ein Lebenswerk reichen würden. Was gibt Ihnen den Anreiz immer und immer wieder neue Dinge zu erfinden?
Tad Williams: Es gibt keinen Anreiz, es passiert einfach. Während wir hier sitzen, habe ich fünf, sechs, sieben oder gar acht verschiedene Ideen in meinem Kopf, eine wird vielleicht eine Kurzgeschichte, manche werden zu einem Graphic Novel, manche zu Büchern. Manche davon werden auch nie geschrieben, weil sie nicht funktionieren. Ich liebe es einfach, Geschichten zu schreiben und die Ideen kommen auf mich zu. Ich kann das gar nicht verhindern. Ich würde nicht wollen, dass ich immer und immer wieder dasselbe schreibe, während mir doch die Ideen im Kopf auflaufen wie Autos in einem Stau. Ich muss diese Geschichten einfach loswerden (lacht). Beim Schreiben lerne ich auch immer dazu und werde immer ehrgeiziger. Das letzte, was ich möchte ist, mich in einem bestimmten Rahmen festzulegen. Ich möchte mich weiter herausfordern und Neues probieren.

Booksection.de: Was ist Ihre Quelle der Inspiration?
Tad Williams: Absolut alles. Ehrlich! Ich erzähle Ihnen kurz etwas. Letzthin saß ich im Wohnzimmer und sah auf die Uhr: Es war fünf vor zwölf und ich fand, dass die Zeiger der Uhr eigentlich aussahen wie eine Schere. Also ist es so, als wenn die Schere um Mitternacht zuschnappt und das wiederum könnte einem Kind, das noch nie so lange auf war, wirklich Angst machen. Und wenn dieses Kind jetzt auch noch eine Großmutter hätte, die ihm die unheimliche Geschichte der „Scherenstunde“ erzählen würde ….. . Und so kam es, dass sich daraus eine Kurzgeschichte entwickelte um ein Mädchen, dessen Bruder verschwindet. Sie sagt, es sei wegen der „Scherenstunde“, aber niemand glaubt ihr. So kommen die Geschichten praktisch zu mir und ich behalte sie in meinem Hinterkopf und wenn sie gut sind, bleiben sie auch dort und es kommen noch ganz viele Fakten dazu: Wie? Wann? Wo? und so weiter. Und erst dann entscheide ich, welche Art von Geschichte daraus wird.

Booksection.de: Sie wählen also die „Starken“ aus?
Tad Williams: Nicht nur die starken, sondern die, die mich in ihren Bann ziehen, die mich neugierig machen. Und dann fange ich an, mit ihnen zu experimentieren und dadurch werden sie immer größer und größer.

Booksection.de: In der Zwischenzeit sind Ihre Bücher in über 20 Sprachen übersetzt worden. Gibt es in den jeweiligen Ländern unterschiedliche Reaktionen auf Ihre Bücher oder reagieren die Menschen mehr oder weniger auf dieselben Dinge?
Tad Williams: Es gibt da auf jeden Fall einen Unterschied zwischen den englisch sprechenden Ländern und Europa. Mein Verlag beispielsweise gibt viele sehr ernsthafte Bücher heraus. Als ich verlegt wurde, gab es eigentlich keinen anderen Fantasyautor bei ihnen außer Tolkien. In Europa wird dem Fantasygenre mehr Gewicht beigemessen, es wird ernsthafter gesehen. In Amerika jedoch werden Fantasy und Science Fiction, egal wie wichtig die beiden Genres für die Kultur sind, oft noch in eine Schublade mit Trivialliteratur geschmissen. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen wird das dort so gesehen. Ich komme gerne hierher, weil mir die Leute hier wirklich ernsthafte Fragen zu meinen Büchern stellen und mich nicht Sachen fragen wie „Schauen Sie Star Trek?“ oder so (lacht). Hier werde ich schlicht und ergreifend als Autor behandelt.

Booksection.de: Ihre Geschichten entfalten sich immer in verschiedenen Erzählsträngen bevor schlussendlich alles zu einem entscheidenden Punkt zusammenkommt. Wie groß ist dabei der Anteil an disziplinierter Arbeit und ab wann entwirft sich die Geschichte selbst?
Tad Williams: Ich habe den Vorteil, dass ich abgeschlossen Geschichten erzähle, die dann in einer Serie zusammenkommen. Ich schreibe keine Serienfiktion, bei der es immer und immer weitergehen muss. Ich muss nicht so sehr darauf achten, dass alles, was ich im ersten Buch anfange, auch bis auf den letzten Punkt im letzten Buch passen muss. Aber es braucht trotzdem ernsthafte Arbeit. Wenn Bücher so lang und so kompliziert sind, kann man noch nicht alles im vornherein wissen, vieles entdeckt man dann erst beim Schreiben. Das ist wie eine Wettervorhersage:  man kann zwar eine Ahnung davon haben, wie das Wetter  wird, aber niemals kann man das 100%ig vorhersagen. Es ist eine Gratwanderung und ich musste selbst für mich herausfinden, wie viel ich tatsächlich plane und wie viel ich auf mich zukommen lasse. Ich mache mir auch keine Notizen, ich behalte alles in meinem Kopf. Es ist wie eine Wolke, denn solange ich nichts aufschreibe, kann ich in meinem Kopf mit der Geschichte herumexperimentieren. Und so finde ich heraus, was am besten funktioniert.

Booksection.de: Wenn Sie also anfangen zu schreiben, beginnen Sie dann mit dem Anfang, dem Ende, einem Charakter…?
Tad Williams: Es ist anfangs eher die Idee da, als eine Figur. Wie zum Beispiel in „Othetland die Idee von einem Fluss da war. Wenn man den Fluss als Metapher nimmt, was wäre dann mit den Ufern, könnte nicht alles dann eine Metapher, eine Phantasie sein? Was hätte das dann für Auswirkungen auf die Geschichte und wiederum auf die Realität und so weiter. Das Ganze fängt an zu wachen. Erst dann kommen die Charaktere dazu und zwar nicht nur der typische amerikanische Soldat, meine Helden kommen aus allen Ländern. Erst ist also die Idee da und dann werden alle anderen Dinge dazugefügt.

Booksection.de: Macht, Krieg, Toleranz und das Erwachsenwerden an und für sich sind immer wiederkehrende Themen in Ihren Bücher, was fasziniert Sie so daran, warum schreiben Sie darüber?
Tad Williams: Weil ich einfach gar nicht anders kann. Offensichtlich gibt es Dinge, die tief in mir sind, von denen ich mich nicht trennen kann und die immer wieder Thema meiner Bücher werden. Zum Beispiel das Thema „Familie“. Was sie aus uns macht, wie man weggehen muss, um zurückzukehren und all das. Das bewegt mich sehr. Oder beispielsweise geht es bei mir auch immer um den „Untergrund“, um Tunnel und verlorene Städte. Das kommt daher, weil ich als Kind sehr an Archäologie interessiert war. Hier habe ich schon selbst gedacht, dass ich ziemlich vorhersehbar sein muss. Aber das sind auch wiederum die Dinge, die mich vorantreiben, die einfach zu mir gehören. Man sollte über das schreiben, was einem etwas bedeutet. Das ist das war ich tue, ich schreibe über Dinge, die mich bewegen. Ich schreibe in erster Linie für mich selbst, denn eine Leserschaft kann ich mir nur vorstellen. Ich schreibe das Buch, was ich selbst gerne lesen würde und ich hoffe natürlich, dass es viele Menschen gibt, die so sind wie ich. Wenn es also für mich passt, dann passt es zumindest für die Menschen, die so sind wie ich.

Booksection.de: Also sind die „richtige“ Welt und die Menschen um Sie herum keine Vorbilder für Ihre Bücher?
Tad Williams: Nur ganz selten, vielleicht einmal pro Buch ist das so. Zum Beispiel, weil mich jemand besonders amüsiert oder so (lacht). So basiert die Figur einer Katze in meinem ersten Buch auf meinem Ex-Schwiegervater. Aber das ist unüblich für mich, denn ich finde, wenn man die Charaktere zu sehr an reelle Personen bindet, dann ist man beim Erzählen ja auch an diese Person gebunden und das ist nicht gut.

Booksection.de: Haben Sie manchmal Lieblingsfiguren in Ihren Büchern?
Tad Williams: Oh ja, ich bevorzuge immer die, an der ich gerade schreibe. Eine finde ich beispielsweise besonders gut, weil sie so grausam ist, die andere, weil sie besonders lustig ist.

Booksection.de: Für mich sind Ihre Bücher durch die Figuren so lebendig, ich liebe diese Figuren einfach, sie sind aufregend und farbenfroh. Ich finde z.B. den Autarch Sulepis aus „Shadowmarch“ und Dread aus „Otherland“ extrem grausam, aber auf eine aufregende Art und Weise unglaublich faszinierend.
Tad Williams: Ja, das ist es, warum wir etwas mögen, warum der Leser etwas mag. Wenn wir so etwas im richtigen Leben durchmachen müssten, wäre das furchtbar, beängstigend, aber mit der Distanz der Dichtung ist es so, als würde man in den Zoo gehen. Man würde niemals freiwillig in den Käfig gesteckt werden wollen, aber von außen zu sehen, wie machtvoll die Tiere sind und wie stark, ist sehr aufregend. Deswegen lesen wir auch Krimis, um dieses Gefühl aus sicherer Entfernung zu spüren. Deswegen macht es auch Spaß, so etwas zu schreiben. Natürlich würde ich solche Dinge nie im Leben selbst tun, aber beim Schreiben kann ich so etwas ausleben.

Booksection.de: Aus sicherer Entfernung also ….
Tad Williams: Ja, aber nicht nur das. Ich beobachte gerne und überall Menschen und ich finde, jeder ist der Held seines eigenen Lebens. Also würde ich gerne herausfinden, wie die Menschen über sich selbst denken, was sie tun. Was wäre, wenn ich sie nach Hause begleiten und beobachten könnte, was würde ich da erfahren? Ich plane nicht alles bis ins Detail für die Charaktere, wenn ich anfange über sie zu schreiben. Ich lasse mir von ihnen mit der Zeit etwa zeigen, ich lebe mit ihnen. Es ist schwer zu erklären, aber ich muss ihnen vertrauen. Ich kann sie nicht einfach in einen Raster pressen. Ich vertraue der Ordnung der Komplexität. Das kann ich nicht durch und durch planen. Ich muss den Figuren vertrauen und dann tun sie natürlich auch Dinge, mit denen ich selbst nicht gerechnet habe, aber dann muss ich sie das tun lassen.

Booksection.de: Für mich ist das auch mit ein Hauptgrund, warum Ihre Bücher so faszinierend sind. Ihre Protagonisten sind so echt, so greifbar.
Tad Williams: Danke, ich versuche auch wirklich, jede Figur der Held ihrer eigenen Geschichte sein zu lassen.

Booksection.de: ... und es gibt kein kitschiges Hollywood-Ende ….
Tad Williams: Ja, das Ende in meiner Geschichte ist allerdings manchmal doch noch schöner, als im richtigen Leben. Der Leser möchte ja auch kein Ende, bei dem jeder stirbt (lacht), dann wäre das auch zu frustrierend. Andererseits endet es im Buch doch nicht alles nur „gut“, denn wenn ich versuchen würde, das alles so nicht zu schreiben, sondern positiv zu verpacken, dann würde sich das unrealistisch anhören. Insbesondere im Fantasy-Genre. Hier ist ja schon alles andere nicht reell. Also muss sich die Wahrheit der Geschichte echt anhören.

Booksection.de: Lesen Sie selbst auch Fantasy oder Science Fiction?
Tad Williams: Ja, aber nur zum kleinen Teil. Ich würde sagen, mindestens die Hälfte von dem, was ich lese, ist „Non-Fiction“. Ich lese viele historische Bücher oder Wissenschaft für „Dumme“, denn ich interessiere mich sehr dafür, habe aber nicht das ausreichende wissenschaftliche Wissen. Und ich lese erneut Charles Dickens oder Jane Austen, ich mag aber auch Thriller. Ich lese fast alles.

Booksection.de: Sie werden oft mit Tolkien verglichen. Können Sie das noch hören?
Tad Williams: Es gibt zwei verschiedenen Arten von Vergleich. Auf der einen Seite gibt es den, den die Verlage den Büchern aufdrücken, so als ob jemand einfach eine neue Zutat in ein bereits auf den Markt befindliches Waschpulver tut. Das bedeutet gar nichts. Auf der anderen Seite, wenn dieser Vergleich so gemeint ist, dass man sagt, dass ich so schreibe wie Tolkien, weil …., dann ist das ein riesiges Kompliment. Ich bewundere ihn und niemand hatte so einen großen Einfluss auf dieses Genre wie er. Ich las seine Bücher als ich ein Kind war und das hat mich sehr inspiriert. Als ich dann größer wurde, habe ich seine Bücher natürlich immer besser verstanden. Sie bieten Möglichkeiten an, keine Regulative. Als ich dann anfing zu schreiben, war ich natürlich ein Autor aus einer ganz anderen Generation. Tolkien war im Gegensatz zu mir z.B. sehr religiös und er hasste Veränderung. Ich wiederum bin ein Kind des späten 20. Jahrhunderts. Für mich ist Veränderung natürlich, denn ich lebe in einer Zeit der ständigen Veränderungen. So sind wir natürlich auch total verschiedene Autoren. Ich wollte Tolkien niemals imitieren, aber was ich bei ihm mochte, versuchte ich, auf meine eigene Art und Weise zu verarbeiten.

Booksection.de: An was arbeiten Sie im Moment?
Tad Williams: Ich bin gerade bei den „Bobby Dollar“ Büchern, so nenne ich sie für mich. Das erste ist schon fertig und ich schreibe gerade am zweiten. Bobby Dollar ist ein Engel, der auf der Erde gebunden ist. Er kümmert sich um die gerade Verstorbenen, hat dabei aber immer einen „höllischen“ Gegenspieler. Dann wird entschieden, wohin die menschliche Seele nun geht, in die Hölle oder in den Himmel. Er ist ein Anwalt für die Menschen und lebt auch in einem menschlichen Körper. Er kann sich aber nicht an seine eigene Vergangenheit erinnern. Mit der Zeit laufen die Dinge schief und er verliebt sich auch noch in einen weiblichen Teufel. Das erste Buch heißt „The dirty streets of heaven“. Das zweite wird „Happy Hour in Hell“ heißen. Wenn die Bücher gut ankommen, ist geplant daraus eine Reihe zu machen. Anders als bei meinen anderen Büchern wird man diesmal die Bücher auch einzeln lesen können. Derzeit arbeite ich an Band Nummer drei.
Momentan zeichnen sich auch noch andere Dinge ab, z.B. die Verfilmung eines Buches und andere Projekte, z.B. Kurzgeschichten. Mal sehen, was die Zukunft noch bringt, aber momentan macht es sehr viel Spaß, die „Bobby Dollar“- Bücher zu schreiben.

Booksection.de: Vielen Dank für Ihre Zeit.
Tad Williams: Vielen Dank für Ihre Fragen!


Das Interview durch Melanie Frommholz geführt und von Angelika Koch übersetzt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 01.11.2011