Interview mit T.S. Orgel

"Der Leser darf sich auf nichts verlassen."

Booksection.de traf sich zum Abschluss der Trilogie „Die Blausteinkriege“ mit Tom und Stephan Orgel und plauderte über das Spielen mit Klischees und unerwartete Todesfälle.

Als wir uns das letzte Mal trafen, habt Ihr erzählt, dass es immer längerer Konferenzen bedarf, wenn sich Eure Erzählstränge treffen. Wie viel Austausch war notwendig, bis „Der verborgene Turm“ fertig war? Stephan: Es war etwas schwieriger, da es ja der abschließende Teil ist und dies bedeutet, dass alle Handlungsstränge nun zusammenführen. Da hatten wir schon etwas mehr zu tun. Aber es ging überraschend gut. Wir hatten keine großen Abstimmungsschwierigkeiten mehr, denn wir wussten ja, worauf es am Ende hinausläuft. Wir haben aber tatsächlich am Schluss auch Charaktere ausgetauscht, sprich der andere hat auch Charaktere geschrieben, die eigentlich nicht seine Idee waren und die er am Anfang nie geschrieben hatte.

Ihr hattet da ja eigentlich ziemlich strikt aufgeteilt. Stephan: Genau. Ich habe zum Beispiel teilweise „Messer“ übernommen, der ja Toms Idee war. Und Tom hat Figuren von mir übernommen. 

War das ein komisches Gefühl zu Beginn?  Stephan: Ja, man muss sich da erst einmal reinfuchsen und kapieren, wie die Figuren ticken. Das ist schon nicht einfach gewesen.

So ein wenig wie das Kennenlernen von neuen Freunden? Stephan: (lacht) Oder neuen Leuten, mit denen man nichts zu tun haben möchte. Aber es war super interessant.

Habt Ihr ein wenig Abschiedswehmut, nun da Band 3 erschienen ist? Stephan: Wenn man die Geschichte liest, merkt man, dass wir uns schon ein kleines Hintertürchen offen gelassen haben. Wir hoffen auch, dass wir in der gleichen Welt weiterschreiben können. Die Geschichte selbst ist aber komplett abgeschlossen. Da kommt auch nichts mehr. Wenn wir die Charaktere noch einmal aufgreifen, dann nur als Nebencharaktere. Oder jetzige Nebencharaktere bekommen möglicherweise eine größere Rolle. 
Wehmut… ich weiß nicht. Die Geschichte ist zu Ende und sie muss auch zu Ende sein. Das passt einfach für uns. Von daher ist es schön, dass wir nun an diesem Schluss angekommen sind. 

Immer wieder klingt ja die Geschichte der Reisenden an. Wäre das zum Beispiel eine mögliche neue Geschichte? Als eine Art Prequel? Stephan: Wäre eine Überlegung wert, aber die Reisenden stammen eigentlich aus unserer Rollenspielzeit vor vielen, vielen Jahre. Ich glaube mittlerweile sind es über 20 Jahre. Dorthin noch einmal zurückzugehen, ich weiß nicht ob wir daran wirklich noch einmal Interesse hätten. Die Reisenden an sich noch einmal aufzugreifen wäre aber schon interessant. Man könnte sie sogar noch einmal aufgreifen, ohne in der Zeit zurückgehen zu müssen. 

Mir hat besonders gefallen, dass Ihr am Ende von „Der verborgene Turm“ nicht alles rosarot malt, sondern es klar ist, dass es durchaus noch offene Enden gibt, und noch nicht alles gewonnen ist. Die Figuren stehen zwar an einem gewissen Abschluss, aber im Grunde gehen die Intrigen weiter, die Politik und auch die Probleme.  Stephan: Wir lieben es, Dinge aus verschiedenen Sichtweisen zu sehen. Wir könnten uns zum Beispiel vorstellen, dass die Leute, die am Schluss aus dieser Geschichte als die Guten hervorgehen – wer auch immer das sein mag – in einer anderen Geschichte – falls wir diese je erzählen – plötzlich nicht mehr so gut dastehen. Wenn jemand es aus einem anderen Blickwinkel sieht, kann er natürlich auch sagen: Das Kaiserreich ist eigentlich ein großes, böses Imperium… Tom: Das fängt im Grunde schon mit den Leuten an, die am Ende auf der Verliererseite stehen. Die werde das sicherlich anders sehen und nicht sagen, dass die Sieger die guten Helden sind. Es könnte uns reizen, genau das auch zu erzählen.  Stephan: Nicht nur könnte, es reizt uns. 

Das Reizvolle an Euren Figuren ist ja auch, dass diese recht ambivalent sind. Sie haben gute Seiten, sie haben schlechte Seiten und sie agieren eben nicht so, wie man es eventuell erwartet hat. Gerade Messer, der als Söldner seine Fähigkeiten immer in den Dienst desjenigen stellt, der ihn bezahlt. Trotzdem entwickelt er gegen Ende eine Art moralisches Gewissen, was dann wieder gewisse Dinge auslöst. Tom: Er entwickelt sein moralisches Gewissen nicht erst gegen Ende, er hat es schon immer gehabt… Stephan: Wir kennen natürlich die Vorgeschichte von Messer, die tatsächlich relativ komplex ist und daraus ergibt sich das fast zwangsläufig. Wer ihn nicht kennt, sieht natürlich nur diesen einen Aspekt von ihm.

Das klingt ja auch so ein wenig an… Tom: Das ist generell so eine Sache, die für uns beim Schreiben von Figuren immer klar ist. Dass die Figuren ein Vorleben hatten und dass die Leser nur diesen momentanen Ausschnitt sehen. Das nutzten wir aktiv, um damit zu spielen, so dass die Leser dann eben auch möglicherweise die falschen Schlüsse ziehen.  Stephan: Vorurteile eben. Tom: Das Thema Vorurteile zieht sich durch alle unsere Bücher, eigentlich von Beginn an. Auch das Thema „eingeschränkte Sichtweisen“. Deswegen bleiben wir auch gerne ganz dicht an den Charakteren dran und gehen nicht in die große Übersicht. Um möglichst subjektiv zu bleiben und mit der Subjektivität zu spielen. Mit Charakteren, die man falsch einschätzt. Mit Motiven, die man erst später erkennt. So dass man mit seinen eigenen Vorurteilen auch arbeiten kann, die man selbst aufbaut. Und das dann auch eventuell als kleine Erkenntnis in sein eigenes Leben mit rausziehen kann: Dass man eben nicht alles weiß, über die Leute, die einem begegnen. 

Gerade mit den Ländern Berun und dem Macouban ist das ja ein Spannungsfeld. Hier sieht man gut, dass nicht alles Schwarz und Weiß ist. Je nach dem durch wessen „Brille“ man schaut, sind manche Ereignisse ganz anders zu bewerten. In wie weit beeinflusst Euch da auch das aktuelle reale Geschehen? Stephan: Grundsätzlich beeinflusst das immer beim Schreiben. Man schreibt ja nicht an dem was man im täglichen Leben erlebt vorbei, sondern man schnappt immer irgendwelche Dinge auf. Tom: Es prägt im Grunde schon von vorne herein die eigene Sichtweise. Stephan: Gerade bei Konflikten sieht man ja meistens nur eine Sicht. Und sagt dann: Das sind die Bösen. Das sind die Guten. Alles klar. Und irgendwann – vielleicht interessiert man sich für das Thema – schaut man sich an, wer was dazu sagt. Und am Ende steht man da und denkt sich: Wer war noch mal der Gute? Wer hat den Konflikt angefangen? Tom: Wen soll ich nun eigentlich überhaupt noch gut finden?

...gibt es „Die Guten“ überhaupt? Tom: Genau. Und genau wie bei unseren anderen Büchern, hatten wir natürlich bei den „Blausteinkriegen“ reale Dinge im Hinterkopf. Wir sind an die Trilogie mit der Prämisse herangegangen, dass wir eine Geschichte vor dem Hintergrund eines Rohstoffkrieges erzählen wollen. Dann haben wir uns einen Rohstoff gesucht und uns überlegt, was entwickelt sich daraus. Wir hatten ja schon genügend Rohstoffkriege auf der Erde, die dann durchaus als Vorlage gedient haben. 

Während man an einer Trilogie arbeitet, bleibt der Kontakt mit Fans ja nicht aus. Auch von anderer Seite bekommt man Feedback. Lässt man sich da von den Rückmeldungen doch auch beeinflussen – also wenn etwas gut ankam, oder eben auch gar nicht? Stephan: Marten ist nur gestorben, weil die Leser ihn so mochten. (lacht) Tom: (lacht) Nein, natürlich nicht! Die Versuchung ist manchmal ganz groß, das zu machen. Und bei zwei oder drei Punkten in der Geschichte kommt es natürlich auch vor, dass man sich sagt: “Boa, die Theorie ist so gut, die könnte von uns sein, schreiben wir jetzt auch so“. (schmunzelt). Stephan und ich planen den Anfang einer Geschichte, wir wissen wo wir am Ende hinwollen und wir überlegen uns zwei, drei markante Punkte, die erzählt werden müssen. Was zwischendrin passiert, kann durchaus mit Feedback und Ideen von Lesern gefärbt sein. Wir nehmen aber nicht die Idee eines Leser rein, der sagt: Das müsste jetzt aber noch so passieren. Das passiert nicht. Aber Lesertheorien beeinflussen uns durchaus in dem, was wir am Schluss auch schreiben. 

Es gibt in Band zwei und drei ja durchaus ein paar überraschende Tode, mit denen man nicht so gerechnet hat. Und die auch schade waren. Ist das ein Überraschungsmoment, mit dem Ihr gerne spielt? Stephan: Wir wollen schon klar machen: Der Leser darf sich auf nichts verlassen. Das ist uns wichtig. Wie im echten Leben, sozusagen. Da kann es böse Überraschungen geben. Und damit spielen wir natürlich auch ein bisschen. Tom: Es gibt auch im realen Leben Dinge, die sind einfach „doof gelaufen“. Und so etwas macht auch so eine Geschichte realer. Das ist dann vielleicht nicht schön und es wäre schön, wenn es anders wäre. Aber da kann man im echten Leben genauso wenig machen wie in der Geschichte. Wenn die Guten immer überleben und die Bösen immer ihre gerechte Strafe erhalten, würde dem Leser ja selbst auffallen, dass das nicht echt ist. Das mag für gewisse Märchen gelten, aber wenn man eine einigermaßen real wirkende Welt aufbauen will, kann man das tatsächlich nicht so machen.

Damit würde alles ja auch sehr vorhersehbar. Das würdet Ihr selber auch nicht lesen wollen. Tom: An der Stelle ist dann das Leserfeedback schön, wenn man hört: Ja, das ist jetzt die Klischeefigur, der große Bösewicht. Und man weiß genau, dass wir uns dazu schon was überlegt haben im dritten Band. Und vielleicht brechen wir dieses Klischee. Die Leute brauchen Klischees. Man will irgendetwas haben, das man kennt. Mit dem man sich identifizieren kann. Auf das man sich verlassen kann. Als Autor mit den Klischees zu arbeiten, sie auch bewusst zu brechen, gehört dazu, um eine interessante Geschichte zu erzählen. Wenn man die Klischees nicht benutzt, sind die Leute sauer, wenn man sie vollkommen durchzieht, mögen sie es auch nicht. Man muss damit spielen.

Entscheidet Ihr das gemeinschaftlich? Gerade wer ablebt, oder wer überlebt? Oder bleibt jeder in einem Erzählstrang? Stephan: Es kommt darauf an. Wir haben natürlich unsere Hauptstory und die muss am Schluss stimmig sein. Das heißt, bestimmte Konstellationen müssen erhalten bleiben. Daran kann man dann auch nicht mehr rütteln. Aber es gibt auch Sachen, wo man zwischendrin flexibel sein kann. Gerade, was Nebenfiguren angeht. Sie kann man hervorheben oder auch sterben lassen, wenn man das möchte. Was wir aber auf keinen Fall wollen, ist etwas, das nicht rein passt. Zum Beispiel, wenn irgendjemand einfach so die Treppe hinunterfällt und stirbt. Das sollte man nicht machen. Bei so etwas kann der andere dann schon ein Veto einlegen.

Da passt es ja, dass Ihr immer für den anderen der erste Testleser seid. Stephan: Genau. Tom: Solche Dinge zu tun, ohne dass sie die Geschichte weiterbringen ist blödsinnig. Es muss eine Auswirkung auf die Geschichte haben und sie letztendlich besser machen. Ein Charaktertod, der die Geschichte dadurch schlechter macht oder dadurch ein Loch hinterlässt, ist eine blödsinnige Idee. Stephan: Richtig, der im Anschluss dann auch einfach verschwindet. Tom: Wenn es aber Konsequenzen hat und die Geschichte dadurch interessanter gestaltet, muss es manchmal aber durchaus sein.

Arbeitet Ihr parallel schon an etwas Neuem? Ober benötigt ihr den aktiven Abschluss einer Welt, um in ein anderes Setting eintauchen zu können? Stephan: Wir arbeiten immer parallel. Wenn wir zum Beispiel zu Messen fahren, wie nach Leipzig, haben wir vier bis fünf Stunden Zeit. Bei solchen Gelegenheiten spinnen wir neue Ideen. 

Wir stellen diese Fragen vielen Autoren und es ist spannend zu sehen, dass die Antworten immer ganz unterschiedlich sind. Manche benötigen den ganz klaren Abschluss, um sich auf andere Figuren einlassen zu können. Andere jonglieren problemlos mit fünf, sechs Ideen gleichzeitig.  Tom: Ich denke, das hat etwas mit unserem Leseverhalten zu tun. Ich lese selten nur ein Buch alleine, sondere mehrere gleichzeitig. Stephan: Ich lese auch oft parallel.  Tom: Vielleicht liegt es auch daran, dass unsere Geschichten nie so einen harten Cut am Schluss haben. So ein „Alles ist fertig erzählt“. Unsere Geschichten sind in diesem Sinne nicht „fertig“ erzählt. Wir haben eher ein vorläufiges Ende und wir könnten sie weiterführen. Es gäbe immer noch etwas zu erzählen. Und so gesehen würde ich mich ja nie aus so etwas lösen. 

An was arbeitet Ihr gerade? Stephan, Du hattest ja schon angedeutet, dass Ihr auch mit anderen Genres liebäugelt. Stephan: Science-Fiction ist nicht so ganz abwegig für einen Fantasy-Autoren. Hier wird von vielen ja hin und her gesprungen, da beides zum Genre der Phantastik gehört. Das wäre ein interessantes Thema und wir müssen jetzt schauen, was sich da entwickelt. Ansonsten werden wir der Fantasy natürlich treu bleiben, denn das macht uns einfach am meisten Spaß. Tom: Auf jeden Fall! Selbst wenn wir in anderen Genres schreiben würden, wäre dies immer nur ein Zusatz und kein Ersatz. Reizen würde uns auch der Bereich fantastischer Thriller, weil wir das selber gerne lesen. Persönlich lese und sehe ich im Moment auch gerne Science-Fiction. Für unsere weitere Arbeit denken wir aber in mehrere Richtungen gleichzeitig. 

Also gibt es noch jede Menge, worauf wir uns in Zukunft freuen können. Könntet Ihr schon etwas konkret ankündigen? Tom: Nächstes Jahr zur Buchmesse kommt sicher etwas Neues heraus.  Stephan: Gerade sind wir in Verhandlungen, daher können wir noch nichts Konkreteres sagen. 

Wir sind gespannt. Vielen Dank für das Interview! Stephan: Gerne, ebenso. Dankeschön! Tom: Danke!
Das Interview wurde durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben der Autoren am 16.10.2017

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