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Buchkritik "Das Unkrautland"
"Eine gute Geschichte ist letztendlich das, was wir schon immer hören wollten."
Mit Booksection im Gespräch: "Unkrautland"-Autor Stefan Seitz
Booksection: Wie entstand „Das Unkrautland“?
Stefan Seitz: Tja, das ist wohl die schwierigste Frage von
allen. Ich denke, wir alle haben als Kinder nach etwas gesucht. Seien es Geheimtüren,
verborgene Schätze oder sagenumwobene Gebäude. Leider konnte ich mich
nicht zu den Glücklichen zählen, die etwas dementsprechendes gefunden
haben - weshalb ich den Entschluss gefasst habe, selbst ein Geheimnis entstehen
zu lassen, das nun andere ergründen können.
Booksection: Miss Plim und Primus streiten sich sehr oft im
ersten Band zum „Unkrautland“ und liefern sich viele Dialogschlachten.
In unserer Kritik bemängelten wir die Schärfe der Dialoge. Oftmals
hätte es noch bissiger, vielleicht auch böser sein dürfen. Können
Sie diese Kritik nachvollziehen?
Stefan Seitz: Ich kann das sehr gut nachvollziehen, vor allem
wenn man als Leser aus dem Fantasygenre kommt und so etwas gerne liest. „Das
Unkrautland“ ist jedoch etwas völlig anderes. Es ist ein Märchen
und jenes musste ich so gestalten, dass sich die Leser wohlfühlen - sowohl
von der Gestaltung der Titelbilder, als auch von der Atmosphäre des Geschehens.
Natürlich hätten sich Miss Plim und Primus öfter in die Wolle
kriegen können, aber das hätte nicht der jungen Leserschaft entsprochen,
die das Buch vorwiegend zu Hand nimmt. Für das reifere Publikum steckt
dafür einiges zwischen den Zeilen, über das es sich zu grübeln
lohnt. Diese Kombination finde ich weitaus charmanter.
Booksection: Welche Genrebezeichnung trifft denn auf „Das
Unkrautland“ zu?
Stefan Seitz: Ein phantastisches Märchenepos.
Booksection: Der erste Band zu „Das Unkrautland“
kam bei vielen Lesern sehr gut an. Verspürten Sie irgendeine Art von Druck
für Band 2, der ja jetzt erschienen ist?
Stefan Seitz: Es war kein richtiger Druck, als vielmehr eine
weitaus komplexere Aufgabe, die Logik beizubehalten. Beim ersten Band hatte
ich praktisch ein leeres Blatt vor mir, auf das ich offene Punkte streuen konnte.
Das ging beim Zweiten nun nicht mehr. Die Handlungsstränge und vor allem
die Zusammenhänge zum ersten Teil durften keine Fehler aufweisen. Nehmen
wir zum Beispiel die unbekannte Person im Narrenkostüm, die im ersten Band
bereits aufgetaucht ist. Wer ist dieser Kerl? Welche Eigenschaften hat er? Es
war mir zwar immer klar, woher er kommt, aber seine detaillierten Punkte waren
zuvor ungewiss und durften nun mit keinem anderen Punkt kollidieren. Ich musste
viel mehr aufpassen.
Booksection: Die Illustration des Covers ist großartig
und als höchst kreativ zu beschreiben. Im Buch sind jedoch keine Illustrationen
zu finden. Haben Sie bewusst darauf verzichtet?
Stefan Seitz: Ja, ganz genau. Wir haben zwar häufig darüber
nachgedacht, die Bücher mit Farbseiten zu versehen, sind aber schnell wieder
davon abgekommen. Die Leute wollen meiner Meinung nach einfach nur eine gute
Geschichte, ohne irgendwelches Drumherum. Das habe ich vor allem an der Homepage
bemerkt, die ja schon seit 2002 besteht. Die Besucher haben immer nach den Hintergründen
der Bilder gefragt und wollten wissen, welches Geheimnis diese Zauberwelt birgt.
Eine gute Geschichte ist letztendlich das, was wir schon immer hören wollten.
Dazu braucht es keine Bilder.
Booksection: „Die Geheimnisse der Spiderwicks“
sind da aber ein gegenteiliges Beispiel. Da funktioniert das wunderbar. Holly
Black schreibt ihre süßen Geschichten und Tony DiTerlizzi zeichnet
seine wundervollen Bilder dazu.
Stefan Seitz: Dieses Buch wird mir auf der Buchmesse immer
öfter genannt.
Booksection: Vielleicht weil das bei „Das Unkrautland“
auch so hätte funktionieren können.
Stefan Seitz: Die Bilder existieren ja. Nur eben in einem anderen
Medium.
Booksection: Wie ist denn das Gefühl, sein eigenes Buch
im Regal stehen zu sehen?
Stefan Seitz: Man ist ein wenig traurig, wenn der Schreibprozess
wieder einmal abgeschlossen ist, weil man diese ganzen Chaoten im Buch lieb
gewonnen hat und dann erstmal vermisst...
Booksection: Auch ein bisschen Stolz?
Stefan Seitz: Es ist eher so ein Gefühl, dass ich in 60
Jahren auf etwas zurückblicken kann, das ich geschaffen habe und dann hinterlasse.
Booksection: Also doch ein wenig Stolz…
Stefan Seitz: Nun, möglicherweise ein kleines bisschen,
wobei ich meine Bücher meist gar nicht mehr lese. Ich vergrabe mich meistens
gleich wieder in eine andere Aufgabe. Ich freue mich allerdings sehr darüber,
wenn es anderen gefällt.
Booksection: Leben Sie im Unkrautland, während Sie schreiben?
Stefan Seitz: In dem Moment auf jeden Fall. Das Unkrautland
ist eine Mischung aus allen Situationen meines Alltags. Es sind lustige Momente,
die ich aufgreife und in die Geschichte einflechte. Schrullige Nachbarn, lustige
Zitate oder was auch immer. Das alles greife ich auf und projiziere es auf die
Charaktere des Unkrautlands. Das ist wohl auch der Grund, was diese Zauberwelt
so nett macht. Alle darin haben ihre Problemchen und Eigenarten - und davon
nicht zu wenig.
Booksection: Haben Sie auch lebende Vorbilder für Ihre
Figuren?
Stefan Seitz: Nein, eigentlich nicht. Ich lebe natürlich
selbst in so mancher Figur, aber einen konkreten Vergleich gibt es keinen.
Booksection: Herr Seitz, vielen Dank für dieses Interview und viel Erfolg mit dem Unkrautland.
Das Interview wurde am 16.10.2009 durch Thomas Ays geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 20.10.2009