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Interview mit...
...Sebastian Koch
...zur Buchkritik von "Der Seewolf"
"Dieser Roman ist ein Geschenk, eine Glanzleistung von Jack London."
Mit Booksection im Gespräch: Schauspieler Sebastian Koch.
Booksection: Muss man als Schauspieler an seiner eigenen
dunklen Seite rühren, um eine Figur wie Wolf Larsen glaubwürdig verkörpern
zu können, oder hilft einem hier die Schauspieltechnik?
Sebastian Koch: Das ist wie mit dem berühmten Mörder,
den man auch spielen kann ohne selbst zu morden. Ich versuche den Menschen,
den ich spiele zu begreifen und zu verstehen. Wenn ich das Wesentliche begreife,
was ihn treibt, dann kann ich ihn meistens auch spielen und die äußere
Haltung kommt automatisch. Ich weiß dann wohin es geht. Das Begreifen
ist eine Auseinandersetzung, die im Vorfeld stattfindet. Ich überlege,
was diesen Mann ausmacht.
Booksection: Die Figur Wolf Larsen lebt von eine ungeheuren
Körperlichkeit aus der sich seine Bedrohlichkeit dann auch ableitet. Haben
Sie sich hier speziell vorbereitet?
Sebastian Koch: In diesem Fall ja. Das musste man. Ich verändere
meinen Körper nicht jeden Tag für eine Rolle, aber hier war der Körper
ein zentrales Thema bei der Figur. Er ist wie eine Waffe. Die Figur lebt von
diesem Körper, definiert sich durch diesen Körper. Gar nicht äußerlich,
sondern nur als Werkzeug. Als unglaublich schnell, behände und kraftvoll
und dominant. Er kann mit bloßen Händen Menschen töten. Das
muss man irgendwie erahnen, ich muss es mir glauben.
Booksection: War diese Rolle in gewisser Weise auch eine Traumrolle
für Sie?
Sebastian Koch: Für mich ist nahezu jede Rolle, die ich
spiele, eine Traumrolle, weil ich sehr genau auswähle was ich mache. Ich
sage sehr viel ab, zum Teil auch nach dem dritten oder vierten Lesen eines Drehbuches.
Wenn ich dann zusage, ist es eine Traumrolle. Das trifft jetzt auf den Seewolf
zu, aber auch auf Albert Speer (Anm. der Redaktion: „Speer und er“)
oder Georg Dreyman (Anm. der Redaktion: „Das Leben der Anderen“).
Booksection: Der Film ist im Vergleich zur Buchvorlage verändert,
gerade was den Schluss angeht auch gerafft. Hätten Sie Wolf Larsen in seinem
letzten Ringen, seinem letzten Kampf gerne auch so gespielt, oder sehen Sie
den Film in seiner jetzigen Form doch als runde Sache.
Sebastian Koch: Es stimmt wir haben ein paar Dinge verändert.
Aber immer im Geiste des Romans. Wir sind, wie ich finde, sehr nah am Roman
geblieben, wenn man bedenkt, dass wir einen Zweiteiler für das Fernsehen
machen. Natürlich muss man da Kompromisse eingehen, überhaupt keine
Frage. Zum Beispiel kommt der Bruder im Buch genialer Weise niemals vor. Und
das ist auch richtig so, denn Death Larsen ist der Tod. Er steht für den
Bruder Tod, der Wolf Larsen verfolgt und der ihn am Schluss einholt. Das ist
so klug geschrieben. Deshalb habe ich den Roman auch als Hörbuch gelesen.
„Der Seewolf“ ist ein Stück Weltliteratur. Ich möchte
das noch einmal in den Mittelpunkt rücken: Dieser Roman ist ein Geschenk,
eine Glanzleistung von Jack London und für mich sehr bedeutsam. Einer der
Gründe, warum es immer wieder verfilmt wird, ist dass es ein faustischer
Stoff ist - mit zwei Seelen in Jack Londons Brust sozusagen. Eben nicht nur
der Abenteuerroman, den wir kennen.
Booksection: Genau diese Ebene war es, die mich persönlich
beim Lesen des Buches so fasziniert hat. Die Auseinandersetzung, die in der
Figur Wolf Larsen stattfindet und auch in den Dialogen mit der Figur des van
Weyden. Der Schluss des Romans ist für mich in sich stimmiger, weil er
Larsen in seinem Kampf bis zum Ende zeigt. In der Verfilmung wurde ein weicherer
Abschluss gewählt, der für mich zu der Buchfigur Wolf Larsen nicht
unbedingt gepasst hat.
Sebastian Koch: Wolf Larsen hat auch etwas Romantisches. Er
ist ein Mann mit Sehnsucht. Er glüht geradezu vor Sehnsucht. Er muss alles
zerstören, was ihm zu nahe kommt. Die Romanvorlage haben wir dahingehend
verändert, dass ihn mit seinem Bruder ein Geheimnis verbindet. Die Geschichte
mit dem zerschnittenen Gesicht haben wir für den Film ergänzt, um
es für den Zuschauer aufzulösen. Das erscheint für Sie etwas
„weich“, hat aber die Geschichte vorangetrieben. Es hat uns die
Chance gegeben auf zwei unterschiedlichen Locations zu arbeiten. Die ganze Jagd
mit der Macedonia wäre sonst nicht möglich gewesen.
Booksection: Die Veränderungen rund um Death Larsen
und diesen zweite Erzählstrang empfand ich auch als sehr gut gelöst
und für die Verfilmung passend. Das Buchende ist jedoch düsterer und
rundet die Geschichte anders ab.
Sebastian Koch: Das stimmt, ich sehe das genauso. Um für
den Zuschauer die Geschichte jedoch aufzulösen haben wir diese andere Variante
gewählt.
Booksection: Eine letzte Frage zu den Dreharbeiten. Die Szenen
auf dem Schiff sind sehr authentisch und packend. Ich könnte mir jedoch
vorstellen, dass diese eine enorme Belastung für die Schauspieler und die
Crew waren.
Sebastian Koch: Wir haben uns entschieden so weit wie möglich
ohne Computeranimationen zu arbeiten, weil wir eben auch nicht nur vor dem Green
Screen stehen wollten. Natürlich hatten wir nicht das Geld für einen
„Master and Commander“. Wir haben dann aber entschieden, wenn wir
es machen, dann live. So etwas bringt natürlich Risiken und Gefahren mit
sich, gar keine Frage. Ich habe jedoch immer gesagt, der Stoff wird sich seine
Leute holen und er hat tolle Leute geholt: Tim Roth, Neve Campbell, um nur zwei
zu nennen.
Booksection: Wie war die Zusammenarbeit mit Tim Roth? Wenn
er nur ein bisschen so verrückt ist, wie in seinen Rollen, muss er doch
ein cooler Typ sein?
Sebastian Koch (schmunzelt): Tim Roth ist ein guter Typ. Er
macht was er will, eben ein freier Geist.
Booksection: Herr Koch, vielen Dank für ein tolles Gespräch.
Das Interview wurde am 16.10.2009 durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Schauspieler am 20.10.2009