Interview mit...

...Sebastian Fitzek


...zur Buchkritik von "Splitter"

"Ich finde nichts langweiliger als einen Thriller, der alle Fragen abschließend beantwortet."

Mit Booksection im Gespräch: Thriller-Autor Sebastian Fitzek über "Splitter".

Booksection: Sie haben ursprünglich Jura studiert. Ihre Bücher sind allesamt jedoch Psychothriller. Wie kamen Sie auf dieses Genre und hätten Sie nicht auch einmal Lust beispielsweise einen Gerichtskrimi zu schreiben?
Sebastian Fitzek: Bei mir beginnt alles mit einer „Was-Wäre-Wenn-Frage.“ Zum Beispiel: Was wäre, wenn man negative Erinnerungen für immer aus seinem Gedächtnis löschen könnte. Und was, wenn etwas dabei schief geht? Das war die Ausgangsfrage zu „Splitter“. Bis jetzt hatte ich noch keine WWW-Frage, die mich in ein Justizdrama führt. Aber ich will niemals nie sagen. Grisham habe ich übrigens früher verschlungen und (neben vielen anderen) hat er mich ganz sicher dazu inspiriert, Autor zu werden.

Booksection: Bei Ihren Büchern hat man das Gefühl, dass Sie die Abgründe der menschlichen Seele faszinieren, ist das so und wie tief darf das gehen?
Sebastian Fitzek: Ich bin überzeugt: Die größten Mysterien liegen tief im Innersten unserer menschlichen Psyche verborgen. Unser Gehirn ist wie die Tiefsee. Vielleicht das letzte unerforschte Terrain auf Erden, voll von Geheimnissen, die darauf warten, entdeckt zu werden. Ein Beispiel: erst letztens ging ein Fall einer blinden, multiplen Persönlichkeit durch die Presse, die auf einmal wieder sehen konnte. Denn nur eines ihrer „Ich’s“ war blind. Ein anderes, das tief in ihr schlummerte, konnte sehen, nachdem es „aufwachte“ und die Kontrolle übernahm. (http://www.welt.de/welt_print/article1988912/Gleichzeitig_blind_und_sehend.html)
Es sind genau diese Phänomene, die mich dazu inspirieren Psychothriller zu schreiben. Wie tief das gehen darf bestimmt nur die Phantasie und der sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

Booksection: Sie haben ja nun schon einige Reaktionen auf Ihre Bücher erhalten. Sind Sie teilweise überrascht über die Wahrnehmung einzelner Buchteile oder -passagen durch die Leser oder entsprechen die Reaktionen weitestgehend Ihren eigenen Gedanken?
Sebastian Fitzek: Ich bin immer wieder positiv überrascht, wie viele unterschiedliche Gedanken sich meine Leser zu meinen Büchern machen. Kaum eine Kritik gleicht der anderen. Was dem einen gefällt sagt dem anderen nicht so zu, oder umgekehrt. So hat auch jeder sein eigenes Lieblingsbuch, manchmal aus Gründen, die mir beim Schreiben gar nicht bewusst waren. Das geht sogar so weit, dass sich ein guter Bekannter einmal dafür bedankt hat, dass ich ihn im Buch eingebaut habe. Ich weiß bis heute nicht, wovon er redet …

Booksection: Gibt es für Sie beim Schreiben der Bücher Unterschiede in Bezug darauf, wie leicht oder schwer Ihnen ein Buch fällt. Geht Ihnen vielleicht ein Buch leichter “von der Hand” als ein anderes?
Sebastian Fitzek: Ich halte es mit Peter Prange, der mir einmal sagte: „Ich liebe den Zustand des Geschriebenhabens.“ Die Zeit davor ist eher mühselig. Ganz besonders auf den ersten hundert Seiten, wo man die Welt erst erschafft, in die man eintauchen will. Das gilt für jedes Buch. Schön wird es erst auf den letzten Zeilen, wenn man selbst im Showdown-Fieber ist.

Booksection: Haben Sie persönlich bei Ihren fünf Büchern eines, das Ihnen ganz besonders am Herzen liegt?
Sebastian Fitzek: Immer das, an dem ich gerade schreibe ;)

Booksection: Das Buch “Seelenbrecher” schreit förmlich nach einer Fortsetzung. Ist Ihnen der Gedanke auch schon gekommen?
Sebastian Fitzek: Fast alle meine Bücher haben ein Ende, das den Leser dazu animieren soll, die Geschichte weiter zu spinnen. Ich finde nichts langweiliger als einen Thriller, der alle Fragen abschließend beantwortet. Den vergisst man schneller als man ihn gelesen hat. So gesehen finde ich es schöner, wenn die Fortsetzung in den Köpfen meiner Leser stattfindet und mein Buch so in der Realität noch einen Nachhall hat.

Booksection: Wie sehr nehmen Ihre Bücher Sie beim Schreiben gefangen bzw. wie sehr sind Sie auch in Ihrer privaten Zeit damit beschäftigt?
Sebastian Fitzek: Wenn ich schreibe werde ich schizophren. Ich schlüpfe in die Haut meiner Figuren. Zum Glück kann ich sie aber sehr schnell wieder abstreifen wenn der Computer aus ist. Nur manchmal begleiten mich die imaginären Figuren noch über Monate hinweg – dann tauchen sie manchmal in meinen anderen Büchern wieder auf, aber immer nur als Nebenrolle ;)

Booksection: Ihre Hauptfiguren sind durchweg Männer in einem gehobenen Beruf. Hätten Sie nicht einmal Lust, eine weibliche Hauptfigur zu erschaffen?
Sebastian Fitzek: Hab ich doch: Bei Amokspiel ist Ira Samin, eine Kriminalpsychologin, die zentrale Figur. Und bei Splitter spielt ein Sozialarbeiter die Hauptrolle. Auch beim „Augensammler“, meinem nächsten Thriller an dem ich gerade schreibe, wird es keine Hauptfigur mit einem gehobenen Beruf geben, dafür aber einen ganz starken, weiblichen Gegenpart. Um ehrlich zu sein – die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev entwickelt sich gerade immer mehr zur Hauptperson. Und das beantwortet vielleicht die Frage: Es kommt nicht auf meine Lust an, bestimmte Figuren zu erschaffen. Das geschieht bei mir nicht am Reißbrett. Die Figuren entstehen beim Schreiben und verändern sich ständig. Manchmal denke ich fast, ich habe darauf gar keinen Einfluss.

Booksection: Ihr Erfolg erstreckt sich schon lange nicht mehr nur auf Deutschland, hatten Sie selbst solch eine große Resonanz auf Ihre Bücher bzw. schon gleich auf das erste Buch erwartet oder zumindest erhofft?
Sebastian Fitzek: Nein. Da ich eher realistisch veranlagt bin, habe ich immer nur darauf gehofft, noch ein zweites Buch schreiben zu dürfen. Dass das erste dann so einschlägt, hat nicht nur mich sondern alle im Verlag völlig umgehauen.

Booksection: Speziell “Die Therapie” und “Splitter” sind extrem undurchsichtig bis zum Schluss. Das erfordert jedoch sicherlich eine ausgefeilte Arbeitsweise. Wie lange
dauert es, bis das Grundgerüst für eine solch komplexe Geschichte steht?
Sebastian Fitzek: Mehrere Monate. Ich arbeite mindestens ein Vierteljahr am Exposé.

Booksection: Vielen Dank für das Interview!
Sebastian Fitzek: Vielen Dank, hat Spaß gemacht.



Das Interview wurde veröffentlicht am: 01.08.2009

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