Interview mit...

...Rafik Schami


...zu "Das Geheimnis des Kalligraphen"

"Eine Brücke kann auch sehr müde werden."

Mit Booksection im Gespräch: Rafik Schami.

Booksection: Die „Neue Züricher Zeitung“ hat Sie einmal als „Brückenbauer zwischen den Welten“ bezeichnet. Wie sehen Sie selber das?
Rafik Schami: Das ist nur bedingt ein schönes Bild, denn manchmal kann eine Brücke auch sehr müde werden. Natürlich ist es auch schön, denn eine Brücke verbindet ja zwei Seiten, gehört also auch zu beiden Seiten. Aber manchmal bin ich schon sehr müde über dieser Aufgabe, sogar auch verzweifelt. Natürlich freue ich mich, wenn Leute mir sagen, dass sie jetzt erst wissen, wie schön Damaskus ist und beschlossen haben, dort hin zu fahren. Oft können sie vieles viel besser verstehen und erkennen, warum die Dinge dort sind, wie sie sind.

Booksection: Ist es für Sie ein Anliegen, diese Kultur, die ja auch Ihre Kultur ist, weiterzuvermitteln?
Rafik Schami: Ein Anliegen ist zuviel gesagt. Ich erzähle die Geschichten gerne, die ich schreibe. Das Nebenprodukt ist dabei, die Kultur zu vermitteln, aber ich überlasse es jedem einzelnen, daraus mitzunehmen, was ihm gefällt. Manche Leute lesen meine Geschichten nur wegen der Poesie oder den Metaphern, die ich gebrauche. Ich erwarte aber nicht, dass dadurch ein tiefes Verständnis für den Orient erwachsen muss.

Booksection: Also steht für Sie im Vordergrund der Spaß, Geschichten zu erzählen?
Rafik Schami: Absolut, ich bin an erster Stelle ein Geschichtenerzähler und erst an zweiter ein „Verbesserer“. Ich denke, man sollte der Literatur einiges zumuten, aber nicht zuviel. Was eigentlich die Politik oder die Kirchen tun müssten, kann man nicht von der Literatur verlangen. Ich erwarte schon, dass meine Leser nicht rassistisch sind, dass sie sich mit den Problemen, die ich anspreche auseinandersetzen, oder besser, ich hoffe es. Aber ich erwarte nicht, dass sie sich verändern durch meine Bücher.

Booksection: War es für Sie sehr schwer, damals Syrien zu verlassen, und war Ihnen bewusst, dass Sie würden so lange nicht in Ihre Heimat zurückkehren können?
Rafik Schami: Das ist eine sehr schöne Frage. Es war für mich nicht schwer, Syrien zu verlassen, es war aber für mich sehr schmerzhaft, Damaskus zu verlassen. Syrien liegt mir nicht so sehr am Herzen, viele Teile kannte ich nicht, sah ich noch nie. Aber Damaskus, das war sehr schwierig für mich, denn ich liebe es. Ich wohnte 25 Jahre in der Stadt. Nun bewohnt sie mich. Manchmal denke ich, ich übertreibe, aber viele Leute, die schon mal da waren, sagen zu mir: „Ich gehe noch mal hin.“
Das ist das eine. Das andere ist, dass ich nicht geplant habe, so lange wegbleiben zu müssen. Ich dachte, die Diktatur würde drei, vier Jahre halten. Das war aber ein Trugschluss, denn die Diktatur hält vierzig Jahre, und das habe ich nicht geplant. Ich wäre gerne zurückgekehrt, aber heute würde ich nicht mehr zurückgehen. Ich bin glücklich mit meiner deutschen Frau, mein Sohn ist ein „Pfälzer Bub“, wie er sich nennt. Es ist meine Heimat, ich fühle mich wohl und habe inzwischen meinen deutschen Pass. Aber damals hätte ich das nicht geglaubt, dass ich über dreißig Jahre fern von dieser Stadt würde sein müssen.

Booksection: Das heißt, Sie durften bis heute nicht mehr zurück nach Syrien?
Rafik Schami: Nein, denn es gibt keine Garantie schriftlicher Art, dass man mir nichts antut. Das verlange ich aber, bevor ich einen Schritt Richtung Syrien tue. Sie versprechen es mir zwar mündlich, aber mündliche Versprechen sind dubios. Der richtige Schritt wäre es, diese Versprechen auch zu Papier zu bringen. So könnte ich als deutscher Staatsbürger ein- und wieder ausreisen.

Booksection: Wie halten Sie denn die Erinnerung an Damaskus, das sie jetzt schon so viele Jahre nicht mehr selber gesehen haben, lebendig in sich?
Rafik Schami: Indem ich dauernd an meiner Erinnerung zweifle und die Erinnerung dauernd auffrische. Ich lese permanent Bücher über Damaskus, über die Menschen, wie sie leben, gesammelte Geschichten von alten Menschen, Interviews, Biographien von Menschen. Dabei werden Phasen meiner eigenen Kindheit berührt. Im Internet kann man so tolle Informationen bekommen, ich komme über Google Damaskus so nahe, dass ich alles vor mir sehe. Ich kenne mich dort gut aus und erfrische andauernd meinen Fundus an Bildern. Manchmal ist es rührend, wenn Leute, die nach Damaskus reisen, mich fragen, was sie mir mitbringen können. Ich wünsche mir dann immer, dass sie Bilder machen, beispielsweise von Murmel spielenden Kindern. Es ist für mich wichtiger, dass ich sehe, wie diese Kinder spielen, als dass ich mich darauf verlasse zu wissen, wie es aussieht, wenn sie spielen.
Es ist für mich wichtig, bis ins letzte Detail zu recherchieren. Wenn beispielsweise ein Kalligraph „Das Geheimnis des Kalligraphen“ lesen würde, würde er darin keinen Fehler finden. Ich darf mich nicht auf die Erinnerung verlassen und sagen: „Ja, die Kalligraphie ist schön.“ Auch bei der Beschreibung einer bestimmten Moschee muss ich genau nachforschen, welche Wände sie hat, welche Farbe die Wände haben. Oft sind in meiner Erinnerung die Wände blau und nachher stellt sich heraus, dass sie in Wirklichkeit rot waren.

Booksection: Sie haben gerade Ihr neues Buch „Das Geheimnis des Kalligraphen“ angesprochen. Was fasziniert Sie denn so am Beruf des Kalligraphen oder an der Kalligraphie überhaupt?
Rafik Schami: Es sind zwei Sachen, die mich faszinieren. Es ist einmal die absolute Ruhe dieser Menschen, die man sich einfach nicht vorstellen kann. Man muss sie einmal bei der Arbeit erlebt haben – ihre Handbewegungen, ihr Atem, alles ist absolut ruhig.
Das ist das eine. Das andere ist die Schönheit der Buchstaben. Arabische Buchstaben müssen immer gebunden sein, das heißt, sie sind immer im Fluss. Insofern sind sie nach meiner Theorie Musik fürs Auge. Man kann sie anschauen, und das Auge genießt die Struktur wie ein Stück Musik, auch ohne die Wörter zu entziffern. Die Verbindung zwischen den Buchstaben, Ligatur genannt, erlaubt diese Dehnungen und Pressungen der Buchstaben, sie erlaubt Formen wie Kreise  zu bilden.
Dann ist es auch so, dass die Fundamentalisten (Islamisten) die arabische Sprache als einzige heilige Sprache betrachten, als etwas, was man nicht verändern darf. Das ist natürlich Schwachsinn. Die arabische Sprache haben Menschen erfunden. Sie stammt übrigens aus dem Aramäischen.
Der Kalligraph in meiner Geschichte liebt die Sprache und weiß zugleich von ihren Schwächen. Er ist ein genialer Meister. Er weiß, was er tun muss und macht sich nun auf den Weg, diese Sprache zu verändern, nicht ahnend, dass er damit ins offene Messer der Islamisten läuft. Denn diese Sprache wurde seit über tausend Jahren nicht reformiert. Die deutsche Sprache ist nicht einmal fünfhundert Jahre alt und wurde zigmal reformiert. Aber die arabische Sprache ist angeblich sakral und darf von keinem Menschen verändert werden. Hier werden die so genannten Bewahrer der Sprache ihre schlimmsten Feinde, weil sie sie mumifizieren, statt sie durch Reformen lebendig und zeitgerecht zu machen.

Booksection: An einer Stelle in Ihrem Buch schreiben Sie, dass aufgrund der Schreibweise verschiedener Buchstaben neue Buchstaben gebildet werden, die in der Schrift aber unsichtbar bleiben, die man nur beim Sprechen hört. Ein faszinierender Gedanke.
Rafik Schami: Richtig, es gibt viele Buchstaben, die durch das Zusammensetzen einen anderen Buchstaben entstehen lassen wie T und H und manchmal durch die Zusammensetzung unsichtbar werden wie beim G und H im Englischen. Damit fing ich an zu spielen und dann kam die Recherche. Ich las einen Artikel, dass es im Englischen siebzig Formen gibt, ein „u“ zu bilden, z. B. mit „ou“ oder „oo“, oder wie mehr als drei Buchstaben in der Summe einen geben wie E A und U, oder A, U und X im Französischen.

Booksection: Ist es so, dass Sie anfangen mit einer Geschichte und dann wie in einen Sog geraten und einfach weitererzählen müssen?
Rafik Schami: Ja, richtig und der Sog ist nicht eingeschränkt auf das Anfangskapitel. Manche Romane fange ich in der Mitte an und sobald diese Mitte klar ist, erkenne ich wie Anfang, und manchmal, aber nur manchmal wie das Ende aussieht. Manchmal gerate ich auch ins Stocken, weil die Recherche noch nicht ausreicht. Die Recherche begleitet mein Schreiben und bremst mich manchmal für Wochen. Ein Schema habe ich oft bis zum letzten Detail aber ich lasse mich auf den Sog ein, mich von den Figuren treiben.

Booksection: Manchmal staune ich, wie viele verschiedene Handlungsstränge Sie in eine Geschichte einbauen können, und wie gut es Ihnen gelingt, die an einer bestimmten Stelle zusammenzuführen. Sie bauen neue Geschichten in die eigentliche Handlung ein und trotzdem ist es schlüssig – wie gelingt Ihnen das?
Rafik Schami: Ich habe eine Geschichte komplett entworfen und in sie webe ich wie in einen Teppich hinein. Ich habe z. B. zehn Kapitel und möchte ein bestimmtes Element einflechten. Ich schaue also, wo eine Stelle ist, wo ich das unauffällig tun kann – aber die Geschichte an sich ist von Anfang an komplett. Es gibt für mich nichts Schlimmeres beim Lesen eines Romans als ein Faden in der Handlung, der nicht zu Ende geführt wird, wo man sich am Schluss fragt: „Was ist denn eigentlich aus dem oder dem geworden?“ Das ist furchtbar!
In „Das Geheimnis des Kalligraphen“ überlege ich dann z. B. wie Einsamkeit bei einer Frau entsteht. Ich entwerfe ein komplettes Kapitel darüber, wie Nura zu Anfang noch ganz glücklich ist, sich dann immer einsamer fühlt und beginnt, Tagebuch zu schreiben. Wie sie dann irgendwann das Tagebuch verbrennt und die Asche unter die Rosen streut. Dann gehe ich zurück zu meinem Roman und schaue, wo ich das einflechten kann.

Booksection: Sie kamen 1971 nach Deutschland und haben schon 1977 angefangen, Ihre Bücher in Deutsch zu schreiben. Ein relativer kurzer Zeitraum, um ein Buch in einer fremden Sprache schreiben zu können.
Rafik Schami: Ich wollte eigentlich nicht in Deutsch schreiben, sondern in Arabisch, aber kein Verlag wollte mich nehmen. Die wollten keine Scherereien mit dem Geheimdienst, da Exilautoren als Staatsfeinde gelten.
Ich merkte aber auch, dass mein Deutsch immer besser und mein Arabisch immer schlechter wurde, denn ich hatte in Deutschland kaum Leute, mit denen ich Arabisch reden konnte. Aber ich konnte kein Buch in Deutsch schreiben, weil ich diese literarische Sprache nicht beherrschte. Deshalb habe ich einen Trick angewandt. Ich habe große deutsche Literaten wie Thomas Mann oder Heinrich Heine genommen und die Bücher Zeile für Zeile abgeschrieben. Durch dieses Abschreiben ging die literarische Sprache in mir auf, ich habe angefangen zu lernen, wie deutsche Literaten schreiben. Es ging mir weniger um die Beherrschung der deutschen Sprache als über die Verinnerlichung ihrer Schönheit.
Trotzdem habe ich meine Privatlektorin, die mit mir die Texte durchgeht und sie von unvermeidlichen aber lästigen kleinen Fehlern befreit.  Hinzu kommt, dass ich einen guten Verleger und Lektor, Michael Krüger, habe, der so genau wie kaum ein anderer die Texte liest und offen seine Meinung sagt ohne eine Sekunde jemand zu zwingen sie zu übernehmen.

Arbeit im Exil und Literaturproduktion in einer Fremdsprache sind nichts für sensible Nerven. Wer das nicht kann, möge er bessere Gedanken und Metaphern besitzen, aber er verdient nicht Schriftsteller im Exil genannt zu werden.

Booksection: Hatten Sie am Anfang nicht das Problem, dass sie Ihre Gedanken in dieser fremden Sprache nicht so ausdrücken konnten, wie Sie das gerne getan hätten?
Rafik Schami: Oh ja, das war ein großes Problem! Ich kam mir vor wie jemand, der immer gezwungen ist, in der Kindersprache zu sprechen. Ich fragte mich: „Wo ist das, was du auf Arabisch jedem Passanten sagen könntest?“ Mir war aber klar, dass das mein eigenes Problem war, dass ich  dranbleiben und immer weiter üben müsste. Dazu gehörte viel Geduld, aber auch das Lesen. Ich bin lese-besessen. Ich lese alles, selbst die schlechtesten Romane, weil ich wissen möchte, wie ich es nicht machen soll.

Booksection: Ist es richtig, dass Ihre Bücher bisher nicht ins Arabische übersetzt wurden?
Rafik Schami: Zwei meiner Bücher sind bisher ins Arabische übersetzt worden. Aber je bekannter ich werde, desto weniger können sie mich noch wegdrängen. Und es gibt durchaus auch mutige Verlage, die sagen, dass sie das machen. Einer der besten unter ihnen ist der Kamel-Verlag mit Sitz in Köln, Beirut und Bagdad. Er druckt meine Bücher, ohne ein Wort wegzuzensieren
Die Voraussetzung einer Zusammenarbeit mit einem arabischen Verlag ist, dass keine Zensur stattfindet – ich kann auch noch weitere zehn Jahre warten. Aber die meisten Verlage stellten, bevor ich mit dem Kamel-Verlag angefangen habe zu arbeiten, die Bedingung, die erotischen Szenen sollten herausfallen, ebenso das Lächerlichmachen des Militärs. Auch die Frauen sollten nicht so stark und mutig handeln – Das ist für mich inakzeptabel. Mögen meine Möchtegerne Verleger keine starke Frau kennen. Ich kenne viele starke Frauen die handeln, so wie Nura. Mein Verleger im Kamel-Verlag kennt sie auch. Also es geht doch!

Booksection: Herr Schami, vielen Dank für dieses wunderbare Gespräch.



Das Interview wurde veröffentlicht am: 17.10.2008

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