Interview mit...

...Petra Hammesfahr


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"Ein viertel Pfund Fleischwurst!"

Mit Booksection im Gespräch: Krimi-Autorin Petra Hammesfahr.

Booksection: Frau Hammesfahr, Sie stellen hier an der Buchmesse Ihr neues Buch vor, eine Sammlung von Kriminalgeschichten, bei dem Sie die Herausgeberin sind. Wie entstand die Idee, ein Buch herauszugeben, bei dem namhafte deutsche Autoren beteiligt sind?
Petra Hammesfahr: Ich brauche etwa zwei Jahre, um einen Roman zu schreiben, deshalb kann ich nicht jedes Jahr einen neuen Roman veröffentlichen. Die Idee zu „Zum Sterben schön“ entstand im Verlag und gefiel mir auf Anhieb. Ich hatte bisher noch nie als Herausgeberin fungiert, das ist eine ganz neue Erfahrung für mich Es sind übrigens nicht nur deutsche Autoren, die bei diesem Buch mitgewirkt haben..

Booksection: Ihr letztes Buch war zum ersten Mal ein Roman, der nicht im Krimigenre angesiedelt war. War das eine ganz neue Herausforderung für Sie?
Petra Hammesfahr: Nein, ich nenne das meinen "Präventionsroman". Geschrieben habe ich ihn – mit sehr viel Herzblut - schon 1984 und es war mir einfach ein Bedürfnis, ihn gedruckt zu sehen. Ich habe ihn lediglich modernisiert. 1984 wusste beispielsweise noch niemand etwas von Handys, auch die Umstellung von Mark auf Euro musste eingebaut werden. Und die Preise musste ich erhöhen, aber ansonsten hat sich da eigentlich nichts verändert, der soziale Hintergrund ist eher noch schlimmer geworden im Laufe der Jahre.

Booksection: Sie haben ja selber drei Kinder, was denken Sie denn über die Zukunft des Lesens bei Kindern? Wenn man sich die Entwicklung betrachtet, ist es doch schon fraglich, ob das Buch als Medium überhaupt noch eine Zukunft. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach das Lesen für Kinder?
Petra Hammesfahr: Wenn ich lese, muss ich noch meinen eigenen Kopf anstrengen, ich muss Bilder im Kopf haben, die Kreativität des Lesers wird gefordert. Für Kinder wäre das eine sehr wichtige Erfahrung.

Booksection: Sehen Sie schon auch die Gefahr, dass das Buch als Medium immer mehr ins Abseits verdrängt wird?
Petra Hammesfahr: Die Gefahr muss man sehen, weil sie gegeben ist. Da sind Eltern gefragt. Wenn man Dreijährige vor den Fernseher setzt, um seine Ruhe zu haben, von wem soll das Kind dann lernen, was ein Buch überhaupt ist?

Booksection: Sie selber haben schon mit siebzehn Jahren angefangen zu schreiben, ist das richtig?
Petra Hammesfahr: Ich habe mit vier Jahren angefangen zu erzählen. Dann hat meine Tante mir erklärt, dass man in der Schule lesen und schreiben lernt und ich war am ersten Schultag maßlos enttäuscht, weil ich das nicht gelernt habe. Wir mussten damals die sauberen Fingernägel vorzeigen, aber das Lesebuch war erstmal vollkommen nebensächlich. Ich war bitter enttäuscht. Meine Tante hatte mir im Jahr zuvor zu Weihnachten bereits das erste Buch geschenkt und bei uns hat – außer meiner Tante - niemand gelesen. Geschichten vorlesen, wie es heute doch viele Eltern tun, das kannte ich gar nicht. Das erste Buch bekam ich mit dem Hinweis geschenkt: "Wenn Du zur Schule gehst, lernst Du das und kannst das selbst lesen." Und darauf habe ich dann gewartet und war am ersten Schultag – wie gesagt - bitter enttäuscht.

Booksection: Wann war der Zeitpunkt für Sie konkret da, dass Sie für sich sagen konnten: Das will ich machen in meinem Leben, das ist meine Aufgabe?
Petra Hammesfahr: Was hätte ich denn sonst machen sollen? Wenn man immer Geschichten erzählt, bleibt einem nichts anderes übrig, als die irgendwann aufzuschreiben, denn im Kopf behalten kann man sie nicht alle. Ich bin in der Schulzeit mit meiner Freundin Arm in Arm herumgelaufen, habe ihr einen Roman nach dem anderen erzählt, aber immer behauptet, das hätte ich gestern Abend gelesen. Ich habe nie den Mut gefunden zuzugeben, dass ich mir das selber ausgedacht habe, weil ich glaubte, dann lachen mich alle aus. Zu Hause hieß es immer: "Was spinnt die sich nur zusammen!" Meiner Freundin ist nie der Gedanke gekommen, dass es gar nicht möglich ist, soviel zu lesen.

Booksection: Waren das damals auch schon Kriminalgeschichten, oder ging das anfangs in eine andere Richtung?
Petra Hammesfahr: Oh Gott, nein. Das waren ganz alltägliche Geschichten, in der heutigen Zeit würde ich wahrscheinlich von "Tokyo Hotel" erzählen. Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals erzählt habe. Es waren auf jeden Fall romantische Liebesgeschichten dabei, mit 13 fängt das schließlich an - das war auch damals schon so. Man entdeckt, dass es zwei verschiedene Geschlechter gibt.

Booksection: Wie kam es, dass Sie sich irgendwann auf das Krimigenre festgelegt haben?
Petra Hammesfahr: Mein erster Lektor hat mir nahe gelegt, doch mal einen Krimi zu schreiben. Da sagte ich spontan: „Das kann ich nicht!“ Bis dahin hatte ich nur einige Krimi-Kurzgeschichten geschrieben, die allerdings nach Meinung des Lektors schon halbe Romane waren. Ich schreibe aber keine klassischen Krimis. Mir ist die Perspektive der Opfer wichtiger als ein ermittelnder Kommissar. Nehmen Sie beispielsweise "Die Sünderin" – Cora Bender wird im ersten Kapitel zur Mörderin, im restlichen Roman erkläre ich, warum.

Booksection: Es fällt auf, dass es oft um die dunklen Abgründe eines Menschen geht - die jeder von uns ja auch ein Stück weit in sich trägt. Was man da liest ist zwar einerseits zutiefst beängstigend, andererseits findet man aber auch viel von sich selber darin wieder.
Petra Hammesfahr: Ich möchte so real wie möglich beschreiben, das ist mir sehr wichtig.

Booksection: Das gelingt Ihnen auch vollends. Wie schaffen Sie es, Ihre Personen so lebendig zu schildern und auch diese dunklen Abgründe so völlig glaubwürdig darzustellen?
Petra Hammesfahr: Wenn ich über eine Person schreibe, dann bin ich diese Person! Und wie Sie eben festgestellt haben: die Abgründe haben wir alle in uns. Haben Sie noch nie überlegt, wie Sie es jemandem, der Ihnen so richtig auf die Füße getreten ist, heimzahlen können? Das tut doch jeder und Schriftsteller sind eigentlich sehr friedliche Menschen. Ich kann am Computer Rache üben. Sie glauben gar nicht, wie viele Vermieter in meinen Geschichten schon ums Leben gekommen sind.

Booksection: Also haben Ihre Figuren immer aktuelle Bezüge?
Petra Hammesfahr: Nein, nicht immer, aber es gibt durchaus Figuren in meine Büchern, die aktuelle Bezüge haben. Aber ich kann die so verfremden, dass Sie die wirklich nicht mehr wieder erkennen. Ich mache zum Beispiel aus einer bösartigen alten Frau ein bildhübsches achtzehnjähriges Mädchen. Da erkennt die alte Frau sich selbst nicht wieder.

Booksection: Also sind Ihre Bücher teilweise biographisch angehaucht?
Petra Hammesfahr: Ja, das könnte man so sagen. (lacht) So viele Vermieter hatte ich natürlich gar nicht, aber es fließt sehr viel persönliche Erfahrung ein. Ich bin halt nicht mehr siebzehn, da hat man einen gewissen Erfahrungsschatz, aus dem man reichlich schöpfen kann - und immer den Bodensatz!

Booksection: Wie recherchiert man denn eigentlich für einen Kriminalroman? Hat man Kontakte zur Polizei?
Petra Hammesfahr: Als ich ganz zu Anfang noch keinen Namen als Schriftstellerin hatte, habe ich mich darum bemüht, bei der Polizei zu recherchieren und bin ganz herbe abgekanzelt worden. Ich wollte damals einen Roman schreiben, den ich übrigens nie geschrieben habe, weil sich der Fall dann tatsächlich zugetragen hat. Da hab ich lieber die Finger davon gelassen. Aber vorher wollte ich wissen, wie die Polizei in solch einem Fall tatsächlich vorgeht. Ich habe mit einer Kriminalkommissarin gesprochen, die mir erklärte, sie sei nicht so verrückt, mir zu sagen, wie eine Ermittlung abläuft, denn schließlich wisse sie ja nicht, was ich überhaupt vorhätte. Wahrscheinlich hat sie gedacht, ich wollte wirklich jemanden umbringen. Inzwischen habe ich gute Kontakte zur Polizei. Außerdem habe ich mir schon vor Jahren entsprechende Fachliteratur besorgt – Kriminalpsychologie und Gerichtsmedizin. Wussten Sie beispielsweise, dass es sieben verschiedene Erstickungstode gibt? Wenn jemand ertrinkt, dann ertrinkt er eigentlich nicht, sondern erstickt. Mit diesem Thema habe ich meinen Mann vor Jahren beim Abendessen unterhalten - das fand er alles andere als witzig.

Booksection: Sie sprechen also nicht mit Psychologen über diese Abgründe, von denen Sie schreiben?
Petra Hammesfahr: Nein. Ich habe im Laufe der Zeit soviel „Psychologie“ gelesen, dass ich gut alleine zurechtkomme und offenbar auch so dicht an der Realität bin, dass Fachleute die Fiktion bezweifeln. So habe ich z. B. zu dem Buch "Der Puppengräber", in dem die Hauptfigur ein 22jähriger geistig behinderter Mann ist, einen Brief vom Landschaftsverband Rheinland erhalten, in dem mir Name und Anschrift des jungen Mannes abverlangt wurden. Anscheinend hatte ich meinen Ben so überzeugend dargestellt, dass man sich Sorgen um seine Unterbringung und Förderung machte.

Booksection: Das spricht aber sehr für ihren überzeugenden Erzählstil.
Petra Hammesfahr: Ja, in dem Brief stand, eine solche Geschichte könne sich niemand aus den Fingern saugen. Auch die Landesklinik in Düren hat mich aufgrund des „Puppengräbers“ eingeladen. Sie wollten mir vor Augen führen, dass sie mit ihren Patienten nicht so umgehen, wie es im Roman am Schluss mit Ben geschieht. Im Gespräch stellte sich jedoch heraus, dass man einen zwei Meter großen, sehr kräftigen Mann, der einen Pfleger an die Wand knallt, notgedrungen ruhig stellen und ans Bett fesseln muss. Nach anderen Romanen habe ich ähnliche Reaktionen erhalten. Bei "Der stille Herr Genardy", dachten viele, ich sei ein missbrauchtes Kind. Mein Schwiegersohn fand es erschreckend, wie ich mich in einen Pädophilien hineinversetzen konnte.

Booksection: "Der stille Herr Genardy" wurde auch verfilmt. Haben Sie das Drehbuch dazu selbst geschrieben?
Petra Hammesfahr: Ja, und mit diesem Film bin ich rundum zufrieden. Bis auf die Eingangsszene ist so dicht wie möglich am Roman. Als Leser wünsche ich mir das bei jedem verfilmten Roman.

Booksection: Welche Art von Büchern lesen Sie denn selber? Bevorzugen Sie Lesestoff, der Sie von diesem Düsteren und den Abgründen Ihrer eigenen Romane ablenkt?
Petra Hammesfahr: Nein, ich lese Fachbücher oder gute Krimis, gute Thriller. Wenn sie nicht gut sind, lege ich sie nach zwei Seiten weg. Entweder ich komme richtig gut rein und zwar sofort, oder ich empfinde das als Zeitverschwendung.

Booksection: Sie schaffen es also tatsächlich, ein Buch, das Ihnen nicht auf Anhieb gefällt, auch wieder wegzulegen?
Petra Hammesfahr: Ja, das tut mir dann zwar leid ums Geld, aber wenn es langweilig wird... Manche Leute sagen ja, man müsse einem Buch 70 bis 100 Seiten geben, für mich sind das 70 bis 100 verschwendete Seiten und ich frage mich, warum der Autor sie gemacht hat. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich von der ersten Seite an gefesselt sein, möchte einen Grund haben weiterzulesen.

Booksection: Welche guten Krimis können Sie denn empfehlen?
Petra Hammesfahr: Zuletzt gelesen – und zwar bis zur letzten Seite - habe ich „Wut“ von Marcel Feige, „Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ von Simon Beckett und "Wir müssen über Kevin reden" von Lionel Shriver. Das zieht sich am Anfang zwar etwas, dafür gibt es am Ende eine Wahnsinnsüberraschung, die mir die Sprache verschlagen hat, und das passiert mir extrem selten.

Booksection: Schreiben amerikanische Autoren anders als deutsche?
Petra Hammesfahr: Anders ja, nicht grundsätzlich besser, aber nur selten langatmig oder hausbacken. Die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit ist in dieser Hinsicht alles andere als hilfreich oder gar spannend. Beim Film ist es so ähnlich. Das sollte allerdings nicht dazu führen, alles nachzumachen, was Hollywood vormacht. Nicht jedes amerikanische Erfolgsrezept lässt sich auf deutsche Verhältnisse zurecht schreiben.

Booksection: Haben Sie auch internationalen Erfolg mit Ihren Büchern?
Petra Hammesfahr: Ja, meine Romane sind mittlerweile in zwanzig Sprachen übersetzt. Das schwedische Fernsehen bezeichnete mich als „Deutschlands Antwort auf Henning Mankell. Gerade jetzt habe ich in England mit "Die Sünderin" einen großen Erfolg zu verzeichnen. In einigen renommierten Zeitschriften, darunter der "Guardian" gab es hervorragende Kritiken. The First Post schrieb: „Hoffentlich wird der Verlag Bitter Lemon Press, ein kleiner Verlag, weitere Romane von ihr veröffentlichen.“

Booksection: Toll, dann herzlichen Glückwunsch dazu.
Petra Hammesfahr: Danke. Faszinierend ist übrigens die japanische Ausgabe der „Sünderin“, die man hinten aufschlägt. Oder die russische vom „Puppengräber“, in der ich meinen eigenen Namen nicht lesen kann.

Booksection: Ist es nicht ein komisches Gefühl, nicht kontrollieren zu können, ob Ihre Bücher in anderen Sprachen auch genauso sind, wie Sie sie geschrieben haben?
Petra Hammesfahr: Vielleicht ist es ganz gut, dass ich das nicht kontrollieren kann. Mir hat jemand erzählt, sein Text sei ins Russische übersetzt worden und dann zurück ins Deutsche, er habe seine eigene Arbeit nicht wieder erkannt. Man hat z. B. bestimmte Redewendungen, die wir in der deutschen Sprache haben - das können Sie in einer anderen Sprache nicht vermitteln. Entweder Sie lassen es komplett weg, dann fehlt aber was, oder Sie überlegen sich ein ähnliches Beispiel.

Booksection: Stimmt es, dass Sie für Ihren ersten Roman 160 Absagen bekommen haben?
Petra Hammesfahr: 159, exakt 159, aber nicht nur für den ersten Roman, sondern für die ersten sieben Manuskripte, darunter auch „Am Anfang sind sie noch Kinder“ und „Der gläserne Himmel“, der kurz nach Erscheinen 1995 mit dem Rheinischen Literaturpreis der Stadt Siegburg ausgezeichnet wurde. Die Absagen habe ich alle noch.

Booksection: Und trotzdem haben Sie weitergemacht, haben nicht aufgegeben?
Petra Hammesfahr: Was hätte ich denn sonst tun sollen, ich kann doch nichts anderes! Ich hatte das Pech, das ich mit meinem ersten Manuskript an einen Verlag geraten war, wo jemand tatsächlich angefangen hat zu lesen - und zwar sofort. Der rief mich zwei Tage später an und sagte mir, mein Manuskript sei furchtbar, grausam und entsetzlich. Er erzählte mir eine halbe Stunde lang, was ihn daran bewegt habe, was ihm gefallen habe und dann kam der Satz: "Aber es passt nicht in unser Verlagsprogramm." Man empfahl mir einen Frauenbuchverlag, wo ich es auch hinschickte. Dort ging es allerdings verloren und ich war gezwungen, es noch einmal neu abzutippen, weil ich keine Kopie gemacht hatte, sondern nur noch den Durchschlag zu Hause hatte. Bei der Gelegenheit stellte ich fest, dass es eigentlich grottenschlecht geschrieben war und habe angefangen, zu überarbeiten. Felix Berner von der Deutschen Verlagsanstalt schrieb mir anschließend: "An diesem Werk wird deutlich, dass Sie sich erst an die Kunst des Erzählens herantasten. Ob Sie diese letztlich beherrschen, lasse ich dahin gestellt." So etwas vergisst man nie im Leben. Ich habe noch mal alles gelesen und gedacht: "Verdammt, der Mann hat recht!" Also neu schreiben, neu schreiben, neu schreiben, immer wieder neu schreiben. Irgendwann hatte ich fünf fertige Romane da liegen, dann waren es sechs, dann sieben. Da konnte ich doch nicht mehr aufgeben! Dann kam der "Playboy" und hat eine meiner Kurzgeschichten gedruckt. Wussten Sie, dass der "Playboy" nur wegen seiner Kurzgeschichten so viel gekauft wird? Nur mein Sohn war bitter enttäuscht und fragte: "Für so was schreibst Du, da sind ja alles nackte Frauen drin!" Er war damals zehn Jahre alt, heute würde er das mit Sicherheit anders sehen.

Booksection: Sie hatten also durch diese vielen Absagen nicht das Gefühl, eigentlich eine schlechte Schriftstellerin zu sein?
Petra Hammesfahr: Oh doch, natürlich. 159 Lektoren können sich ja nicht irren! Doch mir blieb keine Wahl, ich konnte doch nichts anderes. Meine ersten Manuskripte waren wirklich grottenschlecht. Das erste Buch, das ich mit siebzehn schrieb, bestand aus Zetteln, die ich in einem Schuhkarton gesammelt hatte. Es waren Kassenbons, die freien Rückseiten von Rechnungen und Werbung, denn ich hatte kein Geld für Papier.

Booksection: Haben Sie diese Zettel noch?
Petra Hammesfahr: Nein, nachdem ich den Roman 1984-85 abgetippt hatte, hab ich die alle weggeschmissen.

Booksection: Künstler können ja ihre Bilder nach zehn Jahren oft nicht mehr sehen, weil sie ihnen nicht mehr gefallen. Ist das bei Ihnen auch so?
Petra Hammesfahr: Nicht ganz so. Ich hatte in der Anfangszeit zehn Romane bei Bastei-Lübbe veröffentlicht. Die durften aus Kostengründen immer nur 200 Seiten haben, weil sie in eine bestimmte Reihe passen mussten. Einige davon hat der Rowohlt-Verlag neu aufgelegt, die konnte ich aufpolieren. Etwa "Merkels Tochter". In der ersten Fassung hatte Merkel keine richtige Vergangenheit, die bekam er erst bei Rowohlt, weil ich hier den Platz dafür hatte. Und dann war der Roman so tragisch geworden, dass mein Mann ihn korrigieren musste, weil bei mir beim Lesen unentwegt die Tränen flossen. (lacht) Ich kann über meine eigenen Sachen weinen. Mein Mann versteht das nicht, er sagt immer: "Das hast Du doch selbst geschrieben." Ich heule auch beim Schreiben. Sie glauben gar nicht, wie oft mein Sohn schon hereingestürzt kam, um zu sehen, was los ist, weil ich weinend am Computer saß. Ich spreche mir den Text vor, während ich schreibe. Auf die Weise kontrolliere ich, ob es gut ist. Das hört man nur, wenn man laut liest. Also rede ich und tippe dabei. Deshalb darf man mich nicht ansprechen. Wenn ich antworte, hab ich das mitgetippt. (lacht) Wissen Sie, in wie vielen Romane schon gestanden hat "ein Viertelpfund Fleischwurst"? Das war mein Standardsatz, wenn mein Sohn mich früher fragte, was er aus der Stadt mitbringen solle.

Booksection: Haben Sie einen geregelten Arbeitsalltag?
Petra Hammesfahr: Ja, da teilen wir jetzt in früher und heute. Früher sah das so aus, dass mein Mann um halb acht aus dem Haus ging, ich saß um acht am Schreibtisch und wenn mein Mann um halb acht abends heimkam, musste er mich vom Schreibtisch wegholen. Er sagte oft, wenn er nicht aufpassen würde, wäre ich schon längst verhungert, denn ich komme nicht auf Idee, zwischendurch zu essen. Wenn ich arbeite, bin ich nicht da. Jetzt fange ich erst um elf an. Ich bin fest entschlossen, mit sechs Stunden auszukommen und um fünf Feierabend zu machen. Das klappt nur noch nicht so ganz, aber ich bin ja lernfähig.

Booksection: Also schreiben Sie wirklich jeden Tag?
Petra Hammesfahr: Ja, und wenn ich es mal ein paar Tage nicht gemacht habe, bin ich krank. Dann hab ich das Gefühl, ich habe Zeit vergeudet. Aber ich habe mir fest vorgenommen, etwas kürzer zu treten.

Booksection: Ist das Schreiben für Sie eher eine Kunst oder doch auch ein Mittel, um Geld zu verdienen?
Petra Hammesfahr: Früher stand das Geldverdienen im Vordergrund, heute ist es nicht mehr gar so wichtig. Natürlich will ich immer noch von meinen Büchern leben, aber wahrscheinlich habe ich irgendein Gen, das verursacht, dass ich leidenschaftlich gerne Geschichten erzähle. Als ich ein kleines Mädchen war, sagten alle: "Die lügt." Ich habe mit meinen Geschichten sogar ungewollt Ärger in der Nachbarschaft verursacht, weil keiner geglaubt hat, dass ich mir das alles nur "aus den Fingern gesaugt habe".

Booksection: Hat eines Ihrer Kinder auch dieses Geschichtenerzähl-Gen in sich?
Petra Hammesfahr: Nein. Meine Jüngste hat es mal versucht, aber schnell wieder gelassen, weil sie gemerkt hat, dass das richtig harte Arbeit ist. Es ist ja nicht damit getan, sich die Geschichten auszudenken. Erzählen kann ich sie in einer halben Stunde, aber das muss ich dann erstmal auf 400 Seiten bringen. Ich führe meine Leser gerne in die Irre, was der eine oder andere als strapaziös empfindet. Bei einer Lesung des Romans "Die Mutter" habe ich den Zuhörern den Rat gegeben, nicht unbedingt der Erzählerin zu folgen, sondern lieber mitzudenken. Mein Mann hörte dann eine Frau zu ihrem Mann sagen: "Ich kauf mir doch kein Buch, wo ich selber mitdenken muss."

Booksection: Hat man eigentlich immer im Hinterkopf, dass tausende von Lesern mitverfolgen, was man da im stillen Kämmerchen schreibt?
Petra Hammesfahr: Nein. Darüber denke ich nicht nach. Es muss mir gefallen, muss mich packen. Wenn ich einen Roman fertig habe, dann mache ich zum Schluss immer den Dreifachtest. Ich lese das dreimal hintereinander und wenn ich wirklich Satz für Satz lese, ist es in Ordnung. Wenn ich eine Stelle überspringen will, weiß ich, dass ich da noch mal ranmuss. Ich muss das Bedürfnis haben, es immer wieder lesen zu wollen - dann ist es gut.

Booksection: Welchen Einfluss haben Sie auf verlagsinterne Entscheidungen? Kann es passieren, dass für Sie wichtige Dinge einfach abgeändert werden?
Petra Hammesfahr: Das kann passieren, aber dann gehe ich auf die Barrikaden. Buchcover werden mit mir abgestimmt, gerade eben wurden mir welche gezeigt und ich habe eines ausgesucht. Ich nehme mal an, dass es das jetzt auch wird. (lacht) Es gibt bestimmte Dinge, die ich im Klappentext nicht verraten haben möchte, da würde ich mich auch wehren.

Booksection: Gibt es denn schon einen Titel für Ihr neues Buch?
Petra Hammesfahr: "Erinnerung an einen Mörder". Sagt alles, oder? Da brauchen die Leser sich nicht zu fragen, ob es jetzt endlich wieder einen neuen Krimi von mir gibt.



Das Interview wurde veröffentlicht am: 10.10.2007

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