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Interview mit...
...Petra Hammesfahr
...zur Biographie von Petra Hammesfahr
"Ein viertel Pfund Fleischwurst!"
Mit Booksection im Gespräch: Krimi-Autorin Petra Hammesfahr.
Booksection: Frau
Hammesfahr, Sie stellen hier an der Buchmesse Ihr neues Buch vor,
eine Sammlung von Kriminalgeschichten, bei dem Sie die Herausgeberin
sind. Wie entstand die Idee, ein Buch herauszugeben, bei dem namhafte
deutsche Autoren beteiligt sind?
Petra
Hammesfahr: Ich brauche etwa zwei Jahre,
um einen Roman zu schreiben, deshalb kann ich nicht jedes Jahr einen
neuen Roman veröffentlichen. Die Idee zu „Zum Sterben
schön“ entstand im Verlag und gefiel mir auf Anhieb. Ich
hatte bisher noch nie als Herausgeberin fungiert, das ist eine ganz
neue Erfahrung für mich Es sind übrigens nicht nur deutsche
Autoren, die bei diesem Buch mitgewirkt haben..
Booksection: Ihr
letztes Buch war zum ersten Mal ein Roman, der nicht im Krimigenre
angesiedelt war. War das eine ganz neue Herausforderung für
Sie?
Petra
Hammesfahr: Nein, ich nenne das meinen "Präventionsroman".
Geschrieben habe ich ihn – mit sehr viel Herzblut - schon 1984
und es war mir einfach ein Bedürfnis, ihn gedruckt zu sehen.
Ich habe ihn lediglich modernisiert. 1984 wusste beispielsweise noch
niemand etwas von Handys, auch die Umstellung von Mark auf Euro musste
eingebaut werden. Und die Preise musste ich erhöhen, aber ansonsten
hat sich da eigentlich nichts verändert, der soziale Hintergrund
ist eher noch schlimmer geworden im Laufe der Jahre.
Booksection: Sie
haben ja selber drei Kinder, was denken Sie denn über die Zukunft
des Lesens bei Kindern? Wenn man sich die Entwicklung betrachtet,
ist es doch schon fraglich, ob das Buch als Medium überhaupt
noch eine Zukunft. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach das Lesen für
Kinder?
Petra
Hammesfahr: Wenn ich lese, muss ich noch
meinen eigenen Kopf anstrengen, ich muss Bilder im Kopf haben, die
Kreativität des Lesers wird gefordert. Für Kinder wäre
das eine sehr wichtige Erfahrung.
Booksection: Sehen
Sie schon auch die Gefahr, dass das Buch als Medium immer mehr ins
Abseits verdrängt wird?
Petra
Hammesfahr: Die Gefahr muss man sehen,
weil sie gegeben ist. Da sind Eltern gefragt. Wenn man Dreijährige
vor den Fernseher setzt, um seine Ruhe zu haben, von wem soll das
Kind dann lernen, was ein Buch überhaupt ist?
Booksection: Sie
selber haben schon mit siebzehn Jahren angefangen zu schreiben, ist
das richtig?
Petra
Hammesfahr: Ich habe mit vier Jahren angefangen
zu erzählen. Dann hat meine Tante mir erklärt, dass man
in der Schule lesen und schreiben lernt und ich war am ersten Schultag
maßlos enttäuscht, weil ich das nicht gelernt habe. Wir
mussten damals die sauberen Fingernägel vorzeigen, aber das
Lesebuch war erstmal vollkommen nebensächlich. Ich war bitter
enttäuscht. Meine Tante hatte mir im Jahr zuvor zu Weihnachten
bereits das erste Buch geschenkt und bei uns hat – außer
meiner Tante - niemand gelesen. Geschichten vorlesen, wie es heute
doch viele Eltern tun, das kannte ich gar nicht. Das erste Buch bekam
ich mit dem Hinweis geschenkt: "Wenn Du zur Schule gehst, lernst
Du das und kannst das selbst lesen." Und darauf habe ich dann
gewartet und war am ersten Schultag – wie gesagt - bitter enttäuscht.
Booksection: Wann
war der Zeitpunkt für Sie konkret da, dass Sie für sich
sagen konnten: Das will ich machen in meinem Leben, das ist meine
Aufgabe?
Petra
Hammesfahr: Was hätte ich denn sonst
machen sollen? Wenn man immer Geschichten erzählt, bleibt einem
nichts anderes übrig, als die irgendwann aufzuschreiben, denn
im Kopf behalten kann man sie nicht alle. Ich bin in der Schulzeit
mit meiner Freundin Arm in Arm herumgelaufen, habe ihr einen Roman
nach dem anderen erzählt, aber immer behauptet, das hätte
ich gestern Abend gelesen. Ich habe nie den Mut gefunden zuzugeben,
dass ich mir das selber ausgedacht habe, weil ich glaubte, dann lachen
mich alle aus. Zu Hause hieß es immer: "Was spinnt die
sich nur zusammen!" Meiner Freundin ist nie der Gedanke gekommen,
dass es gar nicht möglich ist, soviel zu lesen.
Booksection: Waren
das damals auch schon Kriminalgeschichten, oder ging das anfangs
in eine andere Richtung?
Petra
Hammesfahr: Oh Gott, nein. Das waren ganz
alltägliche Geschichten, in der heutigen Zeit würde ich
wahrscheinlich von "Tokyo Hotel" erzählen. Ich weiß nicht
mehr genau, was ich damals erzählt habe. Es waren auf jeden
Fall romantische Liebesgeschichten dabei, mit 13 fängt das schließlich
an - das war auch damals schon so. Man entdeckt, dass es zwei verschiedene
Geschlechter gibt.
Booksection: Wie
kam es, dass Sie sich irgendwann auf das Krimigenre festgelegt haben?
Petra
Hammesfahr: Mein erster Lektor hat mir
nahe gelegt, doch mal einen Krimi zu schreiben. Da sagte ich spontan: „Das
kann ich nicht!“ Bis dahin hatte ich nur einige Krimi-Kurzgeschichten
geschrieben, die allerdings nach Meinung des Lektors schon halbe
Romane waren. Ich schreibe aber keine klassischen Krimis. Mir ist
die Perspektive der Opfer wichtiger als ein ermittelnder Kommissar.
Nehmen Sie beispielsweise "Die Sünderin" – Cora
Bender wird im ersten Kapitel zur Mörderin, im restlichen Roman
erkläre ich, warum.
Booksection: Es
fällt auf, dass es oft um die dunklen Abgründe eines Menschen
geht - die jeder von uns ja auch ein Stück weit in sich trägt.
Was man da liest ist zwar einerseits zutiefst beängstigend,
andererseits findet man aber auch viel von sich selber darin wieder.
Petra
Hammesfahr: Ich möchte so real wie
möglich beschreiben, das ist mir sehr wichtig.
Booksection: Das
gelingt Ihnen auch vollends. Wie schaffen Sie es, Ihre Personen so
lebendig zu schildern und auch diese dunklen Abgründe so völlig
glaubwürdig darzustellen?
Petra
Hammesfahr: Wenn ich über eine Person
schreibe, dann bin ich diese Person! Und wie Sie eben festgestellt
haben: die Abgründe haben wir alle in uns. Haben Sie noch nie überlegt,
wie Sie es jemandem, der Ihnen so richtig auf die Füße
getreten ist, heimzahlen können? Das tut doch jeder und Schriftsteller
sind eigentlich sehr friedliche Menschen. Ich kann am Computer Rache üben.
Sie glauben gar nicht, wie viele Vermieter in meinen Geschichten
schon ums Leben gekommen sind.
Booksection: Also
haben Ihre Figuren immer aktuelle Bezüge?
Petra
Hammesfahr: Nein, nicht immer, aber es
gibt durchaus Figuren in meine Büchern, die aktuelle Bezüge
haben. Aber ich kann die so verfremden, dass Sie die wirklich nicht
mehr wieder erkennen. Ich mache zum Beispiel aus einer bösartigen
alten Frau ein bildhübsches achtzehnjähriges Mädchen.
Da erkennt die alte Frau sich selbst nicht wieder.
Booksection: Also
sind Ihre Bücher teilweise biographisch angehaucht?
Petra
Hammesfahr: Ja, das könnte man so
sagen. (lacht) So viele Vermieter hatte ich natürlich gar nicht,
aber es fließt sehr viel persönliche Erfahrung ein. Ich
bin halt nicht mehr siebzehn, da hat man einen gewissen Erfahrungsschatz,
aus dem man reichlich schöpfen kann - und immer den Bodensatz!
Booksection: Wie
recherchiert man denn eigentlich für einen Kriminalroman? Hat
man Kontakte zur Polizei?
Petra
Hammesfahr: Als ich ganz zu Anfang noch keinen Namen als
Schriftstellerin hatte, habe ich mich darum bemüht, bei der
Polizei zu recherchieren und bin ganz herbe abgekanzelt worden. Ich
wollte damals einen Roman schreiben, den ich übrigens nie geschrieben
habe, weil sich der Fall dann tatsächlich zugetragen hat. Da
hab ich lieber die Finger davon gelassen. Aber vorher wollte ich
wissen, wie die Polizei in solch einem Fall tatsächlich vorgeht.
Ich habe mit einer Kriminalkommissarin gesprochen, die mir erklärte,
sie sei nicht so verrückt, mir zu sagen, wie eine Ermittlung
abläuft, denn schließlich wisse sie ja nicht, was ich überhaupt
vorhätte. Wahrscheinlich hat sie gedacht, ich wollte wirklich
jemanden umbringen. Inzwischen habe ich gute Kontakte zur Polizei.
Außerdem habe ich mir schon vor Jahren entsprechende Fachliteratur
besorgt – Kriminalpsychologie und Gerichtsmedizin. Wussten
Sie beispielsweise, dass es sieben verschiedene Erstickungstode gibt?
Wenn jemand ertrinkt, dann ertrinkt er eigentlich nicht, sondern
erstickt. Mit diesem Thema habe ich meinen Mann vor Jahren beim Abendessen
unterhalten - das fand er alles andere als witzig.
Booksection: Sie
sprechen also nicht mit Psychologen über diese Abgründe,
von denen Sie schreiben?
Petra
Hammesfahr: Nein. Ich habe im Laufe der
Zeit soviel „Psychologie“ gelesen, dass ich gut alleine
zurechtkomme und offenbar auch so dicht an der Realität bin,
dass Fachleute die Fiktion bezweifeln. So habe ich z. B. zu dem Buch "Der
Puppengräber", in dem die Hauptfigur ein 22jähriger
geistig behinderter Mann ist, einen Brief vom Landschaftsverband
Rheinland erhalten, in dem mir Name und Anschrift des jungen Mannes
abverlangt wurden. Anscheinend hatte ich meinen Ben so überzeugend
dargestellt, dass man sich Sorgen um seine Unterbringung und Förderung
machte.
Booksection: Das
spricht aber sehr für ihren überzeugenden Erzählstil.
Petra
Hammesfahr: Ja, in dem Brief stand, eine
solche Geschichte könne sich niemand aus den Fingern saugen.
Auch die Landesklinik in Düren hat mich aufgrund des „Puppengräbers“ eingeladen.
Sie wollten mir vor Augen führen, dass sie mit ihren Patienten
nicht so umgehen, wie es im Roman am Schluss mit Ben geschieht. Im
Gespräch stellte sich jedoch heraus, dass man einen zwei Meter
großen, sehr kräftigen Mann, der einen Pfleger an die
Wand knallt, notgedrungen ruhig stellen und ans Bett fesseln muss.
Nach anderen Romanen habe ich ähnliche Reaktionen erhalten.
Bei "Der stille Herr Genardy", dachten viele, ich sei ein
missbrauchtes Kind. Mein Schwiegersohn fand es erschreckend, wie
ich mich in einen Pädophilien hineinversetzen konnte.
Booksection: "Der
stille Herr Genardy" wurde auch verfilmt. Haben Sie das Drehbuch
dazu selbst geschrieben?
Petra
Hammesfahr: Ja, und mit diesem Film bin
ich rundum zufrieden. Bis auf die Eingangsszene ist so dicht wie
möglich am Roman. Als Leser wünsche ich mir das bei jedem
verfilmten Roman.
Booksection: Welche
Art von Büchern lesen Sie denn selber? Bevorzugen Sie Lesestoff,
der Sie von diesem Düsteren und den Abgründen Ihrer eigenen
Romane ablenkt?
Petra
Hammesfahr: Nein, ich lese Fachbücher
oder gute Krimis, gute Thriller. Wenn sie nicht gut sind, lege ich
sie nach zwei Seiten weg. Entweder ich komme richtig gut rein und
zwar sofort, oder ich empfinde das als Zeitverschwendung.
Booksection: Sie
schaffen es also tatsächlich, ein Buch, das Ihnen nicht auf
Anhieb gefällt, auch wieder wegzulegen?
Petra
Hammesfahr: Ja, das tut mir dann zwar leid
ums Geld, aber wenn es langweilig wird... Manche Leute sagen ja,
man müsse einem Buch 70 bis 100 Seiten geben, für mich
sind das 70 bis 100 verschwendete Seiten und ich frage mich, warum
der Autor sie gemacht hat. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich
von der ersten Seite an gefesselt sein, möchte einen Grund haben
weiterzulesen.
Booksection: Welche
guten Krimis können Sie denn empfehlen?
Petra
Hammesfahr: Zuletzt gelesen – und
zwar bis zur letzten Seite - habe ich „Wut“ von Marcel
Feige, „Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ von
Simon Beckett und "Wir müssen über Kevin reden" von
Lionel Shriver. Das zieht sich am Anfang zwar etwas, dafür gibt
es am Ende eine Wahnsinnsüberraschung, die mir die Sprache verschlagen
hat, und das passiert mir extrem selten.
Booksection: Schreiben
amerikanische Autoren anders als deutsche?
Petra
Hammesfahr: Anders ja, nicht grundsätzlich
besser, aber nur selten langatmig oder hausbacken. Die sprichwörtliche
deutsche Gründlichkeit ist in dieser Hinsicht alles andere als
hilfreich oder gar spannend. Beim Film ist es so ähnlich. Das
sollte allerdings nicht dazu führen, alles nachzumachen, was
Hollywood vormacht. Nicht jedes amerikanische Erfolgsrezept lässt
sich auf deutsche Verhältnisse zurecht schreiben.
Booksection: Haben
Sie auch internationalen Erfolg mit Ihren Büchern?
Petra
Hammesfahr: Ja, meine Romane sind mittlerweile
in zwanzig Sprachen übersetzt. Das schwedische Fernsehen bezeichnete
mich als „Deutschlands Antwort auf Henning Mankell. Gerade
jetzt habe ich in England mit "Die Sünderin" einen
großen Erfolg zu verzeichnen. In einigen renommierten Zeitschriften,
darunter der "Guardian" gab es hervorragende Kritiken.
The First Post schrieb: „Hoffentlich wird der Verlag Bitter
Lemon Press, ein kleiner Verlag, weitere Romane von ihr veröffentlichen.“
Booksection: Toll,
dann herzlichen Glückwunsch dazu.
Petra
Hammesfahr: Danke. Faszinierend ist übrigens
die japanische Ausgabe der „Sünderin“, die man hinten
aufschlägt. Oder die russische vom „Puppengräber“,
in der ich meinen eigenen Namen nicht lesen kann.
Booksection: Ist
es nicht ein komisches Gefühl, nicht kontrollieren zu können,
ob Ihre Bücher in anderen Sprachen auch genauso sind, wie Sie
sie geschrieben haben?
Petra
Hammesfahr: Vielleicht ist es ganz gut,
dass ich das nicht kontrollieren kann. Mir hat jemand erzählt,
sein Text sei ins Russische übersetzt worden und dann zurück
ins Deutsche, er habe seine eigene Arbeit nicht wieder erkannt. Man
hat z. B. bestimmte Redewendungen, die wir in der deutschen Sprache
haben - das können Sie in einer anderen Sprache nicht vermitteln.
Entweder Sie lassen es komplett weg, dann fehlt aber was, oder Sie überlegen
sich ein ähnliches Beispiel.
Booksection: Stimmt
es, dass Sie für Ihren ersten Roman 160 Absagen bekommen haben?
Petra
Hammesfahr: 159, exakt 159, aber nicht
nur für den ersten Roman, sondern für die ersten sieben
Manuskripte, darunter auch „Am Anfang sind sie noch Kinder“ und „Der
gläserne Himmel“, der kurz nach Erscheinen 1995 mit dem
Rheinischen Literaturpreis der Stadt Siegburg ausgezeichnet wurde.
Die Absagen habe ich alle noch.
Booksection: Und
trotzdem haben Sie weitergemacht, haben nicht aufgegeben?
Petra
Hammesfahr: Was hätte ich denn sonst
tun sollen, ich kann doch nichts anderes! Ich hatte das Pech, das
ich mit meinem ersten Manuskript an einen Verlag geraten war, wo
jemand tatsächlich angefangen hat zu lesen - und zwar sofort.
Der rief mich zwei Tage später an und sagte mir, mein Manuskript
sei furchtbar, grausam und entsetzlich. Er erzählte mir eine
halbe Stunde lang, was ihn daran bewegt habe, was ihm gefallen habe
und dann kam der Satz: "Aber es passt nicht in unser Verlagsprogramm." Man
empfahl mir einen Frauenbuchverlag, wo ich es auch hinschickte. Dort
ging es allerdings verloren und ich war gezwungen, es noch einmal
neu abzutippen, weil ich keine Kopie gemacht hatte, sondern nur noch
den Durchschlag zu Hause hatte. Bei der Gelegenheit stellte ich fest,
dass es eigentlich grottenschlecht geschrieben war und habe angefangen,
zu überarbeiten. Felix Berner von der Deutschen Verlagsanstalt
schrieb mir anschließend: "An diesem Werk wird deutlich,
dass Sie sich erst an die Kunst des Erzählens herantasten. Ob
Sie diese letztlich beherrschen, lasse ich dahin gestellt." So
etwas vergisst man nie im Leben. Ich habe noch mal alles gelesen
und gedacht: "Verdammt, der Mann hat recht!" Also neu schreiben,
neu schreiben, neu schreiben, immer wieder neu schreiben. Irgendwann
hatte ich fünf fertige Romane da liegen, dann waren es sechs,
dann sieben. Da konnte ich doch nicht mehr aufgeben! Dann kam der "Playboy" und
hat eine meiner Kurzgeschichten gedruckt. Wussten Sie, dass der "Playboy" nur
wegen seiner Kurzgeschichten so viel gekauft wird? Nur mein Sohn
war bitter enttäuscht und fragte: "Für so was schreibst
Du, da sind ja alles nackte Frauen drin!" Er war damals zehn
Jahre alt, heute würde er das mit Sicherheit anders sehen.
Booksection: Sie
hatten also durch diese vielen Absagen nicht das Gefühl, eigentlich
eine schlechte Schriftstellerin zu sein?
Petra
Hammesfahr: Oh doch, natürlich. 159
Lektoren können sich ja nicht irren! Doch mir blieb keine Wahl,
ich konnte doch nichts anderes. Meine ersten Manuskripte waren wirklich
grottenschlecht. Das erste Buch, das ich mit siebzehn schrieb, bestand
aus Zetteln, die ich in einem Schuhkarton gesammelt hatte. Es waren
Kassenbons, die freien Rückseiten von Rechnungen und Werbung,
denn ich hatte kein Geld für Papier.
Booksection: Haben
Sie diese Zettel noch?
Petra
Hammesfahr: Nein, nachdem ich den Roman
1984-85 abgetippt hatte, hab ich die alle weggeschmissen.
Booksection: Künstler
können ja ihre Bilder nach zehn Jahren oft nicht mehr sehen,
weil sie ihnen nicht mehr gefallen. Ist das bei Ihnen auch so?
Petra
Hammesfahr: Nicht ganz so. Ich hatte in
der Anfangszeit zehn Romane bei Bastei-Lübbe veröffentlicht.
Die durften aus Kostengründen immer nur 200 Seiten haben, weil
sie in eine bestimmte Reihe passen mussten. Einige davon hat der
Rowohlt-Verlag neu aufgelegt, die konnte ich aufpolieren. Etwa "Merkels
Tochter". In der ersten Fassung hatte Merkel keine richtige
Vergangenheit, die bekam er erst bei Rowohlt, weil ich hier den Platz
dafür hatte. Und dann war der Roman so tragisch geworden, dass
mein Mann ihn korrigieren musste, weil bei mir beim Lesen unentwegt
die Tränen flossen. (lacht) Ich kann über meine eigenen
Sachen weinen. Mein Mann versteht das nicht, er sagt immer: "Das
hast Du doch selbst geschrieben." Ich heule auch beim Schreiben.
Sie glauben gar nicht, wie oft mein Sohn schon hereingestürzt
kam, um zu sehen, was los ist, weil ich weinend am Computer saß.
Ich spreche mir den Text vor, während ich schreibe. Auf die
Weise kontrolliere ich, ob es gut ist. Das hört man nur, wenn
man laut liest. Also rede ich und tippe dabei. Deshalb darf man mich
nicht ansprechen. Wenn ich antworte, hab ich das mitgetippt. (lacht)
Wissen Sie, in wie vielen Romane schon gestanden hat "ein
Viertelpfund Fleischwurst"? Das war mein Standardsatz, wenn
mein Sohn mich früher fragte, was er aus der Stadt mitbringen
solle.
Booksection: Haben
Sie einen geregelten Arbeitsalltag?
Petra
Hammesfahr: Ja, da teilen wir jetzt in
früher und heute. Früher sah das so aus, dass mein Mann
um halb acht aus dem Haus ging, ich saß um acht am Schreibtisch
und wenn mein Mann um halb acht abends heimkam, musste er mich
vom Schreibtisch wegholen. Er sagte oft, wenn er nicht aufpassen
würde, wäre ich schon längst verhungert, denn ich
komme nicht auf Idee, zwischendurch zu essen. Wenn ich arbeite,
bin ich nicht da. Jetzt fange ich erst um elf an. Ich bin fest
entschlossen, mit sechs Stunden auszukommen und um fünf Feierabend
zu machen. Das klappt nur noch nicht so ganz, aber ich bin ja lernfähig.
Booksection: Also
schreiben Sie wirklich jeden Tag?
Petra
Hammesfahr: Ja, und wenn ich es mal ein
paar Tage nicht gemacht habe, bin ich krank. Dann hab ich das Gefühl,
ich habe Zeit vergeudet. Aber ich habe mir fest vorgenommen, etwas
kürzer zu treten.
Booksection: Ist
das Schreiben für Sie eher eine Kunst oder doch auch ein Mittel,
um Geld zu verdienen?
Petra
Hammesfahr: Früher stand das Geldverdienen
im Vordergrund, heute ist es nicht mehr gar so wichtig. Natürlich
will ich immer noch von meinen Büchern leben, aber wahrscheinlich
habe ich irgendein Gen, das verursacht, dass ich leidenschaftlich
gerne Geschichten erzähle. Als ich ein kleines Mädchen
war, sagten alle: "Die lügt." Ich habe mit meinen
Geschichten sogar ungewollt Ärger in der Nachbarschaft verursacht,
weil keiner geglaubt hat, dass ich mir das alles nur "aus den
Fingern gesaugt habe".
Booksection: Hat
eines Ihrer Kinder auch dieses Geschichtenerzähl-Gen in sich?
Petra
Hammesfahr: Nein. Meine Jüngste hat
es mal versucht, aber schnell wieder gelassen, weil sie gemerkt hat,
dass das richtig harte Arbeit ist. Es ist ja nicht damit getan, sich
die Geschichten auszudenken. Erzählen kann ich sie in einer
halben Stunde, aber das muss ich dann erstmal auf 400 Seiten bringen.
Ich führe meine Leser gerne in die Irre, was der eine oder andere
als strapaziös empfindet. Bei einer Lesung des Romans "Die
Mutter" habe ich den Zuhörern den Rat gegeben, nicht unbedingt
der Erzählerin zu folgen, sondern lieber mitzudenken. Mein Mann
hörte dann eine Frau zu ihrem Mann sagen: "Ich kauf mir
doch kein Buch, wo ich selber mitdenken muss."
Booksection: Hat
man eigentlich immer im Hinterkopf, dass tausende von Lesern mitverfolgen,
was man da im stillen Kämmerchen schreibt?
Petra
Hammesfahr: Nein. Darüber denke ich
nicht nach. Es muss mir gefallen, muss mich packen. Wenn ich einen
Roman fertig habe, dann mache ich zum Schluss immer den Dreifachtest.
Ich lese das dreimal hintereinander und wenn ich wirklich Satz für
Satz lese, ist es in Ordnung. Wenn ich eine Stelle überspringen
will, weiß ich, dass ich da noch mal ranmuss. Ich muss das
Bedürfnis haben, es immer wieder lesen zu wollen - dann ist
es gut.
Booksection: Welchen
Einfluss haben Sie auf verlagsinterne Entscheidungen? Kann es passieren,
dass für Sie wichtige Dinge einfach abgeändert werden?
Petra
Hammesfahr: Das kann passieren, aber dann
gehe ich auf die Barrikaden. Buchcover werden mit mir abgestimmt,
gerade eben wurden mir welche gezeigt und ich habe eines ausgesucht.
Ich nehme mal an, dass es das jetzt auch wird. (lacht) Es gibt bestimmte
Dinge, die ich im Klappentext nicht verraten haben möchte, da
würde ich mich auch wehren.
Booksection: Gibt
es denn schon einen Titel für Ihr neues Buch?
Petra
Hammesfahr: "Erinnerung an einen Mörder".
Sagt alles, oder? Da brauchen die Leser sich nicht zu fragen, ob
es jetzt endlich wieder einen neuen Krimi von mir gibt.
Das Interview wurde veröffentlicht am: 10.10.2007