Interview mit...

...Paolo Giordano


Die Einsamkeit der Primzahlen

"Druck bewirkt, dass ich viel langsamer und ruhiger werde und mich sehr vorsichtig verhalte."

Mit Booksection im Gespräch: Romanautor Paolo Giordano.

Booksection: Ihr Debütroman „Die Einsamkeit der Primzahlen“ wurde in 26 Länder verkauft und wird derzeit verfilmt. Wird Ihnen dieser Erfolg manchmal unheimlich?
Paolo Giordano: Es war nicht leicht zu lernen, damit umzugehen. Erfolg bringt ein leichtes Schuldgefühl mit sich, gegen das ich anzukämpfen hatte. Ich war gezwungen weitaus mehr Zeit alleine zu verbringen als zuvor. Das war für mich der Weg die Zeiten auszubalancieren, in denen man so viele Leute trifft und in denen so viele für einen da sind und einen mit Argwohn betrachten. Aber das war es wert. Es eröffnete mir so viele Möglichkeiten, die ich mir gar nie hätte vorstellen können.

Booksection: Ärgern Sie in diesem Zusammenhang noch Kommentare über Ihr Alter à la „obwohl er noch so jung ist“?
Paolo Giordano: Das Alter ist keine Tugend in sich selbst, auch wenn es oft so dargestellt wird. Ich denke, man kann davon profitieren, wenn man Erfolg hat, wenn man noch jung ist und das ist der einzige Aspekt, der mir wichtig ist. Also, lächele ich einfach, wenn jemand mein Alter als etwas besonderes hervorhebt. Außerdem, fühle ich mich gar nicht so jung, auf jeden Fall nicht zu jung, um einen Roman zu schreiben.

Booksection: Erfolg weckt Erwartungen. Fühlen Sie einen Druck bald ein gleichwertiges Nachfolgewerk abliefern zu müssen?
Paolo Giordano: Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Druck bewirkt, dass ich viel langsamer und ruhiger werde und mich sehr vorsichtig verhalte. Darum fange ich erst jetzt damit an, einen neuen Roman zu schreiben, also erst vier Jahre, nachdem ich “Die Einsamkeit der Primzahlen” fertig hatte. Druck ist gut für mich. Es wäre nur beunruhigend, wenn ich das beim Schreiben empfinden würde, aber das war bisher noch nie so. Während ich schreibe, kann ich alles, was je gewesen ist, vergessen.

Booksection: Kritik und Publikum ist von „Die Einsamkeit der Primzahlen“ gleichermaßen begeistert. Erreichen Sie dennoch auch Rückmeldungen von Menschen, denen Ihr Buch nicht gefällt? Wie gehen Sie mit dieser dann geäußerten Kritik um?
Paolo Giordano: Es reicht schon aus, den Titel des Buches zu googeln und man findet viele negative Kommentare und Anmerkungen von Leuten, die das Buch überhaupt nicht mochten. Manche sind so gar ziemlich brutal. Es wäre aber doch seltsam und beunruhigend, wenn es nicht so wäre. Jede künstlerische Arbeit muss geradezu die Meinungen spalten. Aber trotzdem zieht es mich schon ein bisschen runter, wenn ich solche Kritiken lese und deswegen versuche ich es zu vermeiden. Das ist nur menschlich. Wir alle würden es gerne jedem recht machen.

Booksection: Viele Autoren tragen die Idee zu einem Buch oft lange mit sich herum. Wie war das bei Ihnen, waren Charaktere und Handlung „einfach da“ oder sind sie das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses?
Paolo Giordano: Sie entwickelten sich während des Schreibens. Am Anfang hatte ich nur Situationen im Kopf, keine Charaktere. Sie wurden kontinuierlich geformt durch das, was ihnen widerfahren ist. Mit Kindern anzufangen, war dabei sehr wichtig, weil Kinder nur wenig Vergangenheit haben, mit der sie sich auseinander setzen müssen.

Booksection: Sie beginnen Ihr Buch mit einem Zitat des französischen Schriftstellers Gérard de Nerval. Ist er für Ihre Arbeit ein Vorbild?
Paolo Giordano: Nicht wirklich. Als ich die Szene schrieb, in der Alice und Mattia sich für die Hochzeit anziehen, empfahl mir mein Verleger gerade, „Sylvie“ von G.D. Nerval zu lesen, wo etwas ganz ähnliches wie in meinem Buch passiert. Ich tat das und es half mir, dieses Kapitel umzuschreiben und damit zu verbessern. Das Zitat ist somit eine Art „Dankeschön“.

Booksection: Können Sie sagen, wo Alice und Mattia aufhören und Paolo beginnt, oder steckt wenig persönliche Erfahrung in den Figuren?
Paolo Giordano: Jeder der Charaktere hat teilweise mit mir zu tun. Aber ich war sehr vorsichtig und habe nur kleine Teile genommen und sie mit anderen Charaktereigenschaften vermischt. Somit ist keiner der Charaktere wirklich ich.

Booksection: Ende 2009 haben die Dreharbeiten zu der Romanverfilmung begonnen. Sie haben am Drehbuch für die Verfilmung Ihres Buches mitgeschrieben. Eine unabdingbare Bedingung für Sie?
Paolo Giordano: Nein, es war nur eine Möglichkeit für mich, eine neue Tätigkeit zu erlernen, die mir sehr gefallen hat.

Booksection: Konnten Sie Alice und Mattia bereits vor der Kamera sehen und wenn ja, wie war es sie plötzlich nicht mehr nur vor dem inneren Auge zu verfolgen?
Paolo Giordano: Ich habe die Dreharbeiten verfolgt und war sehr davon berührt, wie Alice und Mattia zum Leben erwachten. Das hatte zur Folge, dass ich mich an längst vergessene Empfindungen erinnert habe, die ich beim Schreiben hatte.

Booksection: Welche Erwartungen haben Sie an den Film?
Paolo Giordano: Als ich damit einverstanden war, dass mein Buch verfilmt wird, wollte ich, dass der Film etwas Unabhängiges mit einer eigenen Bedeutung und Würde wird. Und ich bin sehr froh, dass ich mit Saverio Costanzo einen talentierten Regisseur gefunden habe. Er wird sicher einen großartigen Film drehen, aber er erhält dabei auch das grundlegende Gefühl der Geschichte, was den Lesern am meisten am Herzen liegt.

Booksection: Paolo Giordano, vielen Dank für Ihre Zeit!
Paolo Giordano: Bitte sehr.



Das Interview wurde durch Melanie Frommholz geführt und von Angelika Koch übersetzt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 26.01.2010

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