Interview mit...

...Oliver Bottini


...zu "Jäger in der Nacht"

"Seit ich vierzehn war, war Schriftsteller mein Traumberuf, jetzt bin ich es - was will ich mehr?"

Mit Booksection im Gespräch: Krimi-Autor Oliver Bottini.

Booksection: Herr Bottini, mit ihrer Heldin Louise Bonì ist Ihnen ja ein wahrer Geniestreich gelungen. Selten findet sich in einem Buch eine Protagonistin, die derart authentisch und lebendig wirkt. Wie kamen Sie auf die Idee zu einer solch widersprüchlichen und von Zweifeln und Schuldgefühlen geplagten Hauptfigur?
Oliver Bottini:
Vielen Dank für das Kompliment. Ich wollte einfach eine Figur mit Tiefe, Widersprüchen, Schwächen, Stärken, die ihre Konflikte erkennt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Nur solche Figuren interessieren mich als Autor, also Figuren, die ähnlich wie reale Menschen nicht eindimensional sind, sondern ihre Ecken, Kanten und vielleicht auch Abgründe haben.

Booksection: Betrachtet man Ihre vier Romane um Bonì, erkennt man eine deutliche Entwicklung der Persönlichkeit der Hauptkommissarin. Ist es so, dass sich eine Figur tatsächlich verändert und weiterentwickelt, je länger man sich gedanklich mit ihr beschäftigt?
Oliver Bottini: Das war von Anfang an meine Intention: die Figur weiterzuentwickeln, sie in jedem Roman an einer leicht veränderten Position in ihrem Leben zu zeigen. Sie sollte nicht auf ihren Zweifeln und Problemen sitzen bleiben, sondern sich im Laufe der Romane verändern, je nachdem, was sie erlebt und gesehen hat. Auch das ist im wirklichen Leben ja so, zumindest bei Menschen, die sich eine gewisse Offenheit für Veränderung bewahren. Zurzeit ist Louise ein wenig ruhiger geworden und möglicherweise sogar "beziehungsreif" ...

Booksection: Beim Lesen hat man unwillkürlich den Eindruck, Louise Bonì schon lange persönlich zu kennen. Erleben Sie als Autor das ähnlich, gehört diese Figur quasi schon zu Ihrem Leben?
Oliver Bottini: Zu meinem Leben vielleicht nicht, aber natürlich zu meinem Gedankenkosmos. Mir kommt es fast so vor, als führten sie und ich seit Jahren ein besondere Form der Fernbeziehung - wir haben uns nie gesehen, sind uns aber für den Rest unseres Lebens in großer Zuneigung verbunden.

Booksection: Wie ist es Ihnen als Mann möglich, das Gefühlsleben dieser zerrissenen und doch so starken Frau derart glaubhaft und einfühlsam zu beschreiben?
Oliver Bottini: Vielleicht indem ich meine eigenen weiblichen Anteile anzapfe? Keine Ahnung. Ich habe mir nie überlegt: Würde eine Frau jetzt dies oder jenes fühlen / tun / sagen / denken? Sondern immer nur: Was fühlt, was tut Louise Bonì? Ich kenne sie sehr gut und bemühe mich, sie authentisch darzustellen.

Booksection: Schon für Ihren ersten Kriminalroman „Mord im Zeichen des Zen“ wurden Sie mit dem Deutschen Krimi Preis geehrt und auch die nachfolgenden Romane wurden mehrfach ausgezeichnet. Hätten Sie mit einem solchen Erfolg gerechnet, und hat sich Ihr Leben dadurch nachhaltig verändert?
Oliver Bottini: Nein, damit war überhaupt nicht zu rechnen, und um so glücklicher bin ich, dass es so gekommen ist. Seit ich vierzehn war, war Schriftsteller mein Traumberuf, jetzt bin ich es - was will ich mehr? Natürlich verändert sich das Leben, wenn es plötzlich von einem solchen Beruf dominiert wird. Die vielen Lesungen, die Anerkennung, der Austausch mit Lesern, Recherchereisen etc., all das prägt und verändert. Und so, wie in meine Romane immer wieder in gewisser Hinsicht Dinge einfließen, die in meinem Leben vorkamen, ist es auch umgekehrt. Manchmal passiert in einem meiner Romane etwas, das später dann auch in meinem Leben passiert. Wie und warum auch immer!

Booksection: Wie kamen Sie auf die Idee, ihre Romane in und um Freiburg anzusiedeln?
Oliver Bottini: Ich wollte eine Stadt, die ich noch nicht kannte, ganz einfach deshalb, weil sie für meine Figuren offen und von mir selbst "unbesetzt" sein sollte. Lokalkolorit war nie mein Ding, also musste ich Freiburg nicht in- und auswendig kennen - es sollte in den Romanen erzählerisch immer nur "angerissen" werden. Und Orte, die man nicht kennt, haben in ihren Straßennamen, Viertelnamen, Sehenswürdigkeiten, ihrer Atmosphäre etc. noch ein gewisses Geheimnis, sind noch nicht vom eigenen Alltag banalisiert worden. Diesen Effekt wollte ich für mich nutzen. Außerdem wollte ich immer mal nach Freiburg ... Inzwischen war ich natürlich oft dort, ich recherchiere viel vor Ort - das, was ich beschreibe, sollte schon stimmen.

Booksection: Was für ein Gefühl ist es, nach doch relativ kurzer Zeit zu den führenden deutschen Krimi-Autoren gezählt zu werden?
Oliver Bottini: Ich denke nicht in diesen Kategorien. Natürlich schmeichelt es mir, wenn ich so etwas höre oder lese, und es stärkt gewiss auch meine Motivation. Aber wer welche Autoren wie einschätzt, das ist ja höchst subjektiv. So gibt es sicherlich allein für die Journalisten insgesamt Dutzende "führende deutsche Krimi-Autoren". Und für alle ist ja auch Platz.

Booksection: In ihren Romanen stehen immer die Menschen und deren Schicksale im Vordergrund. Woher nehmen Sie hierfür die Ideen und gibt es lebende Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?
Oliver Bottini: Nein, Vorbilder für die Figuren gibt es nicht, die sind in der Regel erfunden. Mich interessieren in der Literatur eben vor allem die einzelnen Menschen und ihre Schicksale, natürlich eingebettet in einen sozialen, historischen oder politischen Hintergrund, den ich erzählenswert finde.

Booksection:
Können Sie uns schon etwas über den nächsten Fall von Louise Bonì verraten?
Oliver Bottini: Können schon, wollen nicht ... Jetzt existiert erst mal nur "Jäger in der Nacht".

Booksection: Vielen Dank für das Interview!



Das Interview wurde veröffentlicht am: 01.05.2009

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