Interview mit...

...Nicole Schuhmacher


...zur Kritik von "Sturmpfade"

"Joseph der Schlosser ist mir auf einem Parkplatz in der Lavendelstadt Sault begegnet."

Booksection sprach mit der deutschen Fantasyautorin Nicole Schuhmacher über ihre Sturmwelt "Sturmträume" und "Sturmpfade".

Booksection.de: Sie haben schon einige Markus Heitz-Fantasybücher als Testleserin vorab gelesen. War er die treibende Kraft hinter Ihrem Debüt?
Nicole Schuhmacher: Markus und ich haben immer wieder Geschriebenes ausgetauscht und quer gelesen. Ohne ihn wäre ich niemals auf den Gedanken gekommen, einen Roman zu veröffentlichen, aber ihm gefielen die Geschichten aus den Thälern so gut, dass er wiederholt nachfragte, ob ich '“Sturmträume“ nicht veröffentlichen wollte. Er war recht hartnäckig, so dass ich schließlich klein beigab und mich an eine Agentur wandte :-).

Booksection.de: Musste es für Sie auch unbedingt das Genre Fantasy sein oder haben Sie auch mit anderen Genres geliebäugelt?
Nicole Schuhmacher: Es hätte nicht zwingend Fantasy sein müssen, hatte sich aber so ergeben, weil es mir damals gerade sehr viel Spaß bereitete, in der Welt von 'Sturmkraft' und 'Sturmpfade' zu schreiben. Grundsätzlich habe ich mich beim Schreiben aber immer in der Military Fiction und Military SF am wohlsten gefühlt.

Booksection.de: Sie haben für Ihr Debüt „Sturmträume“ eine umfangreiche und facettenreiche neue Welt geschafften. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Nicole Schuhmacher: Die Inspiration dafür kam aus ganz vielen und recht unterschiedlichen Quellen. Das allererste Puzzleteil entstand zum Beispiel vor über zwanzig Jahren, als ich eine Collage anfertigen wollte und mir dabei unter anderem ein aus einem Magazin ausgeschnittenes Filmfoto in die Finger fiel. Zwar verwendete ich das Bild letztendlich nicht, aber es war der Ausgangspunkt für die Entstehung der Verjig (die ich ursprünglich in einem Science Fiction - Setting benutzte). Und da ich während des Urlaubs die meiste Zeit dazu finde, Eindrücke zu sammeln und meine Gedanken wandern zu lassen, kam beinahe in jedem Sommer ein weiteres Stückchen zu meiner Welt hinzu: hier regte mich ein Arkade-Spielautomat an, da eine Hafenstadt, dort eine historische Schneiderpuppe, dann wieder ein altes Anime-Filmplakat... Joseph der Schlosser ist mir übrigens auf einem Parkplatz in der Lavendelstadt Sault begegnet :-).

Booksection.de: Ihr Debütroman ist auf ein geteiltes Echo in der Öffentlichkeit gestoßen. Wie gehen Sie mit Kritik um?
Nicole Schuhmacher: Das kommt ganz auf die Art der Kritik an. Sachlich vorgetragene und besonders mit Beispielen illustrierte Kritik verstehe ich als Gedankenfutter - als Anregung, darüber nachzudenken, was ich an aktuellen Projekten anders machen könnte/sollte/wollte. Mit Kraftausdrücken gespickte Einzeiler finde ich eher witzig. Wirklich geärgert habe ich mich allerdings über eine Rezension, aus der eindeutig hervorging, dass der oder die Rezensierende das besprochene Buch entweder überhaupt nicht gelesen oder aber vor dem Verfassen der Kritik Halluzinogene konsumiert hatte (...im Eis eingeschlossen? Kaiser? Huh?) Ich habe früher für verschiedene Fanzines Bücher rezensiert, aber ich wäre weder auf die eine noch die andere Idee gekommen

Booksection.de: Wie muss man sich das Entwickeln eine „Welt“ für einen Fantasyroman wie Ihren vorstellen?
Nicole Schuhmacher: Mitte der 80erjahre hatten mein Cousin und ich uns einige fantastische Welten ausgedacht; das sah dann so aus, dass wir stundenlang auf meiner Couch hockten, Landkarten und Bewohner zeichneten und über politische Verhältnisse diskutierten. So war es in diesem Fall nicht - die Welt von '“Sturmträume“ entstand im Laufe eines eher langen und organischen Prozesses. Am Anfang standen einzelne Eindrücke, Bilder oder Figuren, um die herum ich immer wieder Fragmente schrieb, weil mich die Bruchstücke interessierten. Mit der Zeit kamen mehr Eindrücke, mehr Bilder und mehr Fragmente hinzu, von denen ich einige wieder verwarf - entweder endgültig oder um sie an anderer Stelle zu verwerten. Manchmal passten zwei Puzzleteile auch nicht wirklich zusammen, bis ein drittes Teil zufällig hinzukam, das sie alle zusammen in einem neuen Licht erscheinen ließ. Erst, als ich überhaupt wusste, welche Geschichten sich in dieser Welt abspielen würden, begann ich mit dem vorsätzlichen Füllen geographischer, theologischer oder historischer Lücken.

Booksection.de: Haben Sie einen festen Schreibrhytmus oder müssen Sie die Geschichte aufschreiben, wenn sie „da“ ist?
Nicole Schuhmacher: Das, was mich persönlich am meisten interessiert, schreibe ich auf, wenn es 'da' ist. Falls ich mich dafür entscheide, eine Geschichte weiter zu verfolgen beziehungsweise sie fertig zu stellen, dann schreibe ich nach Plan - gnadenlos jeden Morgen zwischen fünf und sieben Uhr.

Booksection.de: Haben Sie eine Lieblingsfigur in Ihren Büchern?
Nicole Schuhmacher: Das ist ganz von meiner Tagesform abhängig. Mal bevorzuge ich Shoran, weil er sich selbst in „Sturmträume“ hineingeschrieben hat und zudem nicht immer weiß, wann er seine große Klappe zu halten hat. Dann wiederum favorisiere ich Rhedgar Callanssohn, der die erste Figur war, die im ursprünglichen Manuskript eine Hauptrolle spielte - ich hatte mit dem zweiten Band begonnen. - Heute Abend bevorzuge ich Rhedgar, vielleicht auch wegen seiner Gutmütigkeit.

Booksection.de: Einige Autoren beschreiben ihre Figuren beim Schreiben gerne als eigenwillig. Einige nehmen andere Entwicklungen als eigentlich vom Autor gedacht. Konnten Sie das beim Schreiben bei sich auch beobachten?
Nicole Schuhmacher: Oh ja - es gab zwei solcher Fälle. Einmal war da Shoran, der ursprünglich nur eine Rolle als Statist in einer Kampfszene innehatte, sich aber immer wieder an den unterschiedlichsten Stellen in Erinnerung brachte, bis ich nachgab und ihn einfach gewähren ließ. Allerdings nur bis zu einem gewissen Grad - auch wenn es insgesamt gesehen ein Riesenspaß war. Dann war da der Fall des Gegners, der sich einfach nicht geschlagen gab... ich wollte zum Mittagessen bei meiner Mutter sein, aber dieser Schurke wollte und wollte nicht sterben! Immer wieder stand er auf. Na ja, ich schaffte es dann doch noch pünktlich zum Essen, aber ich hatte so schnell tippen müssen, dass sich meine Arme anfühlten, als hätte ich selbst einen Kampf verloren.

Booksection.de: Beim Lesen von „Sturmträume“ und „Sturmpfade“ hatte ich oft den Wunsch, an manchen Stellen noch tiefer in die Geschichte einzutauchen. Ist Erzähltiefe ein Stück weit planbar?
Nicole Schuhmacher: Nun, ich musste einige der geplanten Handlungsstränge entweder an bestimmten Stellen kappen oder sogar ganz fallen lassen, da ich sonst den vorgesehenen Zeitrahmen und Umfang deutlich überschritten hätte. Stünden mir mehr als zwei Stunden täglich zum Schreiben zur Verfügung, könnte ich die Sache vielleicht ganz anders angehen... vielleicht aber auch nicht. Das kann ich am 'Reißbrett' leider nur sehr schwer abschätzen.

Booksection.de: Können Sie uns schon etwas darüber verraten wie es mit der Armee des Schlossers, mit Rika und Shoran weitergeht?
Nicole Schuhmacher: Hmmm... eigentlich wollte ich nur zwei Bücher in dieser Welt schreiben. Aber sollte es einen dritten Band geben, dann würden in diesem der Gavenner Bürgerkrieg, das Machtvakuum in Hochthal, Helis verschollene Brüder und Rikas Schulkameradin Brice eine Rolle spielen. Und ich wette, dass Shoran allen Grund haben würde, auf Rimo eifersüchtig zu sein...

Booksection.de: Frau Schuhmacher, vielen Dank für das interessante Interview.


Das Interview wurde durch Melanie Frommholz geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 11.10.2010

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