Interview mit...

...Nicci French


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"Wir werden immer von den Ängsten angezogen, die wir verstehen können."

Mit Booksection im Gespräch: Das Erfolgs-Duo Nicci French über "Seit er tot ist".

Booksection: Was gab den Ausschlag für Ihre Entscheidung den Versuch zu wagen, ein gemeinsames Buch zu schreiben und wie lange dauerte es, bis aus einem eher vagen Plan dann ein unumstößlicher Entschluss wurde?
Nicci French: Als wir uns kennen lernten, waren wir beide Journalisten. Es war üblich, dass wir unsere Artikel gegenseitig lasen, bevor wir sie einreichten. Wir lasen oft die gleichen Bücher und diskutierten darüber. Irgendwie schien es dann eine ganz natürliche Entwicklung zu sein, zusammen zu schreiben. Darüber hatten wir des Öfteren gesprochen, doch dann, 1994, lasen wir über die sehr kontrovers diskutierte Streitfrage über das Thema „wieder gefundene Erinnerung“ – traumatische Erinnerungen, die in Therapien sehr umstritten wieder hergestellt wurden. Das erschien uns eine sehr kraftvolle Idee für einen Thriller zu sein und da uns die Idee gemeinsam kam, schien es uns nur angemessen, das Buch zusammen zu schreiben und eine einzige Stimme zu entwerfen.

Booksection: Mrs. Gerrard, Sie haben ja mittlerweile auch einen Roman ohne Ihren Ehemann geschrieben. Welche Methode, ein Buch zu schreiben, fällt Ihnen denn leichter?
Nicci French: Wirklich zu schreiben ist schwierig, egal, ob nun zusammen oder allein und ich kann nicht sagen, was schwerer ist. Aber definitiv alles außer dem Schreiben selber – die Planung, das Redigieren, die Öffentlichkeitsarbeit hinterher – ist einfacher mit Sean. Wir können der erste Leser des anderen sein, wir können einander beschützen.

Booksection: Mr. French, könnten Sie sich auch vorstellen, im Alleingang einen Roman zu verfassen?
Nicci French: Tatsächlich habe ich schon bevor ich mich mit Nicci zusammentat, einige Bücher selber geschrieben. Ich habe einige Biografien geschrieben, ein paar Bücher über das Kino und zwei Romane. Es unterschied sich völlig von der Zusammenarbeit mit Nicci aber jedes Buch fühlt sich beim Schreiben anders an.

Booksection: Was ist der Grund dafür, dass Ihre Protagonistinnen immer weiblich sind? Fällt es Ihnen, Mr. French leicht, sich in eine weibliche Hauptfigur hineinzuversetzen?
Nicci French: Unser erstes Buch musste wegen des Themas eine Frau als Hauptfigur haben. Danach verspürten wir beide ein sehr großes Interesse an der Art von Ängsten, die Frauen empfinden.
Das Schreiben jeglicher Form von Fiktion erfordert es, dass man sich in das Leben anderer Leute und deren Vorstellungen hineindenken kann. Nicci und ich verbringen viel Zeit damit, uns über die Hauptfigur zu unterhalten, wer sie ist, wohin ihre Reise führt. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Essenz von Weiblichkeit gibt, die es einem Mann unmöglich macht, sie zu verstehen. Auf der anderen Seite wäre es sehr viel schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich für mich, wenn ich nicht mit Nicci zusammenarbeiten würde.

Booksection: Immer sind Ihre Heldinnen ja ganz normale Frauen, denen plötzlich etwas Außergewöhnliches zustößt, was dann ihre heile Welt wie ein Kartenhaus einstürzen lässt. Woher kommen die Ideen zu solchen dramatischen Ereignissen?
Nicci French: Wir werden immer von den Ängsten angezogen, die wir verstehen können, die Art von Ängsten, die wir in unseren Beziehungen, unseren Familien erfahren. Wir nehmen diese „alltäglichen“ Ängste und treiben sie immer weiter. Es ist schwer zu sagen, was die Quelle unserer Ideen ist. Eine Antwort wäre, dass wir einen großen Teil unseres Lebens damit zubringen, über mögliche Ideen nachzudenken und zu sprechen.

Booksection: Mrs. Gerrard, kommt Ihnen der frühere Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern zugute, wenn Sie in Ihren Büchern die seelischen Verletzungen und Abgründe von Menschen beschreiben?
Nicci French: Sicherlich – auf direkte und indirekte Weise. Als ich die Universität verließ, arbeitete ich in einem Heim mit Kindern, die emotionale Probleme und Lernschwächen hatten. Diese Erfahrung verfolgt mich bis heute, weil sie so rührend, so verwundbar und so schwierig waren und weil ich fühlte, dass ich ihnen überhaupt nicht helfen konnte. Zudem waren sie vernachlässigte Kinder – kaum jemand sorgte sich um sie oder ihr Leben. In vielen Thrillern ist Leben nichts wert, der Tod scheint keine emotionale Belastung zu sein, aber ich glaube, dass wir in unseren Romanen das Leben als wertvoll und teuer behandeln wollen.

Booksection: Auch in Deutschland sind Ihre Bücher längst Bestseller und die Fans warten sehnlich auf Nachschub aus Ihrer Feder. Hätten Sie mit einem solchen Erfolg gerechnet?
Nicci French: Wir schreiben die Geschichten, die wir schreiben müssen, wir erforschen unsere Besessenheiten und unsere Fantasien. Wir fühlen uns sehr privilegiert, dass die Leute unsere Geschichten lesen wollen.

Booksection: Wie gelingt es Ihnen, eine derartige Sogwirkung auf Ihre Leser auszuüben, dass diese einfach nicht anders können, als immer weiter zu lesen?
Nicci French: Die einzige Antwort ist, dass wir über die Dinge schreiben, die unsere Leidenschaft sind, die uns erregen. Wir hoffen, dass wir etwas von dieser Leidenschaft an unsere Leser vermitteln können.

Booksection: Auch in Ihrem neuesten Roman „Seit er tot ist“ wird eine Frau von ihren Freunden allmählich für verrückt erklärt – ein Motiv, das in vielen Ihrer Bücher so oder so ähnlich auftaucht. Was fasziniert Sie so an diesem Thema?
Nicci French: Zwischen geistiger Gesundheit und Wahnsinn ist oft nur ein schmaler Grat, und wir sind fasziniert von diesem seltsamen Gebiet, in dem es unmöglich ist, diese zwei zu unterscheiden. Und manchmal im Leben – wenn wir verliebt sind, wenn wir in Gefahr sind, müssen wir uns selbst vielleicht erlauben, ein bisschen verrückt zu werden. Seit wir „Seit er tot ist“ geschrieben haben, erzählen uns Frauen, sie würden buchstäblich verrückt vor Kummer werden, seit ihr Ehemann gestorben ist. Das ist genau das, was wir zu übermitteln versucht haben.

Booksection: Gibt es etwas, worüber Sie unbedingt noch irgendwann schreiben wollen, etwas, was Sie auf jeden Fall einmal in einem Roman thematisieren wollen?
Nicci French: Jede Geschichte ist anders, aber das trifft sicherlich auf einige unserer Bücher zu: der Liebeswahn in “Höhenangst”, der Gedanke, die eigene heranwachsende Tochter zu verlieren in „Acht Stunden Angst“, Opfersein in „Der Sommermörder“. Jeder dieser Punkte war so etwas wie ein Anfang für das Buch.

Booksection: Haben Sie schon eine Idee für Ihren nächsten Roman, und würden Sie uns etwas darüber verraten?
Nicci French: Unser neues Buch beginnt mit der Hauptfigur, einer Frau, die neben einer Leiche steht. Die Geschichte beschreibt, wie sie dorthin kam und was sie dann tut.

Booksection: Mrs. Gerrard, Mr. French, wir bedanken uns für das Beantworten unserer Fragen.



Das Interview wurde veröffentlicht am: 01.07.2009 Übersetzung: Stefanie Rufle, Angelika Koch

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