Interview mit...

...Minh-Khai Phan-Thi


...zur Buchkritik von "Zu Hause sein"

"Ich find Deutschland gut!"

Mit Booksection im Gespräch: Minh-Khai Phan-Thi.

Booksection: In Ihrem Buch „Zuhause sein“ verarbeiten Sie sehr persönliche Dinge. Was hat Sie denn dazu bewogen, diese Geschichte aufzuschreiben und zu veröffentlichen?
Minh-Khai Phan-Thi: Ich habe ja einen Dokumentarfilm gedreht, „Vietnam: Ein Land und kein Krieg“. Da konnte ich nur einen Ausschnitt Vietnams zeigen, als das, was ich gerne erzählen wollte. Das Thema hat mich beschäftigt, seit ich klein bin. Wenn mich Leute fragen: „Woher kommst Du?“ (Ich mag diese Frage gar nicht!!)  sag ich immer: „Aus Darmstadt! Also ich bin ä Hess!“ Dann sagen die Leute immer: „Nein, so sehen Sie gar nicht aus.“ Dann fragen sie halt „Woher kommen Deine Eltern?“ Dann sag ich immer: „Frag das doch gleich!“ Und wenn ich dann sage „Vietnam!“ sagen immer alle: „Oh ja, der Vietnam-Krieg.“ Für mich ist und war Vietnam nicht immer nur Krieg. Das war also der erste Anstoß dieses Buch zu schreiben.
Als ich mit 20 in die Medienbranche kam, hab ich immer gesagt, dass ich irgendwann einen Dokumentarfilm drehen werde, in dem ich mit diesen Missverständnissen, die man über dieses Land hat, aufräume. Das hab ich dann mit dem Film gemacht, der dann auch sehr erfolgreich wurde. Danach hat mich dann eine Literaturagentur angesprochen: „Möchtest Du nicht über Vietnam ein Buch schreiben?“ und ich gleich: „Um Gottes Willen! Auf keinen Fall!! Ich bin Moderatorin und Schauspielerin und vor allen Dingen Mama. Ich hab keine Zeit für so was!!“ Nach langem Hin und Her, auch nachdem auf der Buchmesse 2005 großes Interesse bekundet wurde, was ich nie für möglich gehalten hätte, hab ich vom DIANA VERLAG einen total süßen Brief bekommen. Die haben mich dann sehr gut rum bekommen.
Das Buch steht auf drei Säulen: Die erste ist meine Sichtweise auf Vietnam und auf Deutschland, die zweite ist die Integration und die dritte ist die Geschichte meiner Eltern. So entstand dieses Buch. Ich sollte eigentlich 120 Seiten schreiben, jetzt sind es 280 Seiten geworden. Es kam alles so aus mir raus…

Booksection: War es schwer dieses Buch zu schreiben?
Minh-Khai Phan-Thi: Ich werde ja sehr oft zu solchen Themen, wie Integration, als Gastredner eingeladen. Deshalb war das eigentlich nicht schwer. Es war eher schwer für mich das zu strukturieren. Ich rede sehr viel durcheinander, da konnte das schwierig werden. Die ersten 8 Monate habe ich sehr autark geschrieben und es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Ich konnte mir dadurch auch leisten, vieles nicht zu machen. Ich wollte mich aufs Schreiben konzentrieren und viel mit meinem Sohn zuhause sein. Das hatte auch Vorteile.

Booksection: War das wie eine innere Einkehr zu sich selbst?
Minh-Khai Phan-Thi: Es ist auf jeden Fall eine sehr tiefe und sehr ruhige Arbeit. Die tiefste, die ich jemals hatte. Ich habe einen ganz großen Respekt vor Autoren. Ich habe schon immer sehr, sehr viele Bücher gelesen. Meine Bücher sind mein Heiligtum. Das Heiligtum wollte ich auch nie ankratzen, in dem ich selbst schreibe. Man beschäftigt sich anders mit der Sprache, man setzt sich mit einem Thema und der Geschichte seiner Eltern anders auseinander. Es war zum Teil sehr berührend. Das schönste Kompliment habe ich von meiner Mama bekommen, die wirklich jeden Abend beim Lesen dieses Buches geweint hat, weil es für sie natürlich total berührend war, ihre eigene Geschichte zu lesen und meine Gedanken dazu zu „hören“.

Booksection: Müssen Sie noch immer mit Vorurteilen kämpfen?
Minh-Khai Phan-Thi: Es ist ein alltäglicher Kampf! Es ist diese Alltags-Diskriminierung, die es manchmal so schwer macht. Es ist allerdings nicht so, das ich nur auf die Deutschen zeige, ich kritisiere genauso die Landsleute meiner Eltern. Das wichtigste sollte doch sein, seinem Kind die Freiheit zu lassen, zu wählen und nicht: „Du musst jetzt Vietnamesin sein!“ Sondern, dass Du die Freiheit hast, beides sein zu dürfen. Das haben mir meine Eltern immer gelassen. Sie haben immer beide Kulturen in ihrer Erziehung vereint, was ich sehr wichtig finde, weil nur so hab ich die Chance gehabt, in beiden aufzuwachsen und hatte auch wirklich irgendwann die Chance zu wählen.  Das ist die eine Sache, die ich immer bei Podiumsdiskussionen versuche zu vermitteln. Die andere Sache ist, die deutsche Sprache so gut zu beherrschen, dass man argumentieren kann.
Man muss immer das Land respektieren, in dem man lebt und im Gegenzug müssen die Deutschen neugieriger sein und nicht einfach nur fragen „Woher kommst Du?!“, sondern „Woher kommen Deine Eltern?“, das ist eine kleine Nuance, die es einfach besser macht und einen nicht ausgrenzt.

Booksection: Ist dieses Schubladendenken „typisch deutsch“?
Minh-Khai Phan-Thi: Auf jeden Fall. Ich merke das auch ganz stark, wenn ich in Amerika bin und die Leute fragen „Where do your parents come from?“. Die gehen immer davon aus, dass Du dazugehörst und Amerikanerin bist.
Ein anderes Beispiel ist die Schauspielerei. Da merk ich das auch ganz oft: Schublade auf und Schublade zu. Und irgendwann hab ich mich mal gefragt, welcher Schublade ich eigentlich angehöre?
Die Leute kamen auf mich zu und sagten: „Du bist Moderatorin, Du kannst nicht noch Schauspielerin sein! Und wenn Du Schauspielerin bist, kannst Du nicht noch einen Dokumentarfilm drehen. Und wenn Du einen Dokumentartfilm drehst, kannst Du nicht auch noch ein Buch schreiben. Du musst Dich langsam mal entscheiden!“ Typisch deutsch!! Die Welt ist nun mal so, das man etwas macht und in 10 Jahren vielleicht was anderes machen will. So ist die Welt. Sie verändert sich, wir verändern uns mit. Wenn ich in 10 Jahren Pastorin sein will, dann möchte ich das Recht haben, das auch machen zu dürfen, ohne das jemand sagt: „Das geht nicht.“ Weil: Wer sagt das?! Das empfinde ich als sehr deutsch.
Ich hab es schon erlebt, dass man mich auf Englisch angesprochen hat, ich hab auf Deutsch geantwortet, und mein Gegenüber hat trotzdem auf Englisch weiter gesprochen. Oder wenn jemand sagt: „Ach, Sie sprechen aber gut deutsch!“ Das kann ich echt auch schon nicht mehr hören.

Booksection: Das haben Sie als Kind schon stark gespürt?
Minh-Khai Phan-Thi: Das würde ich nicht sagen. Ich bin in Hessen aufgewachsen, also damals noch Rot/Grün, sehr liberal. Da war das anders. Ich war zwar die einzige Asiatin auf meiner Schule, aber ich hab mich ehrlich gesagt nicht anders gefühlt. Ich hab mich erst anders gefühlt, als ich das erste Mal nach Vietnam kam. Da hab ich gemerkt, dass die zwar alle wie ich aussehen, aber sich ganz anders verhalten. Da hab ich zum ersten Mal kapiert: Ich bin anders.

Booksection: Als Sie damals nach Vietnam kamen, empfanden Sie dann so etwas wie Heimatgefühle oder war das auch erstmal fremd?
Minh-Khai Phan-Thi: Das war total fremd. Mein Zuhause ist und bleibt Deutschland. Vietnam sind meine Wurzeln. Die brauchst Du um groß zu werden, aber die Zutaten dafür, Sonne, Wasser und alles, was zum Wachsen dazugehört, das ist für mich Deutschland., aber die Wurzeln werden immer da sein.

Booksection: Es ist einfach schön zu hören, das in Deutschland eben nicht alles schlecht ist und man hier auch Spaß haben und Werte vermitteln kann, die wichtig sind, für die Entwicklung eines Kindes.
Minh-Khai Phan-Thi: Ich glaube, man tut den Deutschen sehr unrecht, wenn man auf ihnen rumtrampelt. Es zeugt immer von großer Arroganz und nicht wirklichem Verständnis. Spätestens nach der WM 2006 kann keiner mehr was Schlechtes über Deutschland sagen. Also: ICH find Deutschland gut.



Das Interview wurde veröffentlicht am: 12.10.2007

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