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Interview mit...
...Michael Tietz
...zur
Buchkritik von "Rattentanz"
"Ich hatte schon immer den Traum, etwas zu schreiben, auf dem dann mein Name steht."
Mit Booksection im Gespräch: Schriftsteller Michael Tietz.
Booksection: Wir haben hier nun Ihr erstes Buch vor uns liegen.
Sie haben drei Jahre dafür benötigt?
Michael Tietz: Für das Schreiben ein Jahr, aber vorneweg habe
ich zwei Jahre über der Idee gebrütet. Aber am besten fangen wir am
Anfang an, denn die Frage, ob ich schon immer schreiben wollte, wird bestimmt
kommen. (grinst)
Ich hatte schon immer den Traum, etwas zu schreiben, auf dem dann mein Name
steht. Ich habe Kurzgeschichten geschrieben, mit denen ich von der Qualität
und der Sprache her aber nie ganz zufrieden war. Dieses Hobby habe ich dann
irgendwann überhaupt nicht mehr gepflegt. Irgendwann entstand dann bei
mir die Idee zu diesem Thema, doch am Anfang war es einfach nur eine Idee. Dann
kam eines zum anderen, irgendwann hatte ich sogar Figuren im Kopf, bis meine
Frau dann gesagt hat: „Jetzt schreib´s doch endlich auf, damit ich
endlich meine Ruhe habe.“ (lacht) Um zu verhindern, dass mir das Ergebnis
am Ende wieder qualitativ und sprachlich nicht gefallen würde, habe mich
mir drei Bücher ausgesucht, die mir vom Schreibstil her unwahrscheinlich
gut gefallen und nachgesehen, was sie von meinen bisherigen Arbeiten wesentlich
unterscheiden. Mir fielen ein paar Stichpunkte auf, auf die ich achten wollte,
und dann habe ich einfach los geschrieben.
Booksection: Die Idee zu „Rattentanz“ ist eine
sehr erschreckende – nachvollziehbar, aber dennoch erschreckend. Könnten
Sie sich vorstellen, in einem ähnlichen Szenario überleben zu können?
Michael Tietz: Bestimmt nicht! Ich weiß auch nicht,
wie viele Menschen das überhaupt noch könnten. Man denkt immer, man
lebt auf dem Land, hat einen Garten und kommt mit seinen Nachbarn gut aus. Aber
das sind die normalen Verhältnisse – jedem geht es gut, jeder hat
alles, da ist das kein Problem. Aber wie willst du eine dreiköpfige Familie
mit einem Hobbygärtchen ernähren? Nein, das geht nicht.
Booksection: Wenn wir unsere momentane Situation betrachten,
die von Korruption, Egoismus und emotionaler Verarmung geprägt ist, scheint
die Frage, ob nicht nur ein totaler Zusammenbruch dieses Systems uns noch retten
kann, durchaus berechtigt. War es dieser Gedanke, der Sie zu „Rattentanz“
bewogen hat?
Michael Tietz: Nein. Ich hatte keinerlei Intention, zu belehren
oder etwas anzuprangern. Ich war einfach nur von der Idee fasziniert, wie wir
leben können, wenn es von heute auf morgen nichts mehr gibt. Das war der
einzige Grund und ich war so neugierig, wie das Ganze ausgehen würde, dass
ich elf Monate ununterbrochen mit Schreiben beschäftigt war – so
gut das mein Dienst im Krankenhaus eben zugelassen hat.
Booksection: Heißt das, dass Sie zu Beginn nicht wussten,
wie die Geschichte enden wird?
Michael Tietz: Ich hatte schon einen groben Plot im Kopf,
die wichtigsten Personen und was in etwa passieren soll. Es war für mich
klar, dass sich die Handlungsstränge an den drei Familienmitgliedern entlang
hangeln sollten. Aber die Figur des Thomas beispielsweise, die ja für mich
eine sehr wichtige Person ist, wie ich auch im Nachwort geschrieben habe, gab
es am Anfang für mich noch nicht. Irgendwann stand ich dann mit meiner
Frau in der Küche, sah, wie so oft, durch sie hindurch (lacht) und ging
dann in mein Arbeitszimmer, weil mir die Idee zu dieser Figur mit den drei Stimmen
im Kopf kam. Und so waren viele Figuren gar nicht geplant, sie sind aus der
Geschichte heraus erwachsen. Ich wusste, wo ich hin will, was ungefähr
das Ende sein sollte, aber wie der Epilog ausfallen würde, war mir noch
überhaupt nicht klar. Am letzten Tag habe ich dann zwanzig Seiten am Stück
geschrieben.
Booksection: Das Ende war für mich persönlich sehr
stimmig, weil alles andere auf mich unglaubwürdig und kitschig gewirkt
hätte. Haben Sie Reaktionen von Lesern bekommen, die das anders sahen?
Michael Tietz: Nein, alle, die sich bei mir gemeldet haben,
fanden es gut so. Es kann natürlich sein, dass die, denen es nicht gefallen
hat, sich nicht bei mir gemeldet haben. (lacht) Meine Sorge während des
Schreibens war auch, dass es mir hoffentlich gelingen würde, ein Ende zu
entwerfen, das die Leser zufrieden zurück lassen würde. Es gibt für
mich nichts Schlimmeres, als wenn man todtraurig und mutterseelenallein gelassen
am Ende ein Buch zuschlägt.
Booksection: Die Zeichnung Ihrer Charaktere, die allesamt
völlig authentisch und überzeugend sind, zeugt von großer Menschenkenntnis
und einer guten Beobachtungsgabe. Spricht hieraus Ihre eigene Erfahrung?
Michael Tietz: Ja, sicherlich Erfahrung, aber da das Buch ja
in meinem Heimatort und in dem Krankenhaus, in dem ich arbeite spielt, habe
ich es konsequent vermieden, dass irgendeine Figur irgendjemandem aus meinem
Umfeld ähnelt. Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe, ich habe
mich auf die Figuren eingelassen und versucht, nicht nur „Gute“
oder „Böse“ zu schaffen, sondern auch zu zeigen, dass jeder
positive und negative Seiten hat. Vielleicht ist es das, was die Figuren so
greifbar und nachvollziehbar macht. Hinzu kommt, dass es alle Leute wie du und
ich sind und ich könnte mir vorstellen, dass das viel zu ihrer Authentizität
beiträgt.
Booksection: Bei Charakteren wie beispielsweise Thomas, der
ja eine schizophrene Persönlichkeit ist, bedarf es ja schon eines gewissen
Hintergrundwissens. Wie haben Sie recherchiert?
Michael Tietz: Ich habe für das Buch überhaupt nichts
recherchiert. (lacht) Erst im Nachhinein tauchte die eine oder andere Frage
von meinen Testlesern auf, z. B. ob Flugzeuge tatsächlich so schnell abstürzen
können, wenn die Computer ausfallen. Das habe ich dann im Nachhinein recherchiert,
wurde da aber in meinen Vorstellungen bestätigt. Aber gerade bei Thomas
habe ich nichts recherchiert. Er ist eine Figur, über die ich fünf
Bücher schreiben könnte, denn bei ihm kann ich machen, was ich will.
Ich bin bezüglich seines Denkens oder Redens an nichts gebunden, weil er
ja verrückt ist. Und der glücklichste Mann der Welt, der an der Staumauer
auftaucht, war auch so eine Figur. Ich musste manchmal aufpassen, dass ich nicht
zu viel von solchen Charakteren einbaue, damit es nicht zu abgefahren wird.
(lacht)
Booksection: Es gibt in Ihrem Buch Figuren, bei denen nie
ganz klar ist, ob Sie nun die „Guten“ oder die „Bösen“
sind.
Michael Tietz: Ja, ich hatte auch einige Figuren von Anfang
an so angelegt, doch dann hat das im Verlauf der Geschichte eine Eigendynamik
entwickelt und ich konnte ihnen aus dem Kontext der vorigen Ereignisse diese
Rolle nicht mehr zukommen lassen. Es war für mich nicht mehr machbar, bestimmte
Charaktere zu Bösewichten werden zu lassen – aber es gibt ja Ersatz!
(lacht)
Booksection: Ist es also schon so, dass einem bestimmt Charaktere
mit der Zeit ans Herz wachsen und man dann Skrupel hat, ihnen die Funktion zuzuordnen,
die sie ursprünglich hatten?
Michael Tietz: Ja, ans Herz wachsen tun sie einem auf jeden
Fall. Aber Skrupel hatte ich keine, weil sie mir erst ans Herz gewachsen sind,
als schon klar war, welche Rolle sie spielen werden. Ich habe sie auch erst
beim Schreiben kennen gelernt. Das klingt jetzt vielleicht verrückt, aber
wenn ich mich morgens um sieben zum Schreiben hingesetzt habe, wusste ich selber
noch nicht, was ich jetzt schreiben werde. Ich wusste, wo ich am Tag zuvor aufgehört
habe und habe dort weitergemacht. Auf einem Zettel hatte ich mir die Eckpunkte
notiert, aber die Details kamen erst beim Schreiben.
Booksection: Was mir besonders gefallen hat, ist dass Sie
nie polemisch wurden. Fällt das bei einem solchen Thema nicht besonders
schwer?
Michael Tietz: Für mich war es nicht schwierig, weil
die Intention meiner Geschichte war, diese Geschichte zu erzählen. Mir
waren die Personen wichtig und was sich daraus entwickelt. Über die Ursachen
oder die Fehler, die wir tagtäglich machen, wollte ich mich nicht auslassen.
Ich wollte nicht den Zeigefinger heben und irgendwen belehren – es ging
einfach um die Geschichte.
Booksection: Ihre Geschichte ist unheimlich vielschichtig,
ganz viele Erzählstränge laufen zusammen. Wie behält man da den
Überblick?
Michael Tietz: Das fiel mir weniger schwer, ich musste nur
aufpassen, dass ich immer das richtige Datum einsetzte, die Uhrzeiten miteinander
abglich
Booksection: Mit welcher Figur aus dem Buch können Sie
sich am ehesten identifizieren?
Michael Tietz: Mit dem Thomas. (lacht) Nein, bitte löschen Sie das. (lacht)
Ich denke, in jeder Figur ist ein Stück von mir, aber es gibt keine, die
mir ähnlich ist. Egal, ob Bösewicht, Verrückter, Frau, Mann,
jeder hat ein bisschen was von mir, denn ich kann ja nur über das schreiben,
was ich erfahren habe, was ich selber denke oder empfinde.
Booksection: In Ihrem Nachwort schreiben Sie, dass ein solches
Szenario durch Computerhacker nicht wirklich geschehen könnte. Halten Sie
das wirklich für ausgeschlossen?
Michael Tietz: In dem Ausmaß, wie ich es beschrieben
habe, halte ich es nicht für möglich. Die einzigen, die mir auf meine
Nachfrage, ob das so denkbar wäre, geantwortet haben, waren die Leute vom
„Chaos-Computerclub“, Innenministerium und Energiekonzerne ließen
nichts von sich hören. (lacht) Die vom „Chaos-Computerclub“
haben mir geschrieben, dass die Betriebssysteme von diesen Großkonzernen
zu unterschiedlich von denen bei uns zuhause seien, als dass so etwas denkbar
wäre. Was ja aber nicht heißt, dass nicht doch irgendwann jemand
in der Lage wäre, einen solchen Virus zu erschaffen. Es würde aber
in meinen Augen schon ausreichen, wenn eine dieser wichtigen Lebensadern durchschnitten
wird, um ein riesiges Chaos zu verursachen, allein schon wenn keine Telefone
mehr funktionieren würden, wären wir ja aufgeschmissen.
Booksection: Man kommt ja schon ins Grübeln, wenn man
sich die Frage nach dem „Was wäre wenn“ stellt. Was ist, wenn
der Kühlschrank nicht mehr funktioniert oder Diabetiker sich kein Insulin
mehr aus der Apotheke holen können. War es für Sie auch so, dass dann
eins zum anderen kam?
Michael Tietz: Ja, und ich musste mich wirklich ganz oft ausbremsen,
um bei diesen Kleinigkeiten im täglichen Leben nicht zu viel zu beschreiben.
Über dieses Thema könnte man sich stundenlang auslassen und ganz viele
Dinge, die dann auch noch eintreten würden, habe ich gar nicht erwähnt,
weil das einfach zu viel geworden wäre.
Booksection: Wie würden Sie selber Ihre Geschichte bewerten,
wenn Sie in einem stillen Kämmerlein sitzen und darüber nachdenken
würden?
Michael Tietz: Ich würde mein Buch zu gerne mal in einem stillen Kämmerlein
lesen, so, als hätte ich es noch nie gelesen – das wäre mein
Traum. Ich habe eigentlich immer gezweifelt – meine Frau kann davon Lieder
singen. (lacht) Sie musste jeden Abend lesen, was ich geschrieben habe –
das war für mich wichtig, um einen Eindruck zu bekommen, ob es gut war.
Aber gezweifelt habe ich immer. Dann habe ich das Manuskript Freunden gegeben,
die es auch toll fanden.
Booksection: Aber Sie haben es trotzdem nicht geglaubt, auch
als der Verlag das Buch dann toll fand?
Michael Tietz: Nein, aber je mehr positive Rezensionen jetzt
zurückkommen, desto eher denke ich, dass es schon ganz ordentlich geworden
ist. Ich habe mein Bestes gegeben und die tollste Bestätigung ist es für
mich, wenn Leute wie Sie ein Interview mit mir führen wollen und gute Rezensionen
schreiben. Außerdem darf ich heute zum ersten Mal offiziell erwähnen,
dass der Ullstein-Verlag die Rechte für mein Buch erworben hat –
im Winter 2010 wird „Rattentanz“ bei Ullstein als Taschenbuch erscheinen!
Booksection: Herzlichen Glückwunsch dazu!
Während ich Ihr Buch gelesen habe, habe ich mich unwillkürlich dabei
ertappt, die Leute in meiner Umgebung zu beobachten und mich zu fragen, ob sie
nun zu denen gehören würden, die plündern und vergewaltigen würden
oder zu denen, die menschlich bleiben würden. Man kommt ja schon ins Nachgrübeln,
ob alles im Chaos versinken würde. Haben Sie persönlich Hoffnung,
dass es uns gelingen würde, eine zivilisierte Ordnung beizubehalten?
Michael Tietz: Nein! Ich glaube, dass ich noch sehr moderat
geschrieben habe. Ich könnte mir vorstellen, dass es noch sehr viel schlimmer
kommen würde. In manchen Rezensionen wird mir leicht angekreidet, dass
sehr viele Gewaltszenen vorkommen, ich habe mich da aber noch sehr zurückgehalten.
Ich wollte es für meine Leser lesbar machen, denn man möchte ja nicht
nur runter gezogen werden. Man sieht ja, wozu der Mensch in der Lage ist, selbst
wenn noch ein zivilisiertes System vorhanden ist, was in meinem Buch ja nicht
mehr der Fall ist. Da können wir nur beten, dass so etwas nie eintritt.
Booksection: Was würde Ihnen persönlich am meisten
fehlen, müssten wir von einer Sekunde zur nächsten auf sämtlichen
Luxus verzichten?
Michael Tietz: Wahrscheinlich meinen Laptop. (lacht) Aber
ich könnte ja noch von Hand schreiben. Ich glaube, die technischen Errungenschaften
würde ich nicht groß vermissen, aber schließlich nutzen wir
sie ja auch jeden Tag, ohne uns darüber Gedanken zu machen.
Booksection: Sind es dann eher die sozialen Kontakte, die
uns am Leben halten würden?
Michael Tietz: Die sind das A und O. Vielleicht wurde mir das
auch bewusst, weil wir damals gerade nach Wellendingen umgezogen waren. Wir
waren schon skeptisch, wie wir in einer so kleinen Gemeinde aufgenommen werden
würden. Aber das war super, wir wurden so herzliche willkommen geheißen
und ich glaube, das war sehr prägend für mein Buch. Wirkliche soziale
Netzwerke sind in einer solchen Situation – aber auch im normalen Leben!
– das A und O.
Für mich war auch wichtig zu sehen, wie sich hierbei dann die Gewichtung
verschieben würde. Gerade die alten Leute, die bei uns ja nur noch wenig
zählen, würden dann wieder wichtig werden, denn sie wüssten,
wie man eine Kuh melkt oder ein Huhn schlachtet. Die „wichtigen“
Leute mit ihren Handys und Aktenköfferchen wären plötzliche völlig
entbehrlich in ihren Leistungen. So hat ja auch Hildegund Teufel in meinem Buch
wieder eine ganz wichtige Rolle bekommen.
Booksection: Herr Tietz, wir bedanken uns für dieses nette Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg mit diesem großartigen Buch!
Das Interview wurde am 23.10.2009 durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 26.10.2009