Interview mit...

...Martin Suter


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"Beim Schminken muss ich dann halt meiner Frau mal genauer zuschauen.;"

Mit Booksection im Gespräch: Martin Suter.

Booksection: Herr Suter, das erste Buch, was ich von Ihnen gelesen habe war „Die dunkle Seite des Mondes“. Damals habe ich beschlossen, diesen Autor, dem es gelingt, so glaubhaft andere Wirklichkeiten  zu beschreiben, unbedingt einmal kennen lernen zu wollen. Wie ist es Ihnen möglich, den Wechsel bzw. den Verlust der Identität so realistisch zu beschreiben?
Martin Suter:  (überlegt) Ich finde, man muss das sehr realistisch tun. Die Dinge, die stimmen können, die es wirklich gibt, die müssen dann auch unbedingt der Realität entsprechen. Es muss gut recherchiert sein, und auf dieser Basis des Wahrhaftigen kann man dann schon ab und zu mal eine Lüge ersteigen lassen. Ja, aber schlussendlich ist des schon der Realismus – ich muss es mir selber so vorstellen, als ob ich es vor mir sehe und es dann beschreiben.

Booksection: In Ihren Romanen ist das Hauptthema immer der Identitätsverlust des Protagonisten oder der Protagonistin. Was fasziniert Sie denn so an diesem Thema?
Martin Suter: Wahrscheinlich fasziniert alle Leute ab und zu die Frage „Wer sind wir und wer könnten wir auch noch sein?“. Einerseits ist es die Faszination dieser Frage, dieser schmale Grat zwischen den Identitäten, zwischen den Persönlichkeiten - die Wandlung auf diesem schmalen Grat hat mich immer interessiert. Das andere ist eine sehr praktische Sache. In einer Geschichte sollte, und das nicht nur nach meiner Auffassung, eine Veränderung stattfinden. Am besten ist dabei eine Veränderung einer Figur, bzw. der Hauptfigur. Das ist ein Prinzip, an das ich mich halte, und weil mich der Prozess der Veränderung weniger interessiert, als die Reaktion der Figur auf diese Veränderung, führe ich die auch manchmal sehr abrupt herbei.

Booksection: Wenn man Ihre Bücher liest, wird klar, dass es tatsächlich sehr viele Möglichkeiten gibt, seine Identität zu verlieren.
Martin Suter: Ja, die Identität sitzt ja im Kopf und wenn im Kopf etwas passiert, dann hat das schnell Einfluss auf die Identität.

Booksection: Die meisten Ihrer Bücher haben männliche Protagonisten, nur in „Der Teufel von Mailand“ ist die Hauptfigur eine Frau. Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie aus Sicht eines Mannes oder einer Frau schreiben? Ist es schwieriger für Sie als Mann, die Sicht einer Frau zu beschreiben?
Martin Suter:  Es ist ja eigentlich natürlich, dass bei männlichen Schriftstellern die Hauptfiguren Männer sind. Ich wurde auch  von zwei Rezensentinnen kritisiert, als ich eine weibliche Hauptfigur hatte – vor allem, weil ich sagte, dass es mir nicht besonders schwer gefallen sei, mich in die weibliche Rolle hineinzudenken. Als ich die Figur hatte und zu beschreiben begann, war ich ziemlich schnell sehr vertraut damit. Klar, natürlich habe ich mehr Erfahrung damit, wie man sich rasiert, als wie man sich schminkt, dafür muss ich nicht recherchieren. Beim Schminken muss ich dann halt meiner Frau mal genauer zuschauen oder mit ihr reden. Aber ich lebe ja schon sehr lange mit einer Frau zusammen – so fremd ist mir dieses Geschlecht also nicht.

Booksection:  Sie bedienen mit Ihren Büchern ja zwei sehr unterschiedlich Genres. Auf der einen Seite sind da die Romane, auf der anderen die Bücher aus der Business-Class. Wie schwierig ist es für Sie, zwischen diesen beiden Genres hin und her zu wechseln?
Martin Suter: Die Bücher aus der Business-Class sind Sammlungen meiner Kolumnen, die schreibe ich jetzt nicht mehr. Aber es war nie schwierig, ein Schriftsteller muss zwischen den Milieus hin und her springen können. Dann macht das auch die Form: Die  Kolumnen sind ja, kurze, auf die Zeile geschriebene Geschichten, und Romane sind das eben nicht. Mir hat es immer Spaß gemacht, die verschiedenen Gattungen des Schreibens zu betreiben.

Booksection:  Könnten Sie also nicht sagen, dass Ihnen eines von beiden mehr Spaß oder Freude macht?
Martin Suter: Romane zu schreiben ist natürlich schon die Königsdisziplin, das macht schon mehr Spaß. Die Kolumnen waren aber immer eine sehr gute Fingerübung, hier habe ich viel gelernt über Dialoge, Dramaturgie, über Strukturen und das Gefühl von Längen. Ich vermisse es zwar heute nicht, aber es hat mich auch nie belastet.

Booksection:  Würden Sie sagen, dass es intensiver ist, an einem Roman zu schreiben? Erleben Sie es so, als würden Sie ein Stück weit selber in dem Geschehen, in der Handlung leben?
Martin Suter:  Ja, es ist intensiver, man ist auch viel länger darin gefangen. Eine Kolumne hat man in einem, schlimmstenfalls in zwei Tagen wieder weg. Wenn man einen Roman schreibt, ist man oft etwas zerstreut oder asozial.

Booksection: Welches Ihrer Bücher ist denn Ihr persönliches Lieblingsbuch?
Martin Suter: Es ist meistens das jüngste Kind und somit „Der letzte Weynfeldt“. Im Fall von „Der letzte Weynfeldt“ ist es aber auch so, dass ich die Figur sehr mag. Das Buch ist mir im Moment sehr lieb. Aber auch mein erster Roman „Small World“ ist mir sehr nahe, weil er mit meiner eigenen Geschichte zu tun hat und auch die Basis zum Erfolg war.

Booksection: Hier am Stand von Diogenes gibt es ein ganzes Regal nur mit Martin Suter-Büchern. Ist es für Sie immer noch emotional berührend, wenn Sie auf die Messe kommen und Ihre vielen Bücher sehen oder ist das schon normal für Sie?
Martin Suter: Es ist schon nicht mehr wie am Anfang, als das erste Buch ausgestellt war, aber es ist immer noch beeindruckend. Ich stehe zwar nicht staunend vor diesem Regal, aber der Anblick lässt mich schon nicht kalt.

Booksection: Schreiben Sie an einem neuen Buch?
Martin Suter:  Ja.

Booksection: Würden Sie etwas darüber verraten?
Martin Suter: (lacht) Nein.

Booksection:  Eine klare Antwort! Herr Suter, wir bedanken uns für das Gespräch.



Das Interview wurde veröffentlicht am: 17.10.2008

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