Interview mit...

...Lukas Hartmann


...zur Kritik von "Finsteres Glück"

"Es ist eine Art Balanceakt, den ich beim Schreiben immer wieder erlebe."

Mit Booksection im Gespräch: Romanautor Lukas Hartmann über "Finsteres Glück".

Booksection.de: „Finsteres Glück“ ist bereits eine Woche nach Erscheinen auf Platz 2 der Schweizer Bestsellerlisten gelandet. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg bei der doch sehr düsteren Geschichte?
Lukas Hartmann:
Ich kann es mir offen gestanden nicht erklären. Ich habe gedacht, dieses Buch würde ein Flop werden, denn ich enttäusche damit sehr viele Erwartungen von Lesern, die sich von mir einen weiteren historischen Roman wünschten. Dann ist es wirklich eine sehr traurige Geschichte – wenn auch nicht hoffnungslos, was für mich wesentlich war. Außerdem bin ich ein Mann, der sich in eine Frau versetzt, in die Ich-Erzählerin, und das ist in den Augen einiger Frauen doch verboten . Wobei mir das seit dem Erscheinen des Buchs noch niemand vorgeworfen hat. Schließlich gibt es doch zwischen Männern und Frauen genügend Überschneidungsbereiche. Allerdings würde ich nie in der Ich-Form eine Geburt beschreiben. Ich selbst finde es völlig in Ordnung, wenn Frauen sich in Männer hineinversetzen und dies auf mich glaubwürdig wirkt
Ich war der Meinung, das seien insgesamt keine Erfolgsfaktoren, doch ich habe noch nie so rasch so viele Rückmeldungen bekommen wie bei diesem Buch. Ich habe mich auch in meiner Erwartung, das Buch würden hauptsächlich Frauen lesen, getäuscht. Ich bekomme beinahe mehr Rückmeldungen von Männern, die sich berührt, aufgewühlt und nachdenklich fühlen und mir das mitteilen wollen. Von dieser Wirkung bin ich sehr überrascht.

Booksection.de: Was hat Sie denn bewogen, diesmal keinen historischen Roman zu schreiben, sondern in eine ganz andere Richtung zu gehen?
Lukas Hartmann: Manchmal gibt es Themen, die einen nicht loslassen. Vor sieben Jahren habe ich bereits versucht, diesen Stoff zu gestalten. 2003 hatte ich eine erste Fassung geschrieben, aber sie war, von der Perspektive und der Komposition her, ganz anders. Ich war überhaupt nicht zufrieden damit und habe gedacht, nun gut, dann lasse ich es sein. Aber der Stoff hat sich zurückgemeldet. Ich nehme an, das hängt auch damit zusammen, dass ich in den letzten Jahren sehr stark mit Tod konfrontiert wurde – mit Tod und Leben. Das war dann wohl ein Mittel für mich, so etwas abzuarbeiten und mit mir selber klarzukommen.

Booksection.de: Es ist spürbar, dass dieses Thema mit Ihnen selbst zu tun hat. Manchmal war es beim Lesen auch sehr schwer auszuhalten, weil man sich selber mit dem Thema Tod und was das für einen bedeutet, auseinandersetzen muss.
Lukas Hartmann: Ich weiß. Einige haben mir auch geschrieben, es sei dieser Junge, der sie so bewege. Ich denke, da klingt auch die eigene Kindlichkeit an. In uns allen steckt noch das kleine Kind, das sich ängstigt, das befürchtet, plötzlich die Eltern nicht mehr zu haben, und das trifft bei Yves, dem achtjährigen Jungen in meiner Geschichte, in vollem Maße ein. Diese Verlustangst kennen alle, und hier können sie sich damit auseinandersetzen. Sie sehen das Kind aber von außen. In der ersten Fassung gab ich die Innensicht von Yves wieder, und das ist mir nicht geglückt. Yves behält jetzt einen rätselhaften Kern, der nicht erschließbar ist. Vielleicht macht das auch die Faszination aus, die man dem Kind gegenüber empfindet.

Booksection.de: Es gelingt Ihnen unglaublich gut, Yves’ Seelenqual, seine Einsamkeit und innere Zerrissenheit zu beschreiben. Konnten Sie hier auch aus Ihrer Erfahrung, die sie früher als Lehrer und Jugendberater gesammelt haben, schöpfen?
Lukas Hartmann: Ich denke, da kommen zwei Komponenten zusammen. Zum einen sind es meine eigenen Erinnerungen, die sehr weit zurückreichen, und es ist das, was ich mit Kindern erlebt habe und auch heute noch erlebe.

Booksection.de: Wie kamen Sie auf die nicht ganz alltägliche Idee, den tragischen Unfalltod einer fast kompletten Familie mit dem Phänomen der Sonnenfinsternis zu verknüpfen?
Lukas Hartmann: Ich bin von einer Zeitungsnotiz ausgegangen, die mich nicht mehr losließ. Sie berichtete über einen solchen Unfall am 11. August 1999, am Tag der totalen Sonnenfinsternis. Diesem konkreten Unfall bin ich nicht nachgegangen. Die Meldung jedoch hat bei mir sehr viel ausgelöst - und das über Jahre hinweg. Von Anfang an hat mich die Verbindung von Sonnenfinsternis und Unfallinteressiert. Ich wusste erst gar nicht so recht, warum. Es hängt wohl damit zusammen, dass das Bild der Finsternis von Anfang zulässt sich vorzustellen: Da kommt auch wieder das Licht! Man kann das vielleicht als Hoffnungssymbol sehen. Es ist schon so: Wir wüssten nicht, was Finsternis ist, wenn es nicht das Licht gäbe. Ebenso können wir ein Unglück nur als Unglück erkennen, weil es auch das Glück gibt und umgekehrt. Deswegen habe ich den Teil mit dem Isenheimer Altar eingewoben, und das hat selbstverständlich viele Leser irritiert. Ich wusste von Anfang an, dass dies die Leserschaft in gewisser Weise spalten wird – die einen finden es gut, die anderen überspringen es einfach, manche ärgern sich und einige sagen, dass dieser Mittelteil das Kernstück sei. Aber so wollte ich es.

Booksection.de: Heißt das, dass Sie schon gewisse Reaktionen bei der Leserschaft provozieren wollten?
Lukas Hartmann: Ja, es sind sehr subjektive Reaktionen, die einem bewusst machen, wo man selber in dieser Problematik steht, ob man sich davon berühren lassen will oder nicht. Es ist beides möglich.

Booksection.de: Yves’ Verhalten nach dem Unfall zeigt die klassischen Merkmale eines schweren seelischen Traumas. Wie haben Sie zu diesem Thema recherchiert?
Lukas Hartmann: Ich habe mit Fachleuten gesprochen, Literatur zu diesem Thema gelesen und war auch bei gewissen Gesprächen mit dabei. Im weiteren Bekanntenkreis habe ich ein traumatisiertes Kind gekannt. Das alles ist verschmolzen zu dieser Figur von Yves. Die Charakteristika einer psychotraumatologischen Belastungsstörung können ganz unterschiedlich sein. Es gibt viele Möglichkeiten. Eine Variante ist, dass jemand, wie Yves, ununterbrochen spricht. Es kann aber auch zu einem vollständigen Verstummen kommen wie bei Yves dann nach dem Verhör mit dem Untersuchungsrichter.

Booksection.de: Kann man also sagen, dass die Figur von Yves sich aus unterschiedlichen Faktoren zusammensetzt, unter anderem auch aus den Erinnerungen, die Sie aus Ihrer eigenen Kindheit haben?
Lukas Hartmann: Ja, denn sonst hätte ich die Geschichte wahrscheinlich gar nicht schreiben können. Verbunden ist das dann auch noch mit meiner eigenen Trauererfahrung, die noch nicht so alt ist. Schreiben ist immer eine Art von Vergegenwärtigungs- und Verschmelzungsprozess, manchmal eine Art von Wachträumen. Es müssen Figuren entstehen, Bilder müssen lebendig werden, aber das muss ich in Sprache umsetzen und diese Sprache muss ich bewusst anwenden. Das ist eine Art Balanceakt, den ich beim Schreiben immer wieder erlebe.

Booksection.de: Würden Sie sagen, dass jede Figur, die in Ihren Büchern vorkommt, auch immer ein Teil von Ihnen selbst ist oder gibt es auch Figuren, die ganz weit weg von Ihnen sind?
Lukas Hartmann: Letztlich sind alle Figuren untergründig mit einem Teil meiner Persönlichkeit verbunden. Goethe hat einmal gesagt, er habe im Lauf seines Lebens nie von einem Mord gehört, den er nicht selber unter gewissen Umständen hätte begehen können. Er sagt damit, dass alle menschlichen Möglichkeiten in uns schlummern und wir die düsteren durch glückliche Umstände genügend bändigen können.

Booksection.de: Mir persönlich waren zwei Figuren in der Geschichte, nämlich die Großmutter und die Tante von Yves, eher unsympathisch, vor allem in ihrer Art, regelrecht an dem Kind zu zerren. Aber dennoch konnte ich ihr Verhalten auch irgendwie verstehen.
Lukas Hartmann: Diese beiden Figuren sind aus der Sicht von Eliane geschildert, und die ist ungerecht. Sie engt diese beiden Figuren aus ihrem Blickwinkel so ein, dass sie unsympathisch wirken, denn sie selbst kämpft auch schon um das Kind, nur weiß sie es noch nicht. Und das trotz ihres ganzen psychologischen Wissens. Bei dieser Figur war mir wichtig aufzuzeigen, dass sie zwar vieles falsch macht, ihre Berufsgrenzen überschreitet, aber im Ganzen gesehen verblüffenderweise wohl doch das Richtige tut. Das finde ich spannend – man kann so vieles falsch machen, aber weil das Leben so rätselhaft ist, zeigt sich oft, dass es eben doch stimmt.

Booksection.de: Genau das spürt man als Leser aber auch. Obwohl so vieles falsch läuft, ist einem bewusst, dass es am Ende so sein muss, dass sie sich dieses Jungen annimmt, um ihn vielleicht auch heilen zu können.
Lukas Hartmann: Der Begriff der Heilung ist ein wesentlicher Aspekt dieser Geschichte. Wenn wir uns heutzutage die gängigen Therapien anschauen, müssen wir uns sagen, dass es sich hier um ein riesiges Geschäft in unserer Gesellschaft handelt. Da schwingt auch eine Art von Erlösungshoffnung mit, sie will, dass wir von all unseren Beschwerden geheilt werden. Der Isenheimer Altar in meinem Roman zeigt auf, dass es vor 500 Jahren eine ganz andere Haltung zu diesem Thema gab. Das Heilen war etwas ganz anderes, wir haben Mühe, das heute zu verstehen. Der Altar spiegelt eine andere Form von Wirklichkeit wider. Wir können uns eine Zeit, in der eine derartige Glaubensgewissheit vorhanden war, kaum noch mehr vorstellen.

Booksection.de: Es sind ja sehr viele Elemente, die in diesen Roman einfließen: eine zerrüttete Familie, die auf tragische Weise endet, der Kampf um das Sorgerecht für den einzigen Überlebenden, eine Psychologin, die zusehends die Grenzen ihres Berufsethos überschreitet, das Phänomen der Sonnenfinsternis und eben der Isenheimer Altar. Gab es beim Schreiben für Sie zwischendurch Momente, in denen Sie glaubten, das alles nicht mehr zusammenhalten zu können?
Lukas Hartmann: Nein, bei der zweiten Fassung nicht. Da konnte ich mir aufgrund meiner Vorarbeit und der Erfahrung, die ich inzwischen gesammelt hatte, ziemlich sicher sein, dass die Richtung des Schreibens stimmt und die Figuren auch genügend Eigenleben haben, so dass alles in ein zusammenhängendes und vieldeutiges Ganzes hineinwächst.

Booksection.de: Wie empfinden Sie selbst einen Roman, wenn Sie ihn beendet haben? Haben Sie ein Gefühl dafür oder brauchen Sie die Meinung anderer, um beurteilen zu können, ob er gut geworden ist?
Lukas Hartmann: Ich brauche auf jeden Fall die Meinung anderer. Ich bin in der Endphase einer Niederschrift immer derart verunsichert, dass ich das Echo meiner Frau oder sehr enger Freunde brauche, um darauf aufbauen und weiterarbeiten zu können. Später kommt in diesem Prozess auch meine Lektorin bei Diogenes dazu. Das ist alles wichtig und produktiv, auch wenn Kritik kommt. Die kann ich ja verwerfen. Wenn der Roman abgeschlossen ist, kann ich für kurze Zeit sehr euphorisch sein und fast ein wenig auf Wolken gehen. Zwischen Drucklegung und Veröffentlichung kommt aber meist eine Art von Absturz –das kenne ich auch von Kollegen, die das ganz ähnlich erleben. Denn jetzt kann ich nichts mehr ändern. (lacht) Dann kommen mir plötzlich hundert Einzelheiten in den Sinn, die ich vielleicht doch gerne noch geändert hätte. Irgendwann merke ich dann, dass ich alles gegeben habe, wozu ich fähig bin, mehr liegt jetzt nicht mehr drin, und jetzt gebe das Buch eben aus der Hand.

Booksection.de: Wie ist es für Sie, wenn Sie das Buch dann im Buchhandel sehen? Berührt Sie das immer noch?
Lukas Hartmann: Ich meide dann Buchhandlungen. (lacht) Es ist immer ein bisschen befremdend, das neue Buch zu sehen. Es ist mit Freude verbunden, aber auch mit sehr vielen Unwägbarkeiten – inneren und äußeren. Eben, deshalb mache ich dann einen Bogen um Buchhandlungen.

Booksection.de: Würden Sie sagen, dass man sich als Autor schon im Vorfeld überlegt, dass man eine bestimmte Geschichte schreibt, um gewisse Dinge beim Leser hervorzurufen, oder ist es eher so, dass man einfach das Gefühl hat, man muss unbedingt diese Geschichte erzählen, ohne genau zu wissen, warum eigentlich?
Lukas Hartmann: Ganz sicher ist das zweite der Fall. Ein bestimmter Stoff verlangt danach, dass ich mich ihm widme, dass ich ihn knete, ihn gestalte. Ich will es erzählen und ich will es so erzählen, dass man es gerne liest. Alles andere wächst mir dann zu. Manchmal werde ich gefragt, welche Botschaft ich habe. Doch das muss jeder für sich selbst herausfinden. Ich erzähle die Geschichte einfach, so gut ich kann.

Booksection.de: In Deutschland erleben Schweizer Autoren im Moment einen regelrechten Boom.
Lukas Hartmann: Ja, das fängt jetzt so allmählich an. Aber ich denke, dass zumindest noch eine Zeitlang die Haltung da sein wird, das „Schweizerische“ eher zu verniedlichen und zu verharmlosen. Ich habe oft zu hören bekommen, was denn Spannendes aus diesem langweiligen Land kommen kann. Und dann lebe ich erst noch in Bern, das ist in einem langweiligen Land die langweiligste Stadt. (lacht) Darüber habe ich mich schon ab und zu geärgert oder auch amüsiert, je nachdem. Aber mit meinem vorletzten Roman „Bis ans Ende der Meere“ hat sich jetzt etwas zu verändern begonnen. Das kann gerne noch ein bisschen so weitergehen, obwohl ich schon in einem etwas vorgerückten Alter bin ...

Booksection.de: Kommen diese Vorbehalte gegenüber Schweizer Literatur eher von Deutschland oder auch aus anderen europäischen Ländern?
Lukas Hartmann: Das ist schon ausgesprochen deutsch. Es sind sehr viele Klischees vorhanden, wobei wir in der Schweiz sie auch gegenüber Deutschland haben.

Booksection.de: Ihr Roman „Bis ans Ende der Meere“ ist ja für den Sir Walter Scott-Literaturpreis 2010 nominiert. Sicherlich ein gutes Gefühl?
Lukas Hartmann: Schön, ja. Am 12. November fahre ich nach Karlsruhe und schau mal, was da passiert. Also, ich weiß es. (grinst) Aber ich darf’s nicht sagen, ich hab’s versprochen.

Booksection.de: Wir drücken Ihnen in jedem Fall die Daumen, Herr Hartmann, und bedanken uns für das angenehme Gespräch.


Das Interview wurde am 31.10.2010 durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 02.11.2010

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