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...Lea Korte


...zur Kritik "Die Maurin"

"Ich habe große Achtung vor den wissenschaftlichen und künstlerischen Errungenschaften der Mauren."

Mit Booksection im Gespräch: Schriftstellerin Lea Korte.

Booksection.de: „Die Maurin“ ist Ihr zweiter historischer Roman und erzählt von den Wirren der Reconquista und dem erbitterten Kampf der Mauren um ihre letzten Gebiete in Spanien. Ist der Wunsch, ein Stück spanischer Geschichte zu erzählen, entstanden, weil Sie selbst dort leben?
Lea Korte: Das spielt zum Teil sicher eine Rolle, denn ansonsten wäre ich mit dieser ebenso faszinierenden wie spannenden Historie vielleicht nie in Berührung gekommen! In der Schule lernt man ja vorwiegend die Geschichte des eigenen Landes – weswegen wir von den anderen europäischen Ländern meist nur wenig wissen. Das war natürlich auch ein besonderer Reiz bei diesem Roman – einmal etwas zu erzählen, was noch nicht (so oft) erzählt worden ist.

Booksection.de: Wie viel von Ihren eigenen Eindrücken über Spanien und Ihrem Erfahrungsschatz ist in die Geschichte der Maurin eingeflossen? Die Mentalität der Bevölkerung etwa oder vielleicht eigene Erlebnisse?
Lea Korte: Nein, die Mentalität oder eigene Erlebnisse spielen bei „Die Maurin“ keine Rolle, dafür ist die Geschichte auch „zu lange her“. Aber meine eigenen Eindrücke spielen schon insofern eine Rolle, als dass ich natürlich an allen Handlungsorten gewesen bin und mir von daher sehr persönliche Eindrücke verschaffen konnte. Selbst Boabdils Zufluchtsort, der kein Palast, sondern einfach nur ein Haus in einem winzigen Ort war, habe ich mir angesehen. Außerdem ist das Thema der multikulturellen Gesellschaft, wie sie in Al-Andalus gelebt wurde, natürlich auch eines, das mich persönlich betrifft: Mein Mann ist Franzose, wir leben in Spanien, ich rede mit meinem Kindern Deutsch – und meine Kinder fühlen sich als Katalanen.

Booksection.de: Aischa, Boabdil, die katholischen Könige, Hassan – sie alle sind reale historische Persönlichkeiten, die in der Geschichte mitwirken. Wie viel von ihren Charakterzügen ist tatsächlich überliefert und was ist Ihrer schriftstellerischen Freiheit zuzuschreiben?
Lea Korte: Über die kastilischen und aragonesischen Figuren wie die Katholischen Königen, Gonzalo de Cordoba und Torquemada findet man sehr viel Information, so dass ich mich hier auch an die Vorgaben gehalten habe; auch zu Aischa und Boabdil findet man einiges, zu Hassans Wesen weniger, aber immer noch genug, dass man sich schon noch eine Vorstellung von ihm machen kann. Die Dokumentationen über die Mauren sind übrigens deswegen so viel spärlicher, weil der Inquisitor Cisneros nach der Reconquista Berge von maurischen Büchern und Unterlagen hatte verbrennen lassen. Außerdem gibt es bei den Muslimen ein Bilderverbot, welches damals auch streng befolgt wurde. Aber insgesamt findet man doch noch genug Informationen, um ein realistisches Bild dieser historischen Persönlichkeiten zeichnen zu können.

Booksection.de: Wie sieht die Arbeit als Schriftsteller aus, wenn man gerade mit einem neuen Buch beginnt? Und welche waren Ihre ersten Schritte bei „Die Maurin“?
Lea Korte: Bei „Die Maurin“ bin ich erst einmal gaaanz tief in die Historie eingetaucht, habe mir dann überlegt, welche Etappen und historischen Figuren der letzten 15 Jahre der Reconquista wichtig sind – und auf dieser Basis meine (fiktiven) Romanfiguren entwickelt. Das Ensemble dieser fiktiven Figuren musste natürlich von seinen Eigenschaften her alle Aspekte abdecken, die mir bei der Reconquista und dem Leben in Al-Andalus wichtig waren, genügend Berührungspunkte mit der großen Historie haben, um gewährleisten zu können, dass alle wichtigen Ereignisse dieser Zeit von ihnen selbst erlebt werden können – und zugleich so „gebacken“ sein, dass der Leser sich mit ihnen identifizieren kann. Aus diesen „gebackenen“ Figuren werden dann durch die Arbeit mit ihnen allmählich Figuren, die vor meinen Augen lebendig werden, ihre Ecken und Kanten haben und sich mit mir auseinanderzusetzen beginnen … und wenn dies der Fall ist, weiß ich, dass ich mit dem Schreiben anfangen kann.

Booksection.de: Sie scheinen mehr Sympathie für die Mauren denn für die Spanier aufzubringen – obwohl natürlich in Ihrer Geschichte beide Völker gleichermaßen ausgeleuchtet werden. Ist es tatsächlich so, dass Sie sich auf eine der Seiten stellen würden?
Lea Korte: Ich habe große Achtung vor den wissenschaftlichen und künstlerischen Errungenschaften der Mauren, aber trotzdem urteile ich in dem Roman weder über ihr politisches Handeln noch über das der Kastilier, sondern überlasse dieses Urteil dem Leser. In der Tat waren die Mauren ja auch nicht „besser“ als die Kastilier und umgekehrt. Es gab auf beiden Seiten „Gute“ und „Böse“ – aber die große Politik, die kam damals eindeutig „von oben“, kann also kaum dem Einzelnen „angelastet“ werden. Und genau all diesen Punkten habe ich auch im Roman Rechnung zu tragen versucht.

Booksection.de: Gibt es Figuren in „Die Maurin“, die Ihnen, obwohl von Ihnen selbst geschaffen, unsympathisch sind? Man denke nur an den Mönch Torquemada oder Yazid...
Lea Korte: Torquemada ist eine historische Figur, über die man leider nichts Gutes sagen kann, so dass auch ich dies dann nicht getan habe. Yazid dagegen ist meine „Schöpfung“ … aber so durch und durch unsympathisch finde ich ihn eigentlich nicht, weil er ja auch seine Geschichte hat, die ich auch im Roman erzähle. Es gibt Gründe dafür, dass er so ist, wie er ist. Das heißt nicht, dass ich all sein Handeln gut heiße … aber so, wie die Dinge sich für ihn entwickelt haben, konnte er schwerlich anders handeln. Und im Endeffekt … upps! Jetzt hätte ich beinahe etwas verraten! Denn Yazid ist ja durchaus nicht „nur böse“.

Booksection.de: Glauben Sie, dass historische Romane eine gute Stellung auf dem Buchmarkt haben? Was fasziniert die Leser Ihrer Meinung nach so an diesem Genre?
Lea Korte: Ich kann nur wiederholen, was mir auf meiner letzten Lesereise die BuchhändlerInnen erklärt haben: Am besten verkaufen sich bei ihnen Krimis und – historische Romane. Ich denke also schon, dass ihre Stellung gut ist. Was den Leser an dem Genre fasziniert … Nun, ich weiß vor allem, was mich daran fasziniert: Die Mischung von Wahrem und Erfundenen – und dass man in einem historischen Roman bei vielen Autoren sehr viel über vergangene Zeiten lernen kann und dies auch noch auf höchst unterhaltsame Art und Weise!

Booksection.de: Auch wenn es in „Die Maurin“ vorrangig um die Reconquista in Spanien geht, kommt auch die Liebe nicht zu kurz. Glauben Sie, die Liebe ist unabdingbar, um eine gute Geschichte erzählen zu können?
Lea Korte: Nein, sicher nicht, und auch in „Die Maurin“ spielt die Liebesgeschichte ja eine eher untergeordnete Rolle. Aber wenn man das Leben einer Frau über 15 Jahre hinweg erzählt, dann kommen einfach auch Phasen darin vor, in denen die Liebe für sie selbst eine Rolle spielt - sonst wäre das einfach nicht realistisch. Und woher sollten sonst auch die Kinder kommen, die man ja braucht, wenn die Geschichte weitergehen soll?

Booksection.de: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Lea Korte: Dass ich „später“ einmal schreiben wollte, habe ich schon sehr früh beschlossen, mit 12 oder 13, und das mit der gleichen Naivität wie andere in dem Alter beschließen, Tierarzt, Astronaut oder Lokomotivführer zu werden. Ich war schon damals eine absolute Leseratte und dachte, es müsse wunderbar sein, nie etwas anderes tun zu müssen, als immer nur zu lesen und zu schreiben – und das finde ich noch immer.
Aber bis es dann wirklich Realität geworden ist, hat schon noch ein wenig gedauert: Zuerst habe ich, vor allem zur Beruhigung der Nerven meiner Mutter, einen Brotberuf studiert – aber nachdem ich meine Diplome als Dolmetscher und Diplomökonom in der Tasche hatte, habe ich dann gleich mit dem Schreiben losgelegt. Als mein erster Roman fertig war, habe ich ihn an eine Agentur geschickt, die diesen Roman zwar nicht wollte, weil er ihnen mit seinen 850 Seiten zu dick war, mir aber ein anderes Projekt vorgeschlagen hat: einen Frauenroman. Und so kam es zu meinem ersten dann auch veröffentlichten Roman.

Booksection.de: Werden Sie auch weiterhin beim historischen Genre bleiben?
Lea Korte: Ich kann mir zwar gut vorstellen, auch weiterhin ab und an ein Buch in anderen Genren zu veröffentlichen, aber mein Lieblingsgenre ist der historische Roman – weswegen ich ihm sicher treu bleiben werde!

Booksection.de: Was planen Sie als nächstes? Haben Sie schon Ideen für ein neues Projekt?
Lea Korte: Ja, das habe ich! ? Ich plane einen neuen historischen Roman, der in dem Spannungsfeld der drei großen Religionen spielen wird: dem Islam, dem Christen- und dem Judentum. Es ist gut möglich, dass er die Fortsetzung von „Die Maurin“ wird.

Booksection.de: Ich bedanke mich herzlich, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben!
Lea Korte: Und ich bedanke mich für die vielen interessanten Fragen!


Das Interview durch Karolin Kullmann geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 03.06.2010