Interview mit...

...Kai Meyer


zur Kritik von "Arkadien erwacht"

"Ich muss an den Ort in meinem Kopf glauben können."

Mit Booksection im Gespräch: Fantasybuchautor Kai Meyer.

Booksection: Ihr neustes Werk ARKADIEN ERWACHT spielt in Sizilien und lässt einen Mythos neu aufleben. Wie haben Sie sich mit der Mythologie um diesen Ort auseinandergesetzt, wie recherchiert?
Kai Meyer: Ich bin nach Sizilien geflogen und mit einem Mietwagen kreuz und quer über die Insel gefahren. Einmal rundum, und dann diverse Strecken durchs Inland, wobei es mir bei solchen Reisen immer darum geht, einen Gesamteindruck zu bekommen. Natürlich kann kein Mensch in einer Woche Sizilien und seine Bewohner wirklich kennen lernen. Es reicht mir, wenn in mir ein rundes Bild entsteht, das in sich schlüssig ist, nicht allzu sehr mit der Wirklichkeit kollidiert und sich glaubhaft an die Leser vermitteln lässt. Ich muss an den Ort in meinem Kopf glauben können und muss auch ein Bild von dem haben, was abseits der Wege liegt, die von den Charakteren im Roman benutzt werden – ob dieses Bild hundertprozentig real ist, spielt eigentlich gar keine Rolle, so lange die Atmosphäre des Ortes gewahrt bleibt. Der Leser muss von dem Sizilien im Buch überzeugt sein, so wie der Zuschauer eines Films glauben muss, dass James Bond tatsächlich gerade in einem Restaurant auf Jamaica sitzt und nicht in einer Kulisse in einer englischen Studiohalle.
Mit dem Mythos der Arkadischen Dynastien, den ich für die Bücher entwickelt habe, verhält es sich ganz ähnlich: Ich flechte gerade genug überlieferte Mythologie mit ein, dass auch der Rest, den ich frei erfunden habe, glaubwürdig wird.

Booksection: Die Legenden um Gestaltwandler und das versunkene Atlantis gehören nicht zum ursprünglichen Mythos um Arkadien. Wie entwickelte sich die Idee, alle miteinander zu verbinden?
Kai Meyer: Atlantis taucht hier und da in den Arkadien-Forschungen auf, spielt aber keine große Rolle – genau wie in meinen Romanen, wo der Begriff nur einmal am Rande erwähnt wird. Ich glaube, einige Leser erwarten in den kommenden Bänden groß angelegte Unterwasserszenen, Expeditionen in versunkene Ruinen und so weiter – aber die wird es, jedenfalls in herkömmlicher Form, nicht geben. Die ARKADIEN-Reihe ist keine Serie von Abenteuerromanen wie einige meiner anderen Bücher. In erster Linie ist es die Geschichte von Rosa und Alessandro, alle anderen Elemente ordne ich dem unter. Ich habe ja auch die langen Actionpassagen, die es in Büchern wir der STURMKÖNIGE-Trilogie gab, ganz bewusst massiv zurückgeschraubt. ARKADIEN ERWACHT und die Fortsetzungen sind einfach nicht diese Art von Roman. Thriller, ja, aber kein buntes Abenteuer.
Deshalb habe ich auch die Mythologie um die Arkadischen Dynastien in ihrer heutigen Ausprägung sehr geerdet. Die Arkadier benutzen moderne Strukturen, unterwandern die moderne Gesellschaft. Tatsächlich war gerade das der Reiz für mich: einen alten Mythos, teils real, teils erfunden, in der Gegenwart neu durchzuspielen. Die Verbindungen zwischen Arkadien, Sizilien und der Mafia entwickelten sich dabei fast von selbst.

Booksection: Der Song „My Death“ von Scott Walker begleitet Ihre Protagonistin Rosa durch das ganze Buch. Hat das Lied auch für Sie eine besondere Bedeutung?
Kai Meyer: Ich wollte mal ausprobieren, ob es klappt, eine Art Soundtrack zum Buch zu etablieren. Nicht im Sinne eines Albums, sondern ein musikalisches Leitmotiv, wie man es von Filmen oder Musicals her kennt. Es sollte ein wenig geheimnisvoll klingen, zugleich sehr europäisch und mediterran. Nicht nach südeuropäischer Folklore, sondern eher wie etwas, das in einen der zahllosen Filme der Sechzigerjahre gepasst hätte, die an der Riviera, der Cote d´Azur oder auf einer der Mittelmeerinseln gedreht worden sind. Heute sind diese Schauplätze ein wenig aus der Mode gekommen, weil so viele Menschen sie aus dem Urlaub kennen, aber damals verband man damit noch etwas sehr Mondänes, fast Dekadentes. Und genau diese Stimmung wollte ich für ARKADIEN ERWACHT.

Booksection: Ungewöhnlich ist, dass die Geschichte um Rosa und Alessandro in unserer heutigen, realen Welt spielt, war doch in vorherigen Werken meist eine Fantasiewelt Schauplatz der Ereignisse. War es eine neue Herausforderung, die fantastischen Elemente in die Wirklichkeit einzubetten?
Kai Meyer: Nein, weil die Recherche bei einem historischen Hintergrund ja noch aufwändiger ist. Wenn Rosa durch einen Flughafen läuft, muss ich das nicht recherchieren; befände sie sich stattdessen in einem Hafen des 16. Jahrhunderts, sähe das für mich arbeitstechnisch schon ganz anders aus. Zudem habe ich ja auch früher ein paar Bücher geschrieben, die in der Gegenwart spielen. DAS HAUS DES DAEDALUS bzw. DIE VATIKAN-VERSCHWÖRUNG, SCHWEIGENETZ, dann die beiden in den Zwanzigerjahren, DAS ZWEITE GESICHT und HEX, die letztlich auch nicht so weit von der Jetztzeit entfernt waren. Reine Fantasywelten habe ich ohnehin nie entwickelt, weil es mir immer auch darum ging, das Phantastische zu erden.

Booksection: Sie veröffentlichen oft mehrere Romane in kurzen Zeitabständen. ARKADIEN ERWACHT ist bereits der dritte Roman in diesem Jahr. Woher nehmen Sie die Inspiration für so viele Werke und wie bewältigen Sie dieses enorme Arbeitspensum?
Kai Meyer: So enorm ist das Arbeitspensum gar nicht. Ich hatte die STURMKÖNIGE-Trilogie vollständig fertig, ehe ich mit ARKADIEN ERWACHT begonnen habe. Nach GLUTSAND habe ich ein paar Wochen mehr oder minder pausiert und mich dann an ARKADIEN gesetzt – was etwas sehr Erholsames hatte nach fast anderthalbtausend Seiten Orient. Dass die Bücher alle so nah bei einander erschienen sind, war im Nachhinein betrachtet ein wenig unglücklich, weil manch einer dann gleich an Fließbandproduktion denkt. Die Wahrheit ist aber, dass ich über anderthalb Jahre ausschließlich an den STURMKÖNIGEN gesessen habe. Dann kam eine Pause, anschließend ARKADIEN ERWACHT. Nachdem ich den Roman beendet hatte, habe ich ein halbes Jahr keine einzige Zeile geschrieben, ehe ich mich an den zweiten Band gesetzt habe. Der erscheint im Herbst 2010 und ist meine einzige Neuerscheinung in diesem Jahr.

Booksection: Es scheint, als hätten Sie sich in letzter Zeit ausschließlich auf das Schreiben von Trilogien konzentriert. Auch die Geschichte um Arkadien wird in mehreren Bänden erzählt. Was gefällt Ihnen an dieser Aufteilung und was können Sie darin verwirklichen, was in einem Einzelband nicht möglich wäre?
Kai Meyer: ARKADIEN ERWACHT war nicht als Auftakt einer Trilogie geplant, sondern als erste Episode einer Reihe. Die wird vermutlich auch erst einmal aus drei Bänden bestehen, mit der Option auf Fortsetzungen, aber ich bin nicht mit dem Ziel heran gegangen, eine große Geschichte in drei Teilen zu erzählen. Die einzelnen Bücher sind in sich abgeschlossen, nur im Hintergrund läuft einiges weiter. Bei den Trilogien um DIE STURMKÖNIGE oder DAS WOLKENVOLK war von Anfang an eine lange Geschichte geplant, die ich mehr oder minder in drei Akte zergliedert habe. Theoretisch kann man den zweiten ARKADIEN-Band für sich allein lesen, während das bei den anderen Mehrteilern nicht allzu ratsam wäre.
Was nun den Unterschied zwischen Einzelroman und Trilogie angeht, so ist das ein wenig wie beim 90-Minuten-Film contra Fernsehserie. Wer nachvollziehen kann, warum es oft viel mehr Spaß macht, sich eine gute Serie als Komplettbox auf DVD über mehrere Tage oder Wochen anzuschauen statt einen einzelnen Film im Kino, der weiß in etwa wie es sich anfühlt, Figuren und Handlungsstränge über mehrere Bücher hinweg zu entwickeln. Im Augenblick habe ich das Gefühl, ich könnte noch jahrelang über Rosa und Alessandro schreiben, einfach weil ich die beiden so gern mag und – im übertragenen Sinne – noch gar nicht an die letzte DVD in der Box denken will.

Booksection: Herzlichen Dank für dieses Interview!



Das Interview wurde durch Karolin Kullmann geführt. Veröffentlicht und freigegeben von der Autorin am 17.02.2010

BOOKSECTION • Im Grütt 1 • 79713 Bad Säckingen