Interview mit...

...Jussi Adler-Olsen


Unglaublich charismatisch ist Jussi!

"Mit Rose, Assad und Carl ist alles möglich. Und eine Frau im Keller ist sowieso immer fantastisch."

Erneut mit Booksection im Gespräch: Der dänische Thriller-Autor Jussi Adler-Olsen über "Schändung".

Booksection.de: Lass uns über „Schändung“ sprechen. Was auffällt ist, dass Assad eine neue Facette hinzugewonnen hat. Etwas hat sich offensichtlich verändert. Kannst Du uns etwas darüber erzählen?
Jussi Adler-Olsen: Die Entwicklung von Assad erstreckt sich über sämtliche Fälle von ihm und Carl. Es gibt da quasi zwei Linien – die eine von Assad, die andere von Carl. In „Schändung“ erkennen die Leser, dass Assad nicht Watson ist, sondern vielmehr Sherlock Holmes. Carl ist Watson. Die Figur, die neben der eigentlichen Hauptfigur steht, ist in der Literatur oftmals die wirklich clevere. Denken wir nur an Don Quichote und Sancho Panza oder Stan und Laurel. Diese Geschichte hat mich sehr dazu verführt, den Lesern mehr zu verraten, als ich eigentlich sollte. Aber ich musste sie auf die Folter spannen, weil noch so viele Bücher folgen werden. In „Schändung“ haben wir dreidimensionale Figuren wie Carl und Kimmie – wir sind in ihren Köpfen, wissen um ihre Gedanken. Und dann gibt es aber auch die zweidimensionalen Figuren wie Rose und Assad – wie verführerisch war es für mich, sie dreidimensional werden zu lassen. Aber ich darf den Lesern nicht erlauben, in ihren Gedanken zu sein.

Booksection.de: Was dürfen wir im nächsten Fall des Sonderdezernats Q von Assad erwarten?
Jussi Adler-Olsen:Es wird keine sehr große Entwicklung bei ihm stattfinden. Carl wird einige neue mysteriöse Dinge über ihn herausfinden. Aber im vierten Fall dann werden wir erfahren, dass etwas nicht stimmt mit Assads Leben, seinen Gewohnheiten, seinem Familienleben. Aber Ihr werdet Euch gedulden müssen, tut mir leid. (lacht)

Booksection.de: Wie wird Carl auf diese Veränderungen bei Assad reagieren?
Jussi Adler-Olsen:Assad ist für Carl der Katalysator. Carl weiß, dass es ohne Assad niemals funktionieren würde, dass er allein nicht die Energie hätte, diesen Job zu bewältigen. Er versucht deshalb, die Dinge, die er von Assad weiß, ruhen zu lassen. Er sollte möglicherweise mehr Nachforschungen anstellen, doch er behält sein Wissen lieber für sich, weil es für ihn wichtig ist, mit Assad als Assistenten weiterzuarbeiten. Aber ich kann Dir versichern, dass ihn sein Wissen sehr nervös macht. Doch wer im Glashaus sitzt, kann nicht mit Steinen werfen und Carl sitzt in einem Glashaus.

Booksection.de: In „Schändung“ wirkt Carl beinahe etwas naiv auf die Leser…
Jussi Adler-Olsen:Diese Naivität ist notwendig, weil die Leser seine Gedanken kennen, lesen, wie er über die Dinge denkt und sie reflektiert. Die Leser – und auch der Autor – glauben, alles über seine Gedanken zu wissen. Aber viele seiner Gedanken bleiben dennoch im Verborgenen und das ist der Grund, warum er manchmal naiv wirkt.

Booksection.de: Aber Du selbst als der Autor weißt alles über Carl und auch die anderen Figuren?
Jussi Adler-Olsen:Ja, auf jeden Fall. Ich denke, für Carl war Assad der erste, der den richtigen Knopf in seiner Funktion als Ermittler drückte. Später wird das dann immer deutlicher werden.

Booksection.de: War es für Dich von Anfang an klar, wohin sich Carl und Assad in all den Romanen entwickeln würden?
Jussi Adler-Olsen: Ich konnte nicht genau wissen, wie sich die Interaktion zwischen ihnen entwickeln würden – wo sind die witzigen Stellen, was macht die beiden glücklich? Natürlich wusste ich, wo die Probleme im Verlauf der Geschichten auftauchen würden, aber nicht die glücklichen Momente. Das sind die Teile in der Handlung, die mir Spaß machen, nach denen ich auch suche. Ich sage es einmal ganz offen: Es wird einen Punkt bei Carl geben, an dem er Assad ganz dringend brauchen wird – und Carl weiß das. Aber mehr werde ich dazu jetzt nicht sagen. (lacht)

Booksection.de: Ist es nicht schwierig, immer genau zu wissen, wo die Entwicklung der Figuren in einem Buch stoppen muss, um im nächsten dann weiterzugehen?
Jussi Adler-Olsen: Bis jetzt fällt mir das noch sehr leicht, aber wer weiß, vielleicht kommt das ja mal. Aber nicht nur die Charaktere verändern sich sehr, auch die Fälle an sich werden komplexer werden. In „Erbarmen“ spielte sich vieles im Verlies von Merete Lynggaard ab, wodurch die Geschichte eher eindimensional ist. „Schändung“ zeigt uns, wie abstoßend und schrecklich Menschen sein können. Es ist sehr wichtig zu wissen, wie der Leser auf all diese Geschehnisse reagieren wird, wenn man eine ganze Reihe von Geschichten entwirft. Die zweite Geschichte darf nicht genauso werden wie die erste. Hier kann ich mit Grenzen, wie grausam meine Geschichten werden dürfen, experimentieren. So grausam kann ich im dritten Buch oder im Rest der Serie nicht werden, das muss im zweiten geschehen. Wenn ich im dritten Band derart düster werden würde, würden die Leser denken, der Autor würde verrückt werden und auf dem Wasser gehen wollen. Ich weiß um die Probleme, die in der Geschichte auftreten werden, aber ich weiß noch nicht, wie ich sie lösen kann – und das ist der wirklich witzige Teil beim Schreiben.

Booksection.de: Du sagtest ja schon, dass „Schändung“ sich mit sehr abstoßenden Menschen befasst. Hast Du je von solchen Dingen gehört, davon, dass eine Gruppe von Männern derart brutale und grausame Verbrechen verübt?
Jussi Adler-Olsen: Oh Gott, natürlich! Gerade mächtige Menschen tun solche Dinge – man denke nur an Kolumbien. Ich muss allerdings hinzufügen, dass ich diese Grausamkeiten nicht sehr detailliert beschrieben habe. Die Leser sind es, die es in ihren Köpfen so abstoßend und brutal werden lassen. Ich spiele nur ein bisschen mit der Vorstellungskraft der Leser und es macht mich glücklich festzustellen, dass meine Leser wirklich clever sind. Ich bin stolz, solche Leser zu haben, denn bei anderen Büchern kann man sehen, dass die Autoren nicht daran interessiert sind, die Imagination der Leser anzuregen. Das ist der Grund, warum Gewaltszenen in meinen Büchern nicht so detailliert beschrieben werden – mir ist es wichtig, dass auch die Stimme der Leser in den Büchern zu hören ist. Der Leser soll die Möglichkeit haben, sich die Dinge auszumalen oder aber für sich selber Stopp zu sagen. Ich habe noch einen Rat für jene Leser, die nachts wegen meiner Bücher nicht schlafen können: Niemals mit einem Kapitel aufhören, das den Fall betrifft, sondern mit einem, das von Carl handelt. Dann könnt Ihr gut schlafen. (lacht)

Booksection.de: Die Obdachlose Kimmie ist ein wirklich faszinierender Charakter. Welche Rolle spielt sie in dieser Geschichte?
Jussi Adler-Olsen:Ohne Kimmie würde die ganze Geschichte gar nicht funktionieren. Wir lieben es, wenn ein Außenseiter die Dinge in die Hand nimmt und auf einen Streich all die schrecklichen Leute wegfegt – das kennen wir aus vielen Filmen. Mir wird in Dänemark oft unterstellt, ich hätte etwas gegen die Oberklasse, aber das stimmt nicht, das ist ein Klischee. In „Schändung“ haben wir nun eine Figur, die aus der Oberklasse kommt und ganz unten gelandet ist. Und das Vorbild für die Figur von Kimmie hat tatsächlich existiert. Als ich an der Universität war, hatte ich ein Geschäft, in das von November bis März eine Frau kam, um sich aufzuwärmen. Sie stand dann in einer Ecke und sprach nie ein Wort. Sie war bedauernswert, aber nicht abstoßend oder widerlich. Ich sagte meinen Angestellten, sie sollten sie einfach lassen. Einer meiner Angestellten, Gordon, kam aus der Oberschicht, sein Vater war Bürgermeister von Kopenhagen. Gordon trug seine Nase zwar etwas höher, aber er respektierte diese Frau. Nach drei Jahren beschloss sie offensichtlich, dass sie nun nicht mehr in den Laden kommen würde. Sie ging direkt auf Gordon zu und umarmte ihn sehr lange und sagte nichts zu ihm. Er war derjenige, der ihr den größten Respekt erwies, weil es so schwer für ihn war und sie ihm dafür dankte. Diese Frau habe ich nie vergessen, sie ist sehr wichtig für mich.

Booksection.de: Mit Rose hast Du eine neue Figur erschaffen. Sie ist eine sehr eigene und vor allem unbequeme Frau…
Jussi Adler-Olsen: Meine Güte, sie wird noch viel schlimmer werden. (lacht) Im dritten Buch wird man erfahren, warum. Es ist jede Menge Energie im Sonderdezernat Q, und um dem Leser diese Energie deutlich zu machen, benötigte ich eine dritte Person. Eine Person, die auch eine Vergangenheit hat und gleichzeitig eine fantastische Fähigkeit, Fälle zu lösen. Ich brauchte sie ganz einfach. Hätte ich sie nicht erschaffen, wäre es nach vier oder fünf Büchern einfach nicht mehr weitergegangen. Mit Rose, Assad und Carl ist alles möglich. Und eine Frau im Keller ist sowieso immer fantastisch. (lacht)

Booksection.de: Letztes Jahr sprachen wir über die Verfilmung von „Erbarmen“ – was hat sich da getan?
Jussi Adler-Olsen: Das ZDF hat uns da völlig freie Hand gelassen. Wir können loslegen, wann immer wir das wollen. Natürlich möchte das ZDF es gerne mit deutschen Schauspielern machen und ich weiß auch schon, wer Carl sein wird. Soll ich es wirklich verraten? Also gut, ich möchte Peter Lohmeyer für die Rolle von Carl, und wir sind mittlerweile gute Bekannte. Er ist einerseits sehr humorvoll und auf der anderen Seite auch launisch, was perfekt zu Carl passt. Er ist zwar etwas größer, als ich mir Carl vorgestellt habe und vielleicht kann er ja auch noch ein bisschen zunehmen. (lacht) Es wird wahrscheinlich eine dänische und eine deutsche Version geben, möglicherweise sagt das ZDF auch, dass wir in Dänemark drehen und dann ins deutsche synchronisieren. Aber für die Verfilmung brauchen sie genügend Bücher, denn es wäre hilfreich, dass die gesamte Crew gleich zu Beginn gecastet werden kann. 25 Teile sollen zusammen verfilmt werden, weshalb sie auf die nächsten Bücher warten. Und ich schreibe und schreibe und schreibe. (lacht) Ich denke, sie werden 2012 mit dem Filmen beginnen.

Booksection.de: Die Millennium-Trilogie von Stieg Larsson wurde ja bereits in Schweden verfilmt und nun haben sich auch die Amerikaner die Filmrechte gesichert. Was hältst Du von einer Hollywood-Version dieser Filme und vor allem von Daniel Craig als Mikael Blomkvist?
Jussi Adler-Olsen:Ich habe die Bücher von Stieg Larsson nicht gelesen, weil ich Angst habe, vom Stoff anderer Autoren beeinflusst zu werden. Ich möchte meine eigenen Geschichten schreiben. Aber ich habe die Filme gesehen und ich fand sie nicht so gut. Sie sind meiner Meinung nach schlecht geschnitten und vielleicht auch etwas zu lang. Ich fand den Unterschied zwischen dem ersten und dem dritten Teil zu groß, ich fand den dritten zu lang und bin zweimal dabei eingeschlafen – er war einfach langweilig. Meiner Meinung nach hätten sie diese drei Filme zu zwei zusammen schneiden müssen. Warum also nicht Daniel Craig als Hauptfigur? Ich finde ihn auch langweilig. Vor James Bond war er ein guter Schauspieler, aber ich habe seinen verkniffenen Mund nun schon so oft gesehen, und ich weiß mittlerweile auch, dass er sehr gut gebaut ist. Aber ich erwarte mehr von ihm. Kann er mir mehr zeigen, als in 007? Das wäre schön, denn er hat davor einige wirklich gute Filme gemacht. Aber wie wollen sie die Stimmung aus den schwedischen Filmen ins amerikanische Kino übertragen? Ich denke, es wird jede Menge blaues Licht und dunkle Szenen geben und das ist wirklich langweilig. Das Schöne am schwedischen Film sind die wundervollen Landschaftsaufnahmen, die vielen kleinen Inseln, die bittere Kälte und Einsamkeit der schwedischen Winter – können sie das in Amerika umsetzen? Aber lass uns abwarten, ich habe auch schon gute amerikanische Filme gesehen.

Booksection.de: Aber die Millennium-Trilogie ist doch eine wirklich europäische Geschichte.
Jussi Adler-Olsen:Ja, aber ich habe schon amerikanische Filme gesehen, die europäische Geschichten umsetzen. Sie können dort machen, was immer sie wollen. Gerade die Coen-Brüder haben Filme gemacht, die genauso gut in Frankreich oder in England entstanden sein könnten. Geben wir ihnen eine Chance, okay? Aber in der Regel schaffen sie es nicht, die Kontraste sind meistens viel zu stark, so dass es in vielen Richtungen unrealistisch wirkt. Warten wir mal ab, wer Regie führen wird, das wird ein wichtiger Punkt sein.

Booksection.de: Gibt es Deiner Ansicht nach einen entscheidenden Unterschied zwischen den dänischen und den deutschen Lesern?
Jussi Adler-Olsen: Das ist eine der besten Fragen, die mir je gestellt wurden. Normalerweise könnte man erwarten, dass ich mit meinen Büchern beim niederländischen Publikum sehr gut ankommen würde, weil sich Dänen und Holländer in vielen Punkten sehr ähnlich sind. Mittlerweile ist mir klar, dass wir uns wohl zu ähnlich sind, weshalb ich bei den niederländischen Lesern untergegangen bin. Die Schweden sind nach außen hin sehr förmlich, aber das sind sie auch in ihrem Inneren, was es schwierig macht, an sie heranzukommen. Die Deutschen hingegen sind im gesellschaftlichen Umgang auch sehr förmlich, und man muss sich erst sehr gut kennen, bevor man auf einer kreativen Ebene kommunizieren kann. Aber in jedem Deutschen steckt verborgen ein Däne. (lacht) Deshalb sind die Deutschen die besten Leser für mich, denn meine Geschichten stellen eine Verbindung zu ihrem Äußeren und ihrem Inneren her. Das Ärgerliche für mich dabei ist allerdings, dass ich nun anfange, an meine deutschen Leser zu denken, wenn ich eine Geschichte schreibe. Und das ist ein Fehler, das sollte ich nicht tun, denn dann würden meine Bücher in Deutschland nicht mehr so gut funktionieren wie bisher. Für mich ist das deutsche Publikum womöglich das Beste der Welt.

Booksection.de: Jussi, wir danken Dir für das amüsante und interessante Gespräch.



Das Interview wurde am 08.10.2010 durch Stefanie Rufle geführt und auch von ihr übersetzt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 14.10.2010

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