Interview mit...

...Jussi Adler-Olsen


...zur Buchkritik von "Erbarmen"

"Aus jahrelangen Qualen resultieren nicht zwingend Geisteskranke."

Mit Booksection im Gespräch: Der dänische Thriller-Autor Jussi Adler-Olsen.

Booksection: Dein Ermittler Carl Morck ist ja fast so etwas wie ein Anti-Held. Sollte er ein Gegenstück bilden zu den vielen düsteren und unbequemen Ermittlern, die wir sonst oft aus den skandinavischen Krimis kennen?
Jussi Adler-Olsen: Ja, ich würde ihn auch als Anti-Held bezeichnen. Ob er ein Gegenstück ist, kann ich nicht sagen, weil ich nie skandinavische Thriller oder Krimis gelesen habe. Ich habe weder Stieg Larsson, noch einen anderen skandinavischen Autor gelesen, das kann ich also nicht beurteilen. Ich habe aber viel über den Geist und die Atmosphäre dieser Bücher gehört. Ich schreibe Thriller und Krimis, aber ich lese sie nicht - ich wollte nicht zu sehr von der Sprache und dem Thema beeinflusst werden. Carl Morck ist so etwas wie der Schatten an der Wand, der Schatten, der die Wahrheit erzählt. Aber ich würde ihn nicht als Gegenstück bezeichnen, denn über jede Art von Protagonisten wurde schon einmal geschrieben. Für mich ist es wichtig, ganz spezielle Figuren zu schaffen, über die ich persönlich noch nie irgendwo gelesen habe und die in Schauplätzen erscheinen, die neu und besonders sind. Schauplätze sind sehr wichtig für mich.

Booksection: Der Schauplatz, an den Carl Morck verbannt wird, ist ja wirklich besonders.
Jussi Adler-Olsen: Ja, das ist er. Soll ich erklären, wie dieser Schauplatz und die Idee zu der Geschichte auftauchten?

Booksection: Ja, gerne.
Jussi Adler-Olsen: Ich habe drei politische Thriller geschrieben, die auf der ganzen Welt veröffentlicht wurden. Nicht in Amerika, aber in Südamerika, und ein Produzent kam auf mich zu und sagte: „Sie schreiben gute Bücher, könnten Sie sich nicht vorstellen, Drehbücher für TV-Produktionen zu schreiben?“ Ich gab ihm zur Antwort, dass ich mich natürlich sehr geehrt fühle, es aber vorziehe, Geschichten zu schreiben, die nicht die spezifische Polizeiarbeit beschreiben, nicht an spezifische geschichtliche Zeiträume oder spezielle Länder gebunden sind. Dieser Produzent prophezeite mir, dass ich in ein paar Jahren „angekrochen“ kommen würde. Dies war nicht der Fall! Dann las jemand meinen Thriller „Washington Dekretet“ und fragte mich, ob ich nicht noch mehr solche Geschichten habe. So entstand bei mir die Idee zu „Erbarmen“.

Booksection: Wenn Carl Morck Dein Antiheld ist -wer ist sein Assistent Hafez el-Assad für Dich?
Jussi Adler-Olsen: Er ist derjenige, der den Dänen die Augen öffnen soll, dass jemand, der aus einem anderen Land kommt, okay sein kann. Aber das muss in einer humoristischen Art und Weise geschehen. Assad ist trotz seines Putzjobs ein gebildeter Mann mit einem tief greifenden Hintergrund, der sich in den nachfolgenden Büchern allmählich entwickeln wird. Dieser Stoff muss für zehn Bücher ausreichen.

Booksection: Was mir nicht so gefallen hat, war die Tatsache, wie wenig Du auf die Qualen des Opfers dieser Entführung eingehst. Ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand eine jahrelange Isolation voller Panik und Angst so unbeschadet überstehen würde. Welchen Grund hattest Du, das seelische Leid des Opfers eher oberflächlich zu behandeln?
Jussi Adler-Olsen: Ich glaube, es geht dabei vor allem um das Grundbedürfnis des Überlebens. Merete will überleben, koste es, was es wolle und erlaubt sich deshalb ganz einfach nicht, verrückt zu werden. Ich persönlich hätte in dieser Situation einen Weg gefunden, Selbstmord zu begehen, aber ich denke, Frauen handeln grundsätzlich anders und sind in bestimmten Situationen einfach stärker als Männer. Für eine Frau kann Nicht-Handeln auch eine Art von Handeln sein – das gilt für Männer nicht. Durch die Kindererziehung sind es Frauen gewohnt, sich hinten anzustellen, Männer tun das nicht. Außerdem resultieren aus jahrelangen Qualen nicht zwingend Geisteskranke. Vielen Menschen gelingt es, das zur Seite zu schieben, wie man z. B. in Geschichten wie „Papillon“ sehen kann. Ich verstehe Deine Einwände und respektiere sie, auch wenn Du die erste bist, die mir das sagt.

Booksection: Das Finale Deines Thrillers ist absolut spannend. Wie hast Du die Fakten dazu recherchiert?
Jussi Adler-Olsen: Als erstes bin ich in Dänemarks größtes Krankenhaus gegangen, in dem die Taucherkrankheit behandelt wird. Außerdem habe ich mich mit einem Taucher über die Symptome dieser Krankheit unterhalten. Sehr viel mehr Recherche war gar nicht nötig, da musste ich bei meinen politischen Thrillern weitaus mehr recherchieren. Für „Washington Dekretet“ musste ich eigens nach Amerika reisen, wo ich davor noch nie gewesen war. Die gesamte Recherche für dieses Buch erstreckte sich über zwei Jahre.

Booksection: In „Erbarmen“ geht es ja um Schuld und Sühne, darum, welches Recht ein Mensch hat weiterzuleben, während der andere schuldlos sterben musste. Was fasziniert Dich an diesem Thema?
Jussi Adler-Olsen: Ich bin fasziniert vom Ausgleich zwischen Richtig und Falsch. Ich glaube, den Lesern von Krimis geht es primär gar nicht unbedingt um die spannenden Geschichten oder die Gewalt, sondern vielmehr um die Suche nach der Balance zwischen Richtig und Falsch. „Der Graf von Monte Cristo“, der ja einer der ersten Thriller war, ist in meinen Augen ein Paradebeispiel dafür.

Booksection: Carl Morck ist eine Hauptfigur, die deutliches Potential besitzt, sich weiterzuentwickeln, zu wachsen. Hast Du schon Pläne oder Vorstellungen, wohin er sich noch entwickeln soll?
Jussi Adler-Olsen: Mein Ziel ist es in jedem Fall, den Charakter von Carl Morck weiter zu entwickeln, bis man an den Punkt kommt, an dem man alles weiß und dann fängt alles wieder von vorne an. Genau dasselbe ist es mit Assad. Die beiden sind zwar sehr unterschiedlich, aber irgendwann – und ich weiß jetzt schon wo und warum – werden sich ihre Linien kreuzen.

Booksection: Du wirst mit Dean Koontz und Stieg Larsson verglichen. Was hältst Du von solchen Vergleichen?
Jussi Adler-Olsen: Ich freue mich zwar darüber, aber einen Vergleich mit Dean Koontz kann ich nicht nachvollziehen. Stieg Larsson habe ich zwar nicht gelesen, aber ich glaube, er hatte dasselbe Interesse für politische Geschehnisse. Wenn überhaupt, würde ich aber lieber mit Büchern wie „Das Schweigen der Lämmer“ verglichen werden. Ich gehe nicht zu sehr ins Detail, sondern überlasse das gerne dem Leser. Die Leser übernehmen die Rolle der Ungewissheit, ich denke nicht, dass das bei Stieg Larsson so ausgeprägt ist.

Booksection: Hast Du je deutsche Thriller oder Krimis gelesen?
Jussi Adler-Olsen: Das ist schon sehr lange her, aber ich schaue gerne deutsche Filme.

Booksection: Welche Art von Literatur bevorzugst Du?
Jussi Adler-Olsen: Am meisten lese ich klassische Literatur, insbesondere John Irving und dort „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Auch die Verfilmung, zu der ja Irving das Drehbuch schrieb, fand ich großartig. Auch die Besetzung des Films fand ich brillant.

Booksection: Stimmt es, dass „Erbarmen“ verfilmt wird?
Jussi Adler-Olsen: Ja, ich habe die Rechte an die dänische Filmgesellschaft "filmstudio Zentropa" von Lars von Trier verkauft. Er wird aber nicht Regie führen.

Booksection: Jussi, wir danken Dir für dieses spannende und interessante Gespräch.



Das Interview wurde am 14.10.2009 durch Stefanie Rufle geführt. Übersetzt von Stefanie Rufle und Angelika Koch. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 20.10.2009

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