Interview mit...

...Jonas Winner


zur Kritik zum Buch

"Wichtig war und ist mir bei diesem Buch, dass wir uns klarmachen, wie sehr es möglich ist, mit einem Film seine Zuschauer zu beeinflussen."

Mit Booksection im Gespräch: Thriller-Autor Jonas Winner über "Davids letzter Film".

Booksection.de: Auf dem Klappentext von „Davids letzter Film“ steht zu lesen: „Wie ein Film von David Lynch“. War es tatsächlich Ihre Motivation, einen Thriller zu schreiben, der einem Film von Lynch gleicht?
Jonas Winner: Gar nicht. Auf die Idee, David Lynch mit meinem Roman in Verbindung zu bringen, ist erst der Verlag gekommen, nachdem man mein fertiges Manuskript dort gelesen und überlegt hat, wie man das Buch ankündigen kann. Ich habe beim Schreiben nicht einmal an Lynch gedacht, obwohl ich seine Filme natürlich kenne und schätze. Diese Filme sozusagen imitieren zu wollen, ihnen nachzueifern, wäre jedoch ein Ansatz, mit dem ich nichts anfangen könnte. Ich glaube, so etwas kann nur schief gehen.
Aber das stimmt natürlich: Wenn ich hören würde, dass David Lynch einen Film über einen Mann gedreht hat, der mysteriöse, gefährliche Filme macht, würde ich geradezu darauf brennen, diesen Film zu sehen.

Booksection.de: Sie schreiben ja auch Drehbücher für Krimis und Thriller. War es daher für Sie von Anfang an klar, dass Ihr Roman in der Welt des Films spielen soll?
Jonas Winner: Ja, das war klar. Die Initialzündung für das Projekt, einen Roman zu schreiben, war für mich der Moment, als ich die Idee hatte, die Geschichte eines Filmemachers zu erzählen, der besser als jeder andere die Filmsprache beherrscht, besser als jeder andere die Kunst beherrscht, seine Zuschauer zu manipulieren. Die Grundzüge der Geschichte waren von diesem Moment an klar und sie konnte nur in der Welt des Films spielen.

Booksection.de: Die Filmszenen, die Sie in Ihrem Thriller beschreiben, sind manchmal kaum zu ertragen. Wie haben Sie dafür recherchiert und was hat dieser Einblick in die perversen Abgründe einer ganzen Szene mit Ihnen gemacht?
Jonas Winner: Ich würde nur ungern zuviel von der Szene verraten, in der der Roman zum Teil spielt, da ich jemandem, der das Buch noch nicht gelesen hat, die „Reise“, auf die ich ihn mitnehmen will, dadurch sicherlich ein wenig verderben würde. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich mir einige Mühe gegeben habe, um die berüchtigsten Filme zu sehen, die es gibt. Was diese Recherchen mit mir gemacht haben? Es war immer irgendwie beunruhigend, würde ich sagen, diese Welt kennen zu lernen, eine Welt ganz für sich, mit eigenen Regeln, einer eigenen Geschichte und eigenen Geheimnissen. Eine Welt, in der es mir manchmal so vorkam, als würde so etwas wie das Raubtierhafte der Menschen in den Vordergrund treten.

Booksection.de: War es Ihnen in diesem Zusammenhang auch wichtig, auf diese mehr als fragwürdigen Grenzüberschreitungen, die ja offensichtlich weit verbreitet sind, aufmerksam zu machen?
Jonas Winner: Wichtig war und ist mir bei diesem Buch, dass wir uns klarmachen, wie sehr es möglich ist, mit einem Film seine Zuschauer zu beeinflussen. Das ist etwas, was ich ungeheuer spannend finde: Wenn wir einen Film sehen, reagieren wir auf das Geschehen auf der Leinwand. Manchmal gehen die Meinungen auseinander, oft sind sich die meisten Zuschauer jedoch einig: Das war traurig, das war spannend, das war bewegend, das lustig. Diese Reaktion ist das, was derjenige, der den Film macht, steuert. In gewisser Weise bedient er uns Zuschauer wie ein Kind seinen Hampelmann bedient, wenn es an der Strippe zieht. Davon will ich erzählen. So gesehen, will ich mit dem Buch nicht direkt „auf etwas aufmerksam machen“, dann hätte ich vielleicht eher ein Sachbuch darüber schreiben sollen. Ich will vielmehr eine Geschichte erzählen, die man als Leser miterlebt, die einen fesselt, und wenn man am Ende angelangt ist, wird einem klar: Das, was in dieser Geschichte erzählt wird, könnte wirklich passieren.

Booksection.de: Was während der Lektüre besonders ins Auge sticht ist Ihre Gabe, eine Geschichte so packend zu erzählen, dass der Leser das Buch kaum mehr zur Seite legen kann. Ist das unter anderem auch auf Ihre Tätigkeit als Drehbuchautor zurückzuführen?
Jonas Winner: Vielen Dank, es freut mich ungemein, dass Sie das sagen. Das ist wirklich etwas, was mir sehr am Herzen liegt: Dass ich den Leser packe. Dass ich es einigermaßen hinbekommen habe, hat aber, glaube ich, mehr damit zu tun, dass ich selbst, wenn ich ein Buch lese, davon gepackt werden möchte, als damit, dass ich auch als Drehbuchautor arbeite.

Booksection.de: Haben Sie während des Schreibprozesses Schwierigkeiten gehabt, sich von dem doch sehr düsteren Thema abzugrenzen, oder konnten Sie das selbst gut abschalten?
Jonas Winner: Naja, wenn ich schreibe, muss ich ja sozusagen in meinem Thema schwimmen, um es lebendig „rüberzubringen“, da kann ich mich nicht davon abgrenzen oder es gar abschalten. Oder zielt Ihre Frage darauf ab, ob mich das Thema auch dann verfolgt hat, wenn ich nicht an dem Buch gearbeitet habe? Aber hier gilt das Gleiche: In der „heißen Phase“, in der das Buch Tag für Tag mehr Gestalt gewonnen hat, war ich geradezu versessen darauf, die verschiedenen Aspekte des Themas auszuleuchten. Die Düsterkeit ist bedrückend, ja, aber … vielleicht kann man es so sagen: Ich hatte das Gefühl, es ist wichtig, selbst diesen Weg zu gehen, bevor ihn jemand einschlägt, der andere Absichten als ich damit verfolgt.

Booksection.de: Unsere Gesellschaft wird ja immer stärker von Bildern dominiert. Wie würden Sie den Einfluss vor allem von Gewalt verherrlichenden Bildern auf unser Unterbewusstsein einschätzen?
Jonas Winner: Sie meinen also nicht nur Bilder von Gewalt, sondern Bilder, in denen Gewalt als etwas Herrliches inszeniert wird? Das ist natürlich eine schwierige Frage: In welchem Bild wird Gewalt verherrlicht, in welchem nur gezeigt. Schwer zu sagen, wie solche Bilder unser Unterbewusstsein beeinflussen. Sicher bin ich mir eigentlich nur über eines: Dass man extrem vorsichtig sein muss, wenn es darum geht, was Kinder zu sehen bekommen. Ich kenne das von mir: Es gibt Filmbilder von Gewalt, die ich als kleiner Junge gesehen habe und an die ich mich heute noch erinnere. Ich glaube, dass solche Bilder einen sehr großen Einfluss auf Kinder haben können, aber je älter man wird, desto mehr nimmt das ab. Und was mich persönlich angeht: Ein Bild, das Gewalt verherrlicht, stößt mich ab. Aber dieser Reaktion bin ich mir natürlich bewusst, sie findet also nicht im Unterbewusstsein statt … was dort passiert, ist ja gerade dadurch definiert, dass ich sozusagen keinen Zugriff darauf habe. Ich nehme an, es gibt empirische Untersuchungen darüber, das wäre spannend, sich das mal genauer anzusehen … Aber wenn ich spekulieren sollte, würde ich sagen: Man kann einen Menschen fix und fertig machen, einfach indem man ihm bestimmte Bilder zeigt, wenn man es darauf anlegt.

Booksection.de: Viele Autoren berichten, wie schwierig es ist, für sein erstes Buch einen Verlag zu finden. Hatten Sie es da, als etablierter Drehbuchautor, leichter?
Jonas Winner: Leicht war es nicht, so viel steht fest. Von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung des Buches hat es bei mir ein paar Jahre gedauert und mein Job als Drehbuchautor hat mir dabei – glaube ich – nicht geholfen. Ein Verlag liest sich einfach das Manuskript durch, das Du ihm anbietest. Entweder der Text gefällt ihm oder nicht. Der Verlag muss mit dem Buch ja Geld verdienen. Hat er das Gefühl, dass er Dein Buch nicht verkaufen kann, wird er es auch dann nicht nehmen, wenn Du als Drehbuchautor schon hundert Filme geschrieben hast.
Ich glaube, es gibt nur ein Rezept, wie man einen Verlag für sein Buch findet: Nicht locker lassen, bis man den Text genau so hat, wie man ihn haben will. Auch wenn es Jahre dauert: Alles dafür geben, dass die eigene Vision, die einen ursprünglich dazu gebracht hat, mit dem Schreiben überhaupt anzufangen, im Text Gestalt annimmt. Dann findet man - zumindest war das meine Erfahrung - dafür auch einen Verlag.

Booksection.de: Herr Winner, vielen Dank für das interessante Interview!



Das Interview wurde durch Stefanie Rufle geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 06.02.2011

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