Interview mit...

...Jörg Zittlau


...Kritik "Matt und elend lag er da"

"Wer Macht hat, der missbraucht sie meistens auch."

Mit Booksection im Gespräch: Sachbuchautor Jörg Zittlau.

Booksection: In Ihrem Buch geht es um berühmte Kranke und ihre schlechten Ärzte, darum, wie oft gerade prominente Persönlichkeiten mehr als falsch behandelt und teilweise zu Tode therapiert wurden. Es ist schon außergewöhnlich, über solch ein Thema ein Buch zu schreiben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Jörg Zittlau: Das Thema beschäftigt mich, seitdem ich den Film „Amadeus“ von Milos Foreman gesehen habe. Darin wird ja Mozart als lebenslustiges, aber übersensibles Genie dargestellt, das schließlich von einem Konkurrenten vergiftet wird. Der Haken daran: Mozart war zur Zeit seines Todes kein Konkurrent mehr für irgendjemanden, er war finanziell, beruflich und gesundheitlich am Ende. Also habe ich recherchiert – und festgestellt, dass mittlerweile über 80 Todestheorien zum Tod des berühmten Komponisten existieren. Und dann habe ich noch festgestellt, dass sein Arzt sehr sorglos mit ihm umging und am Ende lieber einer Theateraufführung beiwohnte, als seinem sterbenskranken Patienten beizustehen. Das brachte mich auf die Idee, die Ärzte der großen Figuren unserer Weltgeschichte doch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Booksection: Sie schreiben sehr detailliert und haben akribisch recherchiert. Wie lange haben Sie dafür gebraucht und gab es Fälle, die besonders schwer zu belegen waren?
Jörg Zittlau: Ich muss gestehen: Ich hatte schon Bücher, die schwerer zu recherchieren waren. Denn über solche Leute wie Beethoven, Hemingway, Schiller und Hitler existieren unzählige Biographien, in denen auch ihre Ärzte abgehandelt werden. Man muss also nicht irgendwo nach verborgenen Fakten graben, sondern einfach nur viel querlesen. Und darin hat man ja als Wissenschaftsjournalist eine gewisse Routine.

Booksection: Die Quellen der Recherche müssen sehr umfangreich gewesen sein. Hatten Sie dabei eine bestimmte Vorgehensweise?
Jörg Zittlau: Von vielen historischen Größen wie etwa Vincent van Gogh und Franz Kafka, aber auch John F. Kennedy und Elvis Presley wusste ich, dass sie schwer krank waren, dort mussten also auch Ärzte gewesen sein, deren Verhalten man untersuchen konnte. Bei anderen half mir der Zufall. Bei den Recherchen zu Hitler etwa stieß ich auf die Nachkriegsverhandlungen von Churchill, Roosevelt und Stalin: drei schwerkranke Männer, die kaum noch auf dem Stuhl sitzen konnten, teilten die Welt unter sich auf. Stalin ging als Sieger daraus hervor, weil er noch am wenigsten krank von den Dreien war – er war ein erklärter Ärztehasser.

Booksection: Würden Sie heute Michael Jackson mit in den traurigen Reigen aufnehmen?
Jörg Zittlau: Ja, er wäre ohne Zweifel drin. Die unzähligen Schönheitsoperationen, seine ausgebleichte Haut, und die absurden Szenen in der Todesnacht, als sein Leibarzt, ein ausgebildeter Kardiologe mit über 100.000 Dollar Monatsverdienst, den Leblosen aufs Bett zur Herzmassage legte, obwohl die auf einer weichen Unterlage überhaupt nicht funktionieren kann. Ja, Michael Jackson wäre drin. Aber lieber wäre mir, er würde noch leben.

Booksection: Hatten Sie nicht hin und wieder Sorge, dass die Thematik des Buches dem Leser doch ein bisschen zu ekelig sein könnte?
Jörg Zittlau: Ja, an einigen Stellen schon. Beispielsweise, wenn Napoleon inmitten von Kot, Urin und Erbrochenem sterben muss und seine Ärzte Senfauflagen um seine Füße wickeln, um ihn irgendwie am Leben zu halten. Aber ich habe es trotzdem niedergeschrieben, denn das sind die Geschichten, die uns alle, aber vor allem die Medizinerschaft zum Nachdenken darüber bringen können, was ärztliches Handeln darf, und was nicht.

Booksection: Hat der Umstand, dass Sie Sportmedizin studiert haben, dieses Buch mit begründet?
Jörg Zittlau: Nein, aber er hat mir sicherlich geholfen, die diversen Methoden und Medikamente der Ärzte einschätzen zu können.

Booksection: Denken Sie, dass auch heute noch (wie z.B. bei Michael Jackson) viele Patienten falsch behandelt werden, und das aus nicht gerade moralisch vertretbaren Gründen?
Jörg Zittlau: Ganz sicher. Und das hat vor allem zwei Ursachen: Erstens die, dass Ärzte seit etwa einem Jahrhundert einen ungeheuren Machzuwachs erlangt haben, weil die Menschen heute in Lebenskrisen nicht mehr zum Mann in Schwarz (dem Geistlichen) gehen, sondern zu dem Mann in Weiß. Und wer Macht hat, der missbraucht sie meistens auch. Zweitens: Seitdem sich die Medizin um einen Status als exakte Wissenschaft bemüht, ist sie nicht etwa besser, sondern zynischer geworden, weil sie sich mehr denn je für unfehlbar hält. Tatsache ist, dass Medizin niemals als exakte Wissenschaft möglich sein wird, es gibt so viele Krankheiten und Gesundheiten, wie es Menschen auf dem Globus gibt.

Booksection: Schreiben Sie gerade ein neues Buch und wenn ja, verraten Sie uns worüber?
Jörg Zittlau: Derzeit schreibe ich zusammen mit Annette Sabersky an einem Buch, in dem es über die Giftbelastungen in unsere Welt geht. Es heißt „Unser täglich Gift“. Aber es wird demnächst auch wieder ein Buch geben, in dem ich mich unter einem ganz speziellen Blickwinkel mit unseren historischen Größen beschäftige, die nicht zuletzt aufgrund ihrer großen Schwächen und Krisen zu dem wurden, was sie heute für uns bedeuten. Das ist ein Thema, das mich nicht loslässt.



Das Interview wurde durch Angelika Koch geführt. Veröffentlicht und freigegeben vom Autor am 15.11.2009